Crime Royale 

Cartoons: Rainer Hachfeld


In Zeiten wie diesen möchte man/frau am liebsten auf die Mor-genzeitung verzichten und die stündlichen Nachrichten im Rund-funk einfach abschalten, allzu deprimierend und gefährlich scheint die globale Situation. Fast könnten wir jene MitbürgerInnen glücklich schätzen, die Erbauung in sinnfreien Kolportagen aus europäischen Königshäusern finden. Doch während die britische Krone auf Sex and Spleen abonniert zu sein scheint, kommt die spanische Monarchie auf ihrem Fachgebiet (ein wenig) Sex und (relativ viel) Crime unserer profanen Halbwelt und niederen Politik bedrohlich nahe.


Sein Freund, der Waffenhändler


Immer, wenn Juan Carlos I. mit seinem guten Freund Abdul Rahman El Assir einen Bootstörn im Persischen Golf unternimmt, wird er eskortiert und genau beobachtet. Doch es handelt sich nicht um Paparazzi, die dem abgedankten spanischen König auf Schritt, Tritt und Seemeile folgen, sondern um Polizeibeamte der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Und diese sind auch nicht an dem Ex-Monarchen, wie skandalträchtig dessen Vita auch sein mag, interessiert, sondern an seinem ibero-libanesischen Kumpel, dem Waffenhändler Abdul Rahman El Assir.


Dass es jenseits der Idyllen und Romanzen, die unsere Regenbogenpresse vor allem älteren Harmonie- und Glamourbedürftigen serviert, auch  Beziehungen zu übelsten Milieus und dubiosen Lobbyisten in Europas Höchstaristokratie gibt, offenbarte Juan Carlos I., als er El Assir, der üb-rigens eine Zeitlang Schwager des einstigen Primus aller Waffendealer, Adnan Kashoggi, war, zur Hochzeit seines Sohnes, des jetzigen Königs Felipe, einlud. Das öffnete dem umtriebigen Levantiner Tür und Tor zur Crème der spanischen Gesellschaft, vor allem aber zur rechtskonservati-ven Volkspartei PP, insbesondere zu deren damaligem Regierungschef Aznar.


Als polyglotter Händler des Todes beschränkte El Assir seine Aktivitäten nicht  auf ein Land, er führte seine Geschäfte von der Schweiz aus und mischte sich in den französischen Wahlkampf ein. Dort unterstützte er die (erfolglose) Präsidentschaftskampagne des Ex-Premiers Balladur. Ir-gendwann aber übertrieb der eifrige Geschäftsmann seine Aktivitäten, und nun wollen ihn gleich drei Staaten juristisch zur Verantwortung ziehen: Wegen Steuerbetrugs in Höhe von rund 15 Millionen Euro drohen ihm in Spanien acht Jahre Haft und fast 90 Millonenen Euro Geldstrafe. In Frankreich wurde er in Abwesenheit bereits zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, weil er den „Karachigate“-Korruptionsskandal um illegale Waf-fenexporte nach Pakistan inszeniert hatte, und die Schweiz möchte 2,2 Millionen Euro Steuernachzahlung von ihm. El Assir aber, der sich doch so ausgiebig im Glanz des Adels und der Politik gesonnt hatte, war un-tergetaucht, und Interpol musste feststellen, dass es keine aktuellen Fo-tos von einer so illustren Figur gab.


Dann gelang es der spanischen Zeitung „El Pais“, den Flüchtigen in Abu Dhabi aufzuspüren, und selbst hartgesottenen Journalisten mag ange-sichts wahrer Treue das Herz weich geworden sein: Regelmäßig trifft sich der international per Haftbefehl Gesuchte mit Juan Carlos I. und kreuzt mit ihm vor der Küste – eine Männerfreundschaft trotzt eben auch stür-mischer See.


Hauptsache Monarchie


Eigentlich ist ja auch der Ex-König ein Geflüchteter, mittlerweile allerdings ohne Verfolger. Juan Carlos I. war nämlich ins arabische Exil gegangen, als der Oberste Gerichtshof Spaniens Korruptionsermittlungen gegen ihn eingeleitet hatte. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt, der 84-jährige macht ja die Heimat nicht länger unsicher. Gleiches wäre sicherlich auch El Assir angenehm gewesen, doch ihm droht nach wie vor der Kerker, wohl weil ihm die Krönung fehlt; blaues Blut wiegt eben immer noch schwerer als das Schmieröl zur Waffenpflege.


Dass ihr einstiger König dauerhaft außer Landes weilt, ist den Spaniern ganz recht, denn er ist - wie inzwischen die ganze Monarchie - reichlich unbeliebt. Dabei war es ihm doch gelungen, eine Art Heldenlegende über sein Wirken für die Demokratie zu verbreiten. Als 1981 Angehörige der Armee und der Guardia Civil, deren Oberst Tejero das Parlament in Madrid besetzen ließ, meuterten, gelang es Juan Carlos I. mit einer "entschlossenen Ansprache an das Volk“, andere Militärs zum Umdenken zu bewegen und den Putsch zu verhindern – soweit wenigstens die offizielle Version. Tatsächlich hatte der Monarch, dem bis heute Sympathien für rechte Umtriebe nachgesagt werden, so lange mit seiner Rede gewartet, bis feststand, dass die Rebellion gescheitert war, weil sich ihr weder die Mehrheit der Generäle noch die faschistischen Parteigänger anschlossen.


Juan Carlos hatte sich im Gegensatz zu seinem Vater unter Franco so loyal und gehorsam verhalten, dass ihn der greise Diktator in seinem Ver-mächtnis zum Erben des verwaisten Königsthrons bestimmte. Gegen  Ende seiner Regentschaft erregte er allerdings nur noch Ärger unter seinen Landsleuten, zuerst, als bekannt wurde, dass er sich auf einer Luxussafari die Hüfte gebrochen hatte. Der Ehrenpräsident des World Wildlife Fund (WWF) in Spanien wollte in Afrika Elefanten metzeln, während seine Heimat, die für seine üppige Apanage aufkommen musste,  unter der Rezession ächzte. Als er dann sich dann noch von seiner langjährigen Frau Sofia trennen wollte, um seine deutsche Geliebte Corinna zu Sayn-Wittgenstein zu ehelichen, war das Maß voll: Der WWF setzte ihn als obersten Repräsentanten ab, die Kinder drängten ihn zur Abdankung, und die angeheiratete Adlige aus Frankfurt trennt sich von ihm, nicht ohne den Löwenanteil von 65 Millionen Euro, die er als Schmiergeld aus Saudi-Arabien erhalten hatte, mitzunehmen.




















Plötzlich mochte der WWF den Großwildjäger an seiner Spitze nicht mehr...


Als Exil bot sich für Juan Carlos nur ein Land an, das ordentliche hierar-chische Strukturen aufweist und in dem niemand nach der Herkunft eines Vermögens fragt. Hier zeigte sich der ehemalige Monarch flexibel und tolerant. Ob Christ oder Muslim, ob Emir oder König – Hauptsache, die Beziehungen und die gottgewollte Rangliste stimmen. Mittlerweile hat Juan Carlos sogar schon den ersten Heimatbesuch in Spanien absolviert und dabei seine ungeliebte Frau Sofia wiedergesehen. Umarmen konnte er sie allerdings nicht (wenn er denn gewollt hätte), weil sie unter einer Corona-Infektion litt, wie die BUNTE, die natürlich dabei war, pflicht-schuldig berichtete.


Ehrenwerte Familie und diskrete Polizei


Dass es sich bei den spanischen Bourbonen überhaupt um eine schreck-lich nette Familie handeln muss, belegen andere Vorfälle. Als 18-jähriger Kronprinz war Juan Carlos als Einziger beim Tod seines 14-jährigen Bru-ders durch den Schuss aus einer Pistole zugegen. Schnell verlautete, beim Reinigen der Waffe durch Alfonso habe sich das Geschoss gelöst. Bis heute hält sich jedoch hartnäckig das Gerücht, dass es Juan war, der abgedrückt habe, befand sich die Wunde doch mitten in der Stirn des Opfers.
Dieser Vorwurf konnte nie bewiesen werden – ganz im Gegensatz zu den Verbrechen, die Juans Schwester Christina und ihrem Ehemann Urdangarin zur Last gelegt wurden, nämlich Korruption und Steuerhinterziehung. Sie kam mit einem blauen Auge, d. h. 265.000 Euro Strafe davon, ihr Gatte wurde zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt und musste 500.000 Euro berappen.


Es wird für manche kaum glaubhaft sein und ihr Weltbild erschüttern, aber die gekrönten Halbgötter machen sich die Hände oft und gründlich ebenso schmutzig wie Normalsterbliche, aber mit mehr Wirkung als die-se, ob in dunklen Geschäften oder reaktionärer Politik. Angesichts des daher zunehmend fehlenden Respekts der Öffentlichkeit mag es für den Hochadel tröstlich sein, dass er ab und zu noch auf die Polizei zählen kann – auch wenn es um enge Freunde geht.


Eigentlich hätte sich der Waffenbändler El Assir kein unsichereres Versteck als das Exil seines Freundes Juan Carlos, Abu Dhabi, aussuchen können, ist doch der VAE-General Ahmed Naser Al Raisi derzeit Präsident von Interpol, jener internationalen Polizeibehörde also, die auf Betreiben mehrerer Staaten nach ihm fahndet.





















Interpol-Chef Naser zu Waffenschieber und Ex-König: "Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte." 


Aber auf der arabischen Halbinsel nehmen die Staaten ihre Interpol-Mitgliedschaft nicht so ernst, halten sie eher für ein Steckenpferd oder die Teilnahme an einem unverbindlichen Gesprächszirkel. Zudem imponiert den Vereinigten Emiraten wohl auch der Beruf des Beschuldigten, führen sie doch derzeit Krieg im Jemen. Und Geld mit schmutzigen Geschäften zu machen, die Politik per Zuwendungen zu beeinflussen und kreativ Steuern zu umgehen, gehört in diesem Teil Arabiens eher zu den ehrenwerten Tätigkeiten. So wird El Assir nicht verhaftet und ausgeliefert, sondern nur ein wenig beschattet, darf weiterhin im Luxushotel Four Seasons logieren und sich unbehelligt mit seinem königlichen Spezi treffen.


06/2022


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Die Königslegende im Archiv der Rubrik Medien (2018)
Dossier Spanische Skizzen in der Rubrik Medien