Unsinn von Uncle Joe

Cartoon: Rainer Hachfeld


Jede Nation hat den Präsidenten, den sie verdient, heißt es im Volksmund. Demnach scheint die US-Amerikaner mit Donald Trump die gerechte Strafe ereilt zu haben. Doch nach vier Jahren sieht es so aus, als rede sich der republikanische Berserker im Weißen Haus um Kopf und Amt, und der Demokrat Joseph Biden hat plötzlich gute Chancen, im November sein Nachfolger zu werden. Allerdings würde dann auch nicht gerade eine Lichtgestalt an die Spitze der Vereinigten Staaten treten.


Immer mal für einen Krieg gut


Eigentlich ist der Präsidentschaftskandidat Biden derzeit in einer beneidenswerten Lage, er muss ganz einfach nur – nichts tun und am besten dazu schweigen. Mit rhetorischen Amokläufen hat Amtsinhaber Trump in weiten Teilen der US-Wählerschaft Zweifel an seiner mentalen Verfassung sowie an seinem intellektuellen Vermögen geweckt. Zugleich führt er das Land in der Corona-Pandemie auf einen tödlichen Weg und angesichts der allgegenwärtigen Polizeigewalt gegen Afroamerikaner in einen blutigen Konflikt, dem die Kontrapunkte struktureller Rassismus, verweigerte Bürgerrechte und fehlende Chancengleichheit zugrunde liegen.

  

Joseph Biden, in den USA wegen seiner ältlich-freundlichen Art gern Uncle Joe genannt, konnte sich hingegen in eine selbstgewählte Quarantäne verfügen, aus der nur einige bedächtige und staatsmännische Statements in die von Trump irritierte Öffentlichkeit drangen. Und das war auch gut so, denn der demokratische Präsidentschaftsbewerber, mit 77 noch dreieinhalb Jahre älter als sein Kontrahent, versteht sich ebenfalls darauf, mit launigen Bemerkungen Klarheiten zu beseitigen und allgemeines Rätselraten oder Kopfschütteln auszulösen.


Biden blickt auf eine ordentliche politische Karriere ohne große Skandale (vorausgesetzt man lastet ihm die dubiosen Ukraine-Geschäfte seines Sohnes Hunter nicht mit an und hält einige Me-too-Vorwürfe für frei erfunden), aber auch ohne nennenswerte Höhepunkte. Er wurde sechsmal zum Senator des Bundesstaates Delaware gewählt, saß dem Komitee für Außenpolitik im US-Senat vor und gab schließlich acht Jahre lang Obamas ziemlich unauffälligen Vizepräsidenten. Der Sohn eines Autohändlers studierte Jura und arbeitete als Rechtsanwalt, ehe er im Kongress ein wenig Lobby-Arbeit für die halbstaatliche Eisenbahngesellschaft Amtrak oder die Hühnerverarbeitungsindustrie von Delaware leistete. Irgendwie muss man ja das millionenschwere Vermögen verdienen, das für einen Politiker in den USA wohl obligatorisch ist. Also business as usual, könnte man meinen, steckte nicht auch bei Onkel Joseph der Teufel im Detail.


Gleich dreimal bewies Biden nämlich, dass er zu den Falken innerhalb der Demokratischen Partei gerechnet werden durfte: Er überzeugte Bill Clinton, den völkerrechtswidrigen Luftkrieg gegen Serbien zu führen, an dem u. a. auch die Bundeswehr beteiligt war. Nach den mit 9/11 betitelten Terroranschlägen unterstützte er den republikanischen Präsidenten George W. Bush, als dieser US-Streitkräfte nach Afghanistan entsandte und forderte sogar eine Aufstockung der Bodentruppen dort. Als Bush das Märchen von den versteckten Massenvernichtungswaffen als Vorwand nahm, um den Irak anzugreifen, fand er Biden an seiner Seite – während dessen Parteikollegen mehrheitlich gegen den Krieg optierten.


Ein wenig erinnert das an Hillary Clinton, die den vorsichtigen Obama-Kurs in Syrien missbilligte und als Präsidentschaftskandidatin ein hartes militärisches US-Eingreifen in Aussicht stellte. Im Gegensatz dazu kann man Donald Trump vorwerfen, dass er die Welt fortlaufend ins Chaos stürzt, den Hang zu Kriegsabenteuern aber darf man dem von Deals, nationaler Größe durch Wirtschaftssanktionen und profitablen Lösungen träumenden Egomanen nicht unterstellen.

  

Mit wem spricht und wofür kandidiert er?


Joe Biden ist also derzeit Nutznießer der Regel, wonach Reden nur Silber, Schweigen jedoch Gold sei. Wenn er aber spricht, wird allerlei Kryptisches, Ungereimtes und sogar Törichtes freigesetzt. Schon in den Rededuellen mit seinem noch älteren Parteikonkurrenten Bernie Sanders, dessen Pech es war, dass sein gemäßigt sozialdemokratisches Programm von den Eliten und den Bibelgläubigen in den USA als „kommunistisch“ verteufelt wurde, wirkte Biden überfordert und unbeholfen, sodass damals jene Zweifel an seiner geistigen Fitness aufkamen, die Trump jetzt mit lächerlichen Mitteln zu verstärken sucht.


Über einen Ausspruch Bidens, der auf Facebook publiziert wurde, zerbricht sich heute noch die halbe Welt den Kopf: "Wir können Donald Trump nur wiederwählen, wenn wir uns nicht in dieses kreisartige Todeskommando begeben – es muss eine positive Kampagne sein." Vielleicht sollte man das Zitat schlicht als Unsinn und kleinen Lapsus abtun, immerhin gilt auch für einen US-Präsidentschaftskandidaten die euphemistische Relativierung „Nobody`s perfect“ – wie es Biden ja auch auf seine ganz eigene Art festgestellt hat: „Wenn wir alles richtig machen, wenn wir es mit absoluter Gewissheit machen, gibt es immer noch eine dreißigprozentige Chance, dass wir es falsch machen.“


Die Stuttgarter Zeitung listete eine ganze Reihe von verbalen Fehlleistungen Bidens auf, schließlich können wir Deutschen, die mit Heinrich Lübke einst einen Weltmeister des unfreiwilligen Humors als Bundespräsidenten hatten, davon nie genug bekommen. So verwechselte der Bewerber zwei Interviewpartner von verschiedenen TV-Sendern miteinander, ebenso wie seine Frau Jill mit seiner Schwester Valerie bei der Vorstellung in Los Angeles, weil die beiden blondierten Damen kurz zuvor die Plätze getauscht hatten. Auf einer Wahlkampfveranstaltung in South Carolina erklärte er staunenden Anhängern, er werde jetzt für den Senat (und nicht das Weiße Haus) kandidieren. Einmal erzählte Biden die rührende Geschichte eines amerikanischen Afghanistan-Veteranen, der einen Orden ablehnte, weil er seinen Kameraden nicht retten konnte. Recherchen ergaben, dass weder die Hauptperson noch die Story in der Realität existiert hatten, worauf der ertappte Märchenonkel Joseph leichthin erklärte: „Die Details sind irrelevant, wenn es darum geht, große Entscheidungen zu treffen.“


Sicherlich überwiegt weltweit die Meinung, alles sei besser als vier weitere Jahre Trump. Aber muss die Alternative wirklich so dürftig sein? Manchmal nämlich sind Bidens Entgleisungen von inhaltlich relevanter Art. Und dann muss man sich tatsächlich fragen, von welchem (Un)Geist der potentiell nächste Hausherr im Oval Office beseelt ist.


















Bei der Wahl zwischen Pest und Cholera werden sich viele für die Cholera (Biden) entscheiden, weil sie die für weniger tödlich halten.



Illustre Ahnengalerie


In New York brüskierte der Kandidat afroamerikanische Gesprächspartner, indem er eine ganz eigene Farbenlehre propagierte, in der die eigene Person das entscheidende Kriterium ausmachte:  "Wenn Sie Schwierigkeiten damit haben, herauszufinden, ob Sie für Trump oder für mich sind, dann sind Sie nicht schwarz!" Afroamerikaner, die sich nach Jahrzehnten herber Enttäuschungen (auch unter der Regierung ihres Brother Barack Obama) von Biden und den Demokraten abwenden, gehören also nach seinem Dafürhalten nicht mehr ihrer ursprünglichen Ethnie an.


Mit Recht verurteilte Biden die chauvinistischen Äußerungen und Handlungen Trumps, nur schrieb er diesem ein angebliches Alleinstellungsmerkmal in der US-Historie zu, und dies zeugte von profunder Geschichtsvergessenheit: Der Amtsinhaber sei der erste Rassist im Weißen Haus, behauptete Biden in einer Online-Debatte mit Gewerkschaftern.


Es hat unter den 45 US-Präsidenten der Vereinigten Staaten eine ganze Reihe seltsamer und manchmal auch gefährlicher Figuren gegeben. Alkoholiker wie Grant waren darunter, ein zweitrangiger Schauspieler wie Reagan, ein notorischer Lügner wie Nixon, ein intellektuell Minderbemittelter wie George W. Bush, darüber hinaus mehrere Korrupte und Kriegsverbrecher. Allein unter den ersten fünf Staatsoberhäuptern aber waren vier Sklavenhalter, darunter auch die Gründeridole George Washington und Thomas Jefferson…


08/2020

 

Dazu auch:

Erbarmen, Obama! und Bush kann lesen! im Archiv dieser Rubrik (beide 2014)