Die Schuld der anderen

Cartoon: Rainer Hachfeld


Immer wenn in den bleiernen 1950er Jahren vom Holocaust, von der Schuld am Zweiten Weltkrieg oder von den Verbrechen der Wehrmacht die Rede war, gehörte es zu den gutbürgerlichen Gepflogenheiten in den spießigen Wohnzimmern und  miefigen Wirtsstuben hierzulande, den alles überragenden Anteil Deutschlands zu relativieren, indem man die von anderen Nationen oder Volksgruppen begangenen Vergehen dagegensetzte. Diese Art von Geschichtsrevisionismus geriet während der Brandt-Regierung ein wenig ins Abseits, feiert aber inzwischen fröhliche Wiederauferstehung, etwa in AfD-Kreisen, aber offenbar auch in der CSU, wie die Einlassungen eines Regensburger Historikers nahelegen.


„Völkermord an den Deutschen“


Die Nürnberger Nachrichten (NN) sind eine der größten Regionalzeitungen der Bundesrepublik und gelten als eine der trägsten. Ohne nennenswerte Konkurrenz in ihrem nordbayerischen Verbreitungsgebiet arrangieren sie sich mit der ökonomischen und politischen Macht dort und glänzen nur selten mit eigenständigen Recherchen (Ausnahme: NSU-Komplex). Nun aber hat einer der rührigeren NN-Redakteure, Michael Kasperowisch, in einem ganzseitigen Interview den Beweis erbracht, dass geschichtsrevisionistisches Denken und die Banalisierung deutscher Menschheitsverbrechen nicht Domänen offen rechtsextremer Kreise sein müssen, sondern auch von der intellektuellen Creme der CSU goutiert werden.


Manfred Kittel (59) ist außerplanmäßiger Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Uni Regensburg und Mitglied der allein seligmachenden Partei in Bayern. Als solches blickt er aus einem speziellen Winkel auf die Welt und korrigiert munter jene, die Schmutz in den Ecken des Vaterlands und seiner Wirkungsgebiete aufspüren. In seiner Dissertation setzte er Ralph Giordanos These, die Deutschen hätten durch Versäumnisse bei der NS-Vergangenheitsbewältigung nach 1945 eine „zweite Schuld“ auf sich geladen, die eigenwillige Ansicht, dass die NS-Erblast von Anfang an zentrales Thema der politischen Kultur in der BRD gewesen sei, entgegen. Damit meint er nicht, die Nazi-Ideologie sei fest in der hiesigen Nachkriegsgesellschaft verankert gewesen, vielmehr schwebt ihm wohl eine ominöse Bewältigung des Grauens vor. Wie aber soll man dann Teile dieser Bewältigungskultur, etwa das Schweigen über den Nazi-Befall von Ministerien, Justizbehörden und Geheimdiensten oder die Übertragung hoher und höchster Posten an braune Verbrecher (BND-Chef Gehlen, Kanzleramtschef Globke oder BW-Ministerpräsident Filbinger) interpretieren? Als Diskretion und Resozialisierung vielleicht?


Schrille Töne kamen in dieser eher zur Tabuisierung neigenden Zeit von den Vertriebenenverbänden, denen damals nicht nur Linke Revanchismus und Ignoranz des an anderen begangenen Unrechts vorwarfen. Kittel sah sich wahrscheinlich als spätberufener Versteher landsmannschaftlichen Unwillens, als er 2009 Gründungsdirektor der nicht unumstrittenen Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung wurde. Als der CSU-Professor die Wechselausstellung „Twice a Stranger“ zu Vertreibungen im 20. Jahrhundert allzu einseitig auf die Situation der deutschen Flüchtlinge 1945 fokussierte, fühlten sich die Experten und der nicht mit einbezogene Beirat brüskiert, worauf Kittel die Stiftungsleitung niederlegte.


Aber nun zeigt sich der Wissenschaftler wieder unverbrüchlich an der Seite der mittlerweile dezimierten Ost-Verbände, beruft sich gegenüber den NN auf die 2006 von der Sudetendeutschen Landmannschaft und zuvor bei den Donauschwaben ausgegebenen Parole „Vertreibung ist Völkermord“, ohne Rücksicht auf Völkerverständigung oder historische Einordnung. So trifft ihn eine Frage des Interviewers Kasperowitsch doch recht unvermittelt: „Sie plädieren nun dafür, die Vertreibung der Deutschen einen Völkermord zu nennen. Halten Sie den dritten Teil des Stiftungsnamens, die Versöhnung, eigentlich für zu hoch bewertet?“


Vertriebene als Hereros Europas?


Der seltsam fokussierte Historiker laviert in der Antwort ein wenig herum, es habe im Stiftungsrat immer wieder Diskussionen gegeben, dass man lieber von Verständigung als von Versöhnung geredet hätte. Auf weitere Nachfragen räumt Kittel ein, er würde „als Nicht-Jurist“ lieber von einem Menschheitsverbrechen sprechen. Doch Völkermord sei in der betreffenden UN-Konvention eben „sehr weit gefasst“ worden (was sogar stimmt, doch davon später), und dann argumentiert er sich in eine Sackgasse, die nahelegt, dass deutsche Doktoren und Professoren, die, zumal im Geschichtsfach, ziemlich rechtskonservative Ansichten vertreten, nicht unbedingt tiefschürfende Denker sein müssen: „Anstoß für meine Anmerkungen in dieser Richtung war die Entscheidung des Bundestags Ende Mai, die Gräueltaten durch das deutsche Kaiserreich vor 113 Jahren an den Herero und Nama als Völkermord anzuerkennen. Ich halte es für unglücklich, eines der Großverbrechen auf diese Weise herauszustellen, die es im Kontext der deutschen Geschichte gab.“




















Prof. Kittel differenziert: Klar wollten die unsere Militärs die Hereros ausrotten. Aber muss man deshalb gleich von Völkermord sprechen?


Der Professor hält also die Einordung des Ausrottungsfeldzugs gegen zwei afrikanische Ethnien als Völkermord für „unglücklich“ (ein „Unglück“, das übrigens vier Jahre lang anhielt), während er gleich darauf, die Vertreibung deutscher Bürger aus dem Osten nach Hitlers Raubzügen durch zuvor entrechtete tschechische, polnische oder jugoslawische Nachbarn mit eben jenem Etikett versehen möchte. Geschichte verläuft nicht immer logisch (auch wenn Katheder-Marxisten das bestreiten mögen), warum also sollten deutsche CSU-Historiker etwas logisch deuten können?


Kittel setzt am Ende des Interviews noch eins drauf, als ihn der NN-Redakteur fragt, ob die Entschuldigung des Stadtrats von Brünn in Tschechen für Übergriffe auf fliehende Deutsche nicht der bessere Weg für die Verständigung sei als seine Initiative: „Da widerspreche ich nicht grundsätzlich. Nur sollten in Berlin bitte immer auch die Nebenwirkungen gut gemeinter Erklärungen bedacht werden – auch wenn das Thema Kolonialismusbewältigung derzeit noch so boomt.“


Wo lebt der Mann denn? Hat er sich das Programm der ethnischen Säuberung durch die kaiserlichen Truppen näher angeschaut, ehe er es mit der sicherlich oft brutalen Rache slawischer Bauern an ihren früheren Unterdrückern verglich? Generalleutnant Lothar von Trotha trieb die Hereros in die Wüste und ließ sie dort zu Tausenden verdursten, was er so begründete: „Die Herero sind nicht mehr Deutsche Untertanen. […] Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen.“ Kaiser Wilhelm II. unterstützte das Kriegsziel ausdrücklich, am deutlichsten aber formulierte der Chef des Generalstabs, Alfred Graf von Schlieffen, die Absicht vollständiger Eliminierung: „Der entbrannte Rassenkrieg ist nur durch die Vernichtung einer Partei abzuschließen.“


Das, Herr Prof. Dr. Kittel, ist ein Völkermord, gegen den nichts aufgerechnet werden kann! Und auch was den angeblichen Boom einer Aufarbeitung des grauenhaften Kolonialismus teutonischer Machart betrifft, scheint unserer Regensburger Historiker nicht von dieser Welt zu sein: In zahllosen deutschen Städten leben Hunderttausende von Bürgern größtenteils ahnungslos in Straßen und Alleen, die immer noch nach Von Trotha, Graf von Schlieffen oder dem Experten für verbrannte Erde in Ostafrika, Lettow-Vorbeck, benannt sind.


Ursachen ausgeklammert 

 

Natürlich ist Professor Kittel viel zu vorsichtig, um die Vertreibung der Deutschen in einem Atemzug mit dem Holocaust zu erwähnen (was einen internationalen Shitstorm ausgelöst hätte), also zieht er die Hereros, deren Tragödie weniger globale Aufmerksamkeit erfahren hat, zum irrwitzigen Vergleich heran. Dabei nutzt er die etwas ungenaue Formulierung des Artikels II in der betreffenden UN-Konvention, die als Völkermord u. a. definiert


a) die Tötung von Mitgliedern der Gruppe;

b) die Verursachung von schwerem körperlichem oder

    seelischem Schaden an Mitgliedern der Gruppe;


Naiv ausgelegt, könnte so jeder rassistische Neonazi-Übergriff als Völkermord durchgehen. Einem Historiker sollte man aber doch die Einordnung des juristischen Textes in den geschichtlichen Kontext zutrauen (wenn er nicht arglistig täuschen will). Die Hereros wehrten sich gegen weiße Herrenmenschen, die ohne Einladung in ihr Gebiet eingedrungen waren und ihnen ihr Land wegnahmen, und wurden wegen dieser Unbotmäßigkeit mit der vollständigen Ausrottung bedroht. Etwa zwei Drittel von ihnen überlebten diesen Völkermord nicht.


Zweifellos kam es auch bei der Vertreibung der Deutschen im Osten zu zahlreichen Verbrechen, doch müssen die Ursachen der verbreiteten Wut in Ländern und Regionen, die von der Wehrmacht überfallen und von SS-Schergen teilweise entvölkert wurden, in Betracht gezogen werden. Mord ist stets eine mit kriminellem Vorsatz begangene Tat, niemand aber wird allen Ernstes behaupten, die 1945 auf Rache sinnenden tschechischen Bauern im Sudetenland hätten zunächst Hitlers Einmarsch geplant, um sich dann nach dessen Niederlage das Hab und Gut ihrer deutschen Nachbarn unter den Nagel reißen zu können.


Bei aller leicht durchschaubaren Rabulistik könnte Kittel eine wichtige Funktion erfüllen, sozusagen eine Marktlücke für die CSU schließen: Die Ansicht, der deutschen Schuld an Krieg, Euthanasie oder Holocaust könne kein Alleinstellungsmerkmal zugeordnet werden, da andere Nationen sich ähnliche Schweinereien geleistet hätten, ist weit verbreitet in unserer Bevölkerung, wird aber selbst von erzkonservativen Politikern und Publizisten selten offen vertreten. So können damit bislang nur die Rechtsextremen punkten. Wenn nun ein Wissenschaftler sich die Mühe macht, mithilfe haarsträubender historischer Vergleiche zu suggerieren, den Deutschen sei ja ähnlich übel mitgespielt worden wie den Opfern des germanischen Herrenmenschentums, erlangen die Forderungen, einen Schlussstrich unter die Verbrechen der Vergangenheit zu setzen und die Feinde von damals mit rhetorischen Retourkutschen zu kontern, „seriöse“ Weihen.


Und die CSU muss sich nicht mehr damit begnügen, mittels ökologischer Lippenbekenntnisse im Lager der Grünen zu wildern, sie kann durch die Verharmlosung der historischen Verantwortung nun auch die Wähler von AfD und NPD, der ganz Rechten also, umgarnen – wie in den seligen Zeiten eines Franz Josef Strauß.


08/2021


Dazu auch:


Völkermord als Test im Archiv von Politik und Abgrund (2018)