Unser täglich ALDI

Cartoon: Rainer Hachfeld


Wenn runder Geburts- oder Todesjahre illustrer Persönlichkeiten, vor allem solcher von Künstlern oder Politikern, gedacht wird, sind die Jubilare meist schon vor geraumer Zeit verblichen. So erinnert etwa die Stadt Bonn derzeit feierlich an ihren berühmtesten Sohn, Ludwig van Beethoven, der vor 250 Jahren die ersten Dissonanzen seines Lebens hören durfte, während die wenigen US-Amerikaner, für die Geschichte nicht erst mit Donald Trump beginnt, in diesem April den 75. Todestages von Franklin D. Roosevelt memorieren werden. Eher ungewöhnlich ist, dass bereits sechs Jahre nach dem Ableben der posthume Hundertste eines Einzelhändlers der Deutschen Welle (DW) den Anlass zu einer ausführlichen Reflexion liefert. Aber immerhin handelte es sich um Karl Hans Albrecht, den älteren der beiden ALDI-Brüder, der 2014 als damals reichster Mann Deutschlands starb. Der Discounter-König, dem der SPIEGEL die Aldisierung der Gesellschaft zuschrieb, hat tatsächlich das kollektive Bewusstsein und Verhalten hierzulande beeinflusst wie wenige andere.


Die großen Gleichmacher?


Bereits 1913 wurde ALDI (Kürzel Albrecht Diskont) gegründet, und 107 Jahre später erwirtschaften die beiden noch heute unter diesem Namen firmierenden Unternehmensgruppen zusammen einen höheren Umsatz als alle anderen Einzelhandelskonzerne hierzulande. Der signifikante Aufstieg zu den Lieblingsversorgern des deutschen Konsumenten begann erst 1961, als die Gebrüder Albrecht ihr Unternehmen in ALDI Süd (Karl) und ALDI Nord (Theo) aufspalteten. Die Philosophie und das Marketing-Konzept der beiden Chefs blieben praktisch identisch, nur wirkten Angebot und Präsentation von ALDI Nord noch spartanischer als die Pendants in den Filialen von Karls Süd-Kette.


Die Idee hinter ALDI war damals neu; sie ging nicht – wie sonst so oft in dieser Branche – auf angelsächsische Vorbilder zurück, schien (anfangs) demokratisch, ja sehr sozial, weil in den Läden alle willkommen waren und sich fast jeder Kunde einen Einkauf leisten konnte. In der Tat waren die ALDI-Filialen Oasen für die weniger Betuchten. Und wer heute behauptet, sich vor Jahrzehnten nie als Student oder Lehrling das Lebensnotwendige dort oder bei den bald danach entstehenden Discount-Epigonen zusammengekauft zu haben, schwindelt oder muss Kind reicher Eltern gewesen sein. Nicht ohne Grund heißt es, dass ein entwickeltes kapitalistisches System für die leibliche Reproduktion seiner Untertanen sorgen muss, denn es braucht wohlgenährte, wenn auch nicht unbedingt mündige Arbeitskräfte und Kunden für seinen Fortbestand. Offenbar lässt sich das durch die Schnäppchen-Doktrin regeln.


Nun waren die Albrecht-Brüder außerhalb ihrer Marktdomäne weder ökonomische Vordenker noch wirtschaftsliberale Philosophen, sie hatten nur schlicht erkannt, dass die Konkurrenz durch die eigene Konzentration auf das Wesentliche, nämlich  ein begrenztes Sortiment von Waren in riesigen Mengen zu moderaten Preisen loszuschlagen, abgehängt werden konnte. Sie erzogen viele Deutsche, die noch die schlechten Kriegs- und Nachkriegsjahre in lebhafter Erinnerung hatten, dazu, nicht mehr auf die Marke oder die (vermeintliche) Qualität zu achten, sondern ausschließlich auf den Kassenbon – ein Verhalten, das die Kunden auch dann nicht mehr ablegten, als sie sich mehr und Besseres leisten konnten.


Ernährung und Verführung der Massen


Allein mit dem Verramschen namenloser Dutzendware hätte Karl Albrecht bis zu seinem Tod wohl schwerlich die mehr als 18 Milliarden Euro zusammenraffen können. Als er erkannte, dass einerseits andere Lebensmittel-Discounter wie Lidl sein Konzept nachahmten, andererseits die Vollsortimenter wie Edeka oder REWE nun auch Produkte zu Kampfpreisen verkauften, erweiterte er das Angebot seiner Süd-Kette und führte nun auch Markenartikel. Und tatsächlich entdeckte der Mittelstand, dass Geiz chic ist und preiswerte Weine im einst als Unterschicht-Basar verspotteten ALDI um die Ecke ganz passabel munden konnten.


Beide ALDI-Besitzer scheuten die Öffentlichkeit und galten als penibel und höchst sparsam. Sie setzten dem Halbwelt-Image russischer Oligarchen mit ihrer Glamour-Entourage, der lautstarken Hybris klassischer US-Milliardäre wie Trump oder Bloomberg und den digitalen Allmachtphantasien der Egomanen aus dem Silicon-Valley ein Modell der Markteroberung entgegen, das durch harte, sorgfältige Planung, akribische Detail-Tüftelei und geradlinige Rücksichtslosigkeit gekennzeichnet war – unternehmerische Wertarbeit made in Germany halt.


Wert, nämlich materiellen, hatte diese Tätigkeit allerdings vor allem für die ALDI-Eigentümer. Kleine Firmen, die ihre gesamte Produktion an den Vorgaben des Discounters ausrichteten und dann darum bangen mussten, vom Allmächtigen Albrecht weiter Aufträge zu bekommen, erfuhren bald, dass nur das Auspressen von „Partnern“ Milliarden generiert. „Aldisierung heißt auch Druck auf Zulieferer, gelegentlich aufflackernde Skandale um Ausbeutung in der Dritten Welt, Argwohn gegenüber Gewerkschaften und Glaube an die unbedingte Überlegenheit schierer Marktmacht in allen Lebensbereichen“, schrieb der SPIEGEL. Dass der Konzern den Bananenpflanzern in Ecuador und Kolumbien nur noch sieben statt acht Dollar pro Kiste zahlt, gefährdet zwar die Existenz der dortigen Bauern, ist aber für die hiesige Profitmaximierung unabdingbar. In Lateinamerika fand man eine Bezeichnung für die erpresserische Einkaufspolitik der Albrechts: The ALDI price.


The ALDI Price - Zeichner Hachfeld beschrieb bereits 1976 in seinem Stück "Bananas" für das Berliner GRIPS-Theater die Einkaufspolitik der Konzerne


Bei ALDI muss man schnell arbeiten, wird aber nicht reich – zumindest wenn man zum Filial-Fußvolk zählt. Die Rentabilität eines Ladens wird laut DW-Recherche errechnet, indem der Monatsumsatz durch die Mitarbeiterstunden geteilt wird. In manchen ALDI-Märkten schlagen bis zu tausend Euro pro Arbeitsstunde zu Buche. Wenn ein annähernder Betrag nicht zustande kommt, müssen halt weniger Leute schneller arbeiten – oder der um seinen Job fürchtende Mitarbeiter schreibt seine Überstunden nicht mehr auf. Zwar kalkulieren die anderen Einzelhandelskonzerne mittlerweile ähnlich, aber Lehrmeister waren auch hier die Albrecht-Brüder, sowohl auf dem Personalsektor als auch im Fachbereich Kundenmanipulation.


Denn die Konsumenten, die anfangs wirklich froh waren, billig einkaufen zu können, wurden bald in einen Schnäppchensog gezogen, in dem Nachhaltigkeit, sinnvolle und gesunde Ernährung, korrekte Information oder vernünftige Entscheidungshilfen keine Rolle spielten. An unentbehrlichen Grundnahrungsmitteln, fair gehandelten Waren oder tiergerecht produziertem Fleisch wird nämlich nur ein Bruchteil des Gesamterlöses verdient. Entscheidend ist, dass der Konsument auch das Überflüssige, das Ungesunde und die diversen Suchtmittel mitnimmt.

    

Bedarf und Scheinbedürfnis


Fast jeder Mensch gönnt sich täglich die kleine unvernünftige Extravaganz, handle es sich um die zahnzerstörende Schokolade, die dickmachende Mettwurst, das leberschädliche Bier oder den plastikkontaminierten Früchtejoghurt mit ausschließlich künstlichen Aromen. Wenn man kein fanatischer Asket oder überzeugter Veganer ist, gehört es zum normalen Leben auch eines sich ansonsten relativ gesund ernährenden Bürgers, jeden Tag eine Portion Dreck zu essen und ein Glas Gift zu trinken. Davon aber führen die ALDI-Filialen ein überreichliches Angebot. Und nicht genug damit: Die Kunden werden mittels geschickter Platzierung, gezielter Preisgestaltung und attraktiver Werbung so weit konditioniert, dass sie für ein spontanes Bedürfnis halten, was ihnen am meisten schadet: süße Liköre, kalorienreiche Fertiggerichte, geschmacksverstärktes Formfleisch, vitaminloses Dosengemüse unter vielem anderen.


Dieses Anfixen von Kunden ist natürlich nicht auf dem Mist der Albrechts gewachsen. Europäische Verhaltensforscher, US-Behavioristen und skrupellose Lebensmittelchemiker haben seit dem Eintritt von Coca Cola in die Weltgeschichte daran gearbeitet, bei Konsumenten Süchte zu wecken und zu pflegen. Und ALDI ist nur eine unter vielen Ketten, die Ständer mit minderwertigem Zuckerzeug als Barrieren so in den Laufweg oder vor die Kasse stellen, dass am Handy hängende Mütter gar nicht anders können, als ihre vor Sehnsucht quengelnden Kleinkinder durch rasche Bedürfnisbefriedigung ruhigzustellen. Aber in Deutschland haben die Albrecht-Ketten die Lockmechanismen am besten adaptiert und exportieren nun ihr perfektes Verkaufssystem in die USA, nach China und Australien.


Karl und Theo Albrecht waren in der Tat die versorgungstechnischen Lehrmeister der Nation in Sachen Ernährung und Befriedigung sekundärer Wünsche – mehr als 4000 ALDI-Filialen allein in Deutschland können nicht irren.  Auch nach dem Tod der Brüder wirkt ihr Credo, demzufolge jede/r alles kaufen sollte, wenn es nur billig genug ist, weiter. Da können weltfremde AgrarministerInnen, moralisierende Grüne oder empörte Bauern (deren Verbandsführer, meist Großbauern, oft ebenfalls „aldisiert“ denken) noch so zetern, das Fleisch vom wildlaufenden Schwein und die Milch von der frei weidenden Kuh sind nicht konkurrenzfähig, sonst lägen sie im Schnäppchenregal.


03/2020