Krösus tritt ab

Cartoon: Rainer Hachfeld


Warum Jeff Bezos als Chef der Handelskrake Amazon demnächst abdankt, ob ihn neue Unternehmungen reizen oder er nur ungestört in seinem Geldspeicher schwimmen möchte, ist unwesentlich. Was an diesem Oligarchen interessiert, ist die kalkulierte Widersinnigkeit seines Geschäftsmodells: Er setzt auf die neuesten IT-Entwicklungen, wenn es um die interne Logistik, die Kontrolle und Manipulation von Kunden geht, aber er behandelt das Gros seiner Mitarbeiter wie ein Prinzipal des ausgehenden Mittelalters. Er war nie ein Mann der neuen Zeit, sondern ein klassischer Kapitalist, der von technologischen Entwicklungen, die andere angestoßen hatten, profitierte.


Quelle oder Otto – in globaler Dimension


Der Hauch des digitalen Abenteuers, die Legenden von der in kalifornischen Garagen erdachten Umformung der Welt per Internet, wie sie Larry Page (Google), Steve Jobs (Apple) oder selbst Bill Gates (Microsoft) umwehten, wurden Jeffrey Preston Bezos nie zugeschrieben. Auch fehlte ihm der messianische Auftritt eines Mark Zuckerberg, der vorgibt, Menschen in den sozialen Medien zusammenzubringen und so die Erde zu einem besseren Ort zu machen, während er tatsächlich alle verwertbaren Daten abgreift, um seine User zu gläsernen und lenkbaren Superkonsumenten zu konditionieren.


Jeff Bezos orientierte sich zunächst mehr am Geschäftsprinzip des guten alten Bertelsmann Lesering, nur dass er die Schmöker über das Internet anbot, nicht über Print-Kataloge. Das funktionierte so gut, dass der studierte Informatiker beschloss, den Leuten künftig alles online zu verhökern, was von der Grundidee mehr in Richtung Quelle () oder Otto Versand ging, allerdings mit den Mitteln, den Methoden und der Maßlosigkeit der New Economy. Als Bezos 1994 Amazon gründete, hatte er nicht vor, die Welt zu verändern, er wollte vielmehr jegliche erdenkliche Ware an jeden potentiellen Kunden bringen und damit Geld verdienen. Viel Geld – schließlich hatte er in seinen jungen Berufsjahren in New Yorker Vermögensverwaltungen Lunte gerochen.


Im Gegensatz zum altbackenen Versandhandel warb Amazon nicht freundlich um Käufer, sondern lauerte ihnen nach aggressivem Tracking auf, machte die arglosen Besucher scheinbar unverfänglicher Websites mit unschlagbaren Angeboten zu Konsumsüchtigen, die, ohne dass sie es sich hätten leisten können, nach Dingen gierten und griffen, die sie im Grund nicht brauchten. So stieg Bezos mit einem geschätzten Vermögen von 200 Milliarden Dollar für kurze Zeit zum reichsten Menschen der Welt auf, bis er von Elon Musk überholt wurde, weil der sich auf das für den Bürger Liebste und Wertvollste auf der Welt konzentriert hatte, das potente Auto.


Doch während Musk fieberhaft daran arbeitet, dass die E-Fahrzeuge, die er in immer größeren Massen produzieren lässt, zu Robotern, die Menschen fahren, mutieren, sorgte Bezos an der Spitze von Amazon dafür, dass in seinen riesigen Logistikzentren (und Lieferflotten) Menschen wie Roboter, nämlich möglichst ohne humanoide Unzulänglichkeiten, funktionierten.

 

Früh- oder vorkapitalistische Verhältnisse


Das Geschäftskonzept, das Bezos so erfolgreich rund um den Globus durchsetzte, basiert auf Steuervermeidung durch Verschieben der Gewinne, auf Monopolisierung des Einzelhandels zulasten kleiner Geschäfte und belebter Innenstädte, auf Umweltverschmutzung durch Millionen Tonnen von Verpackungsmüll sowie Flächenversiegelung für Logistikzentren – und auf der Ausbeutung seiner Beschäftigten in archaischem Ausmaß.


Natürlich machen sich auch die meisten anderen großen Player im Eldorado des Internet-Business der multiplen Übervorteilung von Staaten und Steuerzahlern schuldig, doch wollen Google oder Facebook zumindest ihre wichtigen Angestellten, Cyber-Freaks, Design-Illusionisten und Trend-Schnüffler, bei der Stange halten, indem sie ein Disneyland von Arbeitswelt um sie herum erschaffen (während die Sklavenarbeit nach China vergeben wurde). Bei Amazon hingegen verpacken die wichtigsten Mitarbeiter Waren, fahren Pakete bis in die Nacht aus und verzweifeln kollektiv angesichts einer Zeittaktung, die jeden Toilettengang zur Leistungsverweigerung werden lässt. Derzeit wehren sich in den USA die Auslieferer des Konzerns dagegen, dass in ihren Fahrzeugkabinen Kameras montiert werden, die jede Sekunde ihrer Arbeitszeit und jede ihrer Bewegungen überwachen.


Und das bei einer erbärmlichen Entlohnung. Wo sich eine Tarifbindung umgehen lässt, zahlt Amazon nach Gutdünken, also weniger als üblich. Und wenn in einem Land strittig ist, nach welchem Tarif entlohnt werden muss, kämpft das Management stets um den niedrigsten. In Deutschland fordert die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di für die Amazon-Beschäftigten die Einstufung nach dem Einzelhandelstarif. Der Konzern, dem Betriebsräte ein Gräuel sind, will aber nur nach dem schlechter dotierten Logistiktarif berappen, was zu Streiks wie denen an sechs deutschen Standorten vor Weihnachten führte.


Wenig Lohn für atemlose Plackerei, Arbeitnehmerrechte vernachlässigbar oder völlig ignoriert – mit solchen Maximen konnte sich Jeff Bezos zum Krösus der modernen Zeit krönen, wobei sein Verständnis von Arbeitsverhältnissen zwar nicht antik, aber doch feudal oder bestenfalls frühkapitalistisch sein dürfte. Die Vorgaben und Forderungen der Gemeinschaft, die ihm die Kunden stellt, negiert er, und für seine Lohnabhängigen mag er kaum die Mittel zu deren Reproduktion aufbringen.


















Als Oberaufseher Bezos der Arm schwer wurde und er ankündigte, von Bord der Amazon-Galeere zu gehen, war seinen Ruderern keinerlei Trauer anzumerken.


Im Mai 2013 widerfuhr Jeff Bezos eine Ehrung, die – wie es im blumigen Jargon der Börsenzocker immer so schön heißt – die Phantasien der Anleger beflügelt haben dürfte: Auf seinem globalen Kongress wählte ihn der Internationale Gewerkschaftsbund  zum „Schlechtesten Chef der Welt“ – ein Titel, den man sich erst mal mit brutaler Ausnutzung des „Humankapitals“ verdienen muss. Den wirklich wichtigen Akteuren aber verheißt er steigende Aktienkurse und hohe Dividende.


Neues Glück mit Biden


Doch Bezos kann auch anders, neben dem schnellen Dollar interessiert ihn offenbar auch die politische Mitwirkung hinter den Kulissen: Bereits 2014 übernahm er die Washington Post (WP), einst das Flaggschiff des investigativen Journalismus in den USA. Das Blatt schoss von Anfang an gegen Donald Trump, was Bezos sicherlich goutierte, benötigt er für sein Business doch ungehinderten sowie möglichst zoll- und abgabefreien Zugang zu allen Märkten, während der erratische Nationalist im Weißen Haus mit seinen protektionistischen Maßnahmen und rachsüchtigen Sanktionen die halbe Welt verprellte. Wegen der schlechten Kritiken in der WP ließ Trump keine Gelegenheit aus, seinen Kontrahenten via Twitter zu beleidigen, und versuchte offenbar, ihm auch ökonomisch zu schaden.


Wegen der dubiosen Vergabe eines Militärauftrags im Wert von zehn Milliarden Dollar klagte Krösus gegen Gröpaz (den Größten Präsidenten aller Zeiten). US-Kampfeinheiten sollten mit Clouds im Internet ausgerüstet werden, um die direkte Kommunikation zwischen Pentagon und Frontlinie zu verbessern und sicherer zu machen. Obwohl Amazon als aussichtsreichster Anwärter galt, ließ Trump den Auftrag Microsoft zuschanzen. Vor einem Jahr teilte ein Washingtoner Gericht die Ansicht von Bezos, der Präsident habe unzulässigen Druck ausgeübt und stoppte die Vergabe bis auf Weiteres.


Nebenher macht dieser Streit zweier Alphamännchen deutlich, in welchen Bereichen die sich früher so philanthropisch gebärdenden IT-Startups inzwischen ihr Geld verdienen, in unserem Beispiel als Optimierer des modernen Kriegshandwerks, im Fall von Facebook oder Google als Zuträger der US-Geheimdienste. Es wird auch klar, dass jemand, der gegen Trump war, nicht unbedingt ein guter Mensch sein muss. Kaum war Joe Biden gewählt, gratulierte ihm Jeff Bezos, der die Amazon-Leitung am 1. Juli abgeben wird, auf Instagram in höchsten Flötentönen: „Einigkeit, Einfühlungsvermögen und Anstand sind keine Merkmale einer vergangenen Ära.“

 

Die Befürworter eines von den USA dominierten Freihandels werden sich schon einig darin sein, die Umwandlung des Menschen zum abhängigen Konsumenten weltweit voranzutreiben, und wie einfühlsam Biden seine Kollegen zu dirigieren weiß, zeigt sich schon daran, dass die deutsche Bundeskanzlerin in vorauseilendem Gehorsam sogleich den Kriegszehnten aufzustocken verspricht. Nur das mit dem Anstand kapieren die Amazon-Beschäftigten nicht so ganz.

 

02/2021

 

Dazu auch:


Die Gottgleichen im Archiv von Politik und Abgrund (2020)