Wackere Fregatte

Cartoon: Rainer Hachfeld


Normalerweise ist diese Rubrik Individuen vorbehalten, die sich heldenhaft blamiert oder vorbildlich den tumben Starrsinn germanischer Recken demonstriert haben. Diesmal aber geht es um ein ganzes Schiff, das heroisch durch den Indischen Ozean, den Südpazifik und das Chinesische Meer schippert. Die Fregatte Bayern der deutschen Bundesmarine sieht sich in umstrittenen Gefilden mit dem Potential zu künftigen Kriegsschauplätzen um und kündet per Nebelhorn vom Faible der Berliner Regierung für eine „regelbasierte internationale Ordnung". Die Crux dabei ist allerdings, dass sich nur die Gegner an die Regeln halten sollen.


Lust auf mehr nach Afghanistan?


Dass die Volksrepublik China Gebietsansprüche auf ein paar Inselgruppen im Pazifik recht drastisch anmeldet und dabei maritimen Nachbarn wie Vietnam, den Philippinen oder Japan ins Gehege kommt, ist nicht unbedingt förderlich für gute Beziehungen in Ostasien. Dass Peking diesbezügliche Urteilssprüche des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag ignoriert, darf man kritisieren, nur sollte man auch berücksichtigen, dass ein solches Verhalten für Großmächte quasi zum guten Ton gehört: Die USA und Russland halten die Richter in den Niederlanden schon lange für unzuständig – wenn es um eigene Unternehmungen oder Domänen geht.


Dennoch musste man bis vor kurzem keine unmittelbare Kriegsgefahr befürchten, die chinesischen Staatskapitalisten wollen die Welt lieber durch Handel und Investitionen als mit Waffengewalt erobern. Doch plötzlich sieht sich das Reich der Mitte von einer mächtigen und waffenstarrenden Allianz belagert. Die USA, in deren Think Tanks erschreckend viele Militärs und Politiker einen Krieg gegen China für denkbar halten, rüsten Australien mit Atom-U-Booten aus, die Briten kreuzen provokant vor den Küsten der Volksrepublik, und auch Japan schließt sich den von Washington orchestrierten Seekriegsübungen an. Dabei geht es eigentlich nicht um kleine umstrittene Archipele, sondern um die Vorherrschaft im Fernen Osten.


Ökonomisch befindet sich der nordamerikanische Neoliberalismus in der Defensive gegenüber dem expansiven Pekinger KP-Trust. Nach etlichen unsinnigen Abenteuern, von Libyen über den Irak bis Afghanistan, in denen die Doktrin des „Regime Building“ blutig scheiterte, wollen die US-Strategen jetzt das Match gegen den einzigen ernstzunehmenden Konkurrenten mit einem gewaltigen Coup gewinnen.


Von Großbritannien abgesehen, sind die Europäer in dieser Angelegenheit außen vor. Vollständig draußen also? Nicht ganz, durfte doch die in Karatschi gestartete Fregatte Bayern bei Übungen im Indischen Ozean ein bisschen mittun. Das wackere Schiff, dessen oberste Kriegsherrin AKK zu Hause den etappenweisen Rückzug aus Verantwortung und Politik antritt, erinnert ein wenig an den umtriebigen Außenminister Heiko Maas: überall dabei sein, aber nichts zu sagen haben. Die Bayern lief Australien an, fährt nun kreuz und quer durch den Pazifik, sozusagen als Berlins Emissärin mit der frohen Botschaft, Deutschland stehe an der Seite derer, die das internationale Recht verteidigen. Wie wir noch sehen werden, ist  dieses Recht jedoch völlig irrelevant, wenn unsere Freunde es brechen.

Vielleicht ist der Sinn dieser militärischen Kreuzfahrt aber ein ganz anderer: Nach der mit Orden belohnten glanzvollen Flucht aus Kabul soll sich die Bundeswehr auf anderen Kriegsschauplätzen umschauen, um allzeit bereit zu sein – zumindest zur Erhöhung des Militäretats.


Hat China Angst vor Bayern?


Überall war die Bayern aber leider nicht willkommen. Als sie den Hafen von Shanghai anlaufen wollte, verweigerte ihr die Führung in Peking das Andocken. Höflich verpackt signalisierte der Sprecher des Außenministeriums, Zhao Lijian, dass Deutschland zweierlei Maß anlege. Die VR China sei zu guten Beziehungen und sogar einer Kooperation der Streitkräfte beider Länder sowie zu „freundschaftlichem Austausch auf der Basis gegenseitigen Respekts und Vertrauens bereit“. Zuvor müsse Deutschland aber „günstige Bedingungen dafür schaffen“.


Natürlich könnte auch der Blick auf die Geschichte die Pekinger Führung bewogen haben, auf die militärische Visite dankend zu verzichten. Beim letzten Besuch deutscher Soldaten anlässlich der Niederschlagung des Boxeraufstands im Jahr 1900 beging das Expeditionskorps zahlreiche Gräueltaten, aufgeputscht durch die sogenannte Hunnenrede von Kaiser Wilhelm II., die in folgender Aufforderung gipfelte: „So möge der Name Deutscher in China auf tausend Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!“ Nun, die tausend Jahre sind noch nicht vorbei, und vielleicht fürchten die Einwohner Shanghais, ein unvorsichtiger Blick könnte von den Gästen falsch aufgefasst werden.






















Staatschef Xi Jingping will keinen Nachfahren von Kaiser Wilhelm II. scheel ansehen - eigentlich will er überhaupt keine deutschen Soldaten in China sehen...  



Opportune Doppelmoral


Nein, solche Ängste entbehren jeglicher Grundlage, die Fregatte ist ein friedliches Schiff, das die Fahne des Völkerrechts gehisst hat. In zwei Häfen ist allerdings die imaginäre Flagge fehl am Platze: So lief die Bayern Diego Garcia an, eine Inselgruppe, die zu Mauritius gehört, aber widerrechtlich von den Briten okkupiert wurde, die sie wiederum den USA als Militärstützpunkt zur Verfügung stellten. Zwei UN-Gerichtshöfe sowie die Generalversammlung der Vereinten Nationen fordern bislang vergeblich die Rückgabe des Archipels. Von Protesten deutscher  Regierungspolitiker hat man nichts gehört. Sie schickten stattdessen ein Schiff auf Goodwill-Tour vorbei.


Mittlerweile steuert die Fregatte Guam an. Diese Insel wurde von den US-Militärs zu einem riesigen Stützpunkt ausgebaut, ihre Einwohner aber genießen keine vollen Bürgerrechte. Die UN führen Guam als eins von weltweit siebzehn Territorien, die noch der Entkolonialisierung harren. Die Chancen stehen schlecht, dass die deutschen Moralisten den US-Gastgebern ins Gewissen reden und sie dazu auffordern, ihre Kolonie in die Freiheit zu entlassen.


„The same procedure“ wie jedes Jahr in jedem Land und jedem Konflikt, könnte man meinen. Vollmundig brechen die verantwortlichen Gutmenschen aus Deutschland eine Lanze für Freiheit und Völkerrecht – um hinterrücks die Frevel ihrer Verbündeten (und bisweilen auch die eigenen) abzusegnen.

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10/2021


Dazu auch:


Schweinehund-Theorien im Archiv der Rubrik Medien (2016)