Sanfte Rassisten

Cartoon: Rainer Hachfeld


Es scheint so, als habe die brutale Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch weiße Polizisten in Minneapolis im Nachhinein doch noch einen positiven Effekt gezeitigt: Zunächst in den USA, dann in vielen anderen Ländern, darunter auch Deutschland, gingen Abertausende auf die Straße und demonstrierten gegen Rassismus, Polizeigewalt und soziale Ungleichheit. Allerdings steht zu befürchten, dass hierzulande zu exklusiv auf Trumps Amerika gestarrt wird und dabei die eklatante Diskriminierung vor der eigenen Haustür dezent in den Hintergrund rückt.


„Ausrutscher“ oder Strategie?


Auch in Deutschland pflegen Politik und Behörden bisweilen einen veritablen Rassismus, der aber nicht so verbalradikal daherkommt wie sein US-Pendant, sondern eher im volkstümlich-hinterfotzigen Gewand. So erklärte 2016 der damalige CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer augenzwinkernd, dass es noch lange nicht gleichwertig ist, wenn Zwei das Gleiche tun: "Entschuldigen S' die Sprache, das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese, der über drei Jahre da ist - weil den wirst Du nie wieder abschieben…“


Damit umschrieb der begnadete Vereinfacher in humoriger Sprache, was ein Großteil der bayerischen Bevölkerung so oder ähnlich ausdrücken würde: Die Pflicht des Negers ist, nach Hause zu gehen oder sich brav ausweisen zu lassen, statt sich einen Platz in unserer Gesellschaft erschleichen zu wollen, indem er Sport treibt und frömmelt wie wir. Insofern war Scheuers Invektive kein rhetorischer Ausrutscher, sondern ein anschauliches Beispiel für alltägliche Diskriminierung.




















Ist Andreas Scheuer ein launiger Rassist, oder wurde er nur vor einiger Zeit von einem harten Gegenstand am Kopf getroffen?


Wenn Behördenmitarbeiter an der Grenze oder auf der Straße stichprobenartig kontrollieren, wird von hundert Reisenden oder Passanten unter Garantie der oder die einzige Dunkelhäutige den Pass oder die Fahrkarte vorzeigen und das Anwesenheitsmotiv erklären müssen. Das mag in Frankreich oder Tschechien ähnlich sein, stößt einem aber in dem Land mit der aggressivsten rassistischen (nie gründlich aufgearbeiteten) Vergangenheit besonders übel auf. Da kann das Bundesjustizministerium ruhig ein Gesetz gegen Rechtsextremismus und Hasskriminalität auf den Weg bringen – die eingeschliffenen Vorurteile werden davon nicht erfasst.


Dass die SPD-Vorsitzende Saskia Esken wegen ihrer zutreffenden Feststellung, in der deutschen Polizei existiere ein „latenter Rassismus“ mit einem Shitstorm seitens der Sicherheitskräfte, der zuständigen Gewerkschaft und der rechtsbürgerlichen Politik überzogen wird, zeigt nur, wie wenig bereit die deutsche Öffentlichkeit mehrheitlich ist, sich der bitteren Realität zu stellen. Dabei hätte ein einfacher Analogieschluss zur Bestätigung der These genügt: In der deutschen Bevölkerung gibt es mehr oder weniger latenten Rassismus, quer durch die Regionen, sozialen Schichten und bürgerlichen Parteien bis hin nach ganz rechts, zur AfD – die Polizei aber ist Teil dieser Gesellschaft, und nicht gerade der progressivste.

 

Auch in der eigenen Partei wird Eskens Mahnung immer wieder durch ignorante Politik konterkariert. So setzte eine Große Koalition in Nürnberg, der selbsternannten „Stadt der Menschenrechte“,  die Beförderung des bisherigen Einwohneramtschefs Olaf Kuch zum Stadtrechtsdirektor durch. Kuch gilt als rechtskonservativ und war als Leiter der Ausländerbehörde laut Bayerischem Flüchtlingsrat "nicht nur regional, sondern bundesweit dafür bekannt, äußerst restriktiv und unmenschlich" gegenüber Migranten und Geflüchteten zu agieren. Im Klartext: Immer wenn die „Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung innerhalb der geltenden Gesetze möglich gewesen wäre“, wurde dennoch abgeschoben: Azubis, Schüler, langjährig Berufstätige, Familien, kranke alleinerziehende Mütter. Selbst biedere Handwerksmeister rebellierten gegen Kuch, weil sie ihre Lehrlinge und Mitarbeiter verloren. Kein Hinderungsgrund aber für die SPD, den als „schnellster Abschieber im Lande“ apostrophierten strammen CSUler zu unterstützen, während die Grünen in diesem Fall konsequent blieben, wegen der Personalie Kuch die Koalitionsverhandlungen abbrachen und so auf lukrative Posten verzichteten.


Nur bei Haustieren gibt es Rassen


Der Umgang eines Staates (und seiner Bevölkerung) mit Menschen, die vor Krieg, Hunger oder Unterdrückung Schutz auf seinem Gebiet suchen, liefert ebenso die Indizien für offenen, latenten oder fehlenden Rassismus wie die Behandlung von Minderheiten und Bürgern mit Migrationshintergrund. Und da sieht Deutschland – nach dem Abklingen einer von einer empathischen Minorität in Gang gesetzten Euphoriewelle zu Beginn der „Flüchtlingskrise“ – gar nicht gut aus.


Wirtschaftliches Konkurrenzdenken, Angst vor „Überfremdung“, vor der oft unterstellten Kriminalität der anderen oder die irrige Annahme einer „weißen oder nationalen Überlegenheit“ munitionieren auch in anderen Ländern klammheimliche, bisweilen auch offen aggressive Xenophobie, in Deutschland haben sie jedoch eine besonders lange, von einer tödlichen Klimax während des Nationalsozialismus überragte Tradition. Preußisches Herrenmenschendenken und adlig-militärischer Vernichtungswillen hatten bereits die Ausrottungsfeldzüge im heutigen Namibia und in Südostafrika mit der Minderwertigkeit der Indigenen und der eigenen rassischen Überlegenheit gerechtfertigt, was in der Ära des Kolonialismus durchaus üblich war, aber in typisch teutonischer Perfektion den Nazis eine Blaupause für den späteren Holocaust lieferte.


Der Begriff „Rasse“ wird in der Wissenschaft ausschließlich zur Kategorisierung von Haustieren verwendet (bei der wilden Fauna spricht man von Arten). Für Menschen ist er obsolet, da die verschiedenen Ethnien genetisch kaum unterscheidbar sind und sich im Lauf der Zeit ordentlich vermengt haben (spätestens seit Homo Sapiens und Neandertaler gemischte Doppel bildeten). Den Begriff „Rassismus“ hingegen kann man begründet anwenden, wenn Menschen dem pseudo-philosophischen Humbug von der Überlegenheit der eigenen Gruppe verfallen sind.


Dass ein in der Humanbiologie ungültiger Begriff Eingang in unsere Verfassung fand, beweist, dass deren Väter offenbar in alten Denkschemata gefangen waren. Deshalb liegen die Grünen richtig, wenn sie den Absatz 3 im Artikel 3 des Grundgesetzes, der dekretiert, dass niemand „wegen … seiner Rasse … benachteiligt oder bevorzugt werden“ dürfe, dahingehend ändern wollen, dass niemand mehr „rassistisch benachteiligt“ werden darf. Die Union ist dagegen, sie hält an der „Rasse“ fest, die zwar für Menschen nicht gilt, aber der Stammtisch-Klientel, die gerne mal von „Kanaken“ , „Bimbos“ oder „dem Itzig an sich“  schwadroniert, seit Urzeiten ans Herz gewachsen ist.


Solches Vokabular benutzen hier die rechten Politiker (mit Ausnahme einiger AfD-Granden) normalerweise nicht, sie nennen schließlich auch Demonstranten nicht „Abschaum“ wie US-Präsident Trump (lassen wir legendäre Beschimpfungen durch den großen FJS mal außen vor), sie bevorzugen, wie etwa Andreas Scheuer, die witzige Diskriminierung. Knallhart und ungerührt aber zeigen sie sich, wenn Geflüchtete im Mittelmeer absaufen oder in überfüllten libyschen Lagern zugrunde gehen. Wer auf „Black-Lives-Matter“-Demos geht, sollte die Medien und die Politik immer daran erinnern, dass auch Flüchtlingsleben zählen.

  

Relativierer an die Front


Dass im Jahr 1900 ein tumber Kriegstreiber wie Kaiser Wilhelm II. in seiner „Hunnenrede“ deutsche Invasionstruppen ins Reich der Mitte mit dem Befehl, keine Gefangenen zu machen, auf „dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!“, entsandte, wird man dem preußisch-militaristischen Hohenzollern-Ungeist zurechnen. Doch auch der heute noch als Vordenker des honorigen Bürgertums von Liberalen wie Konservativen verehrte Soziologe und Nationalökonom Max Weber sah, als er die US-Südstaaten bereiste, „schwarze Halbaffen“ auf den Plantagen schuften. Der Rassismus hatte sich folglich auch in die intellektuellen, angeblich humanistisch gebildeten Kreise eingeschlichen.


Heutzutage wird in Medienrunden eher verbal abgerüstet. Die Auftritte deutscher Ordnungshüter seien keineswegs mit dem brutalen Vorgehen ihrer Kollegen in Minneapolis oder Atlanta zu vergleichen. Offenen Rassismus wie in einflussreichen rechten US-Gruppierungen gebe es in der arrivierten deutschen Politik und im Beamtentum nicht, höchstens missverständliche Äußerungen. Dass einige NSU-Morde möglicherweise hätten verhindert werden können, wären die ermittelnden Beamten nach den ersten Taten nicht mit ethnischen Vorurteilen an die Arbeit gegangen („Soko Bosporus“), wird dabei unterschlagen. Wie hätte wohl die Bundesregierung reagiert, wären statt dunkelhäutiger und muslimischer Habenichtse blonde, gutsituierte und ethnisch nahestehende Norweger auf der Flucht vor einer Naturkatastrophe in ihrer Heimat an unseren Grenzen und Küsten angekommen?


Im ARD-Presseclub relativierte Alexander Kissler vom Monatsmagazin Cicero, das den weitgehend geistfreien Neoliberalismus mit ein paar spitzfindigen Vignetten intellektuell aufpeppen will, den Anspruch der Black-Lives-Matter-Bewegung: Es wäre seiner Meinung nach besser gewesen, die Demonstranten hätten „All Lives Matter“ skandiert, es gebe ja schließlich auch afroamerikanischen Chauvinismus und schwarze Gewalt.


Demzufolge wären wir alle Opfer eines strukturellen oder latenten Rassismus, die Dunkleren vielleicht ein wenig mehr, die Helleren ein bisschen seltener. Aber was diese jedwede Schuld und Urheberschaft nivellierende These so verführerisch macht, ist die scheinbar versöhnliche Vorstellung: Wir sitzen alle im selben Boot. Möglich, allerdings werden die Unterprivilegierten, Flüchtlinge und Migranten früher ertrinken, und die Schwarzen werden schneller erschossen.

 

06/2020


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