Das empörte Volk
Cartoon: Rainer Hachfeld


Die Welt war noch nie ein Ort der Glückseligkeit, des Friedens und Wohlstands für den größeren Teil der Menschheit. Hätte aber jemand vor zehn Jahren die jetzige Chaosphase mit Pandemie, Ressourcenknappheit, Krieg im lange verschonten Europa oder der realen Gefahr eines Atomschlags vorausgesagt, wären ihm haltlose Untergangsphantasien unterstellt worden. Es ist also kein Wunder, dass viele Bürger verängstigt sind und sich empören, bleibt die Frage, worüber. Über eine Wirtschaft, die für die eigenen Profitinteressen den Umweltschutz opfert? Über Politiker, die aus Ignoranz oder aus Machtgier sachlich falsch, aber entschlossen opportunistisch handeln? Über lahme Behörden, Leugner des Klimawandels oder paramilitärisch organisierte Rechtsradikale? Mitnichten, als die wahren Volksfeinde werden ein paar Demonstranten, die in ihrer Hilflosigkeit bizarre Aktionen starten, ausgemacht.


Die Mittel der Verzweifelten


Tomaten- oder Erbsensuppe, Kartoffelbrei und Klebstoff waren die Waffen, mit denen vorwiegend junge UmweltaktivistInnen der Öffentlichkeit bewusst machen wollten, dass die Erde unbewohnbar wird, wenn Regierende, Produzierende und Konsumierende so weitermachen wie bisher. Mit den Lebensmitteln verunzierten sie Bilder von Monet, van Gogh und Vermeer, den Leim nutzten sie u. a. dazu, sich selbst auf Straßen oder an Brücken festzukleben, um den motorisierten Individualverkehr, einen der Hauptverursacher der Erderwärmung und Luftverschmutzung, zu stoppen.


Die Gemälde blieben unversehrt, in Mitleidenschaft wurden nur die Rahmen und das Schutzglas gezogen. Bei den Straßenblockaden kam es zu Staus, unangenehm für die Autofahrer, schmerzhaft aber nur für die Aktivisten selber, die von der Fahrbahn abgelöst und unsanft weggetragen wurden. Dann plötzlich wurde ein schrecklicher Verdacht in den Medien kolportiert und von der Christenunion sowie an den Stammtischen derer, die den Klimawandel schon immer als Ausgeburt einer Öko-Verschwörungstheorie abgetan hatten (aber die Einpflanzung von Mikrochips bei der Covid-Impfung für realistisch hielten), aufgegriffen: Eine Fahrradfahrerin sei nach dem Zusammenstoß mit einem Betonmischfahrzeug ihren Verletzungen erlegen, weil die Rettungskräfte durch die „Öko-Chaoten“ behindert worden seien. Natürlich wusste BILD als schrillste Fanfare im Zeitungsorchester, dass die Blockierer die eigentlichen Schuldigen an dieser Tragödie seien.


Da konnte die Gruppe Letzte Generation, die den Protest organisiert hatte, darauf hinweisen, dass sie Rettungsgassen freihalte – für den Boulevard machte sie sich der fahrlässigen Tötung und unterlassenen Hilfeleistung (für die rechte Volksmeinung gar des Mordes) schuldig, was die Chefpopulisten der Union reflexartig zur Forderung höherer Strafen für die vermeintlichen Umwelt-Terroristen trieb. Dass die Feuerwehr und die Notärztin vor Ort den Blockierern bescheinigte, ihre Aktion habe das Ableben der Radlerin nicht verursacht oder begünstigt, las man eher in vorsichtigeren Blättern wie SZ und taz.



















Wenig sinnstiftende Aktionen gegen unschuldige Gemälde bringen Friedrich Merz in Rage. Umweltschutz kennt er nur vom Hörensagen, aber als selbsternannter Kunst- und Scharfrichter fordert er die Höchststrafe für "Naturchaoten".


Nun kann man sich durchaus über den Sinn solcher Aktionen von Organisationen mit dystopischen Namen wie Extinction Rebellion oder eben Letzte Generation streiten. Zwar wird das taktische Ziel, nämlich aufzurütteln, erreicht, doch verstellt möglicherweise die rabiate Action den Blick auf das strategische Anliegen, nämlich den miserablen Zustand unserer Umwelt ins Zentrum zu rücken und sofort Maßnahmen gegen deren fortschreitende Zerstörung zu ergreifen – Aversionen sind halt schneller zu generieren als Empathie und Engagement. Andererseits muss aber die Frage erlaubt sein, wie man es in dieser reizüberfluteten Gesellschaft mit konventionellen (strikt gesetzestreuen) Methoden schaffen soll, die Aufmerksamkeit von Usern, Lesern, Beobachtern auf überlebenswichtige Problemkomplexe zu ziehen. So ist nicht verwunderlich, dass Menschen, die es trotz zunehmender Verzweiflung noch für denkbar halten, die Bevölkerung zum Handeln zu motivieren, zu immer brachialeren Mitteln greifen.


Juroren der Verhältnismäßigkeit


Dass nicht nur radikale Randgruppen oder durch das allgemeine Phlegma zur Weißglut gereizte Öko-Fanatiker solche neuen Formen der „Öffentlichkeitsarbeit“ wählen, belegt der Fall des Nürnberger Geistlichen Jörg Alt. Der heute 61 Jahre alte Sozialwissenschaftler und Jesuit beriet Asylbewerber, kämpfte für das Verbot von Landminen, verurteilte die Ausbeutung der Dritten Welt durch die Industrieländer und fordert stets eine Alternative zum neoliberalen Gesellschaftssystem. Seine Aktivitäten scheinen sich eher auf das Hier und Jetzt und eine Veränderung des Status quo als auf jenseitige Heilsversprechungen zu konzentrieren. Bereits als Dieb kriminalisiert, weil er zur Vernichtung bestimmte Lebensmittel aus Supermarkt-Containern „stahl“, klebte sich Alt mit Aktivisten von Extinction Rebellion in Nürnberg auf dem Pflaster fest, um gegen staatliches (und privates) Fehlverhalten in der Klimafrage, das mittlerweile kriminelle Dimensionen erreicht, zu protestieren.


Alt ist kein durchgeknallter Jungspund, kein manischer Chaot, er weiß sich nur angesichts allgemeiner Ignoranz nicht mehr anders als durch störende und spektakuläre Eingriffe in das Weiter-so zu helfen. Sicherlich werden einige Passanten und Autofahrer aufmerksam, ja sogar nachdenklich geworden sein, aus der „schweigenden Mehrheit“ aber schlägt den Blockierern Ärger, teilweise auch Hass entgegen. Gewalt gegen Sachen, Behinderung des geheiligten Verkehrsflusses (den es in der City als Kontinuum ohnehin nicht mehr gibt), auch wenn der die Stadtluft verpestet – das geht gar nicht.


In Abwandlung und Umkehrung eines berühmten Brecht-Zitats aus der „Dreigroschenoper“ könnte man heute feststellen: Was ist die willkürlich von Autokonzernen verursachte Schadstoffbelastung unserer Luft, die jährlich das Leben von 300.000 EU-Bürgern verkürzt, gegen die verbrecherische Verhinderung der „freien Fahrt“ für mündige SUV-Besitzer? Und so beschwört Alexander Dobrindt, Söders Helferlein im Bundestag, die Gefahr einer „Öko-RAF“ herauf, als drohe terroristische Gefahr nicht aus einer anderen Ecke, die ihm wegen gewisser Argumentationsparallelen eigentlich vertrauter sein sollte.


Sperrt die Boten ein!


Dieses Land leistet sich einen Bundeskanzler, der sich im Augenblick auf der Weltklimakonferenz lächerlich macht, weil er vom totalen Ausstieg aus der fossilen Energiegewinnung schwafelt, während seine Regierung afrikanische Staaten mit Abermillionen besticht, neue Gasfelder ohne Rücksicht auf die Natur zu erschließen; den immer wieder Amnesie-Attacken überfallen, wenn er zu Hinterzimmer-Gesprächen mit verdächtigen Bankiers befragt wird; dessen rätselhafte Cum-Ex-Toleranz die Bundesrepublik Milliarden an Steuereinnahmen kostete. Allgemeine Aufregung? Fehlanzeige.


Im Süden der Republik umarmt ein Ministerpräsident, der immer noch Kanzler werden will, Bäume, während in seinem Bundesland immer größere Flächen versiegelt werden, der Ausbau der Windkraftanlagen den durch die Landesregierung implementierten Schikanen zum Opfer fällt und der Waldbesitzer-Lobby in der CSU gegen den Rat der Wissenschaftler eine Art der Aufforstung gestattet wird, die nur dem kurzfristigen Profit und dem Wohl der Holzwirtschaft nützt.


Was sind wir froh, dass der brasilianische Amazonas-Plattmacher Bolsonaro abgewählt wurde. Tatsächlich wir alle? Nein, die deutschen Konzerne haben einen guten Freund verloren, der sie nicht behelligte, wenn sie Rohstoffe ohne Rücksicht auf Mensch und Regenwald abbauten oder Einheimische als rechtlose Fabrikarbeiter rekrutierten.


Schon im Alten Testament lässt David die Überbringer schlechter Nachrichten umbringen. Damals wie heute bewegte weniger eine fatale Information oder ein unheilvolles Ereignis die Empfänger, sondern die Art und Weise, wie sie davon erfuhren. Und auch aktuell fühlen sie sich eher dazu aufgerufen, ihr Mütchen an den unglückseligen Boten zu kühlen, als zu handeln und die existenziellen Probleme von Gegenwart und Zukunft anzugehen. Die Aktivisten können einem leidtun, sie haben es geschafft, das Volk aufzuwecken, doch nun richtet es sich gegen sie, nicht gegen die Verantwortlichen der Misere. Die ziemlich harmlose Provokation, mithilfe derer sie das Schweigen durchbrochen haben, soll nun schwer geahndet werden – am liebsten mit Freiheitsentzug, wenn es nach Merz, Söder und Konsorten geht.


11/2022


Dazu auch:


Prima Klima in Rio im Archiv der Rubrik Politik und Abgrund (2019)