Heilige Peinlichkeit
Cartoon: Rainer Hachfeld


Zur Abwechslung handelt dieses Traktat einmal von einer Heldin unserer Zeit, die allerdings eins mit den meisten männlichen in dieser Rubrik charakterisierten Pendants teilt: die unheilbare Sucht nach öffentlicher Aufmerksamkeit. Margot Käßmann hatte auf der Karriereleiter des deutschen Protestantismus so ziemlich alles erreicht, was möglich war, stieg als Pfarrerin zur Generalsekretärin des Kirchentages, zur Landesbischöfin und danach gar zur Ratsvorsitzenden der BRD-Evangelischen auf. Dann aber unterlief der EKD-Chefin ein Fauxpas, und nun schreibt sie ausgerechnet in der Bild am Sonntag (BamS) über alles und jeden.


Rhetorische Allzweckwaffe


Sie war ob ihrer Allgegenwart und Meinungsstärke schon als Kandidatin für die Bundespräsidentschaft gehandelt worden, doch dann schaute sie einmal zu tief ins Glas: Am 20. Februar 2010 fuhr Margot Käßmann nachts mit 1,54 Promille Alkohol im Blut über eine rote Ampel und der Polizei in die Arme. Ein CSU-Politiker der alten Garde hätte angesichts eines solch lausigen Wertes nur trunken gelacht und weiter an seiner Laufbahn gebastelt, die Theologin aber offenbarte Skrupel und trat als Landesbischöfin sowie Ratsvorsitzende umgehend zurück. Ihre Bußfertigkeit liegt wohl im Psalm 135 begründet, wo steht, dass niemand tiefer fallen könne als in Gottes Hand.


Nun nahm die gebürtige Magdeburgerin in der Vergangenheit durchaus ehrenwerte Positionen ein. So unterstützte sie Kriegsdienstverweigerer oder Klima-Aktivisten und wandte sich gegen Fremdenhass wie Rechtsextremismus. Allerdings fiel sie bald durch einen redundanten moralischen Exhibitionismus auf, der sich nach ihrem rauschhaften Läuterungserlebnis in einer unstillbaren Logorrhoe äußerte. In ihrer Penetranz und Dauerpräsenz erinnert sie inzwischen an die TV-Schauspielerin Inge Maysel, die einst unablässig an unserem Nervenkostüm sägte, und an Markus Söder, der es noch heute tut.


Als Kolumnistin heuerte Käßmann beim Springer-Verlag an, also jener Heimstätte von Schmuddel-Journalismus, wie sie ihn früher vehement abgelehnt hatte. Und da sie Unrat auch in den idyllischsten Ecken wittert, konnte nicht einmal Finanzminister Christian Lindner seine Franca ungestört auf Sylt vor den Altar führen. Vor den Altar? Ja, denn die beiden Hälften des jungen Paares waren zwar schon vor Jahren aus der katholischen, respektive evangelischen, Gemeinde ausgetreten (wegen der Kirchensteuer?), mochten aber bei der Hochzeit nicht auf sakralen Pomp im Gotteshaus verzichten. In der BamS warnte die umtriebige Pastorin davor, dass die christlichen Kirchen durch Trauungen von nichtreligiösen Paaren „zu billigen Eventlocations“ verkommen würden.


Weißwäsche der Dreckschleuder


Nun, den Steuerzahlern in diesem Land bleiben der Erhalt der Kirchen für schlecht besuchte Gottesdienste und überhaupt die Alimentierung der beiden Großsekten weiterhin sehr teuer. Bei Lindners Hochzeit schien wenigstens das sakrale Schiff gut gefüllt gewesen zu sein, denn die Creme der deutschen Rechten, vom FDP-Rabauken Wolfgang Kubicki über den Blackrock-Unionisten Friedrich Merz bis hin zum Gebrauchsphilosophen Peter Sloterdijk und zu Bundeskanzler Olaf Scholz, gab sich ein frommes Stelldichein.


Frau Käßmann aber muss sich fragen lassen, welche Prioritäten sie künftig zu setzen gedenkt. Möchte sie ein antagonistisches Gegenstück zur BUNTEN schaffen oder – wie weiland Jesus – die Tempel besenrein halten? Vor allem aber wollen wir wissen, wie es sich anfühlt, als moralische Instanz in einem Verlag, dessen Publikationen bisweilen die Grenzen zu Chauvinismus und Verschwörungsideologie überschreiten, für Weißwäscherei zu sorgen. Immerhin darf sie sich in einem Springer-Blatt kritisch über Lindners Angetraute Franca Lehfeldt äußern, und die arbeitet schließlich für Springers Halbintellektuellen-Kampforgan DIE WELT.


Alibis für den Kampagnen-Konzern besorgen auch immer wieder Politiker der SPD, der Grünen und – ja tatsächlich – der Linken, die ihre innersten Gedanken einer infolge sinkender Auflagen immer exklusiver werdenden Öffentlichkeit anvertrauen, als gäbe es außer BILD keine würdige Publikationsmöglichkeit für die oft hochnotpeinlichen Ergüsse. Wie ihnen scheinen auch Käßmann jegliches Unrechtsbewusstsein als Publizistin und der Instinkt für die Aufwertung dubioser Gazetten abzugehen.


Reines Gewissen? Bigotte Argumentation!


Journalisten der vom ZEIT-Autor Jakob Buhre mitgegründeten Gesprächsplattform „Planet Interview“ hatten die Theologin gefragt, warum sie trotz allerlei dort veröffentlichter Schweinereien in BILD veröffentliche. „Ich schreibe für die Bild am Sonntag“ (also den Familienableger des Revolverblattes), antwortete Käßmann rabulistisch. „Im Netz erscheinen Ihre Artikel auf www.bild.de“, konterten die Interviewer und legten nach: „Sie würden also nicht für die BILD schreiben?“























Von ihrer Boulevard-Kanzel aus fragt Margot Käßmann angesichts des Ukraine-Krieges, "wie wir unseren Kindern das Böse erklären" sollen. Wir legen ihr ein leicht abgewandeltes Goethe-Zitat ans fromme Herz: „Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Böse liegt so nah!"


„Sie sitzen da auf einem ziemlich hohen moralischen Ross, finde ich“, antwortet da die nationale Gewissensjurorin von ihrer Giraffe herab und brüstet sich anschließend damit, mittels launigem Senf zu diesem und jenem Springers Medienmacht zu nutzen. „Denn ich kann meine Meinung jeden Sonntag, frei ohne jede Zensur, kundgeben in einem Medium, das viele Menschen lesen.“


Die Interviewer zitieren aus einer Hommage Käßmanns auf ihren Chefideologen Martin Luther, in der sie den Reformator als „Denkenden“ bezeichnet, der „Glaube und Verstand beieinander hält und auf genau diese Weise jedem Fundamentalismus trotzt, sei er religiöser oder ideologischer Natur“. Wie könne man jemanden, der sich bei seiner Hetze gegen die Juden auf die Bibel berief, als Botschafter gegen religiösen Fundamentalismus sehen, wollen die Journalisten wissen.

Doch da entflieht die Pastorin geschickt ins Schattenreich des Ungefähren, antwortet oder widerlegt nicht, sondern macht eine neue Baustelle auf: „Für mich ist da der zentrale Punkt: Selber denken! Luther lehnt es ab, dass du glaubst, weil es dir ein Priester, ein Dogma oder die Kirche so vorgibt…“


Würde man diese angebliche Erkenntnis Luthers auf Luther selbst anwenden, dürfte man ihm folgende Worte in den Mund legen: „Ich bin zwar ein Antisemit und hasse Juden, weil in der Bibel Übles über sie steht, aber ihr müsst mir und meiner neuen Kirche nicht alles glauben.“


Dem Himmel sei Dank: Dann müssten wir auch Frau Käßmann nicht jeden sinnfreien Stuss abnehmen.


07/2022


Dazu auch:


Unmoralische Instanz im Archiv der Rubrik Medien (2021)