Die Antipoden

Cartoon: Rainer Hachfeld


In der Auseinandersetzung, ob und wie die sich immer deutlicher abzeichnende Klimakatastrophe zu bekämpfen sei, kristallisieren sich zwei antagonistische Projektionsfiguren heraus: die junge Schwedin Greta Thunberg und der rechtsextreme brasilianische Präsident Jair Bolsonaro. Im geopolitischen Meinungsspektrum liegen sie so weit auseinander wie antipodische Länder oder Kontinente. Sind die beiden Wortführer und ihre Positionen aber tatsächlich symptomatisch oder gar richtungsweisend  für den Kampf um (bzw. gegen) die Umwelt oder müssen noch ganz andere Herangehensweisen und Inhalte ins Kalkül gezogen werden?

      

Lichtgestalt und Finsterling


Man kann vom Hype um Greta Thunberg halten, was man will, ein positiver Aspekt ist anzumerken: In einer Zeit, die in den sozialen Medien von gestylten, den Konsumrausch anheizenden InfluencerInnen geprägt wird, schafft es eine unscheinbare, eher kindlich wirkende Heranwachsende, große Teile der angeblich völlig unpolitischen und bedenkenlos hedonistischen Jugend in eine weltweite Kampagne für Nachhaltigkeit und zum Schutz der Umwelt einzubinden. Noch dazu lebt die junge Schwedin mit dem Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus, die zwar eine normale Entwicklung der Intelligenz, manchmal auch außergewöhnliche Talente („Inselbegabungen“) zulässt, aber gängige Gefühlsregungen und das Empfinden und Leiden mit anderen behindert.


Asperger-Autisten müssen sich die sozial notwendige Empathie regelrecht aneignen, sie haben Probleme mit Humor und Ironie, gelten als stur, pedantisch genau und äußerst fokussiert in Wort und Handlung. Zu mutmaßen, Greta Thunberg sei in ihrem Kampf gegen den Klimawandel „fremdgesteuert“, wie es die Rechten gerne tun, ist Unsinn; sie mag von ihren Eltern auf die Umweltproblematik aufmerksam gemacht worden sein, doch bei der Gestaltung ihrer Kampagne Fridays for Future ist sie gerade wegen ihrer Andersartigkeit weniger manipulierbar als „ganz normale“ Aktivisten (oder ihre Gegner).


Auf der anderen Seite des politischen Spektrums steht Jair Bolsonaro, ein erklärter Militarist und Rassist, der in seinem Eifer, einen menschengemachten Klimawandel zu leugnen, selbst die Trumps und Gaulands hinter sich lässt. Er dekretiert die Feuerrodung in Amazonien (und wundert sich dann über gigantische Waldbrände), öffnet geschützte Regionen den Soya-Magnaten, Rinderbaronen sowie Prospektoren und missachtet die Rechte der indigenen Bevölkerung. Die (zugegeben mickrige) EU-Hilfe zur Bekämpfung der verheerenden Feuer lehnt er großspurig ab, und auf die Ankündigung der Bundesregierung, wegen seines Fehlverhaltens 35 Millionen Euro für Regenwald-Projekte vorerst nicht zu überweisen, antwortet er herablassend: „Ich möchte auch der geliebten Frau Angela Merkel eine Nachricht hinterlassen: Nehmen Sie diese Knete und forsten Sie Deutschland wieder auf.“



In der höhnischen Replik eines skrupellosen Populisten, in dessen kurzer Amtszeit das Tempo der Abholzung der für das Weltklima immens wichtigen Regenwälder am Amazonas um 212 Prozent gestiegen ist, steckt ein Körnchen Wahrheit. Die Nationen des Westens sorgen sich um die fernen ökologischen Ressourcen, die sie für ihren eigenen Bedarf seit Jahrhunderten ausbeuten lassen, malträtieren währenddessen aber ihre unmittelbare Umwelt.


Wie Yin und Yang stehen sich also die Lichtgestalt Greta Thunberg und der Naturzerstörer Jair Bolsonaro gegenüber, allerdings nicht in Ergänzung, sondern in unversöhnlichem Widerspruch. Der Schwedin unterstellen Kritiker unbedarften Aktionismus, im Brasilianer sehen andere das Böse an sich. Ganz so einfach ist es nicht, in der modernen Welt existieren stets Machtinstanzen und ökonomische Interessen im Hintergrund, aber auch Ansätze nachhaltiger Zukunftsgestaltung. Alles interagiert (wenn auch oft unglücklich) und zwingt uns dazu, jeden Schritt und jede Maßnahme auf Sinn, Praktikabilität und Intention zu prüfen, dabei aber die systemischen Ursprünge nicht aus den Augen zu verlieren.

Yin und Yang - unversöhnlich

       

Vom Nutzen kleiner Schritte


Die Thunberg-Kampagne hat Hunderttausende, vielleicht Millionen von Kindern und Jugendlichen rund um den Globus aufgerüttelt, ihnen die bedrohliche Situation auf unserem Planeten vor Augen geführt. Unterstützt wird sie von Naturschützern und NGOs, begleitet von Lippenbekenntnissen einiger Politiker, darunter auch solchen in Regierungsverantwortung. Es wäre nun leicht, den Mangel an Gesellschaftsanalyse, an Durchsetzungsmöglichkeit, überhaupt die Intention, systemimmanentes Versagen durch emotionale Aktionen zu bekämpfen, ins Lächerliche zu ziehen. Natürlich haben die Katheder-Marxisten, die wissen, wie es geht, aber über die „Kapital“-Exegese nicht hinauskommen, im „klassischen Sinn“ recht, wenn sie den Ansatz der Schülerbewegung für „unpolitisch“ halten.


Aber aus der Einsicht in die Existenz eines globalen Desasters lassen sich die Erkenntnis der Hintergründe und die Demaskierung der Verursacher ableiten. Sofortiges Handeln ohne Aussicht auf die irgendwann notwendige Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse mag auf orthodoxe Linke aktionistisch und kurzsichtig wirken, doch sind auch persönliche Verhaltensänderungen oder verschärfte Umweltgesetze, wenn schon nicht für eine soziale Umwälzung, so doch als (bescheidene) Bremsen des globalen Raubbaus, relevant. Warum nicht in dialektischem Sinne jetzt handeln (Plastik und Bodenfraß verbieten, Kerosin verteuern oder weniger Fleisch essen etc.) und zugleich perspektivisch ein anderes politisches Bewusstsein anstreben und mit diesem neuen Wissen irgendwann die Produktionsmittel vergesellschaften und nachhaltig einsetzen?


Auch kleine Schritte, selbst im Privaten, können die Entwicklung der Erde zu einem Wüstenplaneten, auf dem das System letztlich egal wäre, verlangsamen. Und wer Thunberg die nötige Voraussicht abspricht, sollte sich die Frage stellen, was alle sozialistischen und revolutionären Gruppierungen in den letzten fünfzig Jahren zum Schutz unserer Lebensgrundlagen unternommen (oder unterlassen) haben. Dennoch darf bei allem Verständnis für den Enthusiasmus der Fridays-for-Future-Bewegung die Macht- und Systemfrage nicht außen vor bleiben.


Das System ist die Katastrophe


Hinter dem Bemühen Jair Bolsonaros, Brasilien radikal marktkompatibel zu machen und die Vernichtung der Regenwälder als natürlichen Verschleiß zu verharmlosen, stehen die Agrar- und Fleischindustrie, Pharmakonzerne mit Gen- und Pestizid-Know-how, professionelle Goldsucher, internationale Minenkonzerne, Erdölprospektoren, korrupte Staatsjuristen, die ihm politische Gegner aus dem Weg räumten, der US-Präsident und – neben vielen weiteren – die deutsche Wirtschaft, die den Amtsantritt des Dreiviertelfaschisten euphorisch begrüßte, weil sie beste Geschäfte witterte. VW do Brasil beispielsweise entsinnt sich mit wohligem Schaudern der intimen Zusammenarbeit mit der einstigen Militärdiktatur, deren bekennender Fan Bolsonaro noch heute ist.


Die ökonomische und in ihrem Gefolge die politische Macht der westlichen Hemisphäre steht – trotz publikumswirksamer Kritik durch Macron und Merkel – also ziemlich geeint hinter einem Mann, der ein geistfeindlicher Lautsprecher sowie Evangelikaler ist und wissenschaftliche Erkenntnisse über die Enstehung des Universums ebenso wie Gefahren durch die systematische Umweltzerstörung leugnet – aber letzteres tun unsere natürlichen Alliierten Donald Trump und Boris Johnson schließlich auch. Langsam beschleicht einen der Verdacht, Bolsonaro sei lediglich die Vogelscheuche, die man zum Schutz der Felder von Nestlé, Bayer oder VW aufgestellt hat, der Pistolero, den sich im Italo-Western die reichen Rancher als Bodyguard leisten, auch wenn sein Gebaren menschlich nicht gerade einwandfrei ist.


Der moderne Kapitalismus in seinen globalen Ausformungen, handle es sich um die Produktionssparte, die Bankenhierarchie oder das Börsenspiel, hat kein Interesse an irgendwelcher nachhaltigen Nutzung von Böden, Ressourcen oder menschlicher Arbeitskraft. Die Quartalsberichte müssen stimmen, damit die Kurse steigen, Konkurrenten sind auf Abstand zu halten, auch wenn dafür Qualitäts- und Sicherheitsstandards geopfert werden müssen, und Wachstum ist zu generieren, selbst wenn dadurch die Natur, die Zukunft und die Gesundheit von Beschäftigten, Konsumenten und Anwohnern zerstört werden. Die CEOs oder Hedgefonds-Investoren gehen nach ein paar Jahren in den vergoldeten Ruhestand und lassen meist  mehrere Sintfluten hinter sich zurück. Für diese Kurzsicht-Taktiker, die sich gerne von Wirtschaftsmagazinen als strategische Denker feiern lassen, ist Bolsonaro ein nützlicher Idiot mit schlechten Manieren.


Gegen solche Machinationen haben Greta Thunberg und die demonstrierenden Schüler in 160 Ländern kein Konzept, vielleicht wissen sie auch wenig davon. Wie sollten sie auch, haben ja doch die Väter/Mütter und Großeltern, soweit sie jemals von Nachdenklichkeit angefallen wurden oder sich jäh der rebellischen 68er Jugendzeit entsannen, den Weg in die Mystifizierung der eigenen Vita, ins Ungefähre einstiger Revolutionsromantik und in ein Gedankenkonstrukt, das die eigene Anpassung rechtfertigt, gewählt.

   

 Vom Fehlen der Gesellschaftsutopie


„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, hatte einst Helmut Schmidt apodiktisch gesagt und damit schenkelklopfende Zustimmung bei den Rechten in der eigenen Partei eingeheimst. Tatsächlich hat der einstige Bundeskanzler durch seine unbedingte Hinwendung zur wirtschaftsfreundlichen „Realpolitik“ und durch die Absage an alle emanzipatorischen Phantasien den Niedergang seiner Partei wohl  beschleunigt. Heute läuft die Sozialdemokratie (nicht nur hierzulande) den entscheidenden Themen nach, verspricht hier ein wenig Wende in der Klimapolitik, dort ein bisschen Fürsorge für die sozial Schwachen, möchte gar eigene Geschenke ans Kapital (Abschaffung der Vermögenssteuer unter Schröder) zurücknehmen, und findet doch kein kohärentes Gesellschaftskonzept.


Und wie der SPD geht es auch den anderen Parteien und vielen NGOs: Die Verknüpfung zwischen Profitmaximierung und Umweltzerstörung, Krieg und Rüstungskonzernen, Pharma- sowie Agrarindustrie und Bauernelend, „Freihandel“ und Flucht, digitaler Überflutung und totaler Kontrolle, ungehemmter Werbung und geistiger wie materieller Verarmung lässt sich nicht durch das Aufschnüren des einen oder anderen Knötchens lösen, das erfordert Analyse und radikalen, aber durchdachten Richtungswechsel.


In solchen Zeiten klingt selbst ein katholischer Papst, der gegen die Abholzung der Regenwälder, die Korruption und die Spekulation wettert, revolutionärer als ein Politiker der Linken in Deutschland oder der Vorsitzende der Kommunistischen Partei in China. Der Blick auf die Zusammenhänge, der die Entwicklung einer sozialen Utopie (die zwar nicht eins zu eins verwirklicht würde, aber immerhin substanziellen Fortschritt bedeutete), in der sich auch eine Greta Thunberg, aber kein Jair Bolsonaro wiederfinden könnte, überhaupt erst ermöglichen würde, ist verloren gegangen.


09/2019

 

Dazu auch:

Prima Klima in Rio im Archiv von Politik und Abgrund (2019)