Fake à la Biden 

Cartoon: Rainer Hachfeld


„Alternative Fakten“, von höchster Stelle gestreute Fakes und optimistische Deutungen verheerender Ergebnisse – all diese medialen Kunstgriffe schienen integrative Bestandteile der Trump-Ära zu sein und somit nach der Abwahl ihre Existenzberechtigung verloren zu haben. Doch nun ordnet der neue Herr im Weißen Haus den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan an und befleißigt sich einer ähnlichen Rhetorik wie sein irrlichternder Vorgänger.


Wie man ein Scheitern schönredet


Dass die GIs und mit ihnen die subalternen Alliierten das Land im Hindukusch verlassen, ist verständlich und begrüßenswert, wird doch so die endlose Verlängerung eines Konflikts verhindert, der nicht zu gewinnen war und mehr „Kollateralschäden“ unter der Zivil-bevölkerung anrichtete, als er Verluste bei den Kombattanten forderte. Insofern klingt Bidens Botschaft zunächst vernünftig: „Es ist Zeit, Amerikas längsten Krieg zu beenden. Es ist Zeit für die amerikanischen Truppen nach Hause zu kommen.“


Donald Trump hatte die boys schon bis Mai home holen wollen, da fängt Biden gerade erst an mit der Evakuierung, die symbolträchtig am 11. September abgeschlossen sein soll, genau zwanzig Jahre nach dem Tag also, an dem das New Yorker World Trade Center von Al Qaida in Schutt und Asche gelegt worden war. Dies war schließlich auch der Grund für die USA gewesen, in das Gastland von Osama bin Ladens Islamistenbande einzumarschieren. Biden als vierter Präsident mit diesem Klotz am Bein beendet nun das „Engagement“ und könnte ehrlich feststellen: „Wir schleichen uns aus Afghanistan davon, weil es uns nicht gelungen ist, die Lage dort zu stabilisieren und der fundamentalistischen Terroristen (mit deren Vettern wir einst selbst verbündet waren) Herr zu werden.“


Biden tönt stattdessen, die ursprüngliche Mission des Einsatzes sei „erfüllt“. Seine Administration ließ er verlautbaren, das Ziel, dass Afghanistan Terroristen nicht mehr als Zufluchtsort diene, sei erreicht worden. Handelt es sich bei diesen Statements um Anzeichen einer kollektiven Bewusstseinseintrübung? Oder feiert Trumps ganz eigene Logik eine fröhliche Wiederauferstehung? Al Qaida ist nicht verschwunden, sondern nur ein wenig untergetaucht, und im angeblich von Terroristen gesäuberten Land macht sich der Islamische Staat breit, flankiert von als Mujahedin getarnten Banditen und lokale Warlords. Dazu haben die Taliban, die ebenfalls zu religiösem Berserkerwahn neigen, in den Verhandlungen mit den USA keine ernsthaften Zugeständnisse gemacht.


Bedingungsloses Abhauen


Schon unter Trump waren von den USA „ernsthafte Friedens-gespräche“ mit der Regierung in Kabul als Voraussetzung für den eigenen Truppenabzug postuliert worden. Die Taliban aber denken gar nicht daran, mit Feinden, die sie nicht ganz zu Unrecht als Marionetten Washingtons betrachten, seriös über eine Nachkriegszeit in demilitarisierter Koexistenz zu reden. Sie wollen an die ungeteilte Macht zurück, sobald die fremden Truppen abgezogen sind.


Von wegen Ziele erreicht: Die US-Regierung argumentiert offen, dass die Forderung von Garantien zum Schutz der Zivilbevölkerung oder der Anerkennung des Kabuler Regimes lediglich dazu führen würde, dass die Truppen doch im Land bleiben müssten. Nicht einmal den kleinen Finger haben die Taliban offenbar ihren mächtigen „Verhandlungspartnern“ gereicht. Oder wie es ein Regierungs-sprecher in Washington formulierte: „Der Präsident hat entschieden, dass ein auf Bedingungen basierender Ansatz, der der Ansatz der vergangenen zwei Jahrzehnte war, ein Rezept für einen ewigen Verbleib in Afghanistan ist.“


Also nichts wie weg, und die ebenso korrupten wie unfähigen Statthalter in Kabul sich selbst überlassen! Deren Delegierte tagen übrigens seit September vorigen Jahres in Doha mit Taliban-Abgesandten. Mehr als eine Einigung bei zwei, drei Verfahrensfragen ist dabei bisher nicht herausgekommen, was auch nicht weiter verwundert, warten die Islamisten doch nur geduldig ab, bis ihnen das Land wie ein fauler Apfel in den Schoß fällt.



















Also, wir sind dann mal wieder weg... Mit den paar Fanatikern werdet ihr euch doch sicher allein einigen können! 


Mindestens so schnell wie die US-Militärs werden die westlichen Verbündeten Afghanistan verlassen, hatten sie sich doch durch ihre Beteiligung an der Intervention das Wohlwollen des Großen Bruders in Washington und einen schnellen und vor allem dauerhaften Sieg erhofft. Dass die Soldaten, von denen leider einige durch Kriegsverbrechen auffielen, in die sichere Heimat zurück wollen, ist verständlich, mussten sie doch die Fehleinschätzungen ihrer Regierungen, ob in Großbritannien, Italien oder Australien, vor Ort ausbaden, in einem Konflikt, „der als sinnloser Einsatz in die Geschichte eingeht“ (Tobias Matern in der SZ).

   

Maas hat das vorletzte Wort


In Vasallentreue zu den USA hatte Deutschland Truppen nach Afghanistan entsandt, die sich aus diversen Kämpfen weitgehend heraushielten, wenn nicht gerade ihr Oberst Klein für ein Massaker an über hundert Dorfbewohnern, die ein wenig Benzin hatten abzweigen wollen, verantwortlich zeichnete. Dennoch verloren 53 Bundeswehr-angehörige in den beinahe zwanzig Jahren des Einsatzes ihr Leben. Kein Wunder, dass die Lage im Land als zu gefährlich für die bis an die Zähne bewaffneten deutschen Soldaten gehalten wurde. Nicht zu gefährlich für abgelehnte Asylbewerber schätzen hingegen die hiesigen Behörden die Situation ein und schieben fleißig nach Afghanistan ab.


Und wofür erbrachte die Bundeswehr die Opfer? Für nichts und wieder nichts, am allerwenigsten aber für die unter dem Krieg leidende Bevölkerung, wie ein außenpolitischer Sprecher Gerhard Schröders später in aller Klarheit feststellte: "Die Entscheidung, nach Afghanistan zu gehen, hatte null Prozent mit Afghanistan zu tun und hundert Prozent mit den USA. Wenn Bin Laden sich auf den Fidschi-Inseln versteckt hätte, wären wir dahin mitgegangen."


Während also Bundeswehrsoldaten gewissenhaft das eigene Leben schützten, übten sich deutsche Politiker in markigen Durchhalte-parolen. „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“, schwadronierte der ehemalige SPD-Verteidigungsminister Peter Struck. Demnach können wir ab jetzt davon ausgehen, dass Deutschland in höchster Gefahr ist, weil niemand mehr die Barbaren im afghanischen Gebirge bekämpft. Und Ex-Bundespräsident Horst Köhler brachte endlich auch die Wirtschaft ins Spiel und lobte das militärische Engagement, „um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege…“

 

Mit der Zeit und der sich immer klarer abzeichnenden Erfolglosigkeit verstummten die Befürworter des Interventionsirrsinns. Und als alles gesagt schien und keiner mehr das Thema in Erinnerung bringen mochte, kam der Mann, der immer noch eine letzte Plattitüde auf Lager hat: Heiko Maas. „Wir wollen nicht durch einen zu frühzeitigen Abzug aus Afghanistan riskieren, dass die Taliban zurückkehren zur Gewalt und versuchen, mit militärischen Mitteln an die Macht zu kommen“, belehrte der deutsche Außenminister die NATO-Spitzen in Brüssel. Ihm war offenbar völlig entgangen, dass die Zeloten nie von der Gewalt und der Rückeroberung der Macht gelassen hatten. War aber auch egal, denn das letzte Wort hatte ohnehin Chef Biden.

 

Dass der 59. Präsident der USA die geordnete Flucht aus Afghanistan befiehlt, mag verständlich sein, will er doch seine Soldaten, die dort nie etwas zu suchen hatten, vor dem Terror schützen, den nun die Einheimischen allein zu erdulden haben werden; dass er aber ganz im Stil des 58. Präsidenten, wenn auch in moderaterem Tonfall, flunkert und ein totales Debakel in einen ansehnlichen Teilsieg umdeutet, lässt Schlimmes für die Zukunft befürchten.

 

04/2021

 

Dazu auch:

 

Zwischen den Stühlen in der Rubrik Medien

 

Chronik des Versagens im Archiv der Rubrik Politik und Abgrund (2020)