Der Narr der Ringe

Cartoon: Rainer Hachfeld


Seit dem vierten Jahrhundert vor Christus trafen sich im griechischen Olympia Athleten aus der damals bekannten Welt regelmäßig, um gegeneinander wettzulaufen, weitzuwerfen oder zu boxen. In den paar Tagen des Sportfests sollte Frieden auf Erden herrschen, was allerdings nicht für die Arena galt, wo der eine oder andere Teilnehmer nicht nur den Kampf, sondern auch sein Leben verlor. Auf Initiative des französischen Barons Pierre de Coubertin wurde der Brauch 1896 in Athen wiederbelebt und bis heute mit wenigen Unterbrechungen alle vier Jahre an anderen Orten durchgezogen. Der Mythos vom fairen und friedlichen Wettstreit war von Anfang an eine Farce, den Hohn auf die Spitze aber trieb in Covid-19-Zeiten der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach.


Diktatorenfreunde und Betrüger


Schon mit dem Friedensgebot während der Olympischen Spiele ging es in der Neuzeit gründlich schief: Während der beiden Weltkriege mussten die Multi-Turniere ausgesetzt werden, und während des Kalten Kriegs boykottierten 1980 die westlichen Länder Olympia in Moskau, worauf sich die östlichen Staaten vier Jahre später revanchierten, indem sie die Spiele in Los Angeles mieden. Es war leider nicht so, dass die Welt am Vorabend des Jugend-Events mit dem gegenseitigen Massakrieren und Befeinden aufhörte; vielmehr wich der so vielstimmig beschworene Sportsgeist vor der blutigen oder zumindest aggressiven Realität.


Nun war das Internationale Olympische Komitee (IOC) auch nicht gerade eine Gilde überzeugter Pazifisten und vorbildlicher Demokraten. Schon Baron de Coubertin, geistiger Urheber der modernen Spiele, hatte eigentlich ganz anderes im Sinne als Völkerverständigung. Weil sich die jungen Soldaten seines Heimatlandes im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 als zu lasch und untrainiert erwiesen hatten, wollte er sie durch körperliche Ertüchtigung wieder auf Vordermann bringen. Erst später reifte in ihm die Idee, internationales Kräftemessen nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im Stadion stattfinden zu lassen – Sport als Kriegsersatz sozusagen.


Coubertin amtierte zweimal als Präsident des IOC, ihm sollten gleich mehrere Vorsitzende mit skurrilen oder bedenklichen Ansichten folgen. So leitete zwanzig Jahre lang bis 1972 Avery Brundage das Komitee, ein US-Amerikaner mit einem Sehfehler, von dem außer ihm die ganze Welt wusste. Wo sich weltweit die Olympioniken für ihr Training entlohnen und ihre Erfolge von Sponsoren, Unternehmen oder dem Staat versilbern ließen, erblickte Brundage überall lupenreine Amateure. Sein Knick in der Wahrnehmung suggerierte ihm noch reine Kämpfe um die Ehre, als die sportlichen Schlachten um Geld, Material und politisches Primat längst in vollem Gange waren.


Für den Klartext brauchte es schon einen überzeugten Faschisten wie Juan Antonio Samaranch, der das IOC über zwanzig Jahre lang bis 2001 mit harter Hand führte und die Spiele endgültig derart kommerzialisierte, dass der Sport – wie im richtigen Leben – seine Nebenrolle als Mittel ökonomischer Profitmaximierung und politischer Imagepflege einnehmen konnte. Francos einstiger Sportminister Samaranch verleugnete nie seine Gesinnung und lobte den Diktator, der Hunderttausende hatte abschlachten lassen, auch nach dessen Tod noch als Begründer einer „Periode von Wohlstand und Frieden“.


Gleichzeitig begannen im Osten wie im Westen die Athleten damit, ihre Leistungen mithilfe wirksamer, aber verbotener Substanzen zu steigern, um sich so durch Betrug einen Vorteil gegenüber sauberen Konkurrenten zu verschaffen  – die einen zum Ruhme des sozialistisch-bürokratischen Systems, die anderen im Dienste der (für jede Art der Ausbeutung) freien Demokratie des Unternehmertums.


Vor sieben Jahren reihte sich endlich ein Deutscher in die illustre Gilde der Herren der Ringe ein. Unter Thomas Bach ging alles so weiter wie bisher, nur vielleicht noch ein bisschen leichter: das Geldscheffeln des IOC, die verbandsinterne Korruption, die Gigantomanie bei der Präsentation eines olympischen Sportfestes und das allgegenwärtige Doping. Dieser Tage aber zeigte Bach angesichts der Corona-Pandemie, dass er eine besonders tolle Nummer im Gruselkabinett des internationalen Sports ist.


Last Man Standing 


Frei nach den Asterix-Comics könnte man fabulieren: „Wir befinden uns im Jahre 2020 n. Chr. Die ganze Welt ist von einer Pandemie gelähmt ... Die ganze Welt? Nein! Ein unbeugsamer Deutscher hört nicht auf, die Gefahr zu ignorieren.“ 


Überall auf dem Globus werden wegen des Covid-19-Virus kulturelle, sportliche, politische Veranstaltungen abgesagt, Kontakt- oder Ausgangssperren verhängt, Produktion und Dienstleistungen heruntergefahren, kurz: die meisten Erscheinungsformen des öffentlichen Lebens auf null gebracht. Nur Thomas Bach wehrte sich bis zuletzt verzweifelt gegen die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio, allerdings fehlte ihm der Zaubertrank der Gallier für den erfolgreichen Widerstand.


Der gebürtige Würzburger gewann als Florettfechter mit der Mannschaft die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal. Danach widmete er offenbar sein Leben der gedeihlichen Vermengung leistungssportlicher und wirtschaftlicher Interessen. Er heuerte bei Adidas an, beriet u.a. die Holzmann AG und MAN. Besonders effektiv aber dürfte die Mitarbeit des Lobbyisten im Siemens-Konzern gewesen sein. Und hier gerieten die ersten dunklen Flecken auf die weiße Weste des Sportfunktionärs.


Der FDP-Mann Bach hatte sich 2006 zum Präsidenten der Deutsch-Arabischen Industrie- und Handelskammer wählen lassen. Zwei Jahre später wurde ruchbar, dass Siemens einen schon länger existierenden Beratervertrag Bachs mit 400.000 Euro im Jahr dotierte und für die Kontaktanbahnungen im arabischen Raum noch 5000 Euro Spesen pro Tag drauflegte. Selbst die Aufsichtsräte des Unternehmens fanden diese zusätzliche Bezahlung „absolut unüblich“. Zudem wurde Kritik laut, Siemens profitiere durch Aufträge rund um den Sport, weil Bach die Tätigkeit als IOC-Funktionär für seine berufliche Tätigkeit instrumentalisiere.


Der Ruf des Unterfranken wurde nicht nur durch Bachs Passivität in Sachen Doping und seine Geheimhaltungspolitik gegenüber Medien getrübt, er erlitt auch wegen dubiosen Verhaltens in einem Korruptionsfall weiteren Schaden: Bach weigerte sich, im Zuge der Ermittlungen vor der brasilianischen Polizei gegen den berüchtigten Sportfunktionär Patrick Hickley auszusagen. Corona aber wollte er die Stirn bieten.


Mag sein, dass Bach, der das Fechten stets hinter einem großräumigen Mund- und Gesichtsschutz betreiben durfte, die Gefahr einer Vireninfektion nicht ernst genug einschätzte, doch wie beharrlich der Mann, dem doch eigene Prinzipien nicht unbedingt als unantastbar schienen, an der Ausrichtung der Spiele in diesem Sommer festhielt und nur ein Schrittchen zurückwich, als die Sportler und nationalen Verbände aufbegehrten, das zeugte von ehrlicher Angst um die schönen Gelder.


Bis zum bitteren Ende spielte er auf Zeit, wollte die Sponsoren, die Investoren, die Absahner im eigenen Komitee nicht enttäuschen. Corona bedrohte für ihn in erster Linie nicht die Menschen in fast allen Ländern, sondern sein IOC. Dann aber sprangen immer mehr nationale Komitees ab, mit Australien desertierte sogar ein ganzer Kontinent, so dass sich Bach nur noch als Herr der vier Ringe fühlen durfte. Doch erst als auch noch die japanischen Gastgeber, die bis dato stur an der Philosophie von Kommerz und Prestige festgehalten hatten, von seiner Position abrückten, stimmte er der Verschiebung der Olympischen Spiele in den Sommer 2021 zu. Das jedoch kam für einige Athleten zu spät…


Quali für die Quarantäne


Auch in den Niederungen des skandalträchtigen „Amateur“-Boxsports scheint der umtriebige Thomas Bach schon früh eine üble Duftmarke hinterlassen zu haben. In Stasi-Unterlagen, die vermutlich vom DDR-Sportfunktionär Karl-Heinz Wehr stammen, wird behauptet, dass er 1986 an Absprachen zur gekauften Wahl von Anwar Chowdhry zum Präsidenten des Weltverbands AIBA teilgenommen hat. Der Pakistaner wurde 2007 wegen Korruption lebenslang vom eigenen Verband gesperrt. Inzwischen ist die gesamte AIBA nach schweren Anschuldigungen aufgelöst wurden.


Bach scheint aber sein Interesse am Boxen nicht verloren zu haben. Sein IOC bestand mit Nachdruck darauf, dass vom 14. Bis 24. März, also zu einer Zeit, da in den meisten europäischen Staaten bereits Ausgangsbeschränkungen existierten, das europäische Qualifikationsturnier für Tokio mit 350 Athleten aus 40 Ländern in London stattfand. Der mittlerweile selbst an Corona erkrankte Premier Boris Johnson hatte damals noch die Trump-Linie der Covid-19-Verharmlosung gefahren, so dass England als Gastgeber bereitstand. Die Veranstalter schlossen zwar Zuschauer aus, schickten aber die Sportler ohne Bedenken in den Ring.



















Im Gegensatz zu Fechtern, deren ganzes Gesicht durch ihre Maske abgedeckt wird, tragen Boxer nur einen Zahnschutz. Das ist zu wenig in einer Kampfsportart, in der ständiger Körperkontakt sowie Berieselung durch Schweiß, Blut und Speichel des Gegners zum Procedere gehören. Nach dem dritten Wettkampftag siegte die Restvernunft, und das Turnier wurde abgebrochen. Drei türkische Boxer kehrten infiziert in die Heimat zurück, und auch der kroatische Verband meldete Ansteckungen mit Covid 19.


Wie ein Narr hatte Bach an der Ausrichtung der Spiele festgehalten und die Vorbereitungsturniere stattfinden lassen. Er hörte weder auf Virologen noch auf nationale Verbände, die warnten oder gar den Boykott ankündigten; schließlich ging es um Milliarden – natürlich nicht Menschen, sondern Dollar. Als er jetzt einlenkte, hatte es die ersten Sportler schon erwischt.


04/2020


Dazu auch:

Hehre Heuchler im Archiv der Rubrik Medien (2013)

 

 

 

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