Vorbemerkung aus aktuellem Anlass: Nachdem Wladimir Putin den Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine angeordnet hat und damit das legitime Sicherheitsbedürfnis seines Landes als Rechtfertigung für Okkupation sowie völkerrechtswidrigen Angriffskrieg in imperialistischer Tradition missbraucht, werden wir die Protagonisten des folgenden Essays, insbesondere mit „Spezialaufgaben“ betraute Angehörige der Gruppe Wagner, möglicherweise bald auf dem Krisenschauplatz sehen können.

Comeback der Söldner  

Cartoon: Rainer Hachfeld


Alle möglichen Weltregionen erleben derzeit kriegerische Auseinandersetzungen oder befürchten zumindest deren Ausbruch. So könnte es ein wenig beruhigen, dass multilingual der Frieden beschworen wird, von vertrauensbildenden Maßnahmen, Deeskalation und Abrüstung die Rede ist. Dass zugleich Kriege in vermeintlich limitierbarer Form, etwa durch Produktion taktischer Atomwaffen oder den Einsatz von Killerdrohnen, vorbereitet und losgetreten werden, gehört zu den perfideren Paradoxien der Gegenwart. Vernichtung zu „dosieren“, ohne sich nach dem Völkerrecht als staatlicher Aggressor zu belasten, gehört mittlerweile zur Planung einiger Mächte. In diesem Zusammenhang spielt ein fälschlicherweise der fernen Vergangenheit zugerechnetes Massenmordinstrument wieder eine Rolle: Nicht erst seit dem Aufmarsch der Gruppe Wagner in Mali erlebt das internationale Söldnertum eine Renaissance.


Eine unausrottbare Menschheitsgeißel


Der Beruf des Söldners gehört wohl zu den ältesten Gewerben der Menschheit, auf jeden Fall aber zu den hässlichsten. Sich dafür entlohnen zu lassen, andere in beträchtlicher Menge umzubringen, ohne per se mit ihnen verfeindet zu sein, ohne auch nur den fadenscheinigsten ideellen Vorwand, wie ihn Religion, Ethnie oder Rache liefern, zu bemühen, sondern allein für Bares zu töten, erfordert ein gerüttelt Maß an Skrupellosigkeit und Verrohung. Jede Epoche scheint einen eigenen Typus von Mordmilizionären hervorgebracht zu haben.


Rund vierhundert Jahre vor Christus warb der Sokrates-Schüler Xenophon rund zehntausend griechische Söldner für die Kriegszüge des persischen Prinzen Kyros an. Dass im heimatlichen Athen die Militärmacht im Osten als existenzielle Bedrohung wahrgenommen wurde, störte den recht prosaisch denkenden Philosophen wenig, war er als Söldnerführer damals doch keinem Land, keinem Volk und keiner Regierung verpflichtet, sondern nur dem meistbietenden Auftraggeber. Auch Karthago ließ sich nach dem ersten Punischen Krieg durch ein zusammengewürfeltes Heer von Mietlingen aus aller Herren Länder verteidigen.


Im Dreißigjährigen Krieg brannten Landsknechte, denen das Gezerre um Luther und sein Zoff mit Rom herzlich egal waren, die auch gerne und oft die Seiten wechselten, das erste Deutsche Reich bis auf die Grundfesten nieder. Aus damals armen Regionen wie der Schweiz oder Kroatien wurde genügend Soldateska für die europäischen Schlachtfelder exportiert. Im vergangenen Jahrhundert haftete dem privaten Kriegshandwerk etwas besonders moralisch Degoutantes an, weil diverse Medien über Söldnerführer wie den Deutschen Siegfried „Kongo-Müller“ und den verurteilten belgischen Mörder Jean Schramme berichteten, die im afrikanischen Urwald, beauftragt von einheimischen Potentaten, so brutal marodierten, dass die verängstigten Dorfbewohner von „weißen Bestien“ erzählten. Danach wurde es längere Zeit still um die mercenaries, mercenarios oder mercenaires, wie die Mörder wohlklingend genannt werden, bis einschlägige Aktivitäten von beträchtlichen Ausmaßen in der Regie Washingtons und Moskaus ruchbar wurden.


Wer hat’s erfunden?


Von anderer, wenn auch nicht humanerer Qualität als die einstigen eher primitiven Söldnerhorden ist die russische Gruppe Wagner, die auch wesentlich differenziertere Ziele verfolgt als die „klassischen“ Leasing-Krieger. Es handelt sich um einen riesigen privaten Security-Konzern, dessen Einheiten weltweit verdeckte Operationen durchführen, meist im Auftrag der russischen Regierung, immer wenn diese  sich nicht durch eine offizielle Intervention kompromittieren mag. Putin hatte diese Einsätze möglich gemacht, indem er 2017 ein Gesetz, das private Militärunternehmen grundsätzlich verbot, kippte.


Söldner der Gruppe Wagner kämpfen in Mannschaftsstärken von hundert bis mehrere tausend Mann im Donbass für die ostukrainischen Separatisten, in Syrien an der Seite der Assad-Truppen, in Libyen als Verbündete des Warlords Haftar und in diversen schwarzafrikanischen Ländern, darunter Sudan und Mosambik, und nun auch in Mali. Dort wurden sie von der Bevölkerung überwiegend freundlich begrüßt, hatte diese doch die Ignoranz der westlichen Interventionstruppen, vor allem aber die Arroganz der Militärs der einstigen Kolonialmacht Frankreich, reichlich satt. Dass sich das Verhältnis zu den Russen abkühlen wird, wenn die Menschen merken, dass die neuen Alliierten zur Stabilisierung einer Putschjunta, die Moskau mehr Einfluss in der Region verschaffen soll, ins Land gekommen sind, ist vorhersehbar. Söldner haben – außer in Hollywoodfilmen mit Bruce Willis – nie für die Rechte einer ausgebeuteten Bevölkerung gekämpft, sondern stets für die Machtinteressen Dritter und den eigenen Besitzstand.


Die Angestellten der Gruppe Wagner werden anständig bezahlt, und nach ihrem Ableben im Einsatz (allein aus Syrien wurden an die hundert Gefallene gemeldet) erhalten die Angehörigen eine finanzielle „Wiedergutmachung“. Interventionen solcher Söldner haben für Regierungen den Vorteil, dass der Staat weder für etwaige Massaker, noch für sonstige Verstöße gegen internationales Recht oder von seinen Bürgern für die eigenen Opfer verantwortlich gemacht werden kann. Schließlich handelt es sich um einen privaten Geschäftszweig der freien Marktwirtschaft. Auf diese clevere Lösung für heikle Operationen war aber nicht zuerst Moskau gekommen, die USA hatten das Modell bereits in noch weit größerem Maßstab vorexerziert.


Die US-Firma Blackwater, mittlerweile bildungsbürgerlich anmutend in Academi umbenannt, unterhält die größte Privatarmee der Welt und durfte ihre Söldner für Washington immer dann ins Gefecht schicken, wenn ein Krieg besonders schmutzig zu werden drohte oder eine Einmischung nicht publik werden sollte.


So töteten die „Sicherheitsleute“ islamistische Feinde, politische Gegner und Unbeteiligte per Drohnen in Afghanistan und Pakistan. Nach dem zweiten Irakkrieg führten sich die Blackwater-Milizen im Zweistromland wie Amokläufer auf, folterten Gefangene zu Tode, lieferten sich Schießereien mit (eigentlich verbündeten) Regierungssoldaten, organisierten den Waffenschmuggel in großem Stil und schossen wahllos in Menschenmengen. Im September 2007 etwa töteten sie auf dem Nissur-Platz in Bagdad 17 Zivilisten und verletzten 24 weitere schwer. Doch wer von der Administration in Washington beauftragt wird, hat Strafverfolgung nicht zu fürchten: Das „Memorandum 17“ der US-Verwaltung im Irak garantierte den Mördern Immunität gegenüber den einheimischen Behörden und Straffreiheit vor amerikanischen Gerichten.


In Kolumbien waren zeitweise mehr US-Truppen am Kampf gegen Rebellen beteiligt als in jedem anderen Land (von Afghanistan abgesehen), allerdings handelte es sich nicht um reguläre GIs, sondern um „private“ Milizionäre. Blackwater oblag die Aufgabe, die sogenannten paramilitarios, rechte Killerbanden, zu schulen. Zusätzlich arbeiteten die „Sicherheitsexperten“ auch noch für Unternehmen mit so klangvollen Namen wie Monsanto oder Deutsche Bank, spionierten deren Kritiker aus und bedrohten sie auch mal. Man sieht, dass die Gruppe Wagner noch um einiges zulegen muss, um einen ähnlichen Wirkungsgrad zu erzielen.


Die Privatisierung des Imperialismus


Erstaunlich, wie sich das Berufsbild des Söldners im Laufe langer Zeit gewandelt hat: Kein griechischer Philosoph sammelt mehr Abenteurer um sich und eilt persischen Prinzen zu Hilfe, in der Hoffnung auf guten Sold und reiche Beute, aber ohne eine Heimat als Rückzugsmöglichkeit und ohne jede Absicherung für Leib und Gut im Falle des Scheiterns. Der moderne Landsknecht, ob bei der Gruppe Wagner oder bei Blackwater/Academi unter Vertrag, wird hingegen wie ein Beamter entlohnt, und wenn er Pech hat, kassieren wenigstens seine Verwandten eine Entschädigung.


















Krieg führen lassen und sich die Hände nicht schmutzig machen: Das war das Söldnermodell der USA und Russlands. Bis Putin vor wenigen Tagen beschloss, in der Ukraine höchstpersönlich als Schlächter tätig zu werden.


An Grausamkeit steht der Söldner 2.0 dem Schwertschwinger vor 2500 Jahren in nichts nach, aber er dient seinem Impresario auf viel raffiniertere und effektivere Weise. Da er de jure eigentlich lediglich sich selbst verpflichtet und nur inoffiziell tätig ist, kann sein Auftraggeber nach einem bedauerlichen Kriegsverbrechen die Hände in Unschuld waschen, sich sogar von den ihm kaum vertrauten Tätern distanzieren. Umgekehrt aber hat sich der aktuelle Paramilitär (s)einem Land bzw. dessen Führung zu verpflichten, während der antike oder mittelalterliche Kollege ungebunden, wenn auch vogelfrei war.


Organisationen wie Blackwater oder Wagner senken die Hemmschwellen für kriegerische Unternehmungen. Das Risiko, Niederlagen eingestehen zu müssen oder philanthropisches Renommee zu verlieren, minimiert sich. Und nun kapitalisiert sich Krieg auch für den Erwerbstätigen im Metzgerhandwerk vor Ort, die Kalkulation eines blutigen Geschehens kann endlich den schwankenden Gesetzen der Warenwirtschaft folgen.


02/2022