Des Verlegers Lied
Cartoon: Rainer Hachfeld


Der Kulturchef der Berliner Zeitung (BLZ) wurde zum „einfachen“ Feuilletonredakteur degradiert. Drei Umstände machten diesen innerbetrieblichen Vorgang zu einer Nachricht, die hohe Wellen in Medienkreisen schlug: Einmal wurde die Umsetzung völlig überraschend vorgenommen und unverblümt in der Öffentlichkeit kommuniziert; dann wirkte die Begründung inhaltlich so dünn, dass sich anderweitige Mutmaßungen aufdrängten; drittens bleiben Fragen nach der arbeitsrechtlichen Validität des Schrittes und nach einer möglichen Kollision mit dem hohen Gut der Meinungsfreiheit offen.


Eine seltsame Koinzidenz


Das plötzliche Medieninteresse an den Geschehnissen um die BLZ  (nicht zu verwechseln mit Springers B.Z.), das sich vor allem im Netz manifestierte, hatte zwei kurz aufeinanderfolgende Anlässe:


- Der Verleger des Blattes, Holger Friedrich, hatte gemeinsam mit

  Alexander Marguier, dem Herausgeber des rechtskonservativen Polit-

  Magazins Cicero, den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán zu

  einem einstündigen Podiumsgespräch eingeladen. Von seinen Gastgebern

  recht behutsam befragt, konnte der zunehmend autokratisch agierende

  Regierungschef, dem die ausufernde Korruption in seinem Land und

  offener Rassismus zur Last gelegt werden, seine Positionen zum Krieg in

  der Ukraine oder zur staatlichen Diskriminierung sexueller Minderheiten

  ausführlich darlegen. Orbán verstieg sich sogar zu einer abstrusen, von

  Teilen des Publikums gefeierten Behauptung: "Die Hoffnung für den

  Frieden heißt Donald Trump".


- ZEIT ONLINE meldete, der Co-Kulturleiter der BLZ, Hanno Hauenstein,

  sei degradiert worden. Einen Tag nach dem Orbán-Gespräch hatte er ein

  Interview, das er mit Jelena Subotić geführt hatte und in dem die

  Osteuropa-Expertin den Umgang mit LGBTQ-Menschen, die Islamophobie

  und den Antisemitismus in Ungarn kritisiert hatte, geführt und im

  Feuilleton veröffentlicht. Kurz darauf schrieb dort die ungarische

  Publizistin Viktória Serdült über Repressionen gegen Journalisten in ihrem

  Land.


Das sah zunächst nach einem offenen Diskurs über die Causa Orbán in der BLZ aus, doch der Schein trog. Möglicherweise brachte ein Statement Hauensteins zum umstrittenen Podiumsgespräch auf Twitter seinen Verleger, dem gewisse Vorlieben für autoritäre Regimes nachgesagt werden, auf die Palme: "for the record: ich halte es nicht für sinnvoll, Viktor #Orbán zu Gesprächen einzuladen." Im Online-Magazin „Papierkorb“ des MDR kommentierte René Martens die Konsequenz folgendermaßen: „Diese äußerst zurückhaltend formulierte Kritik hat ihn nun seinen Posten als Leiter des Kulturressorts der Wochenendausgabe gekostet.“

















Zum Ärger zahlreicher Supporter hielt Orbán auch noch beim Bundesligisten Union Berlin Hof, zu dessen Anhängern auch Verleger Friedrich (unten rechts) zählt. Der ungarische Populist kann die Fan-Hymne "You'll never walk alone" anstimmen. da Brüder im Geiste und verständnisvolle Gesprächspartner seinen Weg säumen.



Ungeschickt oder undemokratisch?


Etliche KollegInnen Hauensteins sahen das auf Twitter ähnlich, darunter auch SPIEGEL-Mann Felix Dachsel und Lorenz Maroldt vom Tagesspiegel, der den Vorgang mit bitterer Ironie einordnete: "Hinweis: Die Meldung 'Kulturchef nach Kritik am Verleger degradiert' kommt nicht aus Ungarn." „Kritik am Arbeitgeber ist ein Bürgerrecht“ überschrieb Martens seinen Kommentar für den MDR.


Kaum ein Beobachter nahm das abwiegelnde Statement des BLZ-Chefredakteurs Tomasz Kurianowicz, mit dem wohl sein Arbeitgeber Friedrich aus der Schusslinie gehalten werden sollte, ernst. "Generell habe (…) schon länger die Frage im Raum gestanden, ob das Ressort unter Hauenstein, den er als Stimme und Kollegen überaus schätze, bezüglich Genres, Thematiken und Standpunkten nicht zu einseitig geworden sei." So wurde Kurianowicz auf ZEIT ONLINE vom Autor Johannes Schneider in indirekter Rede zitiert. Nur wenige Beobachter nahmen diese Begründung für bare Münze. „Ach so! Wenn eine Chefredaktion einen Kollegen als Ressortleiter nicht (mehr) für geeignet hält, dann sollte sie das aber anders lösen können“, spottete Martens im MDR. „Besonders professionell wirkt ihr Agieren jedenfalls nicht.“


In der Tat werden solche Personalangelegenheiten gewöhnlich intern geklärt, bei einer Degradierung durch schriftliche Änderungskündigung und nach Abmahnung. Aber warum hätte die BLZ Hauenstein eigentlich gerade jetzt von seiner Leitungsfunktion abberufen sollen? Mit ihm erweiterte das Feuilleton der Zeitung im Netz die inhaltliche Bandbreite, indem er den sozialen, ethnischen, sexuell divers orientierten Randgruppen, den Menschen mit Migrationshintergrund und den Geflohenen, den Minderheiten also, die – zusammen genommen – fast schon die Mehrheit der Gesellschaft bilden, aber medial unterrepräsentiert sind, Platz für die Darstellung ihrer Kulturen bot.


Hauenstein, der sich häufig in Israel aufhält, fließend Hebräisch spricht und aus seiner Sympathie für das Land kein Hehl macht, griff gleichwohl die Siedlungs- und Palästinenserpolitik Jerusalems als inhumane Praxis an und distanzierte sich von der aus (historisch begründetem) schlechtem Gewissen und Ignoranz aktuellem Unrecht gegenüber gespeisten offiziösen deutschen Manie, alle Kritiker des Nahost-Staates gleich als Antisemiten abzutun. Für israelische Medien war dies kein Grund, ihn nicht als versierten News-Profi zu Entwicklungen in der Bundesrepublik zu befragen. Auf ZEIT ONLINE schreibt Schneider, dass Hauenstein „pointierte Meinungen speziell zur Politik Israels“ äußere und „auch sonst für Debatten gut“ sei. Das alles klingt eher nach Meinungsstärke und Expertise als nach Fehlbesetzung oder Führungsschwäche. Wenn Hauenstein in seiner Freizeit aber argumentiert, dass man ausgewiesenen Antisemiten wie Viktor Orbán
keine Bühne bieten solle, stößt er an die (unsichtbaren) Grenzen deutscher Pressefreiheit.


Es wäre schon ein seltsamer Zufall, wenn ein Chefredakteur just in dem Augenblick, da sein Verleger indirekt von einem Ressortleiter kritisiert wird, dessen Eignung für seine derzeitige Position ohne sachfremde Hintergedanken in Zweifel zieht und ihn beruflich herabstuft. Dann wäre auch noch der Zeitpunkt sehr ungeschickt gewählt, denn allerorten vermutet man natürlich, dass hinter der Degradierung das Machtwort des omnipotenten Bosses steht, der sich wegen allzu jovialen Plauderns mit einem antisemitischen Rechtspopulisten gerügt fühlt und dies brachial ahndet. Träfe dies zu, müsste man freilich undemokratisches Handeln attestieren.


Pressefreiheit oder Freiheit des Verlegers?


Trotz beträchtlicher Auflagenverluste (wie bei fast allen Printmedien) konnte die BLZ den zweiten Rang unter den Berliner Abonnementszeitungen hinter dem Tagesspiegel, aber vor der Morgenpost halten. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war sie die erste Zeitung, die in Deutschland wieder erscheinen durfte, in der damaligen DDR. Als wieder zusammenwuchs, was noch nicht recht zusammengehören wollte, ging die BLZ durch einige in der BRD zur Genüge bekannte Verlegerhände, von Gruner + Jahr über Holtzbrinck und DuMont Schauburg, bis 2009 Silke und Holger Friedrich sie übernahmen. Das Ehepaar, das u. a. mit dem Veranstaltungsbau E-Werk, der privaten Berlin Metropolitan School  und der Technologie-Beratung Core zu Millionen gekommen war, erklärte gegenüber dem SPIEGEL, für die BLZ plane es keinen Eingriff in das redaktionelle Tagesgeschäft, avisiere jedoch einen den Wettbewerb bejahenden, hierarchiefreien Führungsstil. Das klang gut, und die Friedrichs wurden als Quereinsteiger mit Vorschusslorbeeren bedacht, zumal die Zeitung tatsächlich etwas unkonventioneller daherkam als die Konkurrenzblätter.


Erste Zweifel an der hehren Zielsetzung kamen auf, als die Stasi-Vergangenheit von Holger Friedrich bekannt wurde und kurz darauf ein ostdeutsches Biotech-Unternehmen in der BLZ hochgejubelt wurde, an dem der Verleger Anteile hielt und in dessen Aufsichtsrat er saß. Der Fall Hauenstein scheint nun zu belegen, wie es faktisch um die lauthals verkündete redaktionelle Unabhängigkeit und die Hierarchiefreiheit in der BLZ bestellt ist.


Manche Zeitungen versuchen, die Aktivitäten ihrer Redakteure auf Internet-Plattformen mit sogenannten Social-Media-Guidelines einzuhegen. Nicht so die BLZ, Hanno Hauenstein konnte mit seinem Tweet also keine Regeln verletzen, weil es ganz einfach keine gab. Äußerst dubios ist auch die Art und Weise, wie seine Abstrafung verkündet wurde. Es sei eine Ausnahme in der deutschen Presselandschaft, eigentlich ein NoGo, einen Redakteur zu degradieren, nachdem der seinen Verleger „öffentlich kritisiert“ hat, ordnet Jörg Reichel, Landesgeschäftsführer der Deutschen Journalistenunion Berlin-Brandenburg, den Vorgang ein. Es sei „Solidarität mit Hauenstein“ angezeigt, „weil die öffentliche Kritik am Arbeitgeber ein Bürgerrecht“ ist.


Der Eklat offenbart ein Dilemma, in dem sich die Medien nicht nur hierzulande  befinden. Sie müssten Anspruch, Inhalt und Methode in Politik, Wirtschaft oder Kultur kontrollieren, quasi als „Vierte Gewalt“, als gesellschaftliches Korrektiv. Das geht nicht, wenn sie staatlich gelenkt und sanktioniert werden, das funktioniert aber oft auch nicht bei privaten Besitzverhältnissen. Dann ist nämlich die Pressefreiheit in erster Linie die Freiheit des Verlegers, ökonomischen Druck, etwa durch Personalabbau, auszuüben oder die inhaltliche Linie sowie Stil und Themenschwerpunkte vorzugeben. Letztendlich hat der Redakteur im Zweifelsfall das Lied dessen zu singen, dessen Brot er isst (und sichert). Tut er es nicht – siehe oben!


11/2022


Dazu auch:


Unterbliebene Fragen (2022) und Abhängig unabhängig? (2020) im Archiv der Rubrik Medien