CSU fast ganz die alte


Es war ein wenig still geworden um die bayerische Staatspartei CSU. Wohl war Markus Söder, ihr Herr und Meister auf allen möglichen Kanälen zu allen denkbaren Themen zu hören, ohne dabei viel Sinn zu versprühen, aber es fehlte doch jene lautstarke, derbe und bisweilen ein wenig kriminelle Hybris, die seit Franz Josef Strauß den bajuwarischen Sonderweg so eindrücklich charakterisierte. Dann wurde Stephan Mayer aus dem oberbayerischen Burghausen christsozialer Generalsekretär und mit ihm schien die frühere Rotzigkeit erneut Einzug in die Partei zu halten. Jetzt ist er zwar wieder weg, aber wenigstens mit einem Skandal in guter alter Tradition.


Dem Falschen an die Gurgel


Seit Generationen ist es Sitte im Freistaat, dass der Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende einen jüngeren Rüden zum Wadenbeißer, vulgo: Generalsekretär, bestellt. Andreas Scheuer war schon so ein Mann fürs Grobe, Alexander Dobrindt auch, und Söder selbst diente einst als „Stoibers Hackebeilchen“ (SPIEGEL). Diese Leitkläffer haben dem Chef den Weg zu bahnen und seine Feinde frontal anzugehen.


Stephan Mayer, der eigentlich wie gemalt für diesen Job schien, hatte das Pech, nach dem Falschen zu schnappen. Die BUNTE, Glamour-Postille für Arme, hatte berichtet, dass der diskrete Burghausener die Existenz eines unehelichen achtjährigen Sohnes verschwiegen und Zahlung der fälligen Alimente dem Großvater überlassen hatte. Nichts Großartiges also in der üppigen Skandalchronik der CSU, doch Mayer drehte durch, drohte einen Tag vor der Veröffentlichung des Artikels dem Reporter Manfred Otzelberger mit „Vernichtung“ und forderte in bester Erpresser-Manier 200.000 Euro Schmerzensgeld, die stante pede zu überweisen seien.

Der Burda-Verlag leitete rechtliche Schritte ein, von BILD bis ARD stürzten sich die vom Ukraine-Krieg übersättigten Medien auf die boulevardeske Sottise, und Söder, der nächstes Jahr einen Wahlkampf zu verlieren hat, gab mit Krokodilstränen in den Augen bekannt, dass sein alter Kumpel aus der JU um seinen Rücktritt als Generalsekretär eingekommen sei. Aus gesundheitlichen Gründen, wie halt immer.


Chronisch schlechter Gesundheitszustand


Es gehe Mayer sehr schlecht, erklärte Söder kurze Zeit später, mit einem Anflug von Mitgefühl, das ihm nur niemand in Bayern abnimmt. Tatsächlich handelt es sich bei der Begründung um „the same procedure as every time“, sozusagen um das Entschuldigungsmantra der CSU, einer Partei, deren Mitglieder in notorisch schlechtem Gesundheitszustand sein müssen.


So wurde Friedrich Zimmermann 1960 wegen eines Meineids, durch den die Konkurrenten von der Bayernpartei desavouiert werden sollten, schuldig gesprochen. Doch in zweiter Instanz entschied das Gericht ein Jahr später, dass der Strauß-Spezi zum Zeitpunkt des Eides wegen „verminderter geistiger Leistungsfähigkeit aufgrund einer Unterzuckerung“ unzurechnungsfähig gewesen sei und sprach ihn frei. Einen mitfühlenden Beobachter wird es freuen, dass Zimmermann später wieder gesund genug für das Amt des Bundesinnenministers wurde.


CSU-Generalsekretär Otto Wiesheu musste 1983 zurücktreten, weil ihm etwas Dummes passiert war: Mit imposanten 1,99 Promille im Blut hatte er sich ans Steuer gesetzt und einen polnischen Kleinwagen von der Autobahn gefegt. Dass dabei dessen Fahrer ums Leben kam und ein Begleiter schwer verletzt wurde, sühnte das Gericht letztendlich mit gnädigen zwölf Monaten auf Bewährung. Offenbar war berücksichtigt worden, dass Wiesheu sich im Stress befand und an einer Alkoholvergiftung litt. Als es ihm wieder besser ging, wurde er zehn Jahre später zum bayerischen Staatsminister berufen, und zwar für Wirtschaft – und Verkehr.


Überhaupt scheint der Hang zu Hopfengetränken und Hochprozentigem eine ständige Bedrohung für Leib und Leben unzähliger CSU-Mandatsträger in den Kommunen und Bezirken dargestellt zu haben. Wie viele im Suff aus der Kurve getragene schwarze Bürgermeister oder Landräte mussten wir doch betrauern. Und auch FJS scheint sich seine endlosen Affären und Skandale gewissenhaft schöngetrunken zu haben.


Trübe Wasser, laut oder still


Markus Söder wollte alles besser machen: Modern hatte seine CSU zu werden, bürgernah und frei von Eklats. Die Hallodri-Zeiten eines Max Streibl („Saludos Amigos“), eines Gerold Tandler (Papa von Masken-Andrea) oder Alfred Sauter (Seuchengewinnler) sollten endgültig vorbei sein. Schwadronieren durfte nur noch einer, nämlich Söder selbst, dessen einziger Programmpunkt Söder heißt.


Aber es klappt nicht so recht. Mal versucht – reichlich instinktlos –Gattin Karin Baumüller-Söder den Einstieg in den Masken-Goldrush, dann wieder legt sich sein Generalsekretär ausgerechnet mit dem Burda-Verlag an, der sein Herz doch auf dem rechten Fleck hat. Es ist wieder ganz wie früher, nur ein paar Nummern kleiner. Deshalb hat Markus Söder seiner Partei jetzt ein stilles Wasser als General verordnet, den unauffälligen Martin Huber, der wie sein Vorgänger aus dem gottesfürchtigen Altöttinger Landkreis kommt.























Nein, dies ist kein Gruppen-Steckbrief, sondern eine Prominentengalerie. Die fünf CSU-Generalsekretäre Strauß, Zimmermann, Wiesheu, Huber und Maier (von links oben nach links unten) haben - sich - einiges geleistet. 


Das Problem ist nur, dass die Wasser in der Union zwar mal stiller und mal lauter (akustisch, nicht ethisch!) sind, aber meistens ziemlich trübe. Söders neuem Herzbuben wird jedenfalls vom Plagiatsexperten Zenthöfer ausgerechnet gegenüber der „Bild am Sonntag“, die in ihrer brachial-rechten Ausrichtung eigentlich zur Lieblingslektüre der CSU zählen müsste, bescheinigt, dass sich allein auf den ersten 26 Seiten seiner Doktorarbeit 25 Zitate, deren Quellen nicht oder falsch ausgewiesen seien, fänden.
„Kopie, Imitat!“ schreien die Feinde einer urbairischen Partei, während alte CSU-Kameraden mit wissendem Lächeln abwiegeln: „So, abgeschrieben hat er, der Hubers Martin? Donnerwetter, a Hund is er schon!“

05/2022

Dazu auch:

System Bayern I und II im Archiv von Politik und Abgrund (2013) und Verlorene Tochter im Archiv von Helden unserer Zeit (2017)