Ein Boris für die BRD

Cartoon: Rainer Hachfeld


Die westlichen Partner machen es uns vor, doch Deutschland zockelt hintennach: In etlichen Ländern, zuletzt in Großbritannien, übernehmen schräge Figuren mit enormem Unterhaltungswert, wenigen Inhalten und keinerlei Skrupeln die Regierungsgeschäfte, während hierzulande trotz (vielleicht auch wegen) der AfD der charismatische Populismus noch in von Langweiler*innen ausgelatschten Kinderschuhen steckt. Laut, schrill und bedenkenlos statt scheinheilig, pseudoseriös und hinterrücks lautet die aktuelle internationale Devise.


Betrug mit Glamour


Wie kann es sein, dass Figuren, denen man kein Wort, geschweige denn ein gebrauchtes Auto abnehmen würde, in Ländern, die sich zur „westlichen Wertegemeinschaft“ zählen, von den Medien hochgejuxt und von den Wählern in höchste Ämter gehievt werden? Und warum zeigt sich ausgerechnet in Deutschland, das sich einst als besonders anfällig für desaströsen Populismus und verheerenden Führerkult erwies, kein starker Mann, der in puncto Demagogie, Glamour und Machtwille mit den Showstars in Washington, London oder Rom mithalten kann?


Wenn Verschleierung, geschicktes Ausweichen und Ablenkung noch allein zu den Kardinaltugenden politischer Volkstribunen zählten, wäre mir nicht bange um die hiesige Parteienelite, doch inzwischen sind rabulistische Rechtfertigungen und Unschuldsbeteuerungen mega-out. Es darf auf der großen Bühne coram publico nach Herzenslust gelogen, beleidigt, verleumdet und diskriminiert werden, und an Entschuldigungen oder Richtigstellungen sollten die Akteure nicht einmal denken – solches Geplärre ist nämlich nur etwas für moralisierende Weicheier. Aber: Die Attacke muss mit krimineller Eloquenz und brutalem Charme vorgetragen werden, Fähigkeiten, die den deutschen Politikdarstellern offenbar abgehen.


Wenn ein Minister oder Parteivorsitzender in unserem Land vor die Mikrofone tritt, darf man pedantisch gemurmelte Euphemismen, apathisch klingende Bekundungen guten Willens und gehauchte Gedankenstriche, zwischen denen sich die Wahrheit hinter gefälliger Politur verflüchtigt, erwarten. Beim Verschweigen oder handfesten Lügen ertappt, windet sich so ein Polit-Star routiniert wie ein säumiger Beamter durch Dementis und Relativierungen – in der Hoffnung, dass irgendwann das Grundthema in Vergessenheit gerät. Dabei haben Trump, Johnson oder Salvini (der sich gerade im Wartestand befindet) längst nachgewiesen, dass man seine Fälschungen und Irrtümer verteidigen, wiederholen, ja aufbauschen muss, um Erfolg zu haben.

   

Fake ist die Wahrheit von morgen


Fake-Fakten sind lange genug und in ständig gesteigerter Lautstärke oder immer fetter gedruckt zu wiederholen, damit sie an Plausibilität und Akzeptanz gewinnen. An den investigativen Artikeln, dem pingeligen Diskurs in der besseren bürgerlichen Presse oder den abgehobenen Warnungen von Wissenschaftlern liest sich kein Mensch mehr die Sehkraft kaputt, lässt sich doch die Wahrheit oder das was man dafür hält, aus den einfachen und bunten Bausteinen monomanischer Meinungsmache in den Social Media zusammenbasteln. Wen interessiert der Beweis für eine Behauptung, wenn die Form ins Auge wie ins Ohr sticht und der Inhalt die eigenen Ängste oder Vorurteile bestätigt.


Donald Trump mag Milliardär sein und die US-Konzerne gegen ausländische Konkurrenz, einheimische Umwelt oder die Rechte der nationalen Beschäftigten munitionieren – für seine Anhänger bleibt er der unkonventionelle Außenseiter, der gegen die politische und wirtschaftsaristokratische Elite kämpft. Sein „Klartext“ auf Twitter findet mehr Likes als differenzierte Nachfragen, und wenn er sarkastisch den Klimawandel als Schimäre abtut, alle Gegner der Hexenjagd zeiht oder der halben Welt mit Vergeltung droht, dann kommt das so pointiert und genial verkürzt daher, dass der ohnehin schon lese- und denkfaule Kunde in Sekundenschnelle geistig infiziert wird und das ohnehin bereits schwindende Bewusstsein verliert.


Mit Lügen über die Zahlungen Großbritanniens an die EU und zynischen Scherzen hat auch Boris Johnson reüssiert. In den Labour-Hochburgen Nordenglands haben ihn Arbeiter gewählt, weil der manchen Beobachtern ein wenig infantil erscheinende Absolvent der höchst exklusiven Elite-Bildungsstätten von Eton und Oxford den Kämpfer gegen das Establishment gab und sich dabei so erfrischend grob gebärdete, dass sein menschenverachtender Zynismus als Authentizität goutiert wurde. Wie Trump gibt er nie einen Fehler zu, bleibt grundsätzlich Belege schuldig und diffamiert in bester polemischer Manier. Für viele Briten war seine Tour de Fake offenbar originell und schmissig genug, um ihm die Führung im bröckelnden Königreich anzuvertrauen.


Einmal geäußerter und verbreiteter Unsinn darf nie öffentlich zurückgenommen, korrigiert oder abgeschwächt werden. Nach dieser Devise verfahren Trump, Johnson, Salvini in Italien oder Orbán in Ungarn mit Erfolg. Die wenigsten Bürger in unseren Staaten beschäftigen sich analytisch mit der Vergangenheit; und bis sich die Behauptungen und Vorstellungen der Chef-Populisten als unwahr oder unrealiserbar erweisen, sind sie schon wieder uninteressante Vergangenheit (und der Output neuer Lügen beschlagnahmt die Aufmerksamkeit). Nun sind auch die Deutschen für eine dezidierte Geschichtsvergessenheit bekannt, bleibt also die Frage: Warum gibt es in der drögen Politikerszene hierzulande keinen Boris oder Donald?      

Wo bleibt Germany ̉s next Superpopulist?


Niemand kann ernsthaft behaupten, die Deutschen seien in der Vergangenheit gegen Chauvinismus, Größenwahn und Rassendünkel gefeit gewesen. Und auch heute gibt es hier nicht wenige Figuren, die auf Kundgebungen und vor allem übers Internet entsprechende Stimmungen schürten. Es fehlen bislang aber Propaganda-Superstars, weil möglicherweise das vorhandene Personal nicht so recht überzeugt und die fanatischsten Ideen bei uns (noch) allzu düstere und damit wenig publikumswirksame Assoziationen wecken.


Speisen sich einschlägige "Ideen" doch aus einer trüben Quelle, deren wichtigste Ingredienzien einst mythischer Kitsch à la Tolkien, Untergangsphantasien, Kriegsgeilheit und Ausrottungspraxis waren. Man kann Johnson und Trump vieles vorwerfen, darf ihnen aber keine suizidalen Gewaltträume unterstellen – sie kämpfen dafür, dass die Welt in ausgesuchten Teilen weiter existiert, zumindest bis zu ihrem eigenen Ableben.
















Schule der Populisten: AfD-Zwerge und ihre unerreichbaren Idole


An der Spitze der Rechtspopulisten in der Bundesrepublik stehen mit Höcke oder Meuthen Armleuchter, an denen man den Odel und die braunstichige Fellzeichnung vergangener Zeiten unwillkürlich wahrzunehmen vermeint, nicht Showtalente, die nie um publikumswirksame Gags verlegen wären. Ein Trump braucht keine faschistoide Ideologie, ihm genügt eine rücksichtslose Schlagfertigkeit, die ihn zu üblen Gags, die wie aus der Maschinenpistole kommen und der National Rifle Association oder anderen Lobbyisten-Vereinigungen höchst genehm sind, befähigt. 


Und der hölzernen und dumpfen Rhetorik des kürzesten Deutschen Reichs, wie sie heute noch teutonischen Rettern des Abendlandes zur Nachahmung dient, setzt Boris Johnson eine bösartige, in Teilen unmenschliche, zugleich aber amüsante Diktion und die defätistische Nuancierung eines Hardrock-Headbangers entgegen. Das kommt heutzutage an.


Es lebte einst im südlichen Bayern ein Mann, der die Gabe der derben Volkstümelei und das Talent zu kriminellen Machinationen im Übermaß besaß. Etliche Affären pflasterten den Weg des CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß, der beinahe die Stufen zum Kanzlerthron empor geführt hätte. Mal täuschte FJS die Öffentlichkeit bei seinem Versuch, SPIEGEL-Herausgeber Augstein in den Knast zu bringen, mal kassierte er beim Onkel-Alois-Skandal kräftig ab, dann wieder ließ er Waffen nach Israel schmuggeln. Strauß beschimpfte Andersdenkende als „Ratten und Schmeißfliegen“, bediente die Stammtisch-Klientel perfekt und genoss vor allem in Bayern einen Ruf als schlitzohriger Filou und ausgschamter Hund, als schlauer Machtmensch also. Er beschimpfte, redete übel nach, nahm aber nie etwas zurück und entschuldigte sich bei keinem seiner Opfer. Alle wussten von seinen Leichen im Keller, und doch blieb nie lange etwas an ihm hängen. Das Pech von FJS war seine frühe Geburt. Er war damals seiner Zeit weit voraus und könnte heute in einer Liga mit Johnson, Trump und Salvini spielen.


Aber vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass die Republik im rechten Spektrum, also in den meisten Bundestagsparteien, nur über unterdurchschnittlich begabte und meist farblose Politiker verfügt. Ein Boris J. könnte mit seinen gefährlichen, aber launigen Zuspitzungen und Vereinfachungen die nationalistischen Vorurteile und Humorvorstellungen tumber Massen weitaus stimmungsvoller anheizen als die AfD-Zwerge. Und seine Fans wären dann möglicherweise zu gewichtigeren (Un)Taten fähig als die Pegida-Spinner…

 

01/2020

 

Dazu auch:

Irrsinn mit Methode im Archiv der Rubrik Medien (2019)

Berserkers Rückhalt im Archiv von Politik und Abgrund (2019)