Merz zeigt es Trump

Cartoon: Rainer Hachfeld


Wider Erwarten geriet die Kür des neuen CDU-Parteivorsitzenden nicht zur befürchtet trübsinnigen Herrenrunde. Das Verdienst hierfür gebührt einzig und allein Friedrich Merz, der mit einer launigen Rede vor den körperlich und geistig An- wie Abwesenden und seinem beispielgebenden Verhalten nach der Wahlniederlage für hohen Unterhaltungswert sorgte. Da nicht erst seit den Vaterlandselogen des redseligen Außenministers Heiko Maas Deutschland als weltweiter Klassenprimus in puncto Benimm und Eigenlob gilt, scheint es mir nicht vermessen, auswärtigen gescheiterten Politikern, etwa in den USA, den Ex-Kandidaten Merz als leuchtendes Vorbild ans Herz zu legen.


Ein Herz für Arme und Frauen


Gut, bei Gegnern wie Armin Laschet mit seinem rheinischen Frohsinn und dem strebsamen Bemühen, der beste Merkel aller Zeiten zu werden, sowie Norbert Röttgen, von dem als einstigem Umweltminister keinerlei Spuren und als Vorsitzendem des Auswärtigen Ausschusses lediglich Sprechblasen in Erinnerung blieben, muss man nicht gerade glänzen, da genügt eine Durchschnittsleistung. Friedrich Merz aber wollte sein Bestes geben, gab auch alles und wurde leider von allen missverstanden.

Umsichtig hatte der Mann aus Brilon die neoliberale Skrupellosigkeit, die ihn einst zum deutschen Statthalter der Großinvestoren-Krake Blackrock aufsteigen ließ, an der Garderobe abgegeben und hob bei der Bewerbungsrede an, in forschem Ton kräftig zu menscheln.


Zunächst beruhigte er die wegen Covid-19 um Leib, Leben und Reisen bangenden Zuhörer, es gebe einen Weg heraus aus der Krise, eine Lösung per Impfserum. Und wer hat`s erfunden? Natürlich ein Deutscher, teilte uns der Orator triumphierend mit. Wie überhaupt diese unsere Heimat (unter ihm) wieder die globale Führungsrolle übernehmen solle, die ihr zusteht.


Nun zeigte sich, dass der mittelständische Multimillionär nicht mehr nur auf Profite oder Steuererklärungen fixiert ist, sondern auch den Klimawandel, die Armut und das weibliche Geschlecht als ernstzunehmende Themen entdeckt hat. Für die Umwelt sollte man schon irgendetwas tun, aber erzählen lässt er sich als mit allen Wassern abgebrühter Wirtschaftsjurist noch lange nichts. Gretas „Narrativ“ lehnt er ab und stellt ihre Befürchtungen und Vorwürfe mit eigenen Worten so dar: „Ihr habt gestern nichts getan, und morgen geht die Welt unter. Deswegen müssen wir heute das System ändern.“ Nein, kontert Friedrich, „die Welt geht morgen nicht unter“. Wir atmen beruhigt auf, denn wir können laut Merz auch dieses Problem lösen, mit Technologie, mit Wasserstoff, nicht mit Wind und Sonne. Morgen vielleicht noch nicht, aber doch irgendwann. Die Natur soll sich nicht so haben, ein Macher wie er hat schließlich noch andere Baustellen. Wir aber dürfen unser schönes System, dem wir das Ganze zu verdanken haben, doch behalten.


Wie BILD, Lieblingsblatt der Unionspolitiker, die ein „Herz für Kinder“ zu haben vorgibt, während sie sich gerne über angebliche Hartz-IV-Erschleichung im Großfamilienmilieu echauffiert, hat auch Friedrich Merz irgendwo in seinem Inneren ein bisschen Empathie für „diejenigen, die sozial schwach sind“ gefunden. Denn sie „finden gerade bei unserer Partei Herz und Zuwendung“. Auf Gags von solcher Qualität wartet man selbst bei Laschets schmissigster Büttenrede vergeblich.

      

Und Merz vergisst auch „ein Wort zu den Frauen“ nicht. Ihn kränkt offensichtlich, dass ihm des Öfteren vorgehalten wird, er habe die in seiner hochsauerländischen Heimat seit der Steinzeit festgeschriebene Verteilung der Geschlechterrollen verinnerlicht, und so ruft er kompetente Zeuginnen zu seiner Verteidigung auf: „Aber wenn ich wirklich ein Frauenproblem hätte, wie manche sagen, dann hätten mir meine Töchter längst die Gelbe Karte gezeigt – und meine Frau hätte mich nicht vor 40 Jahren geheiratet.“ Nun, die Töchter konnten sich ihren Vater nicht aussuchen, geschweige denn, ihm mit Platzverweis drohen. Aber was war damals in die Gattin gefahren?


Es hat alles nichts genutzt. Das Mittelmaß in der Person Armin Laschets siegte über das bühnenreife Original, das als Kanzler Deutschland mithilfe von Bierdeckel-Formeln und gegen Null tendierenden Unternehmenssteuern gerettet hätte. Doch erst jetzt, in der Niederlage, zeigte sich Friedrichs wahre Größe.


Mach ich halt Wirtschaftsminister


Statt über die Unvernunft des CDU-Stimmviehs zu lamentieren, bot Merz sogleich Armin Laschet, der so gern als guter Mensch und Versöhner in die Annalen seiner Partei eingehen möchte, an, statt Peter Altmaier Wirtschaftsminister im Merkel-Kabinett zu werden. Nehmen wir dies als Zeichen des guten Willens und der Fairness eines edlen Verlierers, denn mehr als eine symbolische Geste konnte es angesichts der schnöden Realität nicht sein.


Laschet outete sich sofort als falscher Ansprechpartner, da er zwar in Düsseldorf, nicht aber im Berliner Kabinett das Sagen hat und es dort eingedenk des drohenden Schattens eines bayerischen Sankt Markus möglicherweise auch künftig nie bekommen wird. Angela Merkel wiederum dachte nicht im Traum daran, einen erprobten Minister gegen den ehrgeizigen Quälgeist Merz auszuwechseln, schon gar nicht Altmaier, ihren jovialen Dicken, mit dem sie höchst einvernehmlich die Geschäfte der berühmten Firma WireCard gefördert hatte.


















Fritz: "Dürfte ich ablösen?" Peter: "Angie schwoft nicht mit Losern!"


So ist es wiederum das kleingeistige, neiderfüllte und bürokratische Kalkül in der deutschen Politik, das eine ehrliche Haut und seltene strategische Begabung dazu zwingt, ihr Mäntelchen an der Garderobe abzuholen und ihr Geld wieder im sozialdarwinistischen Umfeld der global operierenden Heuschrecken zu verdienen.

 

So geht Niederlage!


Dennoch verdient solches Verhalten unsere Achtung, mehr noch, es reizt zur Nachahmung. Führen wir uns nur das Drama um den abgewählten US-Präsidenten Donald Trump vor Augen, der wie ein trotziger Dreijähriger plärrte, er habe die Wahl nicht verloren und werde sich nicht aus seinem Kinderzimmer namens Oval Office vertreiben lassen, schon weil die neuen Hausherren nichts als Demokraten, Lügner, Fälscher und andere Bösewichter seien. Er hätte sich ein Beispiel an Friedrich Merz nehmen sollen, der nach seiner Niederlage ganz einfach einen anderen Posten für sich reklamiert hatte und sich, als er den auch nicht bekam, ganz versöhnlich für etwaige „Irritationen“ entschuldigte und lediglich dem armen Armin Laschet damit drohte, ihn zu unterstützen.


Der Versuch war‘s wert, und wäre auch eine Option für Trump gewesen. Hätte der nicht auf Biden zugehen und ihm ein wenig Hilfe anbieten können: „Joe, du hast zwar nicht gewonnen, aber Schwamm drüber, wenn du mich als Justizminister nominierst.“ Biden hätte seine Ruhe gehabt, und Donald wäre als zuständiger Ressortleiter für die Begnadigung derjenigen seiner kriminellen Kumpel, die er in den letzten Tagen im Amt bei der Amnestie vergessen hatte, sowie für die Hinrichtung zahlloser geistig oder psychisch behinderter, minderjähriger oder nichtweißer in US-Gefängnissen einsitzenden Todeskandidaten fachlich zuständig gewesen.


Und selbst wenn sein Angebot bei Biden auf taube Ohren gestoßen wäre, hätte er sich wie Friedrich Merz mit Anstand in die Versenkung verabschieden können.

 

01/2021

 

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Bote aus dem Jenseits im Archiv dieser Rubrik (2018)