Ihres Vaters Tochter

Cartoon: Rainer Hachfeld


„Was macht eigentlich…?“ oder „Wie geht es heute…?“ hießen früher beliebte Rubriken, in denen halb vergessene Berühmt-heiten von anno dazumal biedermeierlich abgefeiert wurden. Wäre die Dame, deren illustre Laufbahn im folgenden skizziert wird, von Skrupeln behaftet, könnte sie im Grunde froh sein, wenn ihr Name aus dem öffentlichen Interesse ins Abseits der Anonymität verschwunden wäre. Aber Monika Hohlmeier ist die Tochter von Franz Josef Strauß und dürfte schon im Elternhaus gelernt zu haben, dass jeder Skandal, der nicht zum endgültigen Aus der Karriere führt, eine/n stärker macht.


Die Jobs des Ex-Gatten


Manchmal glaubt man, einen Namen, dessen Träger/in sich hinreichend desavouiert hat, nie mehr hören zu müssen. Man erschrickt dann regelrecht, wenn sich die vermeintlich ins Nirwana der Bedeutungslosigkeit eingegangene Person wieder zu Wort meldet, und zwar aus gehobener Position und mit moralischem Impetus. Die Vergabe von EU-Finanzhilfen müsse an die Einhaltung rechts-staatlicher Kriterien gekoppelt werden, drohte Monika Hohlmeier den Halb-Autokratien Polen und Ungarn. Hohlmeier, die fast zur gleichen Zeit mit einem Maskengeschäft in Verbindung gebracht wurde, kennt sich damit aus, was man/frau in einem Rechtsstaat so alles tun und vor allem lassen sollte.


Beinahe unbemerkt hat sich die umtriebige Strauß-Tochter einige Funktionen und Posten im EU-Parlament gesichert: So ist sie u. a. Mitglied im Haushaltsausschuss und sinnigerweise auch gleich im Haushaltskontrollausschuss, im Sonderausschuss gegen organisiertes Verbrechen, Korruption und Geldwäsche (eine gewisse Expertise dürfte ihr nicht abzusprechen sein) und innenpolitische Sprecherin der konservativen EVP-Fraktion.


Wie man politische Ämter zur Unterstützung liebgewonnener Menschen nutzt, hatte die smarte Oberbayerin schon bald gelernt, was nicht weiter schwer war, gaben sich doch im Hause Strauß die Spezis und Amigos permanent die Türklinke in die Hand. Aber nicht immer klappte es mit dem karitativen Wirken. Als sie beispielsweise in ihrer Machtvollkommenheit als Kultusministerin 2004 ihren Pressesprecher Peter Brendel zum Direktor des Gymnasiums in Pfaffenhofen ernannte, wurde diese Beförderung erst einmal gerichtlich kassiert.


Auch mit dem Menschen, dem sie die intensivste Zuwendung angedeihen ließ, verlief nicht alles reibungslos. Monika schildert die Annäherung an ihr späteres Ehegespons auf ihrer Homepage, in kryptischer bis schlüpfriger Diktion: „Auf dem Rücken meines Jagdpferdes Appolonia lernte ich meinen Mann Michael Hohlmeier kennen.“ Die frischgebackene Frau Hohlmeier, von deren Amtszeit im bayerischen Schul- und Kultusministerium vor allem der Versuch, die Lernmittelfreiheit im Freistaat abzuschaffen, in Erinnerung geblieben ist, kümmerte sich liebevoll, wenn auch von Neidern scheel beäugt, um das Auskommen des Gatten.


Bereits 1998 hatte Monikas Bruder Max, der seinen Auftritt noch als reichlich unbedarfter Zeuge in der Bestechungsaffäre um den Rüstungslobbyisten Schreiber haben sollte, Michael H. einen Job als Controller in der Unternehmensgruppe WABAG vermittelt. Nur wenig später quittierte Hohlmeier den Posten, gerade noch rechtzeitig, denn nun ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen die WABAG wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue. Michael wanderte weiter und verdingte sich im Medienimperium des Strauß-Intimus Leo Kirch, ehe er auf der Suche nach etwas Solidem auf dem Terrain des Kultusministeriums fündig wurde: Er wurde zum stellvertretenden Direktor des Sehbehindertenzentrums Unterschleißheim berufen. Für diesen Karrieresprung war es sicher nicht hinderlich gewesen, dass das Ressort seiner Gattin der Einrichtung gerade erst einen Erweiterungsbau für 8,5 Millionen Euro spendiert hatte.


Etwas Stimmenkauf, ein wenig Erpressung


Für richtigen Ärger und ihr vorläufiges Scheitern aber sorgte Monika Hohlmeiers Streit mit den Münchner Parteifreunden. Es muss um 2004 recht fidel im schwarzen Kreisverband der Landeshauptstadt zugegangen sein. Um sich Abstimmungsmehrheiten zu sichern, wurden Aufnahmeanträge gefälscht und Stimmen gekauft. Der JU-Funktionär Maximilian Junker bezichtigte die von Kindheit an mit Durchstechereien vertraute Chefin der Mitwisserschaft, der Fraktionsvorsitzende im Stadtrat, Hans Podink, erkannte einen „Abgrund von Lüge und Täuschung“ und beschuldigte Hohlmeier, ihn an der Aufklärung gehindert zu haben.


Als Monika Hohlmeier im Juli 2004 ihren Gegnern in einer Krisensitzung damit drohte, Dossiers über sie zu verwenden, war das Maß voll. Sie musste den Münchner CSU-Vorsitz abgeben, verlor sukzessive ihre anderen Parteiämter und trat schließlich als Kultusministerin zurück. Die Landtagsfraktion verweigerte ihr 2005 einen Sitz im Haushaltsausschuss, und drei Jahre später scheiterte sie als hintere Listenkandidatin für den Bezirk Oberbayern bei den Landtagswahlen. Wenigstens kannte die loyale Parteisoldatin die Schuldigen: „Die Münchner CSU ist ein Intrigantenstadl, in dem nur noch Mauscheleien und Intrigen herrschen.“


Als Politikerin schien Hohlmeier vernichtet, doch die würdige Tochter dachte daran, wie ihr Vater die SPIEGEL-Affäre, die illegalen Waffenexporte nach Israel, den Schützenpanzer-Skandal etc. überstanden hatte. Auch wusste sie, dass es in der Führungsriege der Union Bewährungshelfer gab, die gefallene Söhne und Töchter der Partei nicht im Stich ließen, einen Meineidbauern zum Innenminister (Zimmermann) und einen Besoffenen hinter dem Steuer, der einen polnischen Kleinwagenbesitzer totfuhr, zum Wirtschafts- und Verkehrsminister machten (Wiesheu). Vielleicht hatte Monika H. aber auch noch ein paar Dossiers über Führungspersönlichkeiten auf Lager. Wie dem auch sei, jedenfalls wurde ihr geholfen.

     

Comeback über Bayerisch-Sibirien


Wenn du denkst, es geht nicht mehr / kommt von irgendwo ein Lichtlein her lautet ein trostspendender Kinderreim. Für Monika Hohlmeier leuchtete das Lichtlein der Hoffnung im hohen Norden Bayerns, in Oberfranken.


Es ist ein eher rauer und dünn besiedelter Landstrich mit waldreichen Mittelgebirgen und der höchsten Brauereidichte der Welt. Wie staunten nun die eigensinnigen Bewohner der manchmal als Bayerisch-Sibirien verspotteten Provinz, als ihnen die CSU-Parteiführung eine auswärtige Spitzenkandidatin namens Monika Hohlmeier für die Europawahlen 2009 vor die Nase setzten. Bislang hatte man gemutmaßt, dass die Dame Oberfranken höchstens vom Namen her kenne.


So aber gelangte die Strauß-Tochter politisch nach Brüssel und wenig später wohnsitzmäßig nach Lichtenfels, wo einst Adam Riese die Kunst des (Be)Rechnens gepflegt hatte. Es begann still um sie zu werden, sieht man davon ab, dass 2018 die Coburger Staats-anwaltschaft erfolgreich die Aufhebung ihrer Immunität beim EU-Parlament beantragte, weil sie beim Einparken ein fremdes Fahrzeug beschädigt und sich „unerlaubt vom Unfallort entfernt“ hatte. Welch vernachlässigbarer Fauxpas angesichts der stattlichen Reihe von Alkoholfahrten und Karambolagen, die von CSU-Lokalpolitikern aktenkundig geworden waren.


Gute Freundinnen


Was die deutschen Abgeordneten im EU-Parlament so treiben, rangiert in den Medien meist unter ferner liefen, und so erhielt Monika Hohlmeier die verdiente Beachtung erst wieder, als ihr Name im Zusammenhang mit einem FFP2-Maskendeal auftauchte. Andrea Tandler, Tochter des ehemaligen CSU-Generalsekretärs Gerold Tandler, dessen Laufbahn mit Finanzskandalen gepflastert war, suchte für die Larven der Schweizer Firma Emix Großabnehmer, und Hohlmeier vermittelte ihr den Kontakt zur chronisch überforderten damaligen Gesundheitsministerin in München, Melanie Huml. Eine Summe von bis zu 50 Millionen Euro soll zur Debatte gestanden haben.






















Die Tandlers Andrea, die Hohlmeiers Moni und die Humls Melanie: drei fesche Maderln auf dem CSU-Maskenball 


Das Münchner Ministerium kaufte die Masken zum Stückpreis von 8,95 €, ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass wenig später das Dreierpäckchen bei den Discountern für weniger als 2 € zu haben war. Und wieder moserten Übelwollende gegen die hilfsbereite Frau Hohlmeier.


Die setzte sich zur Wehr: Sie habe nichts an dem Handel verdient, sei Andrea Tandler vor allem wegen der langjährigen Freundschaft mit ihr zur Seite gesprungen. Überhaupt habe sie in den Zeiten der Pandemie nur ein wenig helfen wollen.


Und das scheint mir die Crux im Leben der Monika Hohlmeier, dass sie stets Pech hat und missverstanden wird. Oder um Goethes Faust reziprok zu deuten: „Sie ist ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und doch das Böse schafft.“

 

06/2021

 

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Prinzip Belohnung im Archiv von Politik und Abgrund (2018)