Die Motten von Davos 

Cartoon: Rainer Hachfeld


Ein wenig Glamour wollten sich die Mächtigen und Reichen, die das Geschick unserer Welt so umsichtig, gleichzeitig aber so diskret lenken, indem sie jeden Fleck Erde und alle Völker gewissenhaft auf die Eignung zu grenzenloser Ausbeutung  abklopfen, ohne dies gleich an die große Glocke zu hängen, schon gönnen. Und so verabredeten sich die Investoren, Magnaten und ihre Politiker, denen die Definition der Freiheit des Marktes obliegt, alljährlich zu einer Kapitalsause in den Schweizer Bergen, um sich selbst zu feiern, aber auch um der Öffentlichkeit zu demonstrieren, dass man sich den ein oder anderen Gedanken macht – um den internationalen Handel, um soziale Gerechtigkeit und andere volatile Dinge: Das Weltwirtschaftsforum von Davos war geboren.


In den Zauberbergen


Eigentlich hat es die Graubündner Gemeinde Davos dem Deutschen Alexander Spengler und dem Niederländer Willem Jan Holsboer zu verdanken, dass sie das triste Image des Bergbauerndorfes gegen das glänzende eines Treffpunkts der Kranken, Schönen und Reichen aus aller Herren Länder eintauschen konnte. Mitte des 19. Jahrhunderts glaubten die beiden Reha-Pioniere nämlich, im Höhenklima der Schweizer Zauberberge ein Heilmittel gegen Lungenerkrankungen, vor allem aber gegen die damals meist tödlich verlaufende Tuberkulose, entdeckt zu haben. Diese Annahme ist bis heute nicht wissenschaftlich belegt, doch sie reichte hin, den Prototyp aller Luftkurorte zu entwickeln.


Für die Grundlagen einer Erfolgsgeschichte sorgten die geschäftstüchtigen Eidgenossen, indem sie eifrig Villen und Sanatorien bauten, zum mondänen Ruf trugen Schriftsteller wie Robert Louis Stevenson oder später Thomas Mann bei, den Rubel rollen ließen schließlich reiche Geschäftsleute, Bühnen- wie Filmstars und natürlich russische Großfürsten, die auch das spektakuläre Nachtleben rege genossen – galt TBC schließlich bis ins vorige Jahrhundert hinein als Seuche der Bohemiens und  Vergnügungssüchtigen.


Die Kehrseite der Schwindsucht sind Auszehrung und Atemnot, ausgelöst durch Tuberkelbakterien, die sich am Lungengewebe gütlich tun und Löcher hinterlassen. In ihrem heiter-zynischen Kollegenjargon sprechen Ärzte daher gern von den „Motten“, was dem entgeisterten Ausruf „Ich krieg die Motten“ eine makabre Note verleiht.


Inzwischen wird die TBC durch Chemotherapie geheilt, niemand muss sich mehr einen teuren Aufenthalt in den Schweizer Alpen erkaufen. Davos tat gut daran, sich etwas Neues einfallen lassen, um an das Geld der Betuchten zu kommen, und die einstigen Dörfler zeigten sich kreativ: Sie riefen allerlei Sportevents ins Leben, lockten die Stars, Playboys und Gesellschaftslöwen mit dem Versprechen von Orgien in purer Exklusivität, lediglich ein klein wenig von Klatschreportern kolportiert. Und 1971 hatte wieder einmal ein Deutscher namens Klaus Schwab die Idee, neben den Musen- und Society-Idolen auch die Mächtigen und ihre „Interpreten“ aus der Politik, dazu genehme Wissenschaftler und – sozusagen als Farbtupfer – ein paar NGOs nach Graubünden zu bitten – so vor wenigen Tagen wieder geschehen.


Und wie die Motten umschwärmten nun die Entscheider und Marktbeherrscher die Spotlights der alljährlichen Veranstaltung. Wer genau zuhörte, konnte sich des Verdachts nicht erwehren, dass wie während des Kur-Booms in Davos auch jetzt Parasiten gefährlich viel Substanz raubten, nun aber dem globalen Organismus, nicht mehr dem einzelnen menschlichen Körper. Doch diese neuen Vertreter der Spezies verhandelten gesittet über ihre Anteile und fanden stets philanthropische Worte.


Der Hofpoet


Mittlerweile gehören der als gemeinnützig anerkannten Stiftung und Lobby-Organisation World Economic Forum (WEF) tausend Konzerne an, von denen alle über fünf Milliarden Dollar Jahresumsatz schwer sind. Sie finanzieren die jährlichen Zusammenkünfte, die Honorare für die Referenten und die Spesen für die Politiker; aber nicht allein: Man wäre ja nicht in den Olymp der Cleversten aufgestiegen, würde man sich nicht die Unkosten teilweise durch öffentliche Zuschüsse zurückerstatten lassen. Dazu kommen Hilfsleistungen, die ganz kulant von Staatskassen finanziert werden. So sichern Tausende von Schweizer Polizisten und Soldaten das Terrain, und im benachbarten Austria steht das Bundesheer Gewehr bei Fuß. Für rund fünfhundert  Journalisten aus aller Welt ist das Forum ein Muss, wobei grundsätzliche Kritik an der Veranstaltung aus ihren Reihen höchst selten vorkommt.


Dann reden sie miteinander, die deutschen KanzlerInnen, die US-Spitzenpolitiker, die OPEC-Dominatoren der Emirate und Saudi-Arabiens, Finanzinvestoren wie Soros, die neuen Götter aus dem Silicon Valley und die alten Heroen der Automobilindustrie, die Börsenjongleure oder die Vertreter des autoritären Staatskapitalismus aus China oder Russland, und sie machen sich gegenseitig vergiftete Zugeständnisse bei der Aufteilung der Welt, schließen neue Allianzen oder horchen sich gegenseitig aus, vergessen aber nie, ihr humanes Anliegen, die Erde zu einem besseren Ort zu machen, beiläufig kundzutun.


So war es jedenfalls, bis vor drei Jahren. Dann kam mit Corona eine Seuche, von der Davos ausnahmsweise nicht profitieren konnte, und zwei Meetings mussten abgesagt werden. Als danach alles wieder in trockenen Tüchern schien, marschierte Russland in die Ukraine ein, und Putin, der sich gern in der für einen Caudillo typischen Eitelkeit auf der Schweizer Weltbühne gezeigt hatte, wurde ausgeladen – und wäre wohl auch sonst nicht gekommen. Was soll unterkühlter Smalltalk, wenn die Waffen sprechen? Auch die Chinesen schickten diesmal nur ein paar unbedeutende Funktionäre. Überhaupt fehlen etliche Mächtige – und die russischen Oligarchen. 


Aber hier hat der Wirtschaftsjournalist Florian Schmidt Trost parat, so ganz muss man auf die Magnaten östlicher Prägung doch nicht verzichten: Die Rettung kommt aus der Ukraine. Wiktor Pintschuk hatte nämlich ein Haus in Davos angemietet und zum Propaganda-Zentrum umgestaltet. Hier erklärte er der Weltpresse und den Forumsteilnehmern, er werde „die Wahrheit über Russland“ erzählen.


Die Wahrheit über sich selbst zu beichten, wäre sicherlich auch eine lohnende Aufgabe für den Mann aus Kiew gewesen, der durch einen betrügerischen Deal mit seinem Schwiegervater zum zweitreichsten Unternehmer der Ukraine aufstieg. Wie die SZ berichtete, wurde er vom selbsternannten Saubermann und Präsidenten Selenskyj (selbst politisches Ziehkind des Oligarchen Kolomoyskyj) ebenso wenig zur Verantwortung gezogen wie seine Milliardärskollegen Achmetow, Firtasch und Lewotschkin. Lediglich dem früheren Präsidenten Poroschenko wurde die Ausreise verboten, vielleicht weil sein Nachfolger noch eine persönliche Rechnung mit ihm offen hat. Nach wie vor kontrollieren diese Oligarchen große Teile der ukrainischen Wirtschaft und rund 70 Prozent der Medien.


Dass die steinreichen russischen Gangster der Putin-Fraktion in Davos nur gegen die Herren des ukrainischen Korruptionssumpfes ausgetauscht wurden, thematisiert Florian Schmidt nicht weiter, auch dass die westlichen Industriestaaten ein Embargo nur bis kurz vor die Schmerzgrenze der eigenen Konzerne mittragen, aber den globalen Habenichtsen forsch auferlegen, sie sollten ihre Bevölkerungen ohne Getreidelieferungen aus den kriegsführenden Ländern verhungern lassen, damit Putin keine Devisen einstreicht, ficht ihn nicht an.


Florian Schmidt schreibt für die Ströer Digital Publishing GmbH (SDP), die mit Stadtreklame und Werbung in U-Bahn-Stationen begann, mittlerweile aber über den Telekomdienst t-online-news Millionen im Netz erreicht und die Banalitäten vorab publik macht, die Zeitungen erst am nächsten Tag nachdrucken – also eine gewisse Gestaltungsmacht erreicht hat. Bei BILD und Welt hat er schlechten Journalismus von der Pike auf gelernt, dazu ein wenig als Unternehmensberater dilettiert, und das alles kommt ihm jetzt zugute, wenn er in rührseligen Worten die Solidarität des abgespeckten Davos-Gipfels mit der Ukraine beschwört, ohne Worte mit Taten abzugleichen. In einem Selbstporträt hat Schmidt geschrieben, er versuche, Wirtschaft, Konjunktur, Börse etc. „einfach verständlich näherzubringen – mit News, Analysen und hintergründigen Ratgeberbeiträgen“. Er meinte natürlich Beiträge, die den Hintergrund erhellen. „Hintergründig“ aber bedeutet undurchschaubar oder rätselhaft.


Ausgerechnet: Scholz als Muntermacher


Nur einem so einfach gestrickten Menschen mit neoliberalem Sendungsbewusstsein wie Schmidt konnte es gelingen, eine Lobeshymne auf Olaf Scholz, den ungekrönten Meister des drögen Allgemeinplatzes, für dessen Auftritt in Davos zu fabrizieren. So habe der Kanzler eine „maßgeschneiderte Rede“ für die Gäste gehalten. Was hat Schmidt da so gesagt und wie bringt das unser Hofberichterstatter rüber, fragen wir uns.


Zum Beispiel: „´Die 20er Jahre werden Jahre der Veränderung und des Umbaus`, so der Kanzler weiter. Die Wirtschaft müsse sich, beschleunigt durch den Ukraine-Krieg, neu aufstellen, noch schneller klimaneutral werden.“


Donnerwetter, noch schneller auf Öko-Produktion umsteigen? Noch weniger tricksen und bremsen? Dazu natürlich Veränderung und Umbau, zwei Vokabeln, die nach Ludwig Erhard jede/r Kanzler/in in jedem Halbsatz mindestens ein Mal bringen musste. Und so hat Scholz  die Davos-Teilnehmer aus dem Koma geweckt? Doch mehr von Schmidts froher Mär im O-Ton:


„Scholz rief zu mehr internationaler Zusammenarbeit auf, zu einer Stärkung des sogenannten Multilateralismus. Gemeint ist damit: ´Abkommen zwischen vielen Staaten, die sich verbünden, um gemeinsam an Lösungen für die Probleme der Welt zu arbeiten`.“


Hofbarde Schmidt stimmt die Lobeshymne auf den Herrn der Allgemeinplätze an


Als hätten die Motten in Davos noch nie von der UNO, der EU, der NATO, der WHO, von bi-, tri-, multilateralen Verträgen gehört. Natürlich bearbeiten sie gemeinsam mit allen anderen sämtliche Weltprobleme, wenn die von ihnen gewünschten Lösungen dabei herauskommen. Einen hat Scholz laut Schmidt noch in petto:


„Ziel sei, so der Kanzler, ´solidarische, kluge Globalisierung`, die anders aussehen werde als jene, die in den vergangenen 30 Jahren für Wohlstand auf der ganzen Welt gesorgt habe: Jetzt gehe es darum, dass alle vom internationalen Handel profitierten.“


Zuerst also haben nicht alle vom Welthandel profitiert, obwohl sie doch eigentlich schon in den letzten dreißig Jahren der Regenwaldzerstörung, Kriege und sozialen Ungleichheit durch die Globalisierung wohlhabend geworden seien. Was will uns unser Kanzler damit sagen? Sein Exeget Schmidt schweigt hintergründig dazu, aber ich muss ehrlich zugeben, dass ich den Forumsmotten in Davos einen solchen Redner in Hochform von Herzen gegönnt habe.

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06/2022


Dazu auch:


Olaf der Schreckliche im Archiv der Rubrik Helden unserer Zeit (2019)