Afghanisches Roulette

Cartoon: Rainer Hachfeld

 

Bei ihrer Flucht aus Afghanistan ließ die Bundeswehr aus Logistikgründen die einheimischen Helfer zurück und setzte sie so der Rache der Taliban aus. Im Gegensatz dazu klappt es bei der „Rückführung“ von Flüchtlingen aus Deutschland nach Kabul erstaunlich gut mit dem Transport. Die Islamisten werden mit der blutigen Abrechnung kaum mehr nachkommen.

 

Geflohene? Kollaborateure? Egal!

 

Dass die Taliban barbarisch mit all jenen umspringen, die ihre Vorstellungen vom archaischen Islamismus nicht teilen wollen oder sich ihrer fundamentalistischen Umgestaltung der Gesellschaft widersetzen, ist hinlänglich bekannt. Wie grausam und bedenkenlos sie Rache nehmen, weiß man spätestens, seitdem sie den Ex-Präsidenten Nadschibullah, unter dem Afghanistan nach dem Abzug der sowjetischen Truppen für wenige Jahre einen Hauch von Hoffnung verspürt hatte, 1996 aus dem UNO-Hauptquartier holten, folterten und aufhängten.

 

Für die Taliban sind Bedienstete der fremden Truppen, aber auch der westlichen Hilfsorganisationen, mögen sie als Dolmetscher, Service-Kräfte oder Wachleute gearbeitet haben, Kollaborateure, ebenso wie die Landsleute, die sich zum ungläubigen Feind, d. h. in den Westen, geflüchtet waren und nun nach Afghanistan zurückgeschickt werden. Sollten die Taliban wieder in Kabul an die Macht gelangen, drohen all diesen Menschen, die nach jedem Strohhalm gegriffen hatten, um dem Mittelalter-Islamismus zu entkommen, Vergeltungsmaßnahmen bis hin zur Exekution.

 

Und es sieht ganz so aus, als ob es so käme. Nach neueren Einschätzungen von US-Militärkreisen kontrollieren die Taliban bereits 250 der 400 afghanischen Distrikte weitgehend, ihre Verhandlungen mit dem Kleptokraten-Regime in Kabul sind nichts als eine Hinhalte-Farce. Insofern verwundert das Resümee von Kriegsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (und noch mehr das Fehlen des Widerspruchs seitens der meisten deutschen Medien): „Ein historisches Kapitel geht zu Ende, ein intensiver Einsatz, der die Bundeswehr gefordert und geprägt hat, bei dem sich die Bundeswehr im Kampf bewährt hat.“

 

Kein Platz für Menschen


Eine Niederlage wird zum „historischen Kapitel“ schöngeredet, das Einigeln bei Masar-i-Sharif zum „intensiven Einsatz“ hochstilisiert, und die Bundeswehr hat sich „im Kampf bewährt“, bei dem ihnen außer einem Massaker mit ca. hundert toten Dorfbewohnern nichts Entscheidendes „gelungen“ ist. Die Truppenführung setzt noch eins drauf und feiert sich selbst für eine logistische Meisterleistung, also dafür, dass die Flucht mit 1300 Containern auf dem Luftweg glückte.

 

In diesen Behältern wurde von Munition, Waffen und Fahrzeugteilen bis hin zu Duschvorhängen und Spirituosenbeständen (von denen eigentlich niemand wissen sollte) so ziemlich alles abtransportiert, was die (kurzzeitige) Präsenz westlicher Zivilisation am Hindukusch symbolisierte. Solche Frachtmengen beanspruchten viel Raum in den riesigen Antonov-Flugzeugen, sodass für afghanische Mitarbeiter kein Platz mehr blieb. Obwohl bereits über 300 solcher „Ortskräfte“ im Dienste der westlichen Interventionstruppen und Hilfsorganisationen von den Taliban umgebracht worden waren, ließ man das einst umworbene Personal schutzlos zurück – und nicht nur aus logistischen Gründen. Die Mohren haben ihre Schuldigkeit getan, die Mohren können bleiben…

 

Dabei hatte sich die Bundesregierung anfangs höchst kulant gegeben. Die Bundeswehr habe Visaformulare nach Masar-i-Scharif geflogen, wo eine „Anlaufstelle“ für die einheimischen Unterstützer eingerichtet werde. Dieses Büro wurde aus „Sicherheitsgründen“ nie eröffnet, weil die Taliban die Stadt bereits eingeschlossen hatten. Also müssen sich die Helfer aus dem Norden durch Gebiete, die längst von den Islamisten eingenommen wurden, ins rund 450 km entfernte Kabul durchschlagen und dort Asyl beantragen. Wer das schafft, ist keineswegs auf der sicheren Seite. Bei einer Einzelfallprüfung muss er nachweisen, dass sein Leben konkret von den Taliban bedroht ist. Logische Überlegung und gesunder Menschenverstand reichen deutschen Konsularbeamten nicht, ein (kaum aufzutreibender) Beleg für das Offensichtliche muss her. Überspringt ein afghanischer Mitarbeiter dennoch diese Hürde, braucht er Geld. Das Flugticket nach Deutschland muss er nämlich selbst bezahlen.  

 

Ein „Spiel“ um Leben und Tod

 

Die „logistische Meisterleistung“, bei der Schnaps sowie Panzer gerettet und Menschen ihrem Schicksal überlassen wurden, bedeutet aber keinesfalls das Ende des amtlichen Flugverkehrs zwischen Afghanistan und Deutschland. Zwar landet hierzulande nach wie vor kein Transporter mit Flüchtlingen an Bord, doch starten von hiesigen Airports weiterhin „Sammelflüge“, mit denen bislang rund 1200 Afghanen zurück nach Kabul verfrachtet wurden. Nur bei einem Teil von ihnen handelt es sich um Straftäter, die anderen sind Azubis, die von der Polizei aus der Berufsschule geholt wurden, oder Handwerksgesellen, die ungeachtet ihrer Integrationsfortschritte und der Lebensgefahr, die ihnen in der früheren Heimat droht, für „ausreisepflichtig“ befunden wurden.

 

Kein Medienaufschrei begleitet das unrühmliche Ende des zwanzigjährigen Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr mit den möglicherweise letalen Folgen für die einheimischen Hilfskräfte sowie die Abschiebung von Geflohenen in ein Hochrisiko-Land, gegen die mittlerweile sogar die Regierung in Kabul protestiert. Lediglich im Juli 2018 empörte sich die Presse ein wenig, als Innenminister Horst Seehofer zynisch frohlockte: „Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 - das war von mir nicht so bestellt - Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden." Wenig Resonanz hingegen erzielte Heiko Maas, Klassenprimus in der Zwergschule politischer Moral, als er Anfang dieses Julis befand: „Welche Auswirkungen das dann auf die Frage hat, ob Menschen noch abgeschoben werden können nach Afghanistan, wird man dann sehen. Bei dem, was wir bisher an Informationen haben, halte ich die bisherige Praxis aber nach wie vor für vertretbar.“



















Will das Resultat der Abschiebungen nach Afghanistan erst mal in aller Ruhe abwarten: Bundesaußenminister Heiko Maas

 

Eine solche Praxis erinnert an Russisches Roulette, jenes Spiel dekadenter Snobs aus dem vorigen Jahrhundert, bei dem man sich einen Revolver mit sechs Patronenkammern, von denen nur eine geladen war, an die Schläfe hielt und hoffte, dass man beim Abdrücken nicht die fatale Kammer erwischte. Die deutschen Verantwortlichen spielen dieses Spiel mit Abschiebeflüchtlingen. Allerdings lassen sie die Revolver von anderen (den Taliban) auf deren Köpfe richten. Auch dürfte in Afghanistan nicht nur eine Patrone in der Trommel stecken.

 

07/2021

 

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