Deutsches Expertentum


Nach dem Mittelalter zerfielen die deutschen Lande in etliche Kleinstaaten und Duodez-Fürstentümchen, so dass es den Einheimischen schwerfiel, ein ähnliches Herkunftsbewusstsein zu entwickeln wie etwa die Spanier, Briten oder Franzosen in ihren geeinten Reichen. Gut, dass es ein paar Dichter und Denker, Maler und Wissenschaftler von Weltrang gab, die den Nationalstolz wenigstens auf Sparflamme köcheln ließen (bis er nach einigen Kriegen unerträglich aufflammte, woran wir uns gar nicht gern erinnern). Heutzutage wandern die Gelehrten in die USA aus, verziehen sich die Künstler in die Toskana, und China meldet weit mehr Patente an als die Bundesrepublik. Woraus sollen wir künftig unsere Hybris speisen, wenn nicht aus der Fülle unseres lokalen Expertentums.


Die Weisen der Wirtshäuser


Von der „Oberhoheit über den Stammtischen“ in Bayern schwärmte einst Edmund Stoiber, der rhetorisch fulminante Ministerpräsident der Männerrunden. Damit meinte er nicht den Umstand, dass jeden Montag, den der Fußballgott werden lässt, in den mit Gehörnen geschmückten Wirtshäusern der Republik Hundertausende von Tafelrunden aus Fachleuten Bundesligatrainer entlassen oder Starspieler auf die Ersatzbank setzen, er spielte wohl auch auf die frappierende Fähigkeit der Diskutanten an, schwierige Sachverhalte, etwa die Integration ausländischer Mitbürger, trefflich zu analysieren und die Erkenntnisse in verständlicher Muttersprache zum Besten zu geben, wobei der Einfachheit halber ein ganzes Volk auf das für es typische Individuum heruntergebrochen wird.


So ist der Italiener ein Schlawiner, der nicht gern arbeitet, während der Türke nix Deutsch spricht und der Afrikaner an sich mit dem deutschen Wesen wenig am Hut hat. Dem Griechen hingegen stellt man ein gutes Zeugnis aus, solange er bei seinen Leisten, also hinter der Theke, bleibt und einen Ouzo zum Souvlaki ausgibt. Bei Flüchtlingen ist die Sache den Flaschenkindern des Hochgeistigen sowieso sonnenklar: Die kommen nicht, weil Krieg und Hunger in ihren Ländern herrschen, sondern weil sich Hartz IV (mittlerweile verschämt „Bürgergeld“ genannt) bis in die Sahelzone und nach Afghanistan herumgesprochen hat.


Außerhalb bierdunstgeschwängerter Schankstuben präsentieren sich zumeist Politiker als eloquente Fachkräfte, wobei sie die Fachgebiete (und bisweilen die Meinungen) wechseln wie andere Leute die Unterhosen.


Klima-Koryphäe aus Bayern


Ein zeitgenössischer Experte von schier universaler Bandbreite kommt aus dem schönen Bavaria: Markus Söder (noch ein Ministerpräsident) kennt sich mit allem aus, zum Beispiel mit Wetter und Energie, und weiß genau, wie man den Klimawandel Mores lehrt. Als die unsinnige 10H-Regelung den Bau von Windkrafträdern quasi im Alleingang zum Erliegen brachte, erklärte er bei Anne Will dem staunenden Publikum, in Bayern gebe es ohnehin kaum genügend Wind. Was pfeift uns da die ganze Zeit um die Ohren, werden sich die Eingeborenen in der Rhön, im Frankenwald oder auf den Eiszeitebenen westlich von Augsburg verwirrt gefragt haben. Heiße Luft aus München kann es nicht sein, dafür ist es zu rau und zu stark.


Aber dieser Kachelmann der Politik weiß auch, dass man dem Klimawandel nicht mit neuen Nationalparks beikommen kann, sondern mit der Wiederinbetriebnahme von Atomkraftwerken, für ein, zwei Jährchen zunächst. Wenn die Betreiber erklären, dies sei unrentabel und könne die Energielücke, die durch die Abnabelung von Russland entstünde, ohnehin kaum schließen, bietet der schwarze Riese fünf Jahre Laufzeit an, demnächst vielleicht fünfzig. Natürlich hätte man einstweilen auch die Windkraftkapazitäten ausbauen mögen, aber Söder kennt die Empfindlichkeiten von Villenbesitzern, die freien Blick auf die Alpen verlangen. Zwischendurch umarmt er einen Baum (der übrigens nicht danach eingegangen ist) und erweist sich als Spezialist für Fracking-Möglichkeiten. Bei dieser Art von Gasgewinnung sieht man die unterirdischen Verwüstungen wenigstens nicht.


Natürlich weiß der bayerische Landesvater auch bestens Bescheid über alles andere, was uns umtreibt. Dass die Gültigkeit der Wahrheiten, die er uns zuteilwerden lässt, oft nur ein paar Tage oder Wochen währt, ist sicherlich den sich rasch ändernden Zeitläuften geschuldet.


Die Covid-Versteher


Söder wäre nicht Söder, wenn er nicht auch die Corona-Pandemie in allen Facetten verstanden und daraus stets die vom Wahlvolk präferierten (oder abgelehnten) Maßnahmen ergriffen (oder unterlassen) hätte. Früh wusste er, dass Bayern keine Maskenpflicht wie Austria brauche, dann, dass kein Lockdown im Freistaat notwendig sei. Jeweils vierzehn Tage später führte er die Maskenpflicht ein und schloss das öffentliche Leben weitgehend ab. Mal war der Patronus Bavariae der strengste Türschließer im ganzen Bund, dann wieder preschte er als hurtigster Lockerer Deutschlands vor.


Verantwortungsbewusst propagierte er die Impfpflicht – bis sie tatsächlich kommen sollte; dann ruderte er sogleich zurück. Die nächste Kehrtwende ist in Kürze zu erwarten, denn zu einer deutschen Expertise gehört der ständige Wechsel des Standpunkts.


Nun ist Söder ja nicht der einzige Seuchendompteur im Land, noch dezidierter hatte sich der studierte Epidemiologe Karl Lauterbach geäußert. Keine Chance wollte er Covid lassen und seine Landsleute durch Super-Hygiene, fürsorgliche Kontaktsperre und permanente Impfwiederholung zu ewiger Gesundheit zwingen. Bis er dann Gesundheitsminister wurde und erfahren musste, dass man nichts unternehmen darf, was die andersdenkenden Experten der Koalitionspartner nicht auch tun wollen.


Die halbvernünftigen Fachleute in der Politik schafften es, Vakzinen, die nach allen WHO-Kriterien erfolgreich, aber keine Wundermittel waren, durch irrige Behauptungen („Corona-Resistenz von 95 Prozent“) in Verruf zu bringen. Dies wiederum war Wasser auf die Mühlen jener Experten, die von heimlich injizierten Mikrochips, unermesslichen und massenhaften Impfschäden sowie der Errichtung einer Corona-Diktatur berichteten und aufgrund ihres mannigfaltigen Wissens um diverse Weltverschwörungen riskieren, unter fürsorgliche Betreuung gestellt zu werden.


Grüne Militärsachverständige


Seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine wimmelt es in Deutschland von Militärexperten. Besonders tun sich dabei die Mitglieder einer als pazifistisch-ökologisch missverstandenen Partei hervor. Gemeint sind die Grünen, und in deren Reihen profilieren sich vor allem zwei Spitzenpolitiker als erfahrene Falken im Schafspelz. Da ist einmal Anton Hofreiter, den wir für einen Landwirtschaftsexperten hielten, der sich aber, nachdem ihm das Bauernministerium verweigert worden war, als Militaria-Spezialist outete, der alle Panzer-Typen vor- und rückwärts aufzählen kann und vermutlich die Seriennummern sämtlicher Haubitzen auswendig kennt. Er hat jedoch sein Fachwissen nicht zum Spaß erworben, vielmehr will er damit die russische Armee in die Schranken verweisen.
















Ein grünes Kanonenduo: Cem und Toni als Experten für Bewahrung und Zerstörung der "Schöpfung"


Ihm möchte Parteifeind Cem Özdemir, der als Agrar-Amateur an die Spitze des Ressorts für Hof, Dorf und Acker gewürfelt wurde, in nichts nachstehen. Immer schwerere Waffen sollen die Bundeswehr und der deutsche Staat an die Ukraine liefern, damit Cems Etappenziel, sein logistischer Sieg über Putin, erreicht werde. Der Wettlauf innerhalb der Grünen um den Titel des „Heißesten Kriegers“ ist somit entbrannt.

Angesichts dieses Überangebots an deutschen Experten für alle Lebens- und Sterbenslagen wünscht man sich manchmal klammheimlich, nur noch von blutigen Laien umgeben zu sein.


05/2022


Dazu auch:


Kassandra muss liefern (2022) und Fabel vom Wolf Markus (2019) im Archiv der Rubrik Helden unserer Zeit