Bock namens Blackrock

Cartoon: Rainer Hachfeld


Es erinnerte an eine jener Metamorphosen, wie sie in Märchen oder in der Bibel - man denke nur an die Verwandlung des bösen Saulus in den Apostel Paul – vorkommen. Ursula von der Leyen, einst aalglatte Kriegsministerin in Berlin, verkündete als Präsidentin der Europäischen Kommission in Brüssel den Green Deal, der die Erde vor dem menschgemachten Ökocid bewahren soll. Leider leben wir aber nicht in Disneyland, und so wurden nach und nach die Haken an dem ambitionierten Plan sichtbar.


Frisch bekehrte Umweltschützerin


Die dem niedersächsischen Geldadel entstammende Ursula erwarb den aristokratischen Titel, indem sie 1986 ihren Heiko von der Leyen ehelichte. Die höheren Weihen hielten sie nicht davon ab, sich in die bürgerlichen Niederungen der Politik zu begeben. In mehreren Bundesregierungen diente sie zunächst als Ministerin für Arbeit und Soziales, dann als Chefin im Verteidigungsressort. Wegen ausgeprägter und für den Steuerzahler äußerst kostspieliger Kontakte zu Unternehmensberatern schien ihr der Boden im Kabinett ein wenig zu heiß zu werden, als die drei Feen, die lupenreinen Demokrat*innen Macron, Merkel und Tusk sie ohne jegliche Legitimation durch Wahl vorbei am Europaparlament par ordre du mufti zur Kommissionspräsidentin machten.


Ursula von der Leyen hatte stets auf ein professionell gestyltes Erscheinungsbild und geräuschlosen Gehorsam der Untergebenen in ihren Zuständigkeitsbereichen geachtet, als nachdenkliche und kritikfähige Politikerin war sie bislang nicht wahrgenommen worden, als Umweltschützerin erst recht nicht. Ohne Widerrede gehörte sie Bundeskabinetten an, die in Brüssel strengere Emissionsregeln blockierten und eine naturfeindliche Agrarindustrie förderten. Und so überraschte die sonst so glatt, kalt und berechnend wirkende Erste Dame Europas, als sie mit einem Hauch von Empathie in der Stimme die Kommissare und Abgeordneten der EU dazu aufrief, viel Geld in die Hand zu nehmen, um die Welt zu retten.


Freihändig mit großen Summen umzugehen, war von der Leyen schon von ihren Berliner Ministerien her gewohnt, existierte doch innerhalb der Bundesregierung quasi keine Kontrolle. So konnte von der Leyen zu Beratern berufen und spendabel alimentieren, wen immer sie wollte. In der Europäischen Union aber ticken die Kontrolluhren anders, und so schlug die gewählte Bürgerbeauftragte Alarm angesichts der Einschaltung einer ökonomisch mächtigen, aber ökologisch wenig bewanderten Global Player aus der Investoren-Hautevolee, genau genommen des Tabellenführers. Die Irin Emily O‘Reilly kritisierte die Vergabe eines Auftrags der EU-Kommission an Blackrock , den größten Vermögensverwalter der Welt.


In Berlin war von der Leyen in die Bredouille geraten, weil sie in ihren Ministerien Hunderte von Millionen an Consulting-Unternehmen wie McKinsey verschleudert hatte. Ohne erkennbaren Nutzeffekt, wie der Bundesrechnungshof monierte, und unter Umgehung der eigenen Beamten und Fachleute. Was aber sind selbst die erfolgreichsten Firmenberater gegen den Giganten der Finanzmärkte, der für seine Kunden an die sieben Billionen Dollar verwaltet und investiert? „Think big!“ sagte sich die frischgebackene EU-Präsidentin und bat Blackrock, Konzepte zu entwickeln, wie europäischen Banken Investitionen in nachhaltige Energien statt in Kohle, Gas und Öl schmackhaft gemacht werden könnten – schließlich will von der Leyen ein Programm mit einem Volumen von einer Billion Euro durchsetzen. Die NGO Change Finance stellt dazu allerdings in einem offenen Brief an von der Leyen fest, dass damit „der Bock zum Gärtner gemacht wird“.


Totengräber als Weltenretter?


EU-Ombudsfrau O’Reilly kritisierte, dass die Kommission bei der Auftragsvergabe, mögliche Interessenkonflikte von Blackrock außer Acht gelassen habe. Der Großfinancier hält an 27 der 30 DAX-Unternehmen, von Siemens über Vonovia und die großen Automobilkonzerne bis hin zur Deutschen Bank, Anteile in einer Quantität, die es ihm im Zusammenspiel mit anderen Investoren ermöglicht, die künftigen Geschicke der Konzerne zu lenken oder zumindest mitzubestimmen. Das bedeutet, dass die Panzerattacke gegen die Umwelt, die VW, Daimler und BMW mit der SUV-Produktion fuhren, oder der systematische Betrug der Autobauer bezüglich der Schadstoffemissionen kaum ohne das Wissen oder wenigstens die nachträgliche Billigung des brandneuen Umweltratgebers Blackrock stattgefunden haben können.


Auch anderswo gerierte sich der mächtigste Unternehmenspate der Welt wenig menschenfreundlich und besorgt um die Zukunft unseres Planeten. So ist Blackrock mit Beteiligungen u. a. an U.S. Aerospace und Defense ETF der weltweit größte Investor in der Rüstungsindustrie. Um der strengen Kontrolle durch die Finanzbehörden zu entgehen, spendete der Konzern großzügig an US-Politiker gleich welcher Couleur, also auch an Leugner der Klimakrise. Dass Friedrich Merz, Stehaufmännchen des Neoliberalismus und ausgewiesener Öko-Analphabet, jahrelang deutscher Statthalter von Blackrock  war, zeugt ebenfalls nicht von profundem Umweltbewusstsein. Doch der oberste Chef will das nun ändern. 


Jedes Jahr schickt der Blackrock-Vorstandsvorsitzende Larry Fink an die Chefs der Konzerne, in die sich der Vermögensverwalter eingenistet hat, einen Brief, in dem er ihnen mitteilt, wohin der Hase zu laufen habe. Anfang 2020 mahnte der Milliardär die CEOs, Klimarisiken bei ihren Investitionen stärker zu beachten und kündigte an, seine Firma werde diesbezüglich auf mehr Transparenz bestehen. Diese Initiative klingt gut, kann nicht schaden, ist aber nicht der Angst um die Menschheit geschuldet, sondern der Sorge um die Profitabilität der eigenen Beteiligungen, denn Fink fürchtet, solche Risiken könnten „den langfristigen Werterhalt“ der Unternehmen gefährden.







Greta kann einpacken. EU-Uschi und Investment-Larry übernehmen!


Die Absichtserklärung eines Investors, der als Exxon-Partner bis 2017 auf Umweltzerstörung durch die Förderung fossiler Rohstoffe gesetzt hat, der als Nestlé-Financier für die Rodung von Regenwäldern und über seine Bayer-Beteiligung für die Ausbringung von Glyphosat sowie für die Samenpatentierung, die Zehntausende indische Bauern in den Selbstmord treibt, verantwortlich ist, genügt also, um ihm die strategische Führung im Kampf um die Bewohnbarkeit der Erde anzuvertrauen? Die Expertise der Klimaforscher, der Biologen, Geologen und vor allem der Aktivisten, die bereits gewarnt hatten, als die Malaise noch nicht so spürbar war, ist also zweitrangig, möglicherweise auch unerwünscht.


Blackrock wird’s schon richten. Und Ursula von der Leyen wird schon wissen, dass die Einschaltung von Blackrock, laut Guardian übrigens immer noch einer der weltweit größten Investoren in fossile Energien, nicht billig wird, selbst wenn er nicht eigene Interessen oder die seiner Milliardärskunden in den Mittelpunkt stellen sollte.

       

Wozu noch Verschwörungstheorien?


In der Finanzkrise ging Blackrock der US-Notenbank bei der Abwicklung des Versicherungsunternehmens AIG und der Investmentbank Bear Sterns zur Hand und kassierte für diesen patriotischen Dienst mindestens 180 Millionen Dollar. Frau von der Leyen aber erteilt ohne größere Rücksprache, Ausschreibung oder Kosten-Nutzen-Analyse einen Riesenauftrag, ganz wie wir es aus ihrer Zeit als Berliner Ministerin kennen. Nicht zu Unrecht nannte Martin Küper sie in einem Artikel für t-online-news „die Wiederholungstäterin“.


Sie erörtert die Situation der Welt nach wie vor am liebsten mit Gleichgesinnten und beauftragt diejenigen, ein Problem zu lösen, die selbst ein Teil dieses Problems sind. Sie bewegt sich in einer sich selbst genügenden Blase, aus der Banker, Konzernstrategen und Spekulanten (und manchmal auch geduldete Journalisten) heraus auf die Welt schauen und sich Geistesblitze zuwerfen, auf dass alles beim alten bleibe und doch weiter funktioniere. Hätten nicht Donald Trump und die Verschwörungstheoretiker den Begriff „Elite“ derart unzutreffend und inflationär strapaziert, dass man ihn scheut, um nicht in falscher Gesellschaft vermutet zu werden – hier ließe er sich anwenden, und durchaus in negativem Sinn.


Vielleicht ist es genau diese hermetische Abschottung des Klüngels aus Entscheidern, Oligarchen und ihren Hiwis aus der Politik vom großen Rest der Gesellschaft, die leichtgläubige, frustrierte und reizbare Menschen an die Phantasmagorien von Corona-Leugnern oder Reichsbürgern glauben lässt. Wahr ist nur, dass valide Informationen aus den Kreisen der Reichen und Mächtigen dürftig fließen und oft vorab bereits in deren Sinn interpretiert und gewichtet werden. Das ist aber keine klandestine Verschwörung, es handelt sich vielmehr um ein wesentliches Merkmal unseres Systems, das nur nicht für jeden erkennbar ist. 

  

Natürlich mag jemand einwenden, Ursula von der Leyen handle vielleicht etwas intransparent, sei aber doch tief im Innersten von der Notwendigkeit, die Wälder, Tiere, Menschen zu retten, überzeugt. Dies setzt allerdings ein Mitgefühl voraus, das sie als EU-Kommissarin in einer anderen dringlichen Sache geschickt verbarg: Den griechischen Ministerpräsidenten Mitsotakis, der Flüchtlinge auf Inseln in überfüllten Lagern dahinvegetieren und ihre Boote in der Ägäis abdrängen lässt (in Richtung Türkei oder Meeresgrund), versicherte sie ihres „vollen Rückhalts“. Sein Land sei „der europäische Schild“, ganz so, als müsse man sich gegen verängstigte Menschen in Todesnot wehren wie einst die adligen Vorfahren ihres Mannes gegen feindliche Ritter oder – besser noch – die Hunnen.

 

12/2020

 

Dazu auch:

Mutter der Beratung im Archiv dieser Rubrik (2019)