Vom Umgang mit Heroen

 

Jedes Land hat die Helden, die es verdient. Umgekehrt geht jedes Land auch mit Heroen, die so hehr wohl nicht wirkten, unterschiedlich um. So zieren beispielsweise Deutschlands Straßen immer noch zahllose Schilder mit berüchtigten Namen. In Südspanien lässt sich beobachten, wie das Gedenken an einen höchst umstrittenen Vorfahren auf eine ambivalente und teilweise originelle Weise gepflegt wird.


Krieger, Mörder, Antidemokraten


Die Siegessäule in Berlin ist so ein Beispiel für monumentalen Chauvinismus. Die preußisch-deutschen Kantersiege über Dänemark, Österreich und Frankreich im späten 19. Jahrhundert wurden als Triumphe germanischen Übermenschentums dargestellt – Kaiser Wilhelm Zwo und Adolf Hitler erfreuten sich daran und wurden davon wohl auch zu fatal endenden Fortsetzungen teutonischen Kriegstreibens animiert.


Vielleicht schlimmer noch, da irgendwie in das Alltagsleben integriert, ist die Namensgebung von Straßen und Plätzen nach schwer belasteten Militaristen und sogar der persönlichen Schuld am Aufkommen des Nationalsozialismus überführten Personen. Zwar wurden einige besonders anrüchige Patrone mittlerweile aus dem öffentlichen Bild entfernt, doch zeigt die Stadt Coburg, dass es auch anders gehen kann: Auf Betreiben seines Sohnes, des mächtigen Unternehmers Michael Stoschek wurde dem einstigen Reichswehrführer und frühen Nazi Max Brose erst vor drei Jahren eine Straße gewidmet – mit der Unterstützung eines SPD-Oberbürgermeisters, der finanziellen Drohungen des Milliardärs, er werde andernfalls der Stadt seine Gunst entziehen, tapfer nachgab!


Und in Deutschland gibt es immer noch sieben Lettow-Vorbeck-Straßen, benannt nach jenem General, der auf seinem strategisch völlig sinnlosen Feldzug im Südosten Afrikas gegen die Briten während des Ersten Weltkriegs überall verbrannte Felder und Dörfer hinterließ und so Hunderttausende von Menschen dem Hungertod auslieferte. Legion sind gar die Verkehrsadern in Deutschlands Groß- und Mittelstädten, die heute noch nach Paul Hindenburg, dem General, Revanchisten und – als Reichspräsident 1932 – Steigbügelhalter Hitlers, heißen.


Auch andere Länder tun sich schwer mit dem historischen Vermächtnis, zumal sich immer wieder nationale Heroenverehrung gegen den gesunden Menschenverstand und eine demokratische Erinnerungskultur durchsetzt. So stehen in Spanien immer noch etliche Statuen von Hernan Cortés herum, der die Azteken-Kultur zerstörte, entgegen seiner Zusagen mit ihm verbündete Indianervölker in die Leibeigenschaft zwang und so eine blühende Region entvölkerte. In Mexiko hingegen, der Stätte seines einstigen Wirkens, wurden seine Standbilder penibel entfernt.


In Úbeda, einer kleinen Renaissancestadt in Andalusien, zeigt sich, dass der Umgang mit Monumenten Schwankungen unterliegt und manchmal ganz spontan der (Un)Wille des Volkes, zumindest eines aufsässigen Teils davon, die Verfügungen von Oberen und Obrigkeit konterkarieren.


Das volatile Denkmal des Grafen


Man muss den Conde Leopoldo Sarin nicht unbedingt kennen, aber sein Wirken und die posthume Würdigung seiner Person sind irgendwie symptomatisch für eine gewisse Epoche der neueren spanischen Geschichte und den aktuellen Umgang damit. Der Graf diente sich zum General hoch, indem er in den nordafrikanischen Kolonialkriegen im Dienste der Krone wacker auf Berber und Araber eindrosch. Als Militarist durch und durch gehörte er dem Führungszirkel der Putschisten um Primo de Rivera an, der anschließend sieben Jahre über das Land herrschte und dessen gleichnamiger Sohn, geistiger Pate und Idol Francos, 1933 die faschistische Falange gründen sollte. Das politische Geschäft verdross den andalusischen Grafen aber bald, so dass er zur Armee zurückkehrte.


Der Magistrat seiner Heimatstadt Úbeda beschloss 1930, ihm ein schaurig-schönes Denkmal, das Heldenkitsch mit pseudo-mythologischer Einfalt paarte, zu errichten. Dann aber wendete sich das politische Blatt, die neu installierte Republik konnte 1932 einen Militärputsch, an dem Leopoldo Sarin wiederrum teilnahm niederschlagen, und der Conde musste wegen seiner Putschbeteiligung von 1932 bis 1934 ins Gefängnis. Zwei Jahre nach seiner Entlassung zettelte General Franco den fatalen Bürgerkrieg an, und Graf Leopoldo, der sich gerade in Madrid aufhielt, wurde des neuerlichen Verrats verdächtigt und von republikanischen Milizionären erschossen.


Auch für sein Monument war es ein ständiges Kommen und Gehen, nur das es am Ende überlebte. Mal wurde es abgebaut, dann auf der zentralen Plaza de Andalucía wieder neu installiert. Zuletzt verschwand es im Jahre 2000 für sieben Jahre in den Abstellkammern der Stadtverwaltung, weil eine Tiefgarage unter dem Platz angelegt wurde. Gegen zahlreiche Proteste stellte man es danach wieder auf, was vor allem dem Geschmack der postfranquistischen Volkspartei entsprach und als weiteres Zeichen für die zögerliche, mancherorts kaum existente Vergangenheitsbewältigung in Spanien gedeutet werden kann.


Eine ganz eigene Verschönerung


Allerdings sieht der wie Gottvater über dem Heldengewimmel stehende monumentale Graf nicht mehr ganz so aus, wie ihn der Bildhauer Jacinto Higueras einst erschuf. Menschen, die gewiss nicht zu den Freunden oder Sympathisanten des überzeugten Prä-Faschisten und Bellizisten Sarin gehörten, beschossen die Statue zu verschiedenen Zeiten, als wollten sie durch solche bleiernen Tattoos ihren abweichenden Standpunkt dartun. Das künstlerisch banale Denkmal erfuhr dadurch eine gewisse Aufwertung, wurde durch diese Art der „Verschönerung“ doch die permanente Auseinandersetzung um die Person des Geehrten, um seine historische Rolle und um den hohlen Heroenkult an sich thematisiert.

Der Conde steht über dem Heldenpersonal...


                   ...sieht aber nicht mehr ganz so gut aus.


Wir wollen der Kommune von Úbeda nicht Untätigkeit oder laxe Arbeitsmoral unterstellen, nur weil die Einschusslöcher bis heute nicht zugegipst wurden. Vielleich reifte in den Hirnen der Ratsherren sachte die Erkenntnis heran, dass, wenn man schon die von trivial-brutalem Geist ersonnenen Machwerke restaurieren will, sie zumindest dem Kommentar der Opfer und Gegner preisgeben sollte.


Vielleicht aber sollte dieser sichtbare Protest gegen geschichtsvergessenen Ahnenkult auch den Verantwortlichen in Nürnberg zu denken geben, die 80 Millionen Euro in die Hand nehmen wollen, um gegen den Widerstand zahlreicher Intellektueller, Künstler und Linker die eklektizistische Führertribüne auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in aller Pracht wiederauferstehen zu lassen.

  

10/2019


Dazu auch:

Spanische Skizzen in der Rubrik Medien