Deutsche Plakatkunst


Die Schlacht um die Stimmen ist geschlagen. Oder sollten wir angesichts des geistigen Gehalts eher von einem Scharmützelchen sprechen? Vom Wahlkampf mit seinen Versprechungen, Entgleisungen und Euphemismen wird uns nur eins noch eine ganze Weile bleiben: die Poster, die von den Parteien emsig an allen Ecken und Enden angebracht wurden und nun, da der Eifer wieder der politischen Kungelroutine weicht, bis weit in die Vorweihnachtszeit hängen und vergammeln werden. Grund genug, sich mit der Aussagekraft, der Gestaltung und den Intentionen deutscher Plakatkunst zu beschäftigen.


Vorab sei darauf hingewiesen, dass die Abwesenheit einer AfD-Repräsentanz in der folgenden Galerie der Helden (und einer Heldin) unserer Zeit nicht auf gewisse Aversionen des Autors zurückzuführen ist. Vielmehr fand sich auch nach anderthalbstündiger Suche in der Nürnberger Südstadt kein einziges Poster mit dem Konterfei einer Rechtsaußen-Persönlichkeit. Sind der AfD die illegalen Spenden ausgegangen, setzt sie ausschließlich auf anonym finanzierte Großplakate, oder verlegt die Partei ihren gesamten Wahlkampf in die Schmuddel-Winkel von Facebook? Wir können diese Fragen nicht beantworten und wenden uns stattdessen der Kritik vorgefundener Beispiele politischer Bild- und Wortkunst zu:



Scholzomat als Heilsbringer



Auferstanden aus den Ruinen der Bedeutungslosigkeit

       scheint die SPD des Kanzlerkandidaten mit dem

       staatstragenden Dackelblick und dem verschmitzten

       Lächeln des neuen Darlings, dem kein Skandal lange

       anhaftet. Das hintergründige Rot droht  jedem Mäkler,

       der mit ollen Kamellen wie Cum-Ex-Tolerierung oder

    Wirecard-Gewogenheit die neue sozialdemokratische

       Revolution verleumden möchte. Vor denen hat Scholz

       keinen Repekt, für alle Duzfreunde hingegen schon.   




 Die Kanzlerin der Herzen



     Arg viel Sachverstand trauen befragte TV-Zuschauer

        nach den Triellen der Kanzlerkandidatin Annalena

        Baerbock, hier vor kränklichem Gelbgrün gestylt wie

        Jeanne Moreau in einem film noir ( "Die Braut trug

        Schwarz"), offenbar nicht zu, dafür finden sie alle

        sympathisch. Auf dem Poster zeigt Scholzens

        Wunschpartnerin, dass sie das System kapiert hat:

        Erst kommt die Wirtschaft, dann das Klima. Eine

        kryptische Formulierung aber gibt zu denken: Wir 

        Deutsche sind also schon allzeit bereit (fragt sich nur, 

        wozu). Wieso brauchen wir dann noch die Grünen?




Der Wahlmillionär



        Laschet wird in Bayern kaum geklebt, da sei der beleidigte

        Söder vor. So hängt in Nürnberg ein Politiker, den Sie

        nicht kennen, den auch in Franken kaum einer auf dem

        Schirm hat. Seit vier Jahren sitzt er weitgehend stumm

        im Bundestag und gibt nur Lebenszeichen von sich, wenn

        es um Steuersenkungen für Unternehmer geht. Dass er 

        dennoch ins Visier von Abgeordnetenwatch und Spiegel

     geriet, verdankt er seinem goldenen Händchen. Der Chef

        einer Steuerkanzlei verdiente  allein bis August 2020 

        drei Millionen Euro als MdB - ohne Diäten, versteht sich.

        Damit ist Brehm der deutsche Parlamentarier mit dem

        höchsten Nebenverdienst. Respekt, würde Olaf Scholz

        sagen. 

 



Der Marktschreier



              Auf dem begrünten Mittelstreifen einer Kiezstraße

              wurde Christian Lindner platziert, weitab von 

              proletarischen Fußgängern und gut sichtbar für

              durchrauschende SUV-Piloten. Nach gescheiterten

              Ausflügen in die Privatwirtschaft folgte der 

              FDP-Chef den Beispielen der Urchristen und 

              anderer Gottsucher und verehrte fortan, was er 

              nicht verstand. Bei ihm war es der Allmächtige Markt

              der vom Klima über das Tempolimit bis hin zur Rente 

              alles regelt. Lindner versteht sich als eine Art 

              Conferencier dieser universalen Ordnung, die ja

              eigentlich keine Politiker nötig hat. Und er findet 

              sichtbar Freude am Erfinden solcher Mär. 




 Die Omnipotenten



       Nirgendwo findet man/frau ein strahlenderes Lächeln

       und eine gewagtere Behauptung als auf diesem Plakat

       der Linken. Wo große Optimisten vielleicht formuliert 

       hätten "Wir machen Deutschland gerechter" oder 

       vorsichtigere Menschen davon träumen würden, dass

       alles ein "bisschen gerechter" werde, kündigen die Enkel

       von Marx und Luxemburg gleich das Absolutum an: einen 

       Staat, in dem keine sozialen Ungerechtigkeiten mehr 

       existierten, alle gleiche Bildungschancen hätten, die 

       Korruption verschwunden wäre, ebenso wie Konzerne,

       die halb- bis illegale Waffendeals mit den Warlords der

       Welt tätigen, oder betrügerische Autobauer. Liebe Linke, 

       dafür bräuchtet ihr die absolute Mehrheit, und bis da

       ist es noch ein wenig hin. 



Das Kontrastprogramm



    Ganz in der Nähe der oben gewürdigten Wahlplakate fand ich

    dieses Poster, das ganz ohne hohle Parolen und grinsende 

    Gesichter auskommt: Knackiges Gemüse leuchtet in allen

    Farben, zum Genuss verlockende Dosen und Flaschen machen

    Lust auf mehr. Knappe, sachliche Infos klären über das Wo 

    und Wie auf. Aber Vorsicht! Die Früchte und Schoten könnten

    in Monokulturen gezogen, von afrikanischen Arbeitssklaven

    geerntet und mit Glyphosat vergiftet worden sein. Wie bei

    den Werbeflächen der Parteien trügt möglicherweise auch hier

    der schöne Schein...



09/2021