Jahr der Irrtümer
Cartoons: Rainer Hachfeld


Hatten sich schon die Jahre davor als wüste Gesellen, die Pandemie, bewaffnete Konflikte und mediale Massenhysterie mit sich brachten, präsentiert, so schlug 2022 dem globalen Fass endgültig den Boden aus: Gerade erst halbwegs Corona entronnen, mussten die Menschen hierzulande den Beginn des ersten großen Krieges in Europa seit drei Generationen registrieren und fanden sich inmitten einer Inflation von ungeahntem Ausmaß wieder. Die altbekannten Übel wie Hunger, Armut sowie Ungerechtigkeit hatten die letzten zwölf Monate natürlich auch noch im Programm. Überdeutlich aber zeigte das verflossene Jahr auf, dass die Katastrophenmelange nicht gottgewollt war, sondern ihre destruktive Kraft großteils aus Irrtümern von Verantwortlichen, die Heldenstatus anstrebten, bezog.


Doch nicht so beliebt…


Etliche gravierende Fehleinschätzungen leistete sich der bis dato weltweit zwar als berechnend, aber auch als pragmatisch und clever eingeschätzte Wladimir Putin in Moskau: Weil in der Ukraine viele Menschen leben, die von klein auf Russisch sprechen, ging er davon aus, dass sich diese als seine Landsleute fühlten und die Soldaten, die er über die Grenze schickte, als Befreier begrüßen würden. Zwar hatte die Regierung in Kiew erst kurz zuvor dem Idiom Tolstois und Turgenjews den Status der zweiten Staatssprache abgesprochen, doch trotz dieses Affronts lehnten die russischsprachigen Ukrainer die „Brüder“ von jenseits der Grenze  überwiegend als Eindringlinge ab.


Gastfreundschaft gegenüber bewaffneten Besuchern scheint in der Ukraine nicht sehr weit verbreitet zu sein.


Die im östlichen Nachbarimperium weit verbreitete Korruption erfuhren die Russischstämmigen auch in der Ukraine selbst, doch lebt es sich ohne Renaissance archaischer Moralvorstellungen und düsterer Großmachtphantasien offenbar doch angenehmer, zudem man die eigenen Oligarchen bereits kennt, die kremlnahen aber eher nicht. Wie das Glied einer Kette fügte sich Putins zweiter Irrtum an diesen Nationalitäten-Fauxpas. Es genügte einfach nicht, einen Eroberungsfeldzug als „begrenzte Spezialoperation“ auszugeben und eine relativ bescheidene Streitmacht im Nachbarland aufmarschieren zu lassen – die Unterstützung für Kiew und die Kampfkraft der ukrainischen Armee waren einfach zu groß.


Dass die Einberufung von Reservisten sowie die Entsendung schlecht vorbereiteter Truppen an die Front bislang wenig bis gar keinen Erfolg zeitigten, gehörte zu den handwerklichen Fehlern. Die Bombardierungen des kürzlich erst wieder einseitig zum russischen Territorium deklarierten Cherson allerdings offenbaren Putins schräges Verhältnis zu Anspruch, Maß und Ziel, legt er so doch sein geliebtes heimgeholtes Vaterland nun selbst in Schutt und Asche.


Weitere irrlichternde HeldInnen


Es stünde wohl noch viel schlechter um die großrussischen Pläne der Herren in Moskau, würde die Gegenseite nicht ähnlich wirr, nämlich opportunistisch, konzeptlos und machtgierig im Wechselspiel, agieren. So hat es die NATO nicht geschafft, durch umfassende Sanktionen die Wirtschaft der Okkupationsmacht zu schwächen. Für viele Staaten des Westens war es bequem, relativ verlässlich und preisgünstig an Lieferungen fossiler Brennstoffe aus dem Riesenland im Osten zu kommen. Für Putin wiederum schien es kommod, lukrativen Handel mit dem Feind zu treiben und einen Trumpf für erpresserische Spiele in der Hinterhand zu haben.


Beides ging schief. Aber während die Staaten der EU wie Bettler an der Haustür der berüchtigtsten Despoten klopften, um ihre Energielücken zu füllen, konnte Russland den Stoff der Begierde an andere Staaten rund um den Erdball losschlagen. Dass sich Putin dabei in die Abhängigkeit von Großkunden wie China oder Indien, die künftig die Preise diktieren, begeben musste, stört ihn nicht. Noch nicht, denn die Folgen werden erst in einiger Zeit zu spüren sein.


Dass auch andere Helden und Heldinnen von trauriger Gestalt das Multi-Krisenjahr 2022 bevölkerten, zeigte sich aber an dieser neuen Konstellation: Wirtschaftsminister Robert Habeck klapperte nicht nur Schurkenstaaten wie Qatar und Saudi-Arabien auf der Suche nach den ungeliebten Fossil-Rohstoffen ab, er kaufte auch „ganz viel“ russisches Erdöl, allerdings vom neuen Zwischenhändler und Profiteur Indien.


Überhaupt scheint vor allem den Grünen-Politikern das Gedächtnis abhanden gekommen zu sein, waren Baerbock und Habeck, die vormaligen FriedensfreundInnen, doch so lieb zur deutschen Rüstungsindustrie, dass diese sich die Spesen für ihre Lobbyisten eigentlich sparen könnte. Wäre es nach den beiden gegangen, gäbe es heute in der Ukraine wegen der Kampfpanzer-Schwemme kaum mehr Parkplätze.


Aber auch so gelangten Todeswerkszeuge made in Germany im Wert von 2,24 Milliarden Euro ins Kriegsgebiet, was allerdings angesichts der Waffenexporte von insgesamt 8,35 Milliarden beinahe knauserig wirkte. Der Löwenanteil wurde nämlich in andere Konfliktgebiete, u. a. an Diktaturen wie Ägypten und Saudi-Arabien, verdealt. Und so nickte der Wirtschaftsminister das zweitgrößte Ausfuhrvolumen für Kriegsgüter in der BRD-Geschichte nach 2021 ab. Beteiligt am Rekord war auch damals, im Kabinett Merkel, die Reckenriege der SPD.


Den Vogel (im eigenen Kopf?) schoss allerdings Außenministerin Annalena Baerbock ab, die in der frühen Phase von Putins Invasion die Einrichtung einer Flugverbotszone über der Ukraine, somit den direkten Crash zwischen NATO und Russland, forderte. Also eigentlich den Dritten Weltkrieg. Inzwischen lässt man die Vorlaute lieber im Sand spielen, wo sie nach der Pleite von Mali die Bundeswehr grade in ein neues Abenteuer in Niger schickt.


Auch in China platzte der Lack der Unfehlbarkeit ein wenig ab vom großen KP-Vorsitzenden Xi Jinping. Erst lässt er beträchtliche Teile des Volkes im Zuge seiner Null-Covid-Politik isolieren und zu Hause einsperren. Als aber dann die Menschen zu meutern beginnen, hebt er in einer rasanten Kehrtwendung alle Vorsichtsmaßnahmen auf und riskiert, dass sich wegen null Durchseuchung möglicherweise bis zu 20 Prozent der Bevölkerung mit Corona infizieren.


Geht voran, wir folgen nicht!


Gerade zu putzig nahmen sich indes die Versuche der Bundesregierung aus, in allen möglichen globalen Daseinsfragen die geistig-moralische Führerschaft zu beanspruchen. Obwohl die Ampel-Koalition in nur zwölf Monaten die zarten Pflänzchen einer verantwortungsvollen Klima- wie Umweltpolitik zertreten hat und keines ihrer Öko-Ziele erreichen wird, plärrt sie lauthals, der Rest der Welt möge doch bitteschön ihrem leuchtenden Beispiel folgen.


Zusammen mit EU und NATO redet die Bundesregierung den Schwellenländern und Drittwelt-Staaten ins Gewissen, auch sie müssten Russland boykottieren und isolieren. Die meisten der Adressaten hegen keine Sympathien für Putins Überfall, wie sich in der UN-Vollversammlung erwies, doch sie können sich noch gut an die vergangenen Taten der westlichen Mentoren erinnern und lassen sich ihre Handelsbeziehungen nicht mehr vorschreiben. So konterten die fünf wichtigsten Schwellenländer sinngemäß, warum denn keine Sanktionen für die Massaker in Vietnam, im Irak oder in Libyen oder für die blutigen, von der CIA inszenierten Militärputsche in Lateinamerika verhängt worden seien. Die Mitglieder der „Allianz der Gutwilligen“ bleiben offenbar zunehmend unter sich, Zulauf ist nicht in Sicht.


Einen kleinen, feinen Höhepunkt der globalen Odyssee bildete der Eiertanz um die Fußball-WM in Qatar. Das Emirat hatte sich das Turnier ebenso redlich durch Bestechung erkauft wie Deutschland die Ausrichtung für 2006. Dass dieses arabische Staatsgebilde aus Neoliberalismus und Sklavenhaltergesellschaft die Arbeitsmigranten, die eine Traumkulisse erbauten, unmenschlich behandelte, interessierte jahrelang niemanden.

Als aber einige um ihr Image besorgte Europäer glaubten, der Intoleranz in Doha die Regenbogenfarben zeigen zu müssen, genügte die bloße Androhung einer Gelben Karte, um die Wackeren von diesem Tun abzubringen. Zu diesem Zeitpunkt war Qatar ohnehin schon längst durch Robert Habecks Kotau vor den Erdgasreserven rehabilitiert worden.


Übrigens hielten die meisten Deutschen zu Beginn des Lug-und-Trug-Jahres 2022 ihre Fußball-Nationalmannschaft noch für ein Weltklasse-Team…


01/2023


Allen LeserInnen wünschen Rainer Hachfeld und Jürgen Walter ein geruhsames und friedvolles nächstes Jahr!