Glorreicher Parvenü

Cartoon: Rainer Hachfeld


Die Rangelei um Ministerposten in einer neu zu bildenden Regierung gehört zu den ebenso redundanten wie unwürdigen Schauspielen in unserer bürgerlichen Demokratie. Auf welch niedrigem Niveau sich aber der innerparteiliche Konkurrenzkampf bei den Grünen abspielt, die einst angetreten waren, alles besser und moralisch sauberer zu machen, ist schon bemerkenswert. Selbst wohlmeinende Beobachter müssen nun erkennen, dass die Öko-Partei das System, das sie eigentlich ändern wollte, vollständig verinnerlicht hat.


Kompetenzen? Scheißegal!


Man stelle sich vor, eine Partei bekommt in Koalitionsverhandlungen das Zugriffsrecht auf ein Ministerium zugesprochen und kann ein führendes Mitglied präsentieren, das über einschlägige Kenntnisse in der Materie des Ressorts verfügt. Ein Glücksfall, der nicht allzu oft vorkommt, meist ergattern ehrgeizige Amateure die Fachposten. Bei der Benennung des künftigen Landwirtschaftsministers jedoch hatten die Grünen eine respektable Option, die sie zugunsten einer schillernden Personalie ungenutzt ließen.  


Anton Hofreiter wirkt mit seiner langen Mähne und der unkonventionellen Gewandung wie ein Gegenentwurf zu den Karrieristen in smartem Outfit, die inzwischen das Bild der Grünen prägen. Der Bayer, nicht gerade ein Ausbund an Eloquenz, dafür aber kantig und geradlinig, erinnert an die Gründungszeiten seiner Partei, als in deren Reihen noch alternativ und sogar links gedacht werden durfte, ohne dass die Realos gleich ihren bedenkenarmen Marsch an die Macht gefährdet sahen.


Zwar sind von Hofreiter keine tiefgründigen gesamtgesellschaftlichen Thesen bekannt, doch wenn es um Landwirtschaft geht, ist er ein Mann vom Fach und zwar einer, der den hiesigen Agrar-Wahnsinn stoppen will. So hat der promovierte Biologe ein Buch mit dem Titel „Fleischfabrik Deutschland: Wie die Massentierhaltung unsere Lebensgrundlagen zerstört und was wir dagegen tun können“ geschrieben, er fordert das Verbot des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen, die Reduzierung von Pestiziden auf den Feldern und die Einschränkung von Anabolika in den Ställen.


Hofreiter will die Agrarwende, doch die Änderung der Strukturen soll nicht zu Lasten deutscher Niedrigverdiener gehen, zugleich sollen die Zerstörung kleinbäuerlicher Strukturen in der Dritten Welt durch den Nahrungs- und Futtermittelbedarf sowie die postkoloniale Handelspolitik der EU beendet werden. Es wäre spannend geworden, zu sehen, wie weit sich dieser Widerborst in der Kuscheldecke der Jamaika-Koalition hätte durchsetzen können. Aber zu diesem aufschlussreichen Showdown wird es nun nicht kommen, denn ein schwäbisches Cleverle hat ihm den Job weggeschnappt.  


Opportunist gegen Zausel


Cem Özdemir wollte schon so ziemlich alles werden und so bewarb er sich um Direktmandate für den Bundestag, einen Sitz im Europaparlament, mehrmals um den Fraktions- bzw. Parteivorsitz und die Spitzenkandidatur bei Bundeswahlen – bisweilen erfolgreich, manchmal aber auch nicht. Zwischendurch produzierte er sich auch im reaktionären internationalen Thinktank „Atlantik-Brücke“, bis Friedrich Merz dort die Leitung übernahm. Und jetzt sah er seine Chance, anstelle des designierten Anwärters Hofreiter, den viele grüne Parvenüs mit FDP-Attitüden für einen unorthodoxen Zausel, ein Relikt aus alten halblinken Tagen halten, ins Agrarministerium einzuziehen.


Wie Habeck und Baerbock ist Özdemir Realo, also Mitglied des bürgerlich rechtsliberalen Mehrheitsflügels. Derzeit darf sich der ehrgeizige Bauernminister in spe über das kurze Gedächtnis in diesem Land freuen, denn kaum jemand erinnert sich noch daran, dass er den Grünen früh einen Skandal eingebrockt hat. Die Agentur Reuter berichtete damals: „Die erste nennenswerte Affäre um Begünstigung eines Grünen-Politikers hat am Freitag zur Kapitulation von Cem Özdemir geführt. Eine Woche lang stand der innenpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion im grellen Scheinwerferlicht. Der Vorzeige-Multi-Kulti hatte Anfang 1999 ein zinsgünstiges 80 000-Mark-Darlehen vom umstrittenen PR-Berater Moritz Hunzinger angenommen.“ Von einem „Geschmäckle“, das die Transaktion hinterließ, schrieb der SPIEGEL.


Warum hatte Özdemir das Geld von einer zwielichtigen Figur, über die schon SPD-Scharping als Verteidigungsminister gestolpert war,  gebraucht, obwohl er als MdB doch insgesamt stolze 17.000 Mark monatlich an Gehalt und Aufwandsentschädigung kassiert hatte? Ganz einfach, ihm war jahrelang entfallen, dass auch ein Volksvertreter Steuern zu zahlen hat. Die Gegenleistung, die Özdemir für die Gefälligkeit erbrachte, fiel in den Graubereich des Lobbyismus. Dass er in dieser Zeit auch anderweitig – um Brecht zu variieren – etwas lax im Umgang mit öffentlichem Eigentum war, legt der unwidersprochene Vorwurf nahe, er habe die bei dienstlichen Flügen angesammelten Bonusmeilen privat genutzt.


Wieso konnte jemand mit einer solch – gnädig ausgedrückt – durchwachsenen Vita immer wieder neu für hohe Posten antreten und von seiner Partei auch des Öfteren berücksichtigt werden? Liegt es an seinem schier unaufhaltsamen Geltungsdrang, an der informellen Vernetzung mit den anderen Spitzenrealos oder schlicht daran, dass sich die Grünen, repräsentiert von ihm, endlich angekommen und ernst genommen fühlten in der kritik- und inhaltsfeindlichen Bundeskleptokratie Deutschland?      


Ein blutiger Laie mit großer Aufgabe


Aber vielleicht verfügt Cem Özdemir über verborgene Qualifikationen und persönliche Erfahrungen, die ihn für das Amt des Landwirtschaftsministers befähigen. Wikipedia hat in fetten Lettern festgehalten, wozu sich der Ministernovize schon alles bedeutungsschwanger geäußert hat, und das ist nicht wenig: „Finanz- und Steuerpolitik… Wirtschafts- und Sozialpolitik… Infrastrukturpolitik… Außenpolitik“.


Aber Agrarpolitik? Fehlanzeige. Halt nicht ganz, Özdemir verweist selbst darauf, dass ihm der Hang zu Acker und Viehstall, damit womöglich auch das nötige Wissen, väterlicherseits quasi vererbt wurde: "Bevor mein Vater als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen ist, war er Landwirt aus einfachsten Verhältnissen." Es müssen tatsächlich die Gene gewesen sein, dann der kleine Cem kam erst in Schwaben zur Welt und erlebte den Papa nur noch als Monteur. Mit dieser Logik kann sich jemand, dessen Vater im fernen Afghanistan für die Bundeswehr Dienst getan hat, gleich auf zwei Ministerposten bewerben: im Verteidigungsressort und im Auswärtigen Amt.



















Zu den wichtigsten Problemen, die der neue Stern am deutschen Agrar-Himmel angehen muss, zählt die Überdüngung von Feldern und Wiesen


Immerhin erklärt der bekennende Vegetarier ebenso forsch wie nebulös, er werde sich als Minister für das Tierwohl einsetzen: ein Begriff, auf den seine Vorgängerin, die Weinkönigin und Pharma-Sympathisantin Julia Klöckner von der CDU, das Copyright hält und den sie als willkürliches Label auf freiwilliger Basis so unverbindlich installierte, dass die Empörung über die animalischen Praktiken der Großschlächter in sanfter Verharmlosung unterging.


Die Benennung von Kabinettsmitgliedern mit Migrationshintergrund wäre angesichts der demografischen Entwicklung dringend geboten. Muss aber der. Einzige, der nominiert wird, jemand mit einer derart windigen Biografie und evidenten Sachferne sein? Müssen umgekehrt Expertise und nachgewiesenes Engagement in der Sache unbedingt einer fragwürdig angewandten Quotenregelung und der „rechten“ Gesinnung weichen? Vermutlich hätte es Hofreiter angesichts seiner künftigen Kollegen nicht geschafft, die klima- und bodenfeindlichen Agrarstrukturen radikal zu ändern, aber er hätte zumindest gewusst, wo die Scheune brennt. Mit ihrer Entscheidung pro Özdemir aber hat die grüne Spitze selbst das zarte Pflänzlein der Hoffnung auf eine nachhaltige Landwirtschaftspolitik der Eitelkeit und einem fragwürdigen Proporz geopfert.


12/2021


Der Pfadfinder in der Rubrik Helden unserer Zeit (2017)