Robert Wendehals
Cartoon: Rainer Hachfeld


Mehr und mehr wird Vizekanzler Habeck zum Gesicht der gescheiterten Energiewende, der Feigheit vor dem liberalen Koalitionsfeind, der dubiosen Konzernnähe oder des Einknickens vor despotischen Ölscheichs und so weiter. Kann sich so viel Unterschiedliches auf einem einzigen Gesicht widerspiegeln, wird der Leser verwirrt fragen. Eigentlich nicht, aber der nette Robert hat viele Gesichter, denn er ist auch Kinderbuchautor und kennt sich in der Märchenwelt aus. Dort verwandelt sich ein Frosch in einen Prinzen, und der garstige Wicht Zwergnase mutiert zu einem Meisterkoch. Solche physischen Metamorphosen durchläuft Habeck zwar nicht, dafür tauscht er Überzeugungen sowie Grundsätze in magischer Geschwindigkeit aus, lässt rote Öko-Linien durch Zauberkraft verschwinden, und wird so zu dem Antlitz der heutigen Grünen.


Lützerath: Robert und die Symbole


Da reißt der Energiekonzern RWE den Weiler Lützerath nieder, um eine toxische Ressource aus dem hierzulande ohnehin knapp werdenden Bauernland zu baggern, sorgt dafür, dass die deutschen Klimaziele in noch weitere Ferne entschwinden – und die Bundesregierung lässt sich vorführen wie ein Tanzbär am Nasenring der Wirtschaft. Statt den Artikel 14 des Grundgesetzes (der dekretiert, dass Eigentum verpflichtet und Enteignung „zum Wohle der Allgemeinheit“ zulässig ist) zu bemühen und das umweltschädigende Treiben sofort zu stoppen, schließt sie einen Kompromiss mit dem Unternehmen, das nach Expertenmeinung die Braunkohle von Lützerath ohnehin nicht mehr gebraucht hätte: RWE darf die ländliche Idylle zerstören, dafür verzichtet der zweitgrößte Energieversorger der Republik darauf, andere Ortschaften plattzumachen und steigt ein bisschen früher aus der Förderung des Umweltdrecks aus, die ihm schon lange hätte untersagt werden müssen.


Während die arrivierten Ökos mit grünem Parteibuch und politischer Funktion den „Kompromiss“ feiern und sich staatstragend geben, kämpfen vorwiegend junge Ökos, nicht von Kalkül, sondern von Verantwortung und Verzweiflung geleitet, gegen die neuerliche Vernichtung eines einigermaßen naturverträglichen Ambientes. Der Widerstand von Lützerath darf somit als Symbol dafür gewertet werden, dass künftige Schweinereien nicht geräuschlos vor sich gehen werden.


Aus schlechtem Gewissen, reflexartigem Rechtfertigungsdrang, oder einfach, weil er glaubt, zu allem etwas sagen zu müssen, plappert da Robert Habeck ins Mikro: „Die leergezogene Siedlung Lützerath, wo keiner mehr wohnt, ist aus meiner Sicht das falsche Symbol." Gegen Umweltfrevel zu protestieren, noch dazu, nachdem die Grünen in der Bundesregierung brav das tabula-rasa-Procedere der Vorgänger abgenickt haben, ist selbstverständlich in deren Augen ein schiefes Zeichen. Und mit Symbolen kennt die einstige Öko-Partei sich aus. Nach ihrer aufopferungsvollen Regierungsarbeit steht die Farbe Grün im politischen Spektrum mittlerweile sinnbildlich u. a. für: Verschleppung der Klimaziele; faktische Negierung einer werteorientierten Außenpolitik; Duldung der schleichenden Atomkraft-Renaissance; Fortsetzung einer inhumanen Flüchtlingspolitik (ukrainische Hilfesuchende ausgenommen); „Pflugscharen zu Schwertern!“; internationale Handelsabkommen zum Frommen der Konzerne etc.


















Don Roberto Quijote im Kampf gegen den Klimawandel


Das Gute propagieren, das Schlechte tun


Robert Habeck kommuniziert die Wandlung der Parlamentsgrünen von weltrettenden Paulussen zu systemerhaltenden Saulussen ganz allein an vorderster Front, schon weil seine kongeniale Mitstreiterin Annalena Baerbock meist in der Welt unterwegs ist, um deutsche Werte (etwas zerfleddert, aber in schöne Worthülsen verpackt) unter die Völker zu bringen. Und seit er Wirtschaftsminister sein darf, hat er – um in seinem flapsigen Jargon zu bleiben – die Wirtschaft ganz arg lieb.
Da kann es im Eifer des pro-kapitalistischen Gefechts schon mal vorkommen, dass bei der Minderung der sanktionsbedingten Einbußen von Staats wegen in erster Linie die Unternehmen, und darunter auch diejenigen Energiekonzerne, die sich antizyklisch gerade eine goldene Nase verdienen, bedacht werden, ehe die Oma in der zugigen Altbauwohnung drankommt.


Wer die einheimische Produktion und den Export ohne Rücksicht auf Verluste fördert, kommt natürlich nicht an der Rüstungsindustrie vorbei. Und Robert, der einst Friedensbewegte, räumt dieser Branche die Ausfuhrhindernisse diensteifrig aus dem Weg, etwa in die Militärdiktatur Ägypten oder in arabische Despotien, auch wenn diese Geschäftspartner gerade den Jemen kurz und klein bomben.


Nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz (über solch sperriges Deutsch rümpft der lässige Jugendschriftsteller nur die Nase) dürften Militärgüter made in Germany  nicht an Länder, die in bewaffnete Konflikte verwickelt sind, geliefert werden, doch für die Genehmigung ist der neunköpfige Bundessicherheitsrat zuständig, der geheim tagt und keiner parlamentarischen Kontrolle unterliegt. Da trifft es sich gut, dass Habeck als Wirtschaftsminister federführendes Mitglied des diskreten Gremiums ist. Und der Mann, der früher die Rüstungsexporte ins Ausland stoppen wollte, macht sich jetzt nach einer seiner vielen Kehrtwenden um die Todesindustrie verdient. Jedenfalls gehen die Aktien des größten deutschen Kriegsausstatters Rheinmetall derzeit durch die Decke.


Dem guten Onkel glauben


Robert mit den volatilen Meinungen, seidenweichen Standpunkten und vergänglichen Idealen wirkt durchaus sympathisch. Seine sonore Stimme ähnelt der des populistischen Comedy-Reaktionärs Dieter Nuhr, die Diktion ist ein wenig tapsig und unbeholfen und kann gerade deshalb leicht für ehrlich gehalten werden. Er überfordert sein Publikum nicht mit allzu fundierten Aussagen, sondern gibt sich empathisch wie ein guter Onkel. Grüne Kinder seien dennoch davor gewarnt, ihm in sein Haus zu folgen, wo der Krake Opportunismus für die rechte Ordnung sorgt.


Wie viele linke Jusos haben wir nicht zu rechten Funktionären degenerieren sehen, wie viele grüne Aktivisten nicht zu bedenkenlosen Verteidigern des Status quo? Aber keine/r hat auf der Achterbahnfahrt in die bürgerlich-konservative Ecke die Rechtskurve so ansatzlos und derart rasend schnell gekratzt wie unser Robert Habeck.


„Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“, sprach Jesus den Aposteln Markus und Matthäus gemäß zu seinem Jünger Petrus, auf den sich seltsamerweise bis heute die katholischen Päpste berufen. Da kann der Heiland ja heute noch froh sein, dass er nicht Habeck an seiner Seite hatte. Ehe das Federvieh auch nur einmal den Schnabel aufgemacht hätte, wäre Jesus von Robert bereits ein Dutzend Mal aus Gründen der Staatsraison verpetzt worden.


01/2023


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