Holy Moos
Spätestens seit Hagen von Tronje wissen wir, dass es unter „Helden“ nicht nur Lichtgestalten gibt, manche können auch ignorant, fies und gemeingefährlich sein.
Das aktuelle Politikgeschehen, dominiert von Kriegen, Energiekrisen, Hightech-Dominanz und Super-Kapitalismus, scheint auf den ersten Blick weder Zeit noch Verwendung für mythologische Gedankenspiele und religiöse Welterklärung zu haben. Bei genauerem Hinsehen muss man allerdings konstatieren, dass die fatale Gemengelage der Jetztzeit, in der sich restaurative Vorstellungen mit faschistischen bzw. rassistischen Ideen mischen, durch von metaphysischen Delirien angetriebenen Bewegungen zugespitzt wird. Und dieser neo-religiöse Fanatismus dient nicht wie früher nur zur Verbrämung und Rechtfertigung imperialen Machtstrebens, er bildet mittlerweile eine irrationale Speerspitze in angeblich aufgeklärten Gesellschaften.
Erfolg als Gotteswink
Es ist hier nicht die Rede von den mittelalterlichen Machtstrukturen und Schriftauslegungen, die das Recht des Einzelnen durch gesellschaftliche Ge- und Verbote in Gottesstaaten wie dem schiitischen Iran oder dem wahhabitischen Saudi-Arabien einengen. Auch die Römisch-Katholische Kirche, viele Jahrhunderte lang ein potenter Player auf dem politisch-militärischen Schlachtfeld, spielt im gegenwärtigen Kampf um Seelen, Daten und Deutungen eher eine Nebenrolle. Das Hauptaugenmerk soll auf messianischen Tendenzen der angeblich so nüchtern kalkulierenden Hightech-Elite und ihrer christlich-fundamentalistischen Sturmtruppen liegen. Letztere rekrutieren sich aus den evangelikalen Freikirchen in Nordamerika und haben sich unter dem treuesten Helfer und Taktgeber der E-Milliardäre, Donald Trump, zu einer (zunächst noch geistigen) Kreuzzugsarmee entwickelt, die sich anschickt, Logik, Kritik, Dialektik, kontrovers aufgefasste Kunst und wissenschaftliche Ergebnisse in Windeseile aus der Öffentlichkeit verschwinden zu lassen.
Eigentlich sollte man meinen, die Superreichen hätten sich ihre Unsummen durch Erfindungsgeist (eigenen und vor allem den ihrer Zuarbeiter), Gespür für den Finanzmarkt und die Manipulierbarkeit ihrer Kunden sowie skrupellose Geschäftspraktiken verschafft, würden sich ganz auf Kalkulationen bzw. Algorithmen verlassen und hätten somit keine Zeit für mythische oder sozial-kultische Spinnereien. Weit gefehlt! Die Mannen um Zuckerberg und Bezos fühlen sich offenbar als erleuchtete Mitglieder eines exklusiven Zirkels geldschwerer Übermenschen, und ihre Vordenker Elon Musk und Peter Thiel (PayPal, Palantir) glänzen mit der Fantasy-Literatur entlehnten Allmachtprophetien. Der Chef von Tesla, OpenAI und SpaceX sieht die Menschen, jedenfalls deren Elite, auf dem Mars überleben, womöglich bis in alle Ewigkeit und als Cyber-Mischwesen, der finstere deutsch-amerikanische Investor wiederum, Selfmade-Exeget der biblischen Apokalypse, sagt die baldige Ankunft des Antichristen voraus.
Wenn sich schon seine Idole einem vernunftfreien Veitstanz um künftige Erleuchtung hingeben, darf es auch das Fußvolk nicht an irrationalem, in seinem Fall religiösem, Fanatismus fehlen lassen. Nordamerika war von jeher die Zufluchtsstätte oder der Gründungsort diverser Sekten. Schon die englischen Puritaner, die im 17. Jahrhundert dort landeten, um den Indigenen das Land zu rauben, waren abtrünnige Fundamentalisten, ihnen folgten die sympathischeren, da friedfertigen Quäker oder die Shaker mit ihrer kryptischen Heilserwartung. Im frühen 19. Jahrhundert wähnte sich Joseph Smith als Interviewpartner Gottes und kreierte die „Kirche der Heiligen der Letzten Tage“, deren Anhänger unter dem Kürzel Mormonen bekannt sind.
Damit seien nur einige Beispiele aus der fruchtbarsten Phase der historischen Sektenvermehrung genannt. So sehr sich diese Glaubensgemeinschaften in ihrer Heilslehre auch unterschieden und so unversöhnlich sie sich gegenüberstanden, so ähnelten sich die meisten von ihnen doch in einer entscheidenden, nennen wir sie merkantilistischen, Deutung der Vorsehung und des göttlichen Willens, die dem klassischen europäischen Protestantismus Luthers und vor allem Calvins entstammte: Durch gute Taten, etwa Hilfe für die Armen und anderes karitatives Wirken sei der Herr im Himmel nicht zu beeindrucken, sondern nur durch rigorosen Dogmengehorsam. Und wenn es ein Mensch auf Erden zu Reichtum bringe, sei das ein Zeichen Gottes, dass er auch fürderhin auserwählt sei. Nichts mehr vom feudalen, paternalistischen Glauben der Römisch-Katholischen Kirche, der soziale Gerechtigkeit zumindest durch „Nächstenliebe“ ersetzt sehen wollte. Schluss mit dem Humanitätsgefasel eines Jesus Christus, der Matthäus zufolge erklärt hatte, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als ein Reicher in den Himmel komme: Ab jetzt Holy Moos statt Holy Moses!
Der aufkommende Kapitalismus hatte nun seine populär-moralische Rechtfertigung, seine Prediger, seine Religionen und seine Sekten. Noch heute äußern sich Hightech-Oligarchen über gesellschaftliche Phänomene oder Probleme im Sinne Calvins, etwa Elon Musk, wenn er feststellt, dass der grundlegende Fehler der Demokratie die Empathie mit den Schwachen sei. Die Bedeutung der ursprünglichen Sekten mag abgenommen haben, aber nicht zuletzt aus ihnen entwickelten sich die evangelikalen Freikirchen in den USA, die laut einer 2008 veröffentlichten Studie des Pew Forum on Religion & Public Life, ca. 80 Millionen Anhänger (damals 26,3 Prozent der US-Bevölkerung) hatten und damit die größte religiöse Gruppierung des Landes waren.
Trumps Revolutionswächter
Die evangelikalen Christen leben vornehmlich in den Südstaaten, im Bible Belt und im Rust Belt, also im gottesfürchtigen Hinterland und in den von Industrieruinen geprägten Gegenden im Norden des Mittleren Westens. Als kleine Farmer, Arbeiter in prekären Jobs oder schlecht bezahlte Dienstleister gehören sie meist zur weißen Unterschicht. Was sie zusammenschweißt, ist tiefes Misstrauen gegenüber der Zentralgewalt und dem Banken- sowie Handelskapital, bis zur Hysterie gesteigerte Bigotterie und ein archaisches Rassenbewusstsein. Großmäuler wie Trump, Musk und rechts-republikanische Apokalyptiker treffen den ihnen genehmen Ton weit besser als eloquente Wallstreet-Banker, Konservative der Demokraten oder gar Menschenrechtsaktivisten.
Ihre Dogmen beziehen die Evangelikalen aus einer sehr eigenwilligen Exegese der Bibel, vor allem des Alten Testaments. So glaubt eine große Gruppe von ihnen, deren Mitglieder als „Kreationisten“ firmieren, aus der Heiligen Schrift das ungefähre Alter der Welt, nämlich zwischen 6.000 und 10.000 Jahren, herauslesen zu können. Andere beziehen sich auf James Ussher, einen irischen Theologen des 16. Jahrhunderts, und wissen, dass der Herr das Universum genau am 23. Oktober 4004 vor Chr. erschaffen hat. Und selbstverständlich stammt der Mensch nicht vom Affen ab, sondern von Adam. Wenn Geologen mit älteren Gesteinsbrocken und Bohrkernen oder Anthropologen mit Belegen für eine weit ältere evolutionäre Menschwerdung daherkommen, werden die Ungereimtheiten mit dem Intelligent Design des Schöpfers erklärt – Gott agierte also als Illusionist à la David Copperfield.
Solche fakten- und geistfeindlichen Ansichten sollten eigentlich keine Rolle spielen im öffentlichen Diskurs, doch halten weite Teile der US-Bevölkerung den Unsinn für bare Münze und – was die ganze Sache höchst brisant macht – wollen ihn als Staatsdoktrin in der Rechtsprechung verankern. Immer mehr republikanisch regierte Bundesstaaten verbieten die Implementierung von Evolutionstheorien in Schulen wie Universitäten und entfernen einschlägige Bücher aus ihren Bibliotheken. Donald Trump, dem theologische Spitzfindigkeiten ziemlich egal sein dürften, nutzt nun die Chance, solche Denk- und Präsenzverbote auf seine eigenen Gegner sowie alle kulturellen und gesellschaftlichen Inhalte, die seinen chauvinistischen und frömmlerischen Anhängern ein Dorn im Auge sind, auszuweiten.
Die Sprache soll „gesäubert“ werden. Begriffe wie „Feminismus“, „Inklusion“, „Integration“ oder „Rassendiskriminierung“ sind aus allen amtlichen Texten zu entfernen, weil sie in Trumps strahlend weißem US-Universum ebenso wenig Existenzberechtigung haben wie der „Golf von Mexiko“. Kritik, Satire, Kabarett sind verpönt, Medien, Theater, Museen oder Universitäten, die dennoch die andere Seite beleuchten wollen, sehen sich von Subventionsentzug oder sogar exorbitanten Schadenersatzforderungen bedroht. Die LGBTQ-Gemeinschaft wird geächtet, Abtreibung in etlichen Bundesstaaten gleich ganz verboten. Richter, die unabhängig urteilen, werden entlassen, Demonstranten inhaftiert und langjährige Steuerzahler mit falscher Hautfarbe als „Illegale“ mit Gewalt außer Landes geschafft.
Zwar werden in den USA keine Bücher öffentlich verbrannt, aber sie verschwinden auf bürokratischem Weg. Und so liegt man sicher nicht ganz falsch, wenn man der jetzigen Administration eine gewisse Annäherung an klerikal-faschistische Herrschaftsformen, etwa im Spanien Francos, unterstellt. Für permanente Befeuerung dieses Prozesses, für nationalistische Gesinnungsprüfung und militante Einhaltung der neuen Regeln sind die Evangelikalen zuständig, die in bester calvinistischer Tradition den vom Herrn auserkorenen Superreichen und ihrem erfolgreichen Anführer dienen – übereifrig, wie einst die Falangisten auf der Iberischen Halbinsel oder die Revolutionsgarden der iranischen Theokratie.
Heute die USA. Morgen die ganze Welt!
Der immer weiter wachsende Einfluss der evangelikalen Freikirchen kann in den USA den Weg in eine Hightech-Autokratie ebnen, doch damit geben sich die militanten Bibel-Fundamentalisten nicht zufrieden. Schon vor einigen Jahrzehnten, lange vor Trumps erster Präsidentschaft, missionierten sie erfolgreich südlich des Rio Grande, stets an der Seite von Militärregimes und reaktionären Politikern, immer im Kampf gegen progressive Sozialbewegungen. Im katholischsten aller Weltteile, in Lateinamerika, bekennt sich mittlerweile fast ein Viertel der Bevölkerung zum rechtsradikalen Protestantismus.
Im Jahr 1982 putschte sich in Guatemala General Efraín Ríos Montt, ein durch evangelikale Sektierer geläuterter Alkoholiker, an die Macht. Seine Herrschaft dauerte keine siebzehn Monate, und dennoch gilt diese kurze Zeit als die grausamste Phase, die ein lateinamerikanisches Land jemals erlebt hat: Wohl mehr als 70.000 Linke, Gewerkschafter, Studenten, Journalisten, arme Campesinos, vor allem aber Indigene aus dem Maya-Volk wurden massakriert, viele tausend weitere „verschwanden“ – mit Wissen und wohl auch logistischer Unterstützung der US-Administration.
Mit Genugtuung werden viele US-Politiker auch den Vormarsch der Evangelikalen in Brasilien beobachtet haben, vor allem als deren Idol Jair Bolsonaro dank freikirchlicher Unterstützung 2019 und somit drei Jahre nach seiner „Taufe im Jordan“ die Präsidentenwahl gewann. Der rechtsextreme Diktatorenfreund verfolgte eine neoliberale Wirtschaftspolitik, die vor allem die Konzerne (allen voran die deutschen) erfreute, aber die sozial Schwachen von allen Ressourcen ausschloss. Nachdem er die Folgewahl gegen den von seinen protestantischen Anhängern verteufelten Inácio Lula da Silva verloren hatte, landete er wegen Vorbereitung eines Regierungsputsches im Gefängnis.
Die frommen Rechtsextremisten musste das nicht länger grämen, denn nun lockten im benachbarten Argentinien die Evangelikalen die Bevölkerung zu Tausenden in ein hauptstädtisches Fußballstadion, wo Franklin Graham, Präsident der von seinem Vater, dem Nixon-Freund Billy Graham gegründeten Evangelistic Association, den sozialdarwinistischen Staatspräsidenten Javier Milei als Werkzeug des Herrn feierte. Der gottgefällige Freund und Kollege Trumps, der schon mal andeutete, dass man Arme notfalls ohne Nothilfe verhungern lassen könnte, sieht sich selbst von den „Kräften des Himmels“ unterstützt.
Auch in Afrika und Asien sind die evangelikalen Freikirchen längst aktiv. In Europa versuchen sie, vor allem die Jugend durch Pop-Konzerte oder visuelle Präsentationen zu ködern. Der Erfolg, den sie in ganz Amerika hatten, steht allerdings noch aus. Kein Grund zum Aufatmen: Wir haben es in unseren Ländern derzeit ebenfalls mit einem Sturmangriff der Rechtsradikalen zu tun, der allerdings formal anders abläuft und eher säkular geprägt ist.
03/2026
Dazu auch:
Die Christuskrieger im Archiv der Rubrik Politik und Abgrund (2015)
Lateinamerika-Dossier: 3. Guatemala: Der Schlächter ständig in der Rubrik Politik und Abgrund