Der fleißige Christian
Cartoon: Rainer Hachfeld


Als er noch durfte, sonderte Donald Trump allerlei Unausgegorenes und Sinnfreies auf Twitter ab. Ihm eifert nun der deutsche Finanzminister nach und erklärt seinem Volk, dass Solidarität out, Selbstausbeutung hingegen in sei, vorausgesetzt, es wolle die derzeitige Krise heil überstehen. Christian Lindners Tweet (also sein Piepsen) entbehrt nicht einer volatilen Logik und wirkt in sich konsequent, ist für einen Liberalen doch immer gut, was seiner Wirtschaftsklientel nützt.


Zurück in aller Munde


Nachdem die FDP sich in den Koalitionsverhandlungen derart erfolgreich einer ambitionierteren Klimapolitik, einer Wiedereinführung der Vermögenssteuer und andern sozial-ökologischen Vorhaben widersetzt hatte, dass aus hochfliegenden Plänen schüchterne Absichtserklärungen wurden, musste Lindner konstatieren, dass zwar seine Klientel, nicht aber die Masse der Wähler das engagierte Ausbremsen von Veränderungen goutierte. Wie die SPD, deren Kurzzeit-Hoffnungsträger Olaf Scholz längst wieder zu seiner Whiter-Shade-of-Pale-Normalform zurückgefunden hat, verloren die Liberalen bei den letzten Landtagswahlen nach Herzenslust Prozente und Sitze. In den Medien und in der Gunst der Bürger machten sich vor allem die Grünen nach ihrer gelungenen Wandlung vom pazifistischen Gutmensch-Verein zur waffenklirrenden Falkenpartei breit.


Um dies zu korrigieren und wieder Tagesgespräch zu werden, stellte Lindner eine harsche These zur Krisenüberwindung bei Twitter ein und heimste damit viel Aufmerksamkeit und kaum weniger Kopfschütteln ein. Er hatte sich nämlich auf ein Terrain gewagt, in dem er nicht so recht firm ist, das von Ökonomie und Arbeit nämlich. Seine drei Ausflüge in die Business-Praxis (Unternehmensberatung und Internet) endeten nach kurzer Zeit wenig erfolgreich, so dass er, nachdem er erkennen musste, dass ihm keine Karriere als CEO oder Top-Manager offenstand, seine Hybris mit einer Vita als Polit-Redner zu füttern hatte. Immerhin verbindet ihn mit den alten Freunden in der Wirtschaft immer noch das blau-gelb-magenta-pinke Band der Sympathie.


In gebotener Kürze wollte Lindner auf Twitter den Freunden und Gönnern seiner Partei in den Chefetagen den Rücken freihalten: „Ganz klar: Einen Kriegssoli wird es mit mir nicht geben. Wir sind in einer fragilen Lage. Was wir jetzt brauchen sind mehr Wachstumsimpulse, mehr Gründungen, mehr Überstunden, um unseren Wohlstand zu sichern. Steuererhöhungen würden die Stärkung der Wirtschaftslage sabotieren. CL“


Mehr Arbeit, weniger Wert


Wenn jemand Opfer bringen soll in diesem Land, dann bitteschön die Arbeitnehmer, die ohnehin nicht FDP wählen. Zwar arbeiten diese mehrheitlich ohnehin schon wesentlich länger, als die Tarifverträge es festschreiben, doch sieht Lindner durchaus noch Luft nach oben. Dass Mehrarbeit zu höherer Besteuerung (und damit in der Relation zu niedrigeren Nettolöhnen) führt, dass in vielen Bereichen (etwa in der Pflege) der Arbeitsalltag schon jetzt Erschöpfung, Burn-out, Berufswechsel und dadurch letztendlich Personalmangel verursacht, ficht den als Finanzminister getarnten Kapital-Lobbyisten nicht weiter an.


Die Gewinnmaximierung muss seiner Ansicht nach garantiert bleiben, die Bedingungen für ihre Nutznießer sind vom Staat weiter zu verbessern, selbst wenn dafür die Beschäftigten an die Grenze ihrer Kräfte zu gehen und auf Freizeit, Familie und ähnliche Lappalien zu verzichten haben. Denn, so Lindners Dogma: Nur der zufriedene und immer reicher werdende Investor oder Unternehmer sorgt für ungehemmtes Wachstum.


Dass heute überall die Auswüchse einer den Profiten, nicht aber der Infrastruktur und dem allgemeinen Wohlstand dienenden Produktion korrigiert werden müssen, um die Umwelt oder die Gesundheit zu schützen, dass beinahe ständig Gerichte die Automobil- oder Pharmaindustrie zurückpfeifen, verschweigt Lindner ebenso wie den lästigen Umstand, dass die Überstundenregelung Gegenstand des Arbeitsrechts und nicht Sache der Regierung ist.


Unser Finanzminister fordert Fleiß von den Bürgern ein, obgleich doch emsige Tätigkeit in der „freien“ Wirtschaft bislang nicht gerade zu seinen Stärken zählte. Als Sachwalter unternehmerischer Interessen beschränkt er selbstverständlich sein Postulat auf die arbeitende Bevölkerung. Denn dass die profitierende Minorität davon ausgenommen bleibt, im Schweiße ihres Angesichts für die Gesellschaft zu schuften oder zumindest ihr Scherflein zum sozialen Auskommen beizutragen, versteht sich seiner Meinung nach ja wohl von selbst.


Dagobert Duck würde FDP wählen


Der erzreaktionäre US-Verleger Walt Disney kreierte eine Reihe archetypischer Comic-Figuren, die uns einst begeisterten (wobei der Versager Donald bis heute der Publikumsliebling geblieben ist). Mit Uncle Scrooge (in der deutschen Ausgabe „Dagobert Duck“) schufen seine Zeichner die ultimative Karikatur des Großkapitalisten, der andere Leute schuften lässt und ihren Schweiß versilbert, um in seinem wohlgefüllten Geldspeicher schwimmen zu können.




















Dagobert hat Lindi ganz arg lieb, weil der seine Quellen sprudeln lässt


Es braucht wohl die Lindners und Cum-Ex-Scholzens, damit die Swimming-Pools der Investoren, Großbankiers und Firmenchefs niemals leer werden. Dafür würde der Finanzminister auch mal Pflegekräfte Doppelschichten einlegen lassen und so gleich noch den Personalnotstand in Kliniken und Altenheimen mit beheben. Die Lebensqualität von Bedürftigen wie Beschäftigten ist ihm dabei herzlich egal.


Nur in der Industrie würde Lindner mit seinem Vorschlag auf Probleme stoßen: Für eine Ausweitung der Produktion fehlt es an Rohstoffen und Energie, weil die NATO wegen des von Putin befohlenen Überfalls auf die Ukraine ihre Sanktionen so intelligent verhängt hat, dass jetzt die sanktionierenden Länder stärker darunter leiden als Russland, das ständig neue Exportrekorde für Gas und Öl meldet.


07/2022


Dazu auch:


Lindner vor dem Tore im Archiv von Helden unserer Zeit (2017)