Trump zum Letzten

Cartoon: Rainer Hachfeld


Gesetzt den Fall, Donald Trump gelänge es nicht, mithilfe der von ihm eingesetzten Richter die verlorene Wahl zu einem Sieg umzubiegen, würden wir einen vier Jahre lang Rasenden Roland als keifendes Rumpelstilzchen von der Bühne gehen sehen. Und in dem Schwank, der unter dem Titel Freedom & Democracy in the USA läuft, beträte ein weiterer Greis die Bretter, die zumindest für God‘s Own Country die Welt bedeuten. In der Bundesrepublik wird Joe Biden wie ein vorweihnachtlicher, vom Himmel hoch gekommener Engel gefeiert, während sich kritische Beobachter fragen, was sich, abgesehen vom rhetorischen Stil, eigentlich ändern könnte.


PR-Prinzip Massenhysterie


Der Ton ist allerdings wirklich ein anderer geworden. In sanftem Timbre und gemäßigter Sprache verspricht Joe Biden, die Amerikaner wieder zu einen, die vier Jahre lang nichts anderes als das „Teile und herrsche!“ in vulgärster Form vernommen haben, von einem Mann, der die Bevölkerung in die Guten, die bedingungslos hinter ihm standen, und die Schweinehunde, also die Journalisten, Demokraten, die Schwarzen und fiesen Latinos, die Schwulen, die Linken, Bürgerrechtler und weitere Zweifler, eingeteilt hatte. Mit Lug, Trug und einer perversen Geschicklichkeit hatte es Donald Trump immerhin geschafft, die Mehrheit der weißen und fast die Hälfte aller Bürger hinter sich zu bringen. Und wäre da nicht sein irrlichterndes und menschenverachtendes Handeln in der Corona-Krise gewesen, würde er möglicherweise jetzt als Titelverteidiger aus dem Weißen Haus grüßen.


Seine Nichte, die Psychologin Mary Trump, attestierte dem schrillen Populisten mit dem aufgebrezelten Äußeren eines Horror-Clowns pathologische Persönlichkeitsstörungen; ich bin mir da nicht ganz sicher. Trump stellte eine einzige Provokation in Wort und Bild dar, er brüskierte Intellektuelle, Wahrheitssuchende und Wissenschaftler, aber von einigen verbalen Kurzschlüssen und cholerischen Anfällen mal abgesehen tat er vieles aus Kalkül, zerschlug dabei das Porzellan vorsätzlich und zielgerichtet. Zumindest die weißen Arbeitslosen im Rust Belt, dann der White Trash, bestehend aus nationalistischen Cowboys, bewaffneten Rassisten oder irren Verschwörungstheoretikern, sowie die um ihre Erträge fürchtenden Unternehmer der Old Economy sahen in ihm den begnadeten Showstar, der so ganz anders war als seine blutleeren Gegner, die politischen Exegeten der anderen Kapitalfraktion.


Natürlich können auch Psychopathen bauernschlau agieren, doch spricht die lange Reihe seiner skrupellosen Erfolge gegen die Diagnose einer durchgängigen seelischen oder geistigen Krankheit (wenn auch nicht gegen Neurosen). Niemand würde aber behaupten wollen, dass er sich im rationalen Gleichgewicht befand, doch verstand er es als Hysteriker, seine Anhänger, die keine juristischen oder ökonomischen Inhalte und spitzfindige Begründungen seines Tuns hören mochten, allein durch erratisches, aber stets unterhaltsames Gebaren in seinen Bann, seine Aura, zu ziehen. Wie ein Popstar der 1960er Jahre entfachte er so durch Hybris und eigene Gemütsschwankungen eine veritable Massenhysterie.


Ein paar Fußstapfen bleiben


Von Trump wird mehr bleiben, als uns lieb sein kann, und das betrifft nicht nur Stilfragen. Er schützte die heimische Wirtschaft mittels Sanktionen, Embargos oder auch nur Drohungen vor billigeren und qualitativ höherwertigen Produkten aus dem Ausland, er zwang Kanada und Mexiko in eine neue, die US-Ökonomie begünstigende Freihandelsunion, befreite die Fracking-Prospektoren von lästigen Umweltauflagen und ging daran, der BRD deren Gas nach Bestrafung der an der konkurrierenden Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 beteiligten Firmen aufzudrängen. An all dem wird Joseph Biden nicht rütteln. Und gegen die Umwandlung des Justizapparats via Ernennungen in eine republikanische Machtinstanz kann er gar nichts unternehmen.


Der künftige Präsident mag ein Jünger des freien Marktes und der Globalisierung sein, er wird den Konzernen neue Freihandelsverträge bescheren und eher für das vom Neoliberalismus geschätzte Laissez-faire in der Weltwirtschaft stehen, doch Vorteile für America first, die Trump ähnlich den Kolonialautokraten des 19. Jahrhunderts mit ökonomischer Erpressung herausgeholt hat, dürfte auch er nicht mehr aufgeben wollen.


Trump kannte keine Überzeugung und keine Reflexion. Er dachte von Deal zu Deal, und suchte die persönliche Machterhaltung durch ständig neue Schnäppchen abzusichern. Als Bauunternehmer hatte er sich noch gegen die Waffenarsenale in privaten Händen ausgesprochen, als Kandidat und Präsident sicherte er sich durch martialische Aufrüstungsappelle die Unterstützung der mächtigen National Rifle Association. Religion war Trump einst herzlich egal gewesen; um die vielen Millionen Stimmen der rechten Anhänger evangelikaler Freikirchen zu bekommen, mauserte er sich zum bigotten Kreationisten-Fan.


Allzu viel Überzeugung und ergebnisoffenes Nachdenken sollte man auch von Biden nicht erwarten. Zwar will er die USA zurück in die Weltklimakonferenz führen und sich um die Umwelt kümmern, aber gegen das zerstörerische Fracking und die Nuklearenergie, deren ewig strahlende Reste unter den Prärien und Wüsten der USA schlummern, hat er nichts. Um den Bruch internationalen Rechts durch den Ausstieg aus dem Atomvertrag mit dem Iran zu kaschieren, hatte Trump plötzlich ein Junktim zwischen einer klar definierten Vereinbarung und den Aktivitäten der Mullahs in der Nahost-Region hergestellt (als würden dort nicht alle global wichtigen Akteure herumpfuschen). Da die Europäer brav dieser argumentativen Krücke folgten, wird Biden jetzt versuchen, die Rückkehr der USA zur Vertragstreue und die Aufhebung fragwürdiger Sanktionen von neuen Bedingungen abhängig zu machen.


Kampf im System statt Krieg der Systeme


Kein Zweifel, man atmet etwas freier nach Trumps Abwahl. Zwar hatte der Narzisst im Weißen Haus einen heißen Krieg immer als schlechten Deal angesehen und daher meist vorsichtiger agiert als so mancher Falke bei den Demokraten (wenngleich ein krachender Abgang mit Angriffen auf den Iran nach jüngsten Meldungen nicht ganz auszuschließen ist), im eigenen Land aber provozierte er von Anfang an Unruhen, mobilisierte den weißen Pöbel, demolierte das zarte Pflänzchen staatlicher Krankenversicherung und schuf dem Corona-Virus (nicht seinen Opfern) ein ideales Ambiente, gönnte den superreichen Kumpanen den gleichen gegen Null tendierenden Steuersatz wie sich selbst, hebelte Umweltgesetze aus und überzog die Medienlandschaft mit Lügen.


Was Trump so unberechenbar machte, war die gleichzeitige Zugehörigkeit zu zwei diametral entgegengesetzten Geisteslagern: Er agierte höchst modern, wenn auch mit zweifelhaften Methoden, indem er die gesamte Netz-Community zu dem geschockten bis begeisterten Publikum seiner manchmal willkürlichen, oft aber auch taktisch cleveren brachialen Weltdeutungen, Ankündigungen oder Wendemanöver machte. Kein Politiker vor ihm hat jemals die (a)sozialen Medien effektiver genutzt und missbraucht als er, der die alten, klassischen Medien, die nachzufragen und die Faktenlage zu prüfen drohten, pauschal als fake news abtat. Andererseits war Trump der Protagonist des alten Kapitalismus, der nach Kohle, Öl, Benzin und Schichtarbeiterschweiß riecht, zog das Faustrecht des Stärkeren der diplomatischen Belagerung vor, anders als Biden. Und weil niemand genau weiß, ob er seinen Jähzorn zügeln und seine gedanklichen Amokläufe notfalls stoppen kann, sind so viele froh, dass er abtreten muss, so als würde die Lunte aus einem Pulverfass gezogen.


Joseph Biden hingegen wirkt etwas antiquiert im Habitus, wie ein honoriger, aber aus der Zeit gefallener Gentleman, steht aber für Handelsabkommen à la TTIP, die es Konzernen ermöglichen, die Gesetzgebung ganzer Staaten von privaten Schiedsgerichten sanktionieren oder annullieren zu lassen, und für mehr militärischen Druck auf Russland. Nachdem das herrschende ökonomische System weltweit keine Konkurrenz mehr zu fürchten hat (auch der chinesische Staatskapitalismus wirkt eher wie ein Teil vom Ganzen), ringen eben im Inneren zwei Fraktionen um den entscheidenden Einfluss, mit Trump und Biden als auserwählten Kämpfern.



















Für den netten Uncle Joe rüstet unsere Kriegsministerin gern auf


Weil aber der Letztere so freundlich im Umgang und derart sachlich im Ton ist, glaubt die deutsche Kriegsministerin Kramp-Karrenbauer, in vorauseilendem Gehorsam sogleich die Rüstungsausgaben erhöhen zu müssen. Was vernünftig vorgebracht wird, entbehrt jedoch inhaltlich manchmal jeglicher Vernunft, etwa wenn potentielle Kriegsparteien, die über mehrfaches Overkill-Potential verfügen, noch weiter Superwaffen anschaffen sollen. Die Bundesregierung, die sich schon allein angesichts der geografischen Lage Deutschlands eigentlich zuallererst bei Biden dafür verwenden müsste, Trumps Kündigung des Start-II-Vertrages zur Rüstungsbeschränkung in Europa rückgängig zu machen, setzt plötzlich wieder auf militärische Optionen bis hin zur „nuklearen Teilhabe“. Trump hatten Merkel & Co noch misstraut, Bidens Intentionen aber glauben sie zu verstehen. Wenn sie sich da nur mal nicht täuschen…

 

11/2020

 

Dazu auch:

Unsinn von Uncle Joe in dieser Rubrik und Trumps America im Archiv dieser Rubrik (2016)