Einäugig mit Zwergen

Cartoon: Rainer Hachfeld


(Zum Titel dieser Kolumne ist eine Klarstellung vonnöten: Man spricht gewöhnlich vom „Einäugigen unter Blinden“, doch würde das in diesem Kontext bedeuten, dass sich schwer sehbehinderte Menschen als Versager diffamiert sähen. Mit Zwergen wiederum sind hier keineswegs Kleinwüchsige gemeint, sondern Politiker, die wichtige Aufgaben mit sehr geringem Verstand wahrnehmen. Was hingegen Markus Söder betrifft, kann man ihm guten Gewissens attestieren, dass er schon im Kinderzimmer durch das Poster seiner Vaterfigur Franz Josef Strauß auf den rechten Blick sowie die rigorose Selbstdarstellung hin konditioniert wurde, dass ihm aber das zu Reflexion und sozialer Verantwortung notwendige Licht des linken Auges fehlt.)


Gut, Söders einst glänzendes Image hat angesichts der jüngsten Testungspanne die ersten Schrammen abbekommen, aber immer noch sehen ihn etliche Bundesbürger als tatkräftigen Landesvater – möglicherweise nicht nur für Bayern, sondern sogar für die ganze Republik. Obwohl viele seiner Fans auch an Fußball-Weisheiten glauben, haben sie das Kicker-Mantra, dass stets das Team zählt, nicht der Solist, kaum verinnerlicht. Sie müssten sich sonst fragen, wo Söder seine CSU-Spitzenmannschaft rekrutiert hat: in der Zwergschule oder doch eher in einer Beschützenden Einrichtung?


Der Ankündigungsweltmeister


 „Söder kann Kanzler“, lobte unlängst der in den Fremdsprachen Deutsch und Englisch gleichermaßen eloquente EU-Schwabe Günther Oettinger den bayerischen Ministerpräsidenten, und Austrias Kanzler Sebastian Kurz schickte ein ambivalentes, wohl auch von CSU-Gegnern geteiltes Kredo hinterher: „Ich traue Markus Söder alles zu.“ Da reift einer zum Kandidaten für den Chefposten in der nächsten Bundesregierung heran, möchte man meinen. Noch aber ziert sich Söder, ganz so, als wolle er von Verzweifelten um Bewerbung gebeten werden.


Es hat Markus Söder nicht geschadet, dass er in der Corona-Krise zunächst Lockdown und dann Maskenpflicht für überflüssig hielt, nur um sich jeweils zwei Wochen später an die Spitze der Befürworter zu stellen. Auch die Tatsache, dass im Freistaat die Letalität unter Corona-Kranken mit am höchsten ist, dort also im Verhältnis mehr Covid-19-Infizierte sterben als in fast allen anderen Bundesländern, drang bislang nicht ins Bewusstsein der Bürger. Was sich in den Umfrageergebnissen niederschlug, war Bewunderung für seine fulminante Selbstbeweihräucherung und sein energisches Handeln, auch wenn sich dieses immer wieder als bloßer Aktionismus entpuppte. Jetzt aber sind Söder ein paar Zacken aus der Krone gefallen.


Kaum hatte er den Rest der Republik belehrt, man müsse in der Landwirtschaft dem Beispiel Bayerns mit (angeblich) kleineren Betrieben folgen, brach in den Pferchen für die Hilfskräfte niederbayerischer Gurkengroßbauern und Konservenfabriken Corona aus, und zwar mit einem solchen Durchseuchungsgrad, dass die zuvor betroffenen Schlachthöfe von Tönnies in NRW dagegen wie Reha-Einrichtungen aussehen.


Für die Galerie installierte Söder Testzentren an den Grenzen oder auf Flughäfen, während doch ständig wiederholte (aber weniger medienwirksame) Viren-Screenings in Kliniken, Alten- und Pflegeheimen wesentlich dringlicher wären, wo infizierte Mitarbeiter leicht zu Todesengeln für die Patienten und Senioren werden können. Und als dann aus dem Urlaub nach Bayern Heimkehrende getestet wurden, geschah dies derart überhastet und wenig durchdacht, dass die Ergebnisse nicht übermittelt wurden und fast tausend Infizierte in ganz Deutschland ahnungslos ihre Nächsten und Arbeitskollegen anstecken durften.


Natürlich war Söder nicht vor Ort und somit auch nicht unmittelbar an dem Desaster beteiligt, aber als Regierungschef, Initiator und vor allem weltmeisterlicher Ankündiger zeichnete er für die Durchführung und personelle Ausstattung einer staatlichen Maßnahme zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit verantwortlich.

     

Avanti dilettanti!


Als Schuldige an der Test-Katastrophe war bald die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml ausgemacht, die schon seit Beginn der Pandemie reichlich überfordert wirkt. Ein paar Ehrenamtliche sollten die Seuche an vorderster Front stoppen, für die Dokumentation stand keine EDV zur Verfügung, so dass wie im 19. Jahrhundert mit Papier und Bleistift – zum Teil unleserlich – hantiert wurde. Und als ihr die folgenschwere Panne gemeldet wurde, ließ Huml nochmals zwei wichtige Tage verstreichen, ehe sie die Öffentlichkeit alarmierte.


Doch Söder mochte seine Gesundheitsministerin nicht wegen erwiesener Unfähigkeit entlassen, er sorgte allerdings dafür, dass sie nichts mehr zu sagen hat, verordnete er ihr doch gleich drei Vormünder und unterstellte die Testzentren dem Innenministerium seines treuen Vasallen Joachim Herrmann. Melanie Huml mag tatsächlich nicht die hellste Kerze auf der Torte sein, doch ist sie mit ihren Defiziten in der Führungsriege der CSU nicht allein. Man fragt sich langsam, welche Gurkentruppe Markus Söder für München und Berlin zusammengestellt hat und warum er an solch multiplen Versagern so lange festhält.


Über die Pleiten eines Andreas Scheuer noch viel zu schreiben, hieße Eulen nach Athen oder – um dem Niveau des Verkehrsministers gerecht zu werden – Spatzen nach Ulm zu tragen. Kongenial agiert sein Kollege im Berliner Kabinett, Horst Seehofer, unverbindlich mäandernd in der Flüchtlingspolitik, aber konsequent im Ableugnen von rassistischen Strukturen in der Polizei, weil es seiner Meinung nicht gibt, was es nicht geben darf. Diese beiden Koryphäen des politischen Desasters wurden von Söder höchstpersönlich in die Bundeshauptstadt entsandt, auf dass am bayrischen Wesen ganz Deutschland genesen solle. Zu beiden gesellt sich noch Seehofers Altlast Alexander Dobrindt als Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag, der vielen als der geistige Vater der Maut-Posse gilt.






















Meister Markus hält seine schützenden Hände über drei seiner ignoranten Primaten 



Wissen sie zu viel, ist er zu weich?


Markus Söder war nie ein Teamplayer, sein Ego dürfte über Trump‘sche Ausmaße verfügen. Und derzeit offenbart er, dass er wohl deswegen Mannschaftskapitän oder Trainer eben nicht kann. Fehlt es an Menschenkenntnis, oder haben ihn taktische Spielchen und regionale sowie wirtschaftskonforme Rücksichtnahmen zu einer solch kruden Personalpolitik bewogen? Dass Seehofers Berliner Irrfahrt das Resultat eines Deals, der den Sessel des Ministerpräsidenten für Söder freimachte, war, ist noch nachzuvollziehen. Warum der aber seine Gestaltungsmacht nicht nutzt, um Angela Merkel von der Lachnummer der Republik, Andreas Scheuer, zu befreien, indem er der neuen Freundin dessen Ablösung nahelegt, bleibt ebenso sein Geheimnis wie die Bestätigung der hilf- und ahnungslosen Melanie Huml in ihrem Amt.


Dass Söder zu weich, zu human wäre und kollegial dächte, wird keiner, der seinen unaufhaltsamen Aufstieg unter brachialem Ellbogeneinsatz in Bayern beobachten durfte, unterstellen. Hatte vielleicht die eine oder andere Personalentscheidung ein Geschmäckle, gab es Absprachen, von denen die Öffentlichkeit nichts erfahren sollte, wissen einige Leute zu viel von internen Kungeleien? Wir werden es wohl nie erfahren, die CSU-Omertá ist seit Jahrzehnten intakt.


Allerdings könnte Söders Unfähigkeit, sich mit kompetenteren Parteigenossen und Partnern statt mit Polit-Zwergen zu umgeben, auf Dauer auch Wähler abschrecken. Man stelle sich vor, er müsste nach der nächsten Bundestagswahl die Mehrheit der Regierungsmitglieder benennen! Dann würde wohl ein Horrorkabinett drohen…

 

08/2020

 

Zwei trübe Tassen in dieser Rubrik

Von Bayern lernen? in der Rubrik Politik und Abgrund