Zauber des Orients
Cartoon: Rainer Hachfeld


Was ist nicht alles geschrieben, gesagt und lamentiert worden über die Fußball-WM in Qatar, die derzeit vor sich hin stolpert (mittlerweile allerdings ohne deutsches Mittun)? Doch bei aller Kritik, Relativierung oder Verleugnung der seltsamen Umstände, die der Ausrichtung des größten Ritterturniers unserer Zeit vorausgingen, wurde glatt unterschlagen, dass sich Übernatürliches ereignet hat, dass die Hand magischer Mächte im Spiel war - leider nicht nur segensreicher. Und dass abendländisches Maulheldentum seinen großen Auftritt hatte…


Prunkstätten als Werk von Geistern?


Wie durch ein Wunder wurde 2010 dem Emirat Qatar, einem Wüstenfleck am Persischen Golf, die Ausrichtung des Wettbewerbs der besten einen Ball tretenden Männer dieses Planeten übertragen, auf dass diese die beste Riege unter sich ermittelten. Die Stimmen der wahlberechtigten Weisen aus aller Welt, in ihrer Gesamtheit als FIFA bekannt, flogen dem kleinen Gottesfürstenstaat zu, erhebliche  Geldsummen machten sich auf den umgekehrten Weg. Und nun erlebte man eine Fantasia, mehr noch, es begann, phantastisch zu werden.


Über Nacht (vielleicht auch tausendundeine Nacht) entstanden in der Einöde riesige Sportarenen, die prunkvollen Palästen ähnelten, und Hotels, die den Turm zu Babel wie eine Litfaßsäule aussehen ließen. Den Idolen der Kicker-Internationale und ihren Verehrern sollte es an nichts fehlen (außer Bier). Alle glaubten zunächst an eine Fata Morgana, und dann, als sie erkannten, dass es sich um Gebilde aus Beton und Glas (und wie sich bald herausstellen sollte, auch aus Blut) handelte, an das Geisterwerk mächtiger Dschinns, die – von Emir Hamad al Thani zum Gehorsam gezwungen – die Gebäude in Windeseile hochgezogen hätten.


Und in der Tat hatte sich der schlaue Wüstenherrscher schon bei der Vergabe des Turniers die Hilfe eines mächtigen Zauberers mit dem denkwürdigen Namen Blatter (wie Pocke) gesichert, dessen Geschäftssinn als ansteckend galt. Doch dann wurde dieser durch den noch potenteren Kollegen Gianni Infantino ersetzt. Auch der war Eidgenosse, stammte folglich aus dem Land, in dem sich wirklich alles, vom Sklavenblut bis zum Drogenerlös, diskret in Gold verwandelt. Dieser Infantino gab vor dem WM-Start eine Kostprobe seines immensen Könnens, als er vor ratlosen Zuschauern in Gestalt eines Schwulen, dann eines Qataris und schließlich eines Behinderten auftrat.


Triumph des bösen Zauberers


Aber einige Realisten im Publikum erklärten, sie hätten nur eine Schmierenkomödie des immer gleichen Gianni miterlebt, und erinnerten daran, dass es im Zauberreich auch die schwarze Magie gäbe und die Figur des bösen Hexers in der Märchenwelt nicht gerade selten vorkomme. Da fiel es vielen wie Schuppen von den Augen: Nicht Dschinns hatten die Superstadien errichtet, sondern Hunderttausende von südasiatischen Arbeitsimmigranten im besten, leistungsfähigen Alter, von denen laut Amnesty International mindestens fünfzehntausend in Kisten, sozusagen in der Holzklasse, in ihre Heimatländer zurückgeflogen wurden, ohne dass man den im Akkord erstellten Befunden ihres Ablebens hätte entnehmen können, ob dieses wegen der Hitze, des wahnwitzigen Tempos der Maloche, dem Mangel an Sicherheitsvorkehrungen oder anderen unmenschlichen Bedingungen erfolgt sei.


In etlichen Ländern keimte nun auch Unmut gegen die ganze Veranstaltung auf, weil der Emir die Einfalt seiner Untertanen der internationalen Vielfalt vorzog und daher Schwule, Lesben, Schiiten, Kritiker und andere Unangepasste mit harter Hand anfasste. Die Besonneneren unter den FIFA-Funktionären allerdings ließen nur kurz vom Dukatenzählen ab und gaben zu bedenken: „Qatar ist doch nichts Ungewöhnliches, haben wir nicht schon Weltmeisterschaften mitten in der blutigsten Phase der argentinischen Militärdiktatur oder während des Aufblühens von Putins Autokratie in Russland veranstalten lassen? Ist nicht immer noch am wichtigsten, was hinten rauskommt? Wollt ihr Infantinos Goldesel so nervös machen, dass er Verstopfung bekommt?“


Dennoch löckten die Verbände einiger europäischer Staaten wider den Stachel, bald wurden sie als die Glorreichen Sieben bekannt, mittenmang natürlich unser mutiger DFB. Sie kündigten an, dass die Kapitäne ihrer Fußballflotten mithilfe eines Armbändchen, geziert von einem kryptischen Logo, dezent gegen die Zustände in der arabischen Wüste protestieren sollten. Dem Emir missfiel solch aufsässiges Verhalten, und so ließ sein Chefmagier, der inzwischen (in Erwartung künftiger Strafverfolgung?) seinen Wohnsitz in Qatar genommen hatte, das Symbölchen des Aufbegehrens kurzerhand von der FIFA verbieten.


Die Stunde der Maulhelden


Blitzartig knickten die Verbände, in der Folge als die Sieben Maulhelden in aller Munde, ein, weil sie eine Gelbe Karte oder gar den Ausschluss ihres Schlachtenlenkers befürchteten, also um den sportlichen Erfolg oder den Reibach bei der anstehenden Vermarktung bangten. Außerdem fühlten sie sich als typische Repräsentanten ihrer Nationen vom Rest der Welt missverstanden, schließlich hatten sie sich auf ihre Werte berufen.


Was sind denn eure Werte, hatten impertinente Stimmen aus der Dritten Welt gefragt. Einhaltung der Menschenrechte etwa? Doch nur, wenn sie in armen Regionen mit Füßen getreten werden, nicht aber in einer Diktatur, von der ihr gerade Gas oder Öl braucht, und auch nicht, wenn es um Flüchtlinge auf dem Mittelmeer geht. Schon eine Gelbe Karte lässt euch devot werden, was auch für eure Multimillionäre auf dem Feld gilt. Tatsächlich schien eine mögliche Verwarnung für Manuel Neuer oder Harry Kane existenzieller (da für die eigene Karriere relevanter) als die Schicksale verfolgter Homosexueller oder zu Tode erschöpfter Bauarbeiter.


Also schützten die Funktionäre die spielenden Garanten der eigenen Macht und verboten ihnen fürsorglich, sich mit Regenbogen- oder One-Love-Emblemen zu schmücken. Den Zorn der Supporters, die der Ausrichtung in Qatar immer ablehnender gegenüberstanden, hatten die Cracks wie ihre Zuhälter ohnehin nicht zu fürchten, denn die Fans ließen Sklavenarbeit oder LGBTQ–Hatz weitgehend kalt, ihnen ging es um die eingebildeten oder tatsächlichen Schweinereien bei der WM-Vergabe.


Hierzulande rieben sich die Fußballanhänger vor allem aus drei Gründen am Turnierausrichter und stellten lautstark fest: Man lässt in einem Land spielen, das auf so viel weniger Fußball-Tradition verweisen kann als die Dinosaurier England, Italien oder eben Deutschland. Man vergibt das größte Gemeinschaftserlebnis in eine Hitzehölle, auf dass allenfalls im Winter gekickt werden kann, wenn die Stars nicht wie zuvor die Maurer in Särgen zurückkommen sollen. Ganz davon zu schweigen, dass wir selbst beim Public Viewing  zitternd Glühwein schlucken müssen, statt Caipi in sommerlicher Sonne schlürfen zu dürfen.


Der dritte Grund aber bringt den DFB in solche Verlegenheit, dass er vorsichtshalber auf den Versuch einer Widerlegung verzichtet. Schließlich hat er als Bewerber und Ausrichter auch Erfahrungen mit der schwarzen Magie, die zur Ausrichtung von Weltturnieren verhilft...


Deutsches Märchenland im Zwiespalt


Wie der Orient ist auch Deutschland seit jeher ein Ort für Fabeln, Legenden und Feenzauber. Doch während im Morgenland viel von elegant geschliffenen Edelsteinen, frappierender Kalifenweisheit oder der Schönheit cleverer Sklavinnen erzählt wird, spielt sich das hiesige Fantasy-Geschehen mehr im finsteren Tann ab, der von hässlichen Hexen, fleißigen Zwergen und tumben Räubern, kurz: von einfach gestrickten Figuren bewohnt ist. Daher benötigt man auch keine tiefenpsychologische Expertise, um die deutschen Reaktionen (oder deren weitgehendes Ausbleiben) auf das sagenhafte Spektakel in Qatar einordnen zu können.


Die Bundesregierung, sonst als gutes Weltgewissen verbal führend, in der Praxis jedoch meist inkonsequent, beließ es bei leiser moralischer Empörung und einem Regenbogenstreif am Arm der Innenministerin Faeser, den außer deutschen TV-Kameras wohl niemand wahrgenommen hat. Im März aber war Außenamtschef Robert Habeck in Qatar gewesen und hatte per Hofknicks vor dem dortigen Energieminister bereits angedeutet, dass Deutschland ganz brav und still bleiben werde, wenn nur das Flüssiggas bald aus dem kleinen Reich des Bösen in die Speicher der Guten-Republik zwischen Nordsee und Alpen flösse. Was nun auch geschehen wird.




















Die Sterntaler, die der Heilige Franz vom Märchenhimmel regnen ließ, verwandelten sich mit Hilfe von Scheich Hammam in Stimmen für Deutschland.


Bliebe also der DFB, der ganz kurz eine anzügliche Kapitänsbinde befürwortet hatte, aber nach der Rüge von FIFA und Emirat schnell nach der Devise „Nix für ungut – wenn ihr das nicht möchtet, machen wir’s auch nicht“ zurückruderte. Natürlich wollte der Verband nicht in die Hand beißen, die ihn mit Geld wie Heu füttert, doch es gab noch einen anderen Grund für die vornehme Zurückhaltung:


Als der DFB sich um die Ausrichtung der WM 2006 bewarb, sah er sich starker Konkurrenz gegenüber, Südafrika galt sogar als Favorit. Die Deutschen aber fanden den entscheidenden Alliierten in dem notorisch korrupten Funktionär Mohammed bin Hammam, einem Jugendfreund des Emirs von Qatar. Der raffinierte Unternehmer verschaffte noch fehlende Stimmen aus Asien, während der andere Strippenzieher, Franz Beckenbauer, wohl für das nötige Kleingeld sorgte (und sich heute ebenso wenig wie der Bundeskanzler anrüchiger Kontakte entsinnen kann). Jedenfalls setzte sich Deutschland bei der Abstimmung mit 12:11 gegen Südafrika durch.


Der CDU-Politiker Theo Zwanziger, einst sechs Jahre lang DFB-Präsident, brachte es unlängst auf den Punkt: „Qatar hat geholfen, die WM 2006 nach Deutschland zu bringen.“ Da verwundert es nicht weiter, dass auch heute noch eine Hand die andere wäscht und Schweigen lukrativer ist als Reden. Das in den höchsten Tönen gepriesene „Sommermärchen“ der WM 2006 allerdings entpuppte sich im Nachhinein ebenfalls als fauler Zauber.


12/2022


Dazu auch:


Fifa-Sepp, Licht-Franz im Archiv von Helden unserer Zeit (2014)