Könige von Deutschland

Cartoon: Rainer Hachfeld


Mitten in dieser unserer Republik existiert eine Monarchie mit sieben Millionen Untertanen, die Abgaben zahlen, sich in Vereinen und Kasten zusammenrotten und – mehrheitlich – blind den Befehlen ihrer Oberen gehorchen. Und das ist gar nicht so leicht, denn neben dem gekrönten Haupt, das wohl bald seine Kopfzierde verlieren wird, kämpfen noch andere Fürsten um Macht und Einfluss – und das mit Unterschleif, Verleumdung und Tücke, ganz so, als wären die finsteren Ränke der Fantasy-Serie „Game of Thrones“ für die hiesige Realität adaptiert worden. Bei diesem sinistren Königreich handelt es sich – Sie werden es längst gemerkt haben – um den Deutschen Fußball-Bund (DFB).


Ein bisschen Schmu muss sein


Dem Verband gehören 24.500 Fußballvereine an, damit ist er die größte Sportorganisation der Welt. Regiert wird er, zumindest nominell, von einem Wahlmonarchen, dem Präsidenten, auf den sich die höchsten Funktionäre im Vorfeld einigen und dessen vordringliche Aufgabe es ist, Ruhm und Reichtum des Reichs zu mehren. Das wiederum ist von solcher Bedeutung, dass die Spitzenpolitiker der diese Enklave umgebenden Republik Schlange stehen, um mit den verschwitzten jungen Recken des Nationalteams auf ein Foto kommen oder dem König (derzeit noch Fritz Keller) die Hände schütteln zu dürfen.


Dass kickende Kinder auf dem Platz elf Freunde sein wollen, dass für Hunderttausende Amateure neben dem sportlichen Erfolg vor allem das Vereinsleben zählt, dass all das während der Corona-Zeiten – obwohl vorwiegend draußen stattfindend – untersagt war, kümmert den Hochadel des DFB, dessen vier mächtigste Potentaten heillos zerstritten sind, kaum. Wichtig ist für sie, dass die Profis unter zahllosen Ausnahmeregeln ran dürfen und so der Rubel rollt. Angesichts der üppigen TV-Einnahmen wird sich mancher königliche Funktionär darüber Gedanken machen, ob die Untertanen, also das Fußvolk der Vereine und die Zuschauer, für die Show überhaupt noch benötigt werden.

 

Leider aber rollt der Rubel bisweilen in die falschen Kassen. Da flossen 6,7 Millionen Euro des DFB über die „Lichtgestalt“ Franz Beckenbauer ins Abseits, respektive in die Taschen korrupter FIFA-Funktionäre, um sich so die Ausrichtung der Sommermärchen-WM 2006 in Deutschland zu erkaufen. Über diese Affäre stolperten nacheinander die Verbandspräsidenten Niersbach und Zwanziger. Weil die Einnahmen aus der Bandenwerbung bei Heimländerspielen 2014 und 2015 in den Steuererklärungen falsch deklariert waren, um Geld am Finanzamt vorbeizuschleusen, nahm die Staatsanwaltschaft Frankfurt Ermittlungen auf. Dem DFB, satzungsgemäß ein Verein, droht nun der Verlust der Gemeinnützigkeit. Zwar ist die Förderung des Jugendsports sicherlich lobenswert, doch fragt man sich schon, wie eine Organisation, die zwei der weltweit bekanntesten kriminellen Vereinigungen, dem europäischen Fußballverbandes UEFA und der weltweiten Kicker-Union FIFA nämlich, angehört, überhaupt in den Ruch der Gemeinnützigkeit gelangen konnte.


Sich ein Image bestellen


Die Ermittlungen laufen konkret gegen Friedrich Curtius, den Generalsekretär, und Stephan Osnabrügge, den Schatzmeister, somit zwei der mächtigsten Fürsten im DFB. Beschuldigt werden sie der Mitwisserschaft in der Causa Steuerhinterziehung. Drollig nimmt sich dagegen ein Mediencoup der beiden aus, auch wenn er nicht billig für den DFB war: Der musste nämlich 15.000 Euro Startgeld und danach weitere 1200 Euro monatlich an die PR-Agentur Esecon dafür zahlen, dass sie die Wikipedia-Seite über Curtius, den Lieblingsfeind von König Keller, umschreibt und die freundliche Fälschung fortlaufend pflegt. Für den Fußballbund unterschrieben den Vertrag Friedrich Curtius himself und Hauptkassier Stephan Osnabrügge. 


Auch dem Vize-König im deutschen Fußballreich, Rainer Koch, früher Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht München, wird allerlei Mitwisser- und auch Mittäterschaft nachgesagt. Der einst als Förderer der Amateurvereine gepriesene Funktionär sammelte Posten, und zwar vorzugsweise in den obersten Etagen des Profi-Fußballs. So führt er den Süddeutschen Fußballverband und sitzt im Exekutiv-komitee der UEFA, und wenn ein DFB-Präsident wegen irgendwelcher unsauberen Verstrickungen abdanken musste, sprang er als Interimschef ein. Nach dem jeweiligen Interregnum begnügte er sich wieder mit der Position des Vize.
















 Ihr wahres Gesicht zeigten die die vier Könige vor allem dann, wenn sie die Zukunft des deutschen Fußballs in trauter Runde diskutierten. 


Nicht nur böse Zungen sagen ihm nach, dass er alles über den Stimmenkauf für die WM-Ausrichtung 2006 gewusst habe. Vor zwei Jahren geriet er darüber hinaus ins Gerede, weil er einem alten Geschäftsfreund, dem Kommunikationsberater Kurt Diekmann, einen „undurchsichtigen und hochdotierten“ Vertrag (Sport1) mit dem DFB verschafft hatte. Die SZ argwöhnt bis heute, mit den Honoraren sollten frühere Tätigkeiten Diekmanns für Koch & Co abgegolten werden.


An der Vereinbarung waren offenbar auch Curtius und Osnabrügge beteiligt, die zusammen mit dem Vize als die drei fürstlichen Musketiere gegen König Fritz Keller opponierten. Der Winzer aus dem Badischen, vom biederen SC Freiburg gekommen, galt zunächst als Hoffnungsträger, u. a. weil er die unsinnige Vergabe der WM 2022 nach Qatar kritisierte. Doch angesichts der Intrigen seines Hochadels platzte Keller der Kragen und ihm unterlief eine sprachliche Entgleisung, wie sie in keiner Situation und gegenüber keinem Gegner gerechtfertigt werden kann.


Ein Fußballfunktionär wie der Blutrichter?


Die in der Bundesrepublik vorherrschende Vergessens- und Verdrängungskultur ließ es völlig normal erscheinen, dass der DFB erst im Jahr 2000 damit begann, die eigene Rolle während des Nationalsozialismus, als jüdische Trainer und Spieler aus den Stadien und dann aus dem Leben verschwanden, zögerlich aufzuarbeiten. Insofern ist es erst einmal erstaunlich, dass Keller für seinen Intimfeind Koch eine Vergleichsperson bemühte, die vielen hierzulande zumindest bis zu dieser Entgleisung gar nicht mehr geläufig war. Dass der DFB-Präsident aber diese historische Figur und ihre schreckliche Effektivität kannte und dennoch seinen Kontrahenten verbal mit ihr gleichsetzte, machte den Eklat völlig unentschuldbar.


Rainer Koch ist ein obskurer Multi-Funktionär und Intrigant, aber mit Roland Freisler, dem Präsidenten von Hitlers Volksgerichtshof, der mehr als 2600 Todesurteile verhängte und als Teilnehmer der Wannseekonferenz einer der Chef-Logistiker des Holocausts war, mit diesem wohl fürchterlichsten Juristen der Geschichte, darf er nicht verglichen werden. Irgendwie erinnert diese Missachtung jeglicher Verhältnismäßigkeit an die Corona-Leugner, die sich Judensterne anstecken.


Jetzt steht der DFB vor einem Scherbenhaufen. Seine Landes- und Regionalfürsten entzogen Keller und Curtius das Vertrauen. Beide werden gehen müssen. Nicht geschasst wurde seltsamerweise Schatzmeister Osnabrügge, doch der hat ohnehin angekündigt, beim nächsten DFB-Bundestag nicht mehr kandidieren zu wollen. Das Gleiche gilt für den ewigen Rainer Koch, der allerdings bis dahin nach Kellers Abgang noch einmal in seine Lieblingsrolle als Interims-präsident schlüpfen darf. Was sich wie eine Machtparabel à la Macbeth, Richard III oder ein anderes Königsdrama von Shakespeare anließ, endet in einer konfusen Farce mit lauter Leichen, aber das ist halt so im Kapitalismus, wenn Inhalte den systematischen Irrgang der Dinge stören.


Witzbolde, vermutlich aus Bayern, haben übrigens die Namen der uneinsichtigen Vorbestraften Rummenigge (Uhrenschmuggel) und Hoeneß (Steuerhinterziehung) als künftige DFB-Monarchen ins Spiel gebracht.

 

05/2021

 

Dazu auch:

Fußball über Gräbern in der Rubrik Medien

Fifa-Sepp und Licht-Franz im Archiv der Rubrik Helden unserer Zeit (2014)