Trio des Grauens

Cartoon: Rainer Hachfeld


Zweimal lieferten sich in den USA zwei Polit-Greise vor laufenden Kameras einen verbalen Schlagabtausch mit wenig Inhalt, aber viel Unterhaltungswert für Misanthropen. Die Junge Union (JU) wollte es den TV-Dompteuren von Trump und Biden gleichtun und lud die drei Kandidaten für den CDU-Bundesvorsitz in ein wegen Corona fast leeres Studio zur Debatte und virtuellen Fragestunde ein. An Inhaltlichem hatten Laschet, Röttgen und Merz ähnlich Dürftiges zu bieten wie die beiden Amerikaner, doch übten sie sich in dröger Langeweile statt in telegenem Foulplay.


Zwei alte „Parteifreunde“


Norbert Röttgen und Armin Laschet kennen und hassen sich seit geraumer Zeit innig. Drei Jahre lang agierte Röttgen als Bundesumweltminister, ohne positive Spuren zu hinterlassen, dann stieg er 2010 gegen den damaligen NRW-Integrationsminister Laschet in die Bütt, um ihm das Amt des CDU-Landesvorsitzenden wegzuschnappen. Als er zwei Jahre später als Spitzenkandidat bei den Landtagswahlen krachend gegen die SPD-Vorsitzende Hannelore Kraft verlor, weigerte er sich, als Oppositionsführer in Düsseldorf zu bleiben und beschloss, sein Karriereglück wieder in Berlin zu suchen.


Kanzlerin Merkel aber bestrafte den wankelmütigen Loser, und so musste dieser fürderhin sein Leben als einfacher Abgeordneter fristen, bis er Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag werden durfte. Deswegen gibt sich Röttgen in der Diskussion als der erfahrene Weltpolitiker, der „Aufbruch, Erneuerung, Veränderung“ und – natürlich – mehr und schnellere Digitalisierung anmahnt, den Deutschen eine „zu ausgeprägte Sicherheitsmentalität“ und „zu viel Angst vor dem Scheitern“ vorwirft. Sollten seine Landsleute tatsächlich aus der Geschichte gelernt haben? Röttgen wohl nicht, denn er profilierte sich zuletzt als Kalter Krieger mit Stoßrichtung gen Osten. Sein Plattitüden-Bonmot in der müden Debatte lautete: „Wir müssen verstehen, was in der Welt um uns herum vorgeht.“


Da gibt sich Armin Laschet bodenständiger und leutseliger, wirkt er doch stets ein wenig wie der Abgesandte eines Elferrates im rheinischen Karneval. Und er lobt sein gut dreijähriges Wirken als NRW-Ministerpräsident über den grünen Klee. Die Tönnies-Skandale, die Weigerung seiner Regierung, in öffentlichen Ausschreibungen nur tarifgebundene Firmen zu berücksichtigen, die ersten Corona-Hotspots in der Republik – das alles bleibt unerwähnt. Wenn aber Intimfeind Röttgen Defizite in der Bildung und die schleppende Digitalisierung kritisiert, präsentiert Laschet sein Bundesland quasi als schulisches El Dorado und IT-Paradies auf Augenhöhe mit dem Silicon Valley.


Überhaupt ist Digitalisierung das Zauberwort, mit dem jeder kulturelle und soziale Inhalt wie eine Altlast einfach weggebeamt wird. Als stärke allein die PC-Ausstattung und nicht die Kompetenz der Lehrer die künftige Lebenstüchtigkeit der Schüler, als könne nur die Künstliche Intelligenz die Welt vor Krieg, Umweltzerstörung und Armut retten.

    

Der Turbo-Kapitalist


Als der Dritte im Bunde versucht sich Friedrich Merz in die Herzen der traditionell weit rechts stehenden JU zu reden. Er war deutscher Aufsichtsratschef der weltgrößten Fondsgesellschaft BlackRock und weiß also, wie man Unternehmen, in die man sich eingekauft hat, zu bestimmten Strategien zwingt, etwa zur Entlassung halber Belegschaften, um durch schlanken Profit die Milliarden der Investoren zu mehren. Jetzt aber schlägt er neue Töne an: „Ich stehe für eine ökologische Erneuerung der sozialen Marktwirtschaft.“


Bislang hatte der neoliberale Millionär den Markt vor allen sozialen Verpflichtungen schützen wollen, und ökologische Belange galten ihm lediglich als Bremsklötze auf der turbokapitalistischen Rallye; aber was tut man nicht alles, um naiven Jungunionisten die Schimäre einer empathischeren Seite des ansonsten nassforschen Ego zu verkaufen.


Man muss bei Friedrich Merz genau hinhören, um seine Vorstellung von einer Wolfsgesellschaft, in der die ökonomisch Schwachen keine Hilfe von der Elite erwarten dürfen, herauszufiltern. Auf die Frage, wann denn Arbeitnehmer seiner Meinung nach künftig in den Ruhestand gehen dürften, nennt er kein konkretes Alter. Er halte nichts von starren Zeiten, Freiheit fände er besser. Die Menschen sollten in Rente gehen, wenn sie wollten. Es sollte sich bis zu Merz herumgesprochen haben, dass ein Großteil der heutigen Beschäftigten von seiner Altersrente nicht wird leben können. Diese Menschen werden weiter arbeiten wollen, weil sie arbeiten müssen, wenn sie überleben wollen. Auch eine Art der Entscheidungsfreiheit à la Merz.




















Womit drei Onkel die Junge Union in ihr Lager locken wollen



Es kommt nichts Besseres nach


Wie hatten wir alle gehofft, dass die bleierne Merkel-Zeit endlich enden möge. Wenn man nun aber die Auftritte der drei Möchtegern-Nachfolger, ihre Taten und Worte bewusst wahrnimmt, schwant einem, dass wieder einmal nichts Besseres nachkommt. Dies gilt auch für den Fall, dass mit Markus Söder und Jens Spahn noch zwei Nachzügler, die sich nach anfänglicher Fehleinschätzung und Zögerlichkeit via mediale Dauerpräsenz zu (vermeintlichen) Corona-Dominatoren hochstilisierten, in den Kampf um die Kanzlerkandidatur eingreifen sollten.


Eigenlob statt selbstkritischer Reflexion, Worthülsen statt Inhalten, Schlagworte anstelle perspektivischer Analyse: Alles spielt sich auf dem eigentlich für Donald Trump typischen geistigen Niveau ab, wenn auch weniger hysterisch und ohne dessen offensichtliche Lügen. Dies gilt nicht nur für die Matadoren der CDU, die SPD hat einen Kandidaten gekürt, der sich in seiner gesellschaftlichen Relevanz kaum von der christdemokratischen Konkurrenz abhebt.


Sollte es in der Union beim Dreikampf der intellektuell öden Bewerber um die Nachfolge Angela Merkels bleiben, wird sich der ansonsten desinteressierte Beobachter höchstens noch fragen, ob er dem Machtkampf ein Trios des Grauens beiwohnt oder doch eher den ewigen Zänkereien einer reichlich grauen Troika.

   

10/2020

 

Dazu auch:

Bote aus dem Jenseits im Archiv dieser Rubrik (2018)