Im Auenland der CDU

Cartoon: Rainer Hachfeld


Es wird zu sehr auf die Eigenschaften und Aussagen der Personen geachtet, die sich um den quasi verwaisten Thron der CDU balgen, und zu wenig auf deren landsmannschaftliche Herkunft. Bei genauerem Hinsehen aber fällt auf, dass die Männer, die als Aspiranten genannt werden, allesamt einem Bundesland entsprungen sind: Die Nordrhein-Westfalen wollen die Führerschaft in der Christen-Union und im ganzen Staat endlich von den anderen deutschen Volksstämmen zurückerobern.


Wiege des Christen-Klüngels


Tief im Westen der Republik liegt das Territorium der fröhlichen Rheinländer und ihrer sturen westfälischen Vettern. Von hier aus wurde einst das ganze Land regiert, doch in den letzten Jahrzehnten drängten Deutsche aus entlegeneren Gegenden an die Macht, und auch der letzte Versuch, diese Fehlentwicklung durch die Kür des Aachener Jecken Laschet zum Kanzlerkandidaten zu revidieren, scheiterte unter feindlichem Beschuss und friendly fire aus dem Süden kläglich. Das soll sich nun ändern, zumindest in Gottes eigener Partei, der CDU, müsste doch künftig ein weißer Mann aus der Idylle an Wupper, Ruhr und Rhein das Sagen haben.


Waren das noch Zeiten, als Konrad Adenauer, ein echter Kölscher Jung, die BRD frei nach dem Evergreen „Glücklich ist, wer vergisst…“ mit Hilfe von Altnazi-Beamten und Unternehmern mit brauner Vergangenheit durch die Untiefen der bürgerlichen Demokratie lotste! Der rheinische Klüngel schaffte es zudem, Frankfurt/Main aus dem Feld zu schlagen und dem verschlafenen Bonn den Titel einer deutschen Interimshauptstadt zu erkaufen, weil Berlin damals noch ein wenig gespalten und ungünstig positioniert war. Doch 1963 waren mit der Demission von Conny A. die schönen Zeiten vorbei.


Obwohl NRW, das Herzland der BRD, reich an attraktiven Städten wie Bottrop und Herne ist, den deutschen Kunststil entscheidend prägte (Gelsenkirchener Barock), das weltweit reichste Erzbistum der Katholischen Kirche, dessen Kardinäle bis heute berühmt für ihre Diskretion in Sachen Missbrauch sind, beherbergt und an liebgewonnenen Traditionen wie dem vom Aussterben bedrohten Braunkohlebergbau bis zuletzt festhält, gelang es ihm nie wieder, eine/n der Ihren an die Regierungsspitze der Republik zu bugsieren.


Mal nominierte die Union den mumpfeligen Franken Ludwig Erhard, dann gab sie dem von den Nazis angelernten Schwaben Kurt Georg Kiesinger den Vorzug, installierte danach den ungeliebten Pfälzer Rhein-Nachbarn Helmut Kohl auf dem Thron und erkor schließlich die Ossi-Importfrau Angela Merkel zur Führungsfigur (von den norddeutschen bzw. Berliner Schmidts, Schröders und Brandts aus dem feindlichen Lager ganz zu schweigen!). Kein Wunder, dass NRW unter der Fremdherrschaft leidet und sie abzuschütteln sucht. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es lange so aussah, als würden ausschließlich NRW-Recken um den CDU-Chefsessel kämpfen.


Ein fideles Quintett, Quartett, Trio, Duo?


Zunächst zwitscherten die stets gut informierten Spatzen in den Netzen, gleich fünf Kandidaten aus Gottes, der Reben und der Kohle eigenem Landstrich würden um die Führerschaft der christlich-konservativen Reconquista buhlen, doch dann zog einer zurück, zauderten zwei andere, ließ sich der graue Wolf unter ihnen Zeit, als plötzlich ein unwürdiger Hesse seinen Fehdehandschuh ins Flöz der Arena warf.


Konsens war ja eigentlich, dass NRW das Zugriffsrecht hatte und die nach der Bundestagswahl daniederliegende CDU dringend eine inhaltliche und personelle Rundumerneuerung brauche, wie es in den gewogenen Medien hieß. Nun darf die Basis also demnächst über den künftigen Chef abstimmen, aber so richtig frisch sehen die Kandidaten nicht aus. Zwei der mutmaßlichen Bewerber sind schon vor Jahren in den Ring gestiegen, aber von Armin Laschet bzw. von Annegret Kramp-Karrenbauer vermöbelt worden.


Einer von ihnen wurde sogar schon zweimal bis zehn angezählt: Der altersstarre Neoliberale Friedrich Merz (66), neben Christian Lindner vielleicht der einzige Mensch im Land, der ernsthaft glaubt, der Markt werde es schon ohne politische Regulierung richten, egal ob es um die Umwelt, das Klima, den Verkehr oder unbezahlbares Wohnen geht. Norbert Röttgen ist zwar zehn Jahre jünger, aber als neues Gesicht wirkt er doch schon etwas überreif. Nachdem er 2012 die NRW-Landtagswahl als CDU-Spitzenkandidat gegen die SPD vergeigt hatte, flüchtete er nach Berlin, wo er im Parlament als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses wie der schwarze Doppelgänger von Minister Heiko Maas wirkt: Beide haben pausenlos etwas zur Weltpolitik zu sagen, aber keine/r hört ihnen zu.


Ambitionen auf den CDU-Vorsitz wurden auch wieder einmal Jens Spahn nachgesagt, der zwar tatsächlich erst zarte 41 Lenze zählt, aber als Leiter des Gesundheitsressorts in der Corona-Krise einen Zickzackkurs fuhr, der dem einer eiernden Kugel beim Karambolage-Billard glich. Für seine Partei aber wären die Banden nicht abgepolstert gewesen, hätte er als künftiger Boss die Kurve wieder einmal nicht rechtzeitig gekriegt. Aufgrund schlechter Umfragewerte gab Spahn edelmütig seinen Verzicht auf höhere Weihen bekannt.


Auch die neben diesen sattsam bekannten Hoffnungsträgern ins Gespräch für den Vorsitz gebrachten eher unauffälligen Rechten bevorzugen anscheinend den ehrenvollen Rückzug: Der CDU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus wollte die verlorenen Schafe, die sich im braunen Morast verirrt hatten, wieder heimholen. Man müsse sich „stärker als bisher“ um AfD-Wähler kümmern, sozusagen sein Herz für Rechtsextreme entdecken. Carsten Linnemann hingegen, der als Chef der Mittelstands- und Wirtschaftsunion stets weiß, wo das Kapital steht und was es von einem Unionspolitiker verlangt, kämpfte wacker gegen die Umwelt-Hysterie. Die SPIEGEL-Journalistin Susanne Götze und die Autorin Annika Joeres schrieben in ihrem Buch „Die Klimaschmutzlobby“, dass Linnemann zu einem „Bermudadreieck der Energiewende“ zählt, das jeden klimapolitischen Fortschritt schlucke.   


Das Angebot an möglichen Kandidaten war also von vornherein nicht gerade berauschend, doch vermochte die NRW-CDU wenigstens zufrieden zu konstatieren, dass nach seinerzeitigem Stand nur ein Landsmann zum Christenkönig von Deutschland ausgerufen werden konnte. Da plötzlich tauchte der  Gießener (und damit Non-NRWler) Helge Braun, Merkels Kanzleramtschef und in der öffentlichen Wahrnehmung so etwas wie der zurückgebliebene Bruder von Wirtschaftminister Peter Altmeier, auf dem Turnierplatz auf.


Und weitere Unbill droht, denn während im nordrheinischen Auenland noch eitel Sonnenschein herrschte, zogen sich im Süden bereits finstere Wolken zusammen.    


















Als sich Brinkhaus und Linnemann in die zweite Reihe zurückzogen und die Recken Röttgen, Braun und Merz zum Kampf um den Thron bliesen, tauchte hinter ihnen schon Söder-Sauron, der Herr der Finsternis, auf. 



„Im Lande Bayern, wo die Schatten drohn“


Frei nach Tolkiens dreibändiger Pseudo-Mythologie „Der Herr der Ringe“ giert auch realiter der düstere Herrscher nach der Macht. Sauron ist so etwas wie das literarische Äquivalent von Söder, beide, die Romanfigur wie der bayerische Ministerpräsident, sind nachtragend und rachsüchtig. Söder wurde von dem listigen Hobbit  Armin um die Kanzlerkandidatur gebracht, konnte sich zwar während des Wahlkampfs revanchieren, indem er den Halbling ständig vorführte, doch reicht ihm das nicht: Er will immer noch das ganze Land unter seine Kontrolle bringen.


Deshalb dürfen sich die Westlichter nicht zu sicher sein, dass es ihnen auch diesmal gelingt, einen aus ihrem Gau irgendwann zum Herausforderer des Scholzomaten zu machen. Bei Tolkien sieht Saurons düsteres Auge alles, was auf Mittelerde geschieht. Söder hat gleich zwei solche Sinnesorgane zur Verfügung, und noch niemand hat ihm einen freundlichen, offenen oder arglosen Blick attestiert. Wenn sich die christdemokratischen Zwerge und Hobbits in NRW unter Beobachtung allzu dämlich anstellen, steht ihnen der Einmarsch Sauron-Söders aus dem „Lande Mordor (Bayern), wo die Schatten drohn“ bevor. Die Gefahr naht diesmal nicht – wie gewöhnlich - aus dem Osten, wo sich die Parteifreunde längst der AfD ergeben haben, sondern aus dem Süden, wo einer, dessen Machtwille durch keinerlei Skrupel beeinträchtigt wird, seine CSU-Orks um sich schart, um die Herrschaft über die gesamte deutsche Mittelerde an sich zu reißen.


11/2021


Dazu auch:


Bote aus dem Jenseits (2018), Trio des Grauens (2020) sowie Leuchtturm im Sumpf (2021) im Archiv von Helden unserer Zeit