Der kleine Prinz

Cartoon: Rainer Hachfeld


Heroen sind dünngesät in diesen finsteren Zeiten, und so bin ich froh, dass eine renommierte Institution des deutschen Pressewesens mich auf der Suche nach einem Protagonisten für diese Rubrik unterstützt und mir dabei vor Augen geführt hat, dass sich ein Recke nicht unbedingt durch Tapferkeit und Opfermut auszeichnen muss, sondern auch qua Geburt zur ehrwürdigen Übermenschengilde gezählt werden kann, solange dies durch die Regenbogen-Journaille oder als seriös verschriene Mediendienste testiert wird. Und so sehe ich mich in der Lage, Ihnen heute den bislang jüngsten Helden unserer Zeit zu präsentieren.


Die alte Dame dpa


Seit vielen Jahrzehnten ist die Deutsche Presse-Agentur (dpa) der wichtigste Multiplikator und Zulieferer von Infos, Meldungen oder Stellungnahmen, mithin von Nachrichten für die Printmedien, im von germanischer Sprache geprägten Raum. Natürlich leidet auch die eher unauffällig auftretende große alte Dame des publizistischen Großhandels unter den sinkenden Auflagen sowie der schwindenden Akzeptanz ihrer Abnehmer. Zugleich aber profitiert die dpa von einem Trend in den Zeitungen, der für deren Mitarbeiter zwar Stressabbau darstellt, zugleich aber das Profil der Blätter verschwimmen und das Niveau sinken lässt: Immer mehr Redakteure hieven immer mehr Berichte oder sogar Kommentare der Agentur auf die Seiten, ohne sie zuvor noch zu redigieren, zu gewichten oder selbst noch zusätzlich zu recherchieren.


Scheinbar entschloss sich die stets im sprachlichen Mittelmaß navigierende dpa angesichts der infolgedessen gestiegenen Verantwortung für das Weltbild der Deutschen, nicht nur international Bedeutsames oder harte Fakten an Frau und Mann zu bringen, sondern der von Pandemie, Klimawandel und Staatsverschuldung gebeutelten Bevölkerung auch Leichtes, Lockeres, Erfreuliches zu präsentieren. Und so schaffte sie es mit einem ebenso liebenswürdigen wie sinnfreien Artikelchen (plus Foto eines munteren Buben) zu einem Dreispalter in etlichen Flaggschiffen des Regionaljournalismus, etwa den Nürnberger Nachrichten: „Prinz George wird acht.“


Für alle, die sich nicht in Europas Königshäusern die Klinken in die Hand geben, sei angemerkt, dass es sich bei besagtem Schorsch um den Sohn von Kate und William, den Enkel von Charles-ohne-Thron und den Urenkel der unendlichen Monarchin Elizabeth II von England handelt. Was aber macht die Nachricht und diesen Bengel so wichtig?


Ein rundum rundes Jubiläum


In Krisenzeiten sehnt man sich nach Unterhaltung, Spaß und unverfänglichem Klatsch. Da reichen die Bundesliga, blutige Tatorte, Brachial-Comedy mit Mario Barth oder kostspielige Realsatire mit Andi Scheuer längst nicht mehr. Insofern sollte man sich fröhliche und unschuldige Idole suchen wie diesen kleinen Prinzen. Mit acht Jahren hat George ziemlich sicher noch keine Seitensprünge begangen, hat sich nie wie der launige Onkel Harry als Nazi verkleidet oder wie Uropa Philip halb China verprellt, indem er britische Gaststudenten in Peking davor warnte, sie könnten Schlitzaugen bekommen. Es haftet ihm nichts Tragisches an wie der in schlechter Gesellschaft so jäh verblichenen Oma Diana, sein Gin-Verbrauch dürfte den der seligen Queen-Mum bei weitem nicht erreichen, und sehr viel von den Multimillionen-Apanagen, die das Haus Windsor von Arbeiterklasse und Mittelschicht bekommt (alles darüber zahlt kaum Steuern), hat er auch noch nicht auf den Kopf gehauen.


Warum aber, wird sich nun ein Skeptiker fragen, ist ausgerechnet das achte Wiegenfest des blaublütigen Knaben solches Aufsehen wert? Geht es sonst nicht immer um runde Geburts- oder Todestage, vom fünfzigsten bis hoch zum tausendsten Jubiläum? Sollten etwa den versierten Korrespondenten der dpa die Sujets, Ideen oder Phantasien mangels anregender Alkoholika ausgegangen sein?

Man sehe sich aber die Acht einmal genauer an, sie beinhaltet nämlich das Runde sogar zwiefach – gleich einer aufeinandergetürmten Doppel-Null. Und ist es angesichts der Kriminalgeschichte des englischen Königtums (Richard III. als Kindesmörder, Heinrich VIII. als Gattinnenkiller etc.) nicht eine unblutige, aber durchaus berichtenswerte Heldentat eines künftigen Kronprinzen, im perfiden Albion einfach acht Jahre alt zu werden?
















Die Historie der englischen Monarchie ist geprägt von Mord und Totschlag. Der kleine George löst heutzutage Probleme viel charmanter. 


Eine Welt ohne Royals?


Schließlich bringt die englische Monarchie ein wenig Glanz in die Backsteinhütten ihrer Untertanen, aber auch in die Einzimmerwohnungen und Altersheime deutscher Rentnerinnen und Witwen. Alte Männer allerdings ziehen hierzulande in der Regel pralle Möpse auf Seite 1 von BILD den Familienfotos der Windsors vor. Insgesamt jedoch lässt sich frei nach dem Mops-Spezialisten Loriot konstatieren: „Ein Leben ohne Royals ist möglich, aber sinnlos.“


Diesen Satz würden die Verleger und Journalisten der Regenbogenpresse sofort unterschreiben, doch auch die Edel-Gazetten und die öffentlich-rechtlichen Funk- und TV-Medien möchten nicht auf ihr gerüttelt Maß an Hofberichterstattung verzichten. Der unnütze Charme der Hocharistokratie ist den Bürgern viel Geld wert und lässt sie Luxusprobleme, die nicht ihre sind, in einer Glamour-Welt, zu der sie keinen Zutritt haben, gewissenhaft erörtern.


Sollte sich Karl Marx geirrt haben? Bestimmt nicht das Sein, sondern der (schöne) Schein das Bewusstsein? In jedem Fall wollen wir Prinz George aus ganzem Herzen gratulieren. Er dürfte noch ein knappes Jahrzehnt bis zu seinem ersten handfesten Skandal (über den wir dann aber alles wissen wollen) vor sich haben.

 

08/2021

 

Dazu auch:  

Das wirklich Wichtige im Archiv der Rubrik Medien (2017)