Wie tickt der Andi?

Cartoon: Rainer Hachfeld

 

Was denkt sich der Bundesverkehrsminister, wenn er eine Panne an die andere reiht, Hunderte Millionen von Steuergeldern beim Maut-Debakel in den Sand setzt, die Republik betoniert und es als höchst peinlicher Weihnachtsmann sogar in die internationale Presse schafft, wie unlängst geschehen? Viele Bürger fragen sich das, und es findet sich nicht nur eine Antwort. Andi Scheuer denkt grundsätzlich nicht, sagen die einen; der loyale Niederbayer weiß die Automobilindustrie sowie den Patronus Bavariae in Gestalt von Markus Söder hinter sich und braucht sich deshalb um nichts scheren, meinen die anderen. Dritte indes mutmaßen, dass Scheuer sich durch treue Dienste eine lukrative Position in der Wirtschaft für die Zeit nach dem absehbaren Karriereende verdient hat und ihm deshalb sein Ansehen im Volke schnuppe sein kann.

 

Andi und das Diminutiv

 

Nicht nur zahlreichen hiesigen Zeitungen, auch dem Schweizer Blick war die letzte große, aber schnöde missachtete Geste des Verkehrsministers eine Notiz wert. Der hatte dem völlig überlasteten Pflegepersonal des Klinikums in Passau, einem zeitweilig bundesweiten Corona-Hotspot, attestiert, hier werde „unglaubliche Arbeit geleistet“. Scheuer, ein Mann der raschen Tat, wollte es nicht mit Beifall vom Balkon herab bewenden lassen, sondern übergab der Belegschaft 3000 Beutelchen mit Plätzchen und dem Gruß „Ein herzliches Dankeschön für Ihre wertvolle Arbeit. Ihr Andreas Scheuer.“

 

Doch die so reich Beschenkten verschmähten die Weihnachtsgabe. „Guetsli? Nein, danke!“ textete der Blick in niedlichem Schwyzerdütsch. Bei den PflegerInnen am Ende ihrer Kräfte kamen die Süßigkeiten nämlich gar nicht gut an, sie hätten sich ganz unbescheiden bessere und vor allem sicherere Arbeitsbedingungen, eine Reduzierung der Überstunden und eine angemessene Entlohnung gewünscht. Der Personalratsvorsitzende Rüdiger Kindermann geriet sogar derart in Rage, dass er seine Plätzchenration vor der Passauer CSU-Geschäftsstelle abstellte und im BR wütete, er habe genug von der „Symbolpolitik“, bei den Tarifverhandlungen käme den Beschäftigten im medizinischen Dienst ja trotzdem niemand entgegen.












 









Selbst als Weihnachtsmännchen macht der Andi eine schlechte Figur


In Deutschland fehlen rund 100.000 Stellen in der Pflege. Die Politik hat alles getan, um diese Misere weiter anzuheizen, indem sie den Gesundheitssektor durch Privatisierungen und Schließungen kommunaler Kliniken zur marktwirtschaftlichen Spielwiese umgestaltete und so zwangsläufig Akkord-Betreuung bei Hungerlöhnen in Kauf nahm. Andi Scheuer ist das nicht direkt vorzuwerfen, war er doch im heldenhaften Kampf für die Maut, die SUVs und gegen das Tempolimit anderweitig engagiert, seiner Partei in Bayern aber sehr wohl.

 

Mit prekärer beruflicher Perspektive und dürftiger Bezahlung schafft man keine neuen Jobs (und damit Entlastung in der Pflege). Scheuer weiß das sehr wohl und befleißigt sich vorsichtshalber des Diminutivs, der Verkleinerungsform: Statt Arbeitsplätzen bietet er Plätzchen an, und als Bezahlung sollen auch weiterhin Scherflein genügen.

 

Der missverstandene Andi

 

Der widersetzliche Passauer Personalratschef Kindermann kritisierte dennoch, statt Lob und ein paar Plätzchen sei eine Reform des Personalschlüssels notwendig, um die „jahrzehntelange Überlastung der Pflegekräfte“ zu beenden. Seine KollegInnen hätten ohnehin keine Zeit, während der Arbeit Plätzchen zu essen.

 

Schon wieder hat einer Deutschlands obersten Verkehrsplaner gründlich missverstanden. Natürlich sollen die Klinikmitarbeiter nicht am Gebäck naschen, während sie Spritzen setzen, Einläufe verabreichen oder sich gerade das Corona-Virus einfangen. Vielmehr hat Scheuer daran gedacht, dass nicht jede/r nach einer Sonderschicht von zwölf bis sechzehn Stunden noch Lust hat, sich einen Schweinsbraten mit Knödeln zuzubereiten, bevor er/sie erschöpft in die Falle sinkt. Und da könnte so ein trockener, kalorienreicher Keks genau das Richtige zur Erhaltung der Arbeitskraft sein.

 

Andi sei getröstet: Nicht jeder Mäzen wurde sogleich verstanden, mancher edle Spender erntete Hohn statt Dank, doch am Ende zählt einzig und allein die gute Absicht.

 

Andis großes Herz

 

Damit die so oft ungerechte und ignorante Öffentlichkeit wenigstens Kenntnis davon erhält, dass sein großes Herz nicht nur für Raser, sondern auch für die Kümmerer, die solche nicht selten im OP zusammenflicken und auf der Intensivstation pflegen müssen, schlägt, hat Scheuer einen Fototermin wahrgenommen. Laut Süddeutscher Zeitung hat „er sich mit Werkleiter, ärztlicher Direktorin, Pflegedirektor und einem mit Plätzchen überladenen Rollwagen vor dem Krankenhaus“ ablichten lassen.

 

Damit folgte er der bei Politikern und anderen Millionären überaus beliebten Devise „Tu Gutes und rede darüber“ – und das passenderweise in seinem Passauer Wahlkreis. Schade nur, dass auf dem Foto lediglich die besserverdienende Hautevolee des Klinikums zu sehen ist und nicht ein gestresster Pfleger. So musste zumindest symbolisch der Rollwagen die einzige Beziehung zur hautnahen Arbeit am Patienten herstellen.

 

Viele Bürger, die sich heute über Andi Scheuer das Maul zerreißen, werden ihm noch nachtrauern, wenn er nach der anstehenden Wahl nicht mehr am Kabinettstisch Platz nehmen wird. Er mag ein vielseitiger Versager und eine menschgewordene Katastrophe für die Umwelt sein, aber – Ernst beiseite - seit dem FDP-Clown und Teppichschmuggler Dirk Niebel hatten wir keinen Minister von solchem Unterhaltungswert mehr.  

 

01/2021

 

Dazu auch:

 

Zwei trübe Tassen (2020) und Tricky Dirk (2013) im Archiv dieser Rubrik