Der Corona-Bär

Cartoon: Rainer Hachfeld

 

Die von Finanzjournalisten liebevoll Börsianer getauften Spekulanten, Zocker und Investoren bedienen sich einer bildhaften Sprache, um die Achterbahnfahrten der Kurse zu umschreiben: Fallen die Aktien in den Keller, ist der Bär am Werk, der Bulle hingegen symbolisiert einen längeren Aufwärtstrend. Die Börse gilt als Seismograph für die Erschütterungen in der Wirtschaft, doch am Ende, so behaupten wenigstens Analysten, Wirtschaftsweise und andere Astrologen, regle der Markt so ziemlich alles. Die Corona-Krise belegt nun wieder einmal, dass der Markt im Ernstfall hilflos ist und auch die mächtigen Konzerne nach der Hilfe des Staates schreien.


Das Unvernunftsprinzip


Nun ist der Stier als recht dummes Tier, das sich in spanischen Arenen durch ein flatterndes Tuch in den Tod locken lässt, bekannt. Auch der Bär gilt entweder als tapsiges Pelzknäuel oder als bedrohliches Ungetüm, aber nicht als sonderlich intelligentes Wesen. Und diese beiden unterbelichteten Kreaturen müssen als Symbole für das „natürliche“ Auf und Ab der börsennotierten Wirtschaft herhalten. Nur dass nun ein gefährlicher Parasit die konkurrierenden Tiere befallen hat, der eindeutig den Bären favorisiert: Das Virus Sars-CoV-2, das, obwohl unter dem Mikroskop eher einer Kastanie als einer Krone ähnelnd, Corona genannt wird – offenbar sind auch Virologen verkappte Poeten.


Das Coronavirus beschert uns fortlaufend schwarze Montage oder schwarze Donnerstage an den Börsen. Wurden allerdings früher die Kurse durch menschgemachte Hypes, Phobien, Bilanztricks oder Übernahmephantasien ins Chaos gestürzt, so werden sie jetzt von winzigen, aber tückischen Fremdkörpern in eine stetige Höllenfahrt getrieben. Riesige Unternehmen verlieren in Windeseile die Hälfte ihres (notierten) Wertes, weil weder Ärzte noch Politiker genau wissen, wie es weitergehen soll, und sich damit die Prognosen für goldene Beutezüge verdüstern.


Dabei waren uns die Auguren des Systems, die Wirtschaftswissenschaftler, doch immer als Koryphäen angepriesen worden, die - zumindest innerhalb des eigenen Denkschemas -  unfehlbar schienen. Das unbedingte Markt-Credo drückte sich in unzähligen Denkschulen und Fachbegriffen aus: Nachfrageorientierung, Angebotsorientierung, Keynesianismus, Monetarismus, Neoliberalismus, Spieltheorie etc. Einig waren sich die verschiedenen Propheten nur in einem: Die Allmacht des Marktes werde alle Probleme lösen und die Welt wieder in ihr kapitalistisches Lot bringen.


Und nun werden Billionen in der Börsenpanik verbrannt, Konzernchefs wissen nicht, wie sie ihre Mitarbeiter und (wesentlich wichtiger!) ihre Gewinne sichern sollen, Anleger sehen nicht nur die Dividenden, sondern auch das gesamte Wettkapital schwinden, Produktion und Absatz stocken. Ein Virus entzaubert den Kapitalismus in all seiner Omnipotenz: Der Markt regelt nichts, der von den Magnaten verachtete Staat soll bitteschön eingreifen.       


Der Reparaturbetrieb


Schon die klassischen Liberalen wollten den Nachtwächterstaat, Neoliberale wie Milton Friedman forderten, der Staat solle sich aus allem heraushalten, und Donald Trump degradierte seine Administration zur Anbahnungsagentur für Deals nationaler Konzerne. Jetzt aber mahnen Wirtschaftsverbände mehr Aktivität seitens der Regierungen an, und die stellen bereitwillig Milliarden zur Verfügung, um notleidende Betriebe zu retten.


Es ist durchaus sinnvoll, Ladenbesitzern, Wirten oder kleinen Selbständigen einen Teil des Verdienstausfalls zu kompensieren, um ihre berufliche Existenz zu sichern, kritisch wird es hingegen bei Branchenriesen. Diese haben Steuern vermieden, wo es ging, exorbitante Gewinne an jeder öffentlichen Teilhabe vorbei geschmuggelt und möchten jetzt zu erwartende Verluste von eben jener Öffentlichkeit (Mehrheit der korrekt Lohnsteuer Entrichtenden) ersetzt bekommen.


Auf dem Zenit der Maximalprofite denkt kein Konzernlenker an eine Absicherung für schlechtere Zeiten, frisierte Quartalsberichte ersetzen Nachhaltigkeitsstudien, die allgegenwärtige Konkurrenz zwingt zu ökonomisch fragwürdigem und ökologisch schädlichem Wachstum. Gerät die Blindfahrt wegen kollektiver Fehlkalkulation in obersten Kreisen (Bankenkrise) oder eines lähmenden Virus ins Schlingern, muss der bis dahin verachtete Staat eingreifen.


Nehmen wir die Fluggesellschaft Lufthansa, den Jet-Bauer Airbus oder den Tourismusgiganten TUI: Ihnen wurde durch Corona zumindest teilweise die Geschäftsgrundlage entzogen. Folglich warten sie auf Unterstützung durch den Staat, genau wie die Autokonzerne, die ihre Mitarbeiter via Kurzarbeitergeld durch eben die Solidargemeinschaft alimentieren lassen, an die in der Periode der Milliardengewinne kein zusätzlicher Cent als Präventiv-Bonus floss. Und man kann darauf setzen, dass solche Unternehmen nach dem Corona-Schock den Löwenanteil der öffentlichen Mittel abgreifen werden (beschäftigen sie doch Legionen von Anwälten und Lobbyisten), während für die kleinen Selbständigen und Ladenbesitzer nur Scherflein übrig bleiben dürften.


Normalerweise favorisieren die Champions des schnellen Geldes allerdings die Deregulierung, die Überführung medizinischer Infrastruktur in profitable Business-Zentren mit ärztlicher Begleitung. Dies führt nun dazu, dass viele Kliniken in Privateigentum, die sich auf lukrative (und bisweilen sinnlose) Eingriffe, etwa die Arthroskopie eines kaputten Knies, kapriziert und notwendige, aber schlechter vergütete sowie schwierigere Operationen den kommunalen Krankenhäusern überlassen haben, für schnöde Seuchenarbeit nicht gerüstet sind.


Nach der Krise weiter so!


Doch wie schlagen sich unsere Politiker im Angesicht der Pandemie? Seltsamer- oder eher logischerweise hörte man vom Polit-Prediger der Raff-Gemeinde, Friedrich Merz, nichts. Er hatte einfach nichts dazu zu sagen. Ein gesamtgesellschaftliches Problem, das sich nicht durch finanztechnische Tricks lösen lässt, indem man es auf dem Bierdeckel herunter rechnet, entzog sich seinem Erfahrungshorizont. Dann allerdings schnappte sich das Virus den Friedrich, um ihm doch ein wenig Hintergrundwissen mit auf den Karriereweg zu geben.


Ganz anders tritt da Markus Söder auf, bei dem einen irgendwie das Gefühl beschleicht, Corona sei ihm gerade recht gekommen, um seine Eignung für ein ganz hohes Amt unter medialen Beweis zu können. Und so spricht der bayerische Staatsmann mit sonorer Stimme nach, was er vom Robert-Koch-Institut und der WHO aufgeschnappt hat, imitiert Maßnahmen, wie sie zuvor in Österreich impliziert wurden und gilt plötzlich als Vorreiter wider das böse Virus. Gut, Angela Merkel lispelt in etwa das Gleiche, aber aus Söders Mund klingt es einfach kanzlerischer.


















Im Aufwind dank Corona: Markus Söder


Als Ikone kapitalistischer Brutalo-Ehrlichkeit, gepaart mit der geradlinigen Ignoranz eines John Wayne, präsentiert sich wieder einmal Donald Trump. Zunächst hält er das Coronavirus für eine Weichei-Krankheit, eine Art Grippe für Arme; dann macht er die bösen Europäer für die Ausbreitung des Virus dingfest, weil sie die bösen Chinesen haben einreisen lassen; am Ende aber versucht er in bester Desperado-Manier, das Patent für einen potentiellen Impfstoff von einer deutschen Firma zu ergattern, um diesen in America first – and exclusive einzusetzen. Das ist angesichts des Sozial-Salbaderns der politischen Vollstrecker von Konzernbefehlen hierzulande beinahe erfrischend menschenverachtend. Bei Trump steht wenigstens noch Nationalismus drauf, wo Kapitalismus drin ist.


Gesetzt den Fall, die Pandemie würde eingehegt und das Virus besiegt, was wird dann geschehen? Die Manuskripte der Sonntagsreden von Verantwortung und Solidarität verschwänden wieder in den Schubladen, gestärkt durch Steuersenkungen und staatliche Hilfen würden in den Chefetagen dieselben, die der Disruption so blauäugig begegnet waren, die Ärmel aufkrempeln und dasselbe tun wie vorher. Die Börsenkurse gingen auf dem Rücken des Bullen wieder durch die Decke, und die Welt würde gemeinsam mit dem Bären ein Stück tiefer in den Abgrund sinken.

 

03/2020

 

Dazu auch:

Der Markt ist blind im Archiv von Politik und Abgrund (2017)