Nicht ohne unsre Hymne


Donald Trump mag ein wahrer Meister darin sein, nach gescheiterten Unternehmungen sofort neue Kriegsschauplätze zu eröffnen; doch in Bayern wächst ihm ein ernsthafter Konkurrent heran: Immer wenn Markus Söder registrieren muss, dass eine seiner zahllosen Ankündigungen im Nirwana verpufft, verschwendet er keinen Moment mit Reflexion oder gar Korrektur, sondern treibt umgehend die nächste Sau durchs Dorf – gern mit ein wenig volkstümelndem, rechte Sehnsüchte bedienendem Flair. Während bundesweit der Stern des ewigen Möchtegern-Kanzlers zu verblassen droht, verordnet er nun seinem Freistaatsvolk und vor allem dessen hoffnungsvoller Jugend ein Bad in einer traditionalistischen Melange aus seichtem Sang und hehrem Kitsch: die Bayernhymne.


Söders Ersatzbefriedigung


So richtig gut läuft es derzeit nicht für Markus Söder, den ewigen Kanzleraspiranten ohne bisherige Fortune. Er ist nicht mehr Darling der Massen im Politbarometer, sein Einfluss in der Bundespolitik schwindet, unter seiner Ägide schrumpfte die CSU, einst monolithische Staatspartei, von Landtags- zu Kommunalwahl immer weiter, und jetzt mag die eigene Partei seine Bekenntnisse eines Gourmands auf Social Media nicht länger goutieren. Vor allem Letzteres dürfte sein Selbstwertgefühl spürbar angekratzt haben, denn wie soll sein sensibles Inneres Ruhe finden, wenn er sich unter „Söder isst“ nicht ständig und überall äußern darf, etwa zu Döner, Schweinsbraten oder – exotischer Ausfluss seiner chronischen Logorrhoe – zu einer von chinesischem Essen verschuldeten Diarrhoe.


Dem ausdauernden Schwadroneur gelingt es trotz Omnipräsenz in allen Medien nicht mehr, die eigenen Irrungen und Pannen, vor allem aber die zahlreichen uneingelösten Versprechen aus der Welt zu reden. Und da hat sich tatsächlich Stoff en masse angesammelt: Das großmäulig verkündete Ziel, Bayern bis 2040, also fünf Jahre vor dem Bund, klimaneutral zu machen – kleinlaut einkassiert; die aus wahltaktischen Gründen von Söders Staatskanzlei verschwiegenen Probleme mit dem Bau der Münchner S-Bahnstrecke 2 werden sich zum teuersten und langwierigsten Projekt der bundesdeutschen Baugeschichte neben Stuttgart 21 auftürmen; der soziale Wohnungsbau dümpelt im hochpreisigen Bayern vor sich hin, weil Söder es nicht schafft, sein einst als Finanzminister verantwortetes Verramschen von 25.000 staatseigenen Behausungen durch die Errichtung von 5000 günstigen Wohnimmobilien wenigstens einigermaßen zu kompensieren.


„Windkraft? Nein danke!“ wechselte in seinen Präferenzen ab mit „Vorreiter im Bau neuer Windkrafträder“, und nun wird das Thema wegen Ineffizienz und lächerlichen Resultaten wieder sorgfältig beschwiegen; keine „Monstertrassen“ im Freistaat – so die Devise vor ein paar Jahren, als Strom aus den Offshore-Windanlagen in den Süden geleitet werden sollte. Heute klagt Söder bitter, Bayern werde absichtlich von erneuerbarer Energie aus dem Norden abgeschnitten. Nach Fukushima wollte er plötzlich sofort raus aus der Kernenergie, heute möchte er die hohen Kosten und Risiken gern durch Mini-AKWs in Schrebergarten-Manier streuen. Und so weiter…


Wenn einem so viel Schlechtes widerfährt, klammert man sich an den winzigsten symbolischen Strohhalm, und so kam Söder die herzige Bayernhymne in den Sinn, die – zu seinem Missbehagen – nicht genügend geschätzt und von den künftigen Generationen gar völlig ignoriert werden könne. So wies Markus Söder seine Kultusministerin Anna Stolz von den „Freien Wählern“ an, bei den Abschlussfeiern aller bayerischen Schulen zumindest zwei Hymnen abspielen zu lassen, im Normalfall die deutsche und dazu die bayerische. Da unser Patriot, der gern auf 150 Prozent hochrotiert, natürlich offene Skepsis bei manchen Lehrern und allerlei Schabernack bei vielen Schülern befürchtete, ließ er noch eine Mahnung folgen: „Auf die Einhaltung des Paragrafen 90a Strafgesetzbuch („Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole“) ist zu achten.“


„Alter Ruhm“


Nun ist es nicht etwa so, dass die Bayernhymne sich in Gemüt und Herz altgedienter Bajuwaren tief verankert hätte. Nur wenige Lokalpatrioten kennen mehr als den ersten Vers: „Gott mit dir, du Land der Bayern“, und noch weniger trällern das zweistrophige Lied aus freien Stücken in beseelten Chören. Der von Max Kunz (1812-1875) gefällig vertonte Text des Schulmeisters und Biedermeier-Poeten Michael Öchsner (1816-1893) prägt sich in seiner lammfrommen, aber etwas holprigen Hommage an das Land zwischen Alpen und Rhön nicht gerade zwingend ein.


Auch werfen die Verse „Dass mit Deutschlands Bruderstämmen / einig uns ein jeder schau / und den alten Ruhm bewähre / unser Banner, weiß und blau!“ so manche Frage auf. An welchen Ruhm hatte der farbsinnige Gelegenheitsdichter gedacht? Etwa an den Tillys, des grausamsten aller grausamen Heerführer im Dreißigjährigen Krieg, den die bayerischen Wittelsbacher auf das geschundene Deutschland losließen? Oder an die bajuwarischen Besatzungstruppen, die im Dienste Napoleons die Tiroler Widerstandskämpfer unter Andreas Hofer niedermachten? Auch heute, 132 Jahre nach dem Ableben von Michael Öchsner, haben wir noch Schwierigkeiten, viel alten Ruhm in der Geschichte des Freistaates zu finden. Da ließen sich vielleicht noch dieser wahnsinnige Märchenkönig, der im Starnberger See ertrank (oder ertränkt wurde) und der erste bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner nennen; doch Letzterer war Berliner, außerdem links, und wurde folgerichtig am 21. Februar 1919 von dem nationalistischen Grafen von Arco ermordet.


Aber die Bayernhymne wird ja nicht allein vom Schulorchester oder vom Band abgespielt, möglicherweise auch gestreamt. Begleitet wird sie von der deutschen Nationalhymne, deren Klang in ehedem besetzten Nachbarländern heute noch ein Gänsehautgefühl erzeugt und deren mittlerweile keusch verschwiegene erste Strophe dem Vaterland vier Flüsse andichtet, deren Ufer längst nicht mehr zu den germanischen Latifundien zählen.


Gebots- statt Verbotskultur


Söder hatte früher damit gepunktet, den Grünen eine umfassende Verbotskultur zu unterstellen: Im etwas irrigen Tenor Sie wollen den Bürgern ihre Gas- und Ölheizungen, ihre Benzin- und Dieselmotoren und ihre Schnitzel wegnehmen! präsentierte er sich als Hüter der Liberalitas Bavariae, die er allerdings verleugnete, als er auch die schüchternsten Überlegungen zum Gendern in Schulen oder Amtsstuben kategorisch untersagte.


Eben dort aber ließ er ein abstrahiertes Folterwerkzeug, das den Sohn des Herren gepiesackt hatte, aufhängen, ohne Widerrede zu dulden (vielleicht weil er andeuten wollte, wie es Menschen ergeht, die das Kreuz nicht an der richtigen Stelle machen). Zu dieser für seine Selbstherrlichkeit typischen Gebotskultur gehört es nun auch, Schulabgängern und Pädagogen das Ableiern von nationalen Lobliedern zu befehlen.


Offenbar will sich Söder als super-patriotischer Fels in der rechtsextremen Brandung, die christsoziale Gestade zu unterspülen droht, profilieren. Allerdings steht zu befürchten, dass solch populistische Kinkerlitzchen nichts gegen Ressentiments und Hass, wie sie die AfD in Social Media, in Parlamenten und an Stammtischen flächendeckend streut, ausrichten können. Dieser Partei halbherzig nachzueifern statt ihre inhumanen Pläne zu thematisieren, wird sie nicht daran hindern können, den „Vogelschiss in der Geschichte“, wie ihr Alterspräsident Gauland das NS-Regime zu verharmlosen beliebte, zumindest ansatzweise zu wiederholen.


05/2026


Dazu auch:


Fabel vom Wolf Markus (2019) und Das Kreuz mit Söder (2018) im Archiv der Rubrik Helden unserer Zeit


Milliardengrab Süd im Archiv von Politik und Abgrund (2023)


"Deutscher Sang" im Archiv der Rubrik Medien (2015)