Die Anachronisten

Cartoon: Rainer Hachfeld


Gewiss, die Nachrichten, die uns alltäglich aus Internet, Funk und Presse über den Zustand der Erde, die schreiende soziale Ungerechtigkeit, die Desintegration von Gesellschaften oder die militärischen Konflikte und Kriegsvorbereitungen erreichen, sind dazu angetan, um Beruhigungsmittel bzw. nette, seichte Informationen und Anregungen, die den Geist nicht überfordern, zu erflehen. Der Opiate (und Placebos), gäbe es wahrlich genug: Sport, TV-Unterhaltung, Romane mit garantierten Happyends und manches mehr könnten uns ein wenig von der allgegenwärtigen Malaise ablenken. Und die Medien verabreichen uns diese Sedativa auch großzügig, eins davon aber wirkt derart aus der Zeit gefallen, irreal und verblödend, dass man sich fragen muss, ob es sich nicht um eine exotische Droge aus alter Zeit handelt, die uns die paar Errungenschaften der neueren Zivilisation zur Gänze vergessen lässt; es handelt sich um Märchen aus Königshäusern.


Social Media vs. Old-School-Hype


Ein Mann tritt vor die Mikrofone und erklärt im reifen Alter von 35 Jahren, er wolle mit Frau und Kind aus dem elterlichen Haushalt ausziehen und den Unterhalt für seine Familie selbst verdienen, sich also nicht mehr wie bisher auf das üppige Taschengeld von daheim verlassen. Eine banale und keineswegs seltene Geschichte, die kaum Aufsehen erregen würde, handelte es sich bei dem alternden Berufsjugendlichen nicht um den englischen Prinzen Harry und bei seinem Hotel Mama nicht um den Buckingham-Palast (im Verbund mit anderen königlichen Herbergen).


Ein gefundenes Fressen für die Regenbogenblätter, die Kaffeekränzchen im Seniorenstift und diverse Wartezimmer von Geriatrie-Medizinern, möchte man meinen. Doch der Hype schlägt weit über die stillen Wasser einer geistig genügsamen Community älterer Menschen, für die noch Krone, blaues Blut und Adelsliebe  den Sinn des Universums ausmachen, hinweg Wellen: In den Prime-Time-Nachrichten wird an prominenter Stelle über die Nestflucht des noblen Paares berichtet, und in seriösen Gazetten wie der Süddeutschen Zeitung diskutieren Autor*innen mit sich selbst aus, ob es denn verwerflich sei, die Pläne der Queen für ihre Enkel zu durchkreuzen, oder eher verständlich, die Selbstverwirklichung im Jetset anzustreben und die bisher verborgen gebliebenen Talente dem Arbeitsmarkt der oberen Zehntausend zu Verfügung zu stellen.


Diese Problematik verdrängt in den alten Medien global bedeutende oder Krieg und Frieden berührende Themen wie die australische Befeuerung der Erderwärmung oder die Kriege in Libyen und im Jemen locker auf die hinteren Plätze. Denn die Verdrängung (von Unangenehmem, Blutigem und Unterlassenem) ließ sich früher schon bestens mithilfe des Glamours von Hochadel und Königshäusern in Gang setzen. Heute allerdings wirkt das Ausweichen in die Märchenwelt der per Geburt Privilegierten ein wenig altbacken, haben doch die social media im Internet neue Standards des Eskapismus in die schöne neue Warenwelt implementiert.


Idolisiert werden – zumindest von Menschen, die noch keine dreißig sind – vor allem smart und hip aussehende Influencer*innen, die wasserfallartig reden können und dabei Produkte bewerben, deren Nutzen und Nachhaltigkeit in der (fehlenden) Qualität mit dem Inhalt der privaten Botschaften ihrer Marktschreier konkurrieren. Immerhin haben diese jungen Vorbilder und Animateure bereits damit reüssiert, „Marken“ an leicht Beeinflussbare zu verkaufen und müssen sich nicht wie Prinz Harry Gedanken machen, ob sie auf Mutterns Groschen verzichten und womit sie gegebenenfalls ihr täglich Brot verdienen könnten. Unerreichbar, überflüssig und intellektuell irrelevant indes sind sie beide, die hypermodernen Plastik-Ikonen wie die Royals von der Old School.


Fast scheint es, als träten Printmedien und öffentlich-rechtliche Sender mit ihrer Hofberichterstattung zum letzten Gefecht gegen die hirnfressenden Aliens aus dem Internet an. Nur scheinen sie ihre Bataillone aus dem Fossilienfundus archaischer Epochen zu rekrutieren. Wenn die Qualitätsmedien ihre Daseinsberechtigung mit Features über die tapsigen Nachkömmlinge mittelalterlicher Sippen und die von diesen gepflegten überkommenen Rituale, die den essentiellen Macht- und Bedeutungsverlust überdecken sollen, beweisen wollen, müssen sie ins Kalkül ziehen, dass die neuen Manipulatoren über glänzendere Kulissen als schimmelnde Krönungssäle und schönere Stars als gesund, aber oft etwas dämlich dreinblickende Windsors verfügen.

      

Boulevardisierung der Edelmedien


Vor Jahren schon begannen etliche größere Zeitungen hierzulande, sich Gedanken um ihr Erscheinungsbild (nicht etwa um die Inhalte) zu machen. Die Print-Auflagen sanken, die Treue der Leser ließ nach. Man fand den Stein der Weisen nicht, handelte aber – um wenigstens irgendetwas zu tun. Statt sich auf die Relevanz der gedruckten News zu konzentrieren, neue, von der Politik wohlweislich totgeschwiegene Themen aufzutun oder gängige Sujets von anderer Warte her zu durchleuchten, wurden nach US-Vorbild auf der Titelseite drei bis fünf Spalten für ein Farbfoto mit einem hübschen, aber belanglosen Motiv freigeschlagen. Die Texte schrumpften, die Schlagzeilen wurden aufgebläht, die Korrespondentennetze ausgedünnt.


Bunt wie Boulevardblätter kamen SZ oder WELT nun daher, und „vermischte“ Text-Contents suggerierten , dass bei der Prioritätensetzung das Würfelprinzip dominierte. Nicht nur das Erklären, sondern auch das Begaffen der Welt sollte redaktioneller Schwerpunkt werden. Schöner Schein? Jawohl, aber mit Qualität.
















"Goldener Käfig? Stinkt wie alter BILD-Käse. Aber wenn`s der Auflage dient..."


Natürlich haspeln die Edelfedern nicht wie ihre Kollegen von BILD, Bunte & Co Seichtes für schlichte Gemüter, Spekulatives oder Halbwahres über gekrönte Häupter und deren Sorgen herunter, sie analysieren, kommentieren und wägen ab. Sie tun so, als ob eine rationale Berichterstattung dem wirren Treiben der vom Steuerzahler mit üppigen Apanagen ausgestatteten Kleiderpuppen an den europäischen Höfen gerecht werden könnte. Es wäre lohnender, die von Brutalität, Raffgier, Ignoranz und Inzucht gekennzeichnete Historie diverser Fürstengeschlechter unter die Lupe zu nehmen. Und wenn man es nicht so mit Geschichte hat, könnte man das bisweilen asoziale Verhalten der Exzellenzen in der Gegenwart oder der jüngeren Vergangenheit eingehender würdigen.

    

Schrecklich nette Familien


Schon besagter Harry, ohnehin nicht für seine Geistesgaben bekannt, leistete sich den einen oder anderen Eklat (um es milde zu formulieren). So erschien er als Nazi verkleidet auf einem Kostümfest, was angesichts der Tatsache, dass es im Windsor-Clan einige Hitler-Sympathisanten gab, einen recht schalen Beigeschmack hinterlässt. Doch der Apfel fällt ohnehin nicht weit vom Stammbaum. Derzeit befindet sich Harrys Onkel Prinz Andrew in öffentlichem Bann, weil er mit dem millionenschweren Vergewaltiger Jeffrey Epstein befreundet war und auf dessen berüchtigten Partys auch selbst schmutzige Hand angelegt haben soll. Der Opa Prinzgemahl Philip hingegen fiel wiederholt durch unfallträchtiges Autofahren und rassistische Tiraden auf. Bei den Windsors handelt es sich offenbar um eine schrecklich nette Familie; das haben sie mit den Vorgänger-Clans auf dem englischen Thron gemein.


Der Monarch sei von Gott auserkoren, hieß es im Mittelalter. Wenn dem so ist, hat sich der Herr entweder einige deftige Fehlgriffe oder viele schlechte Scherze erlaubt. Heinrich VIII. ließ zwei seiner Gemahlinnen (neben etlichen Höflingen sowie Theologen) hinrichten und gründete zum eigenen Vorteil hienieden flugs eine neue Staatsreligion. Seine Tochter Elisabeth I. war so geizig, dass sie die Soldaten ihrer Flotte, die die spanische Armada geschlagen und ihr damit den Thron gerettet hatten, beinahe verhungern ließ. Skrupellos wie die Tudors präsentieren sich auch andere Königsgeschlechter Albions, etwa die Plantagenets, die sich untereinander um Land und Krone bringen wollten (die Brüder Richard Löwenherz und John Ohneland). Der Letzte dieser Sippe, Richard III., war ein verschlagener Gangster, der selbst vor Kindsmord nicht zurückschreckte, wenn wir Shakespeare Glauben schenken dürfen.


Die illustre Reihe fürstlicher Ganoven von der Insel ließe sich noch eine Weile fortsetzen, doch wollen darüber nicht vergessen, dass auch die Herrscher in Resteuropa ungezählte Leichen im Keller hatten. Man denke nur an den belgischen König Leopold II. und die unzähligen Massaker in seiner Privatkolonie Kongo oder an des Deutschen Reiches letzten Kaiser, der einen Weltkrieg vom Zaun brach. Vielleicht kann man den hiesigen Medienkonsumenten auch nur deshalb das Gewese um die Londoner Royals, die uns eigentlich gar nichts angehen, derartig aufdringlich vorsetzen, weil unser Hohenzollern-Spross Wilhelm II. so gar nicht medientauglich daherkam.


Doch für die ganz Jungen, die Halbstarken im besten Alter und die sich noch verzweifelt an cooler Unreife Festklammernden sind Reality-Soaps und feinsinnige Essays über die Königshäuser Schnee von vorgestern, chancenlos, wenn sportlich gestylte und windschnittig modellierte Hohlköpfe ohne Adelsprädikat zum Kaufrausch und damit verbunden zur Realitätsflucht einladen. Noch haben die Qualitätsmedien den Dreh nicht raus, wie sie den neuen Hype vereinnahmen könnten, sicher aber ist: Die kommerzielle Ausschlachtung des fürstlichen Panoptikums ist schlimm genug, aber es kommt nichts Intelligenteres nach.  

 

02/2020

 

Dazu auch:   

Das wirklich Wichtige im Archiv dieser Rubrik (2017)

 

 

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