Ein atypischer Genosse
In den letzten Jahrzehnten stand die Marke „SPD“ vornehmlich für den Versuch, rechtsbürgerliche Konkurrenten im Rennen um die parlamentarische Mehrheit zu überholen – allerdings meist nicht auf der linken Spur, sondern durch eine Imitation des konservativen Populismus, verziert mit sozialpolitischen Vignetten. In Erinnerung blieben allenfalls Juso-Chefs, die als Empörer sprangen und als gezähmte Amts- und Posteninhaber (im Falle Kevin Kühnert als Rekonvaleszent) landeten – und Gerhard Schröder, der zwar ein Mittun im Irakkrieg der USA ablehnte, jedoch die bundesdeutschen Konzernbedürfnisse so zuvorkommend bediente wie kein Kanzler vor ihm.
Doch in längst vergangenen Zeiten gab es in der heute weitgehend auf systemgefälligen Kurs getrimmten Partei noch Persönlichkeiten, die sich der Friedens- und Umweltpolitik sowie dem sozialen Umbau der Gesellschaft verpflichtet fühlten und sich dem damals schon rechten SPD-Establishment widersetzten, man denke an Erhard Eppler und Peter Conradi – oder an Dieter Lattmann.
Letzerer wurde der erste Vorsitzende des 1969 gegründeten Verbands deutscher Schriftsteller (VS), lockte die Autoren aus ihren Elfenbeintürmen in die realen Gesellschaftsebenen und initiierte die Künstlersozialversicherung sowie die Künstlersozialabgabe, also Instrumente, die Tausende von schlecht honorierten „freien“ Schreibern, Malern oder Cartoonisten vor materieller Not und krasser Altersarmut bewahrten.
Auch als Lattmann 1972 für die Sozialdemokraten in den Bundestag einzog, vermochten ihn die Partei-Oberen nicht mundtot zu machen; acht Jahre später aber kandidierte er nicht mehr, weil er sich nicht mehr sicher sei, ob er in Zukunft der SPD in den Bereichen „Kernenergie, Qualität der Demokratie, Umwelt“ noch folgen könne. Leise wurde er auch dann nicht, agitierte an der Basis der Partei gegen AKWs und ökologische Ignoranz und nahm streitlustig an Konferenzen oder Kundgebungen teil. Am 15. Februar dieses Jahres wäre Dieter Lattmann, der am 17. April 2018 in München starb, hundert geworden.
Derzeit wird vom VS ein Buch über den Roman- und Sachbuchautor, Politiker sowie Mittler zwischen Kunst und Gewerkschaft vorbereitet. Ein Beitrag daraus, den Uwe Friesel, VS-Vorsitzender von 1989 bis 1994, auch mit Blick auf die frühen Jahre der BRD-Kulturgeschichte verfasst hat, wird auf walter-view erstmals vorab veröffentlicht:
Der Kampf der frühen Jahre
Uwe Friesel
Wenn vom deutschen Schriftstellerverband die Rede ist, sollte man zunächst daran erinnern, dass nach dem Krieg die meisten der jüdischen oder kommunistischen Literaten, denen es gelungen war, rechtzeitig in die USA zu fliehen, bei ihrer Rückkehr in den Schriftstellerverband der DDR eintraten. Den gab es schon seit 1950. Anna Seghers wäre hier zu nennen, auch Berthold Brecht, Theodor Plievier, Johannes R. Becher. Sie alle träumten davon, in einem befreiten Deutschland eine Utopie zu verwirklichen zu helfen, nämlich den Kommunismus. Die Utopie endete kläglich.
Andere trauten dem Frieden nicht. Alfred Döblin lebte nach seinem amerikanischen Exil in Frankreich. Thomas Mann, seit seiner frühen Jahre jeglicher Staatsnähe abhold, bevorzugte trotz erstaunlicher Verbreitung seiner Buddenbrooks in der DDR und vieler angedienter Ehrungen die Schweiz als Alterssitz.
Dies vorausbemerkt, möchte ich hinzufügen, dass es ein historisches Wunder ist, wenn ein Volk, das den Zweiten Weltkriegs angezettelt und millionenfache Kriegsverbrechen begangen hat, danach ein halbes Jahrhundert lang in Frieden leben durfte. Und dass auch ich diesem Wunder mein Leben verdanke.
Oder, anders gewendet, es ist die unverdiente Dialektik des Vergessens. Jean Améry nannte sie so, anlässlich der Verleihung des Hamburger Lessingpreises, in dessen Jury ich gesessen hatte. Er war schlottrig dünn und blass in seinem zu großen Anzug, als er aus Brüssel anreiste, um den Preis in Empfang zu nehmen. Er dankte ausdrücklich dafür, dass die Nachkommen der KZ-Folterer gerade ihm, ihrem Opfer, diese Ehrung zuteil werden ließen. Und sogar Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung wurde er noch. Doch „Wer einmal der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt,“ schrieb Jean Améry. Wenig später beging er Selbstmord.
Mir ist bekannt, dass die Bücher von Dieter Lattmann solche Themen nicht scheuen, so wenig wie die Bücher von Böll und Grass. Nur, dass wir (also auch ich) diese mehr oder minder gut kennen, und die von Lattmann kaum. Auch ich nicht.
Und doch hatten wir beide, ohne uns je begegnet zu sein, etwa zur selben Zeit und gewissermaßen aus biographischen Gründen, Mitte der Sechziger das Gefühl, wir müssten nicht nur selber schreiben, sondern auch mehr derartige Zeitzeugenschaft ermutigen. Es wäre unser Auftrag, als unverdient Überlebende. Wir stellten uns dieser Aufgabe auf je eigene Weise: Er, indem er den Verband deutscher Schriftsteller ins Leben rief, ich, indem ich mit Hamburger Autoren ein Literaturzentrum e.V. gründete. Kaum gab es den überregionalen Verband, schlossen wir uns ihm an.
Beides war ohne die 68‘er gar nicht denkbar. Plötzlich fragten Kinder ihre Eltern, was denn der Sinn jener Feldpostbriefe sei, die sie immer noch in heimlichen Schuhkartons aufbewahrten und worin von schrecklichen russischen Wintern die Rede war, zerfetzten Uniformen, durchnässten Schuhen, kaum noch Munition – aber wir halten durch! Genau was hieltet ihr durch? fragten sie.
Nur weil Ende der Sechziger solche Fragen gestellt wurden, ist zu verstehen, dass eine Verlagsgründung wie die des (Theater-)Verlags der Autoren so reibungslos und unter Beteiligung so vieler bekannter Schriftsteller wie etwa Peter Handke über die Bühne gehen konnte. Kaum jemand gab ihm damals eine Chance. Doch gerade die Form des Theaterverlags, der für seine Texte nur billige Vervielfältigungen liefern muss, keine teuren Bücher, ermöglichte sein Überleben. Die neuen Leiter waren Fachleute. Dr. Karl-Heinz Braun hatte vorher die Theater-Sparte von Suhrkamp geleitet, Walter Boehlich war als scharfzüngiger Publizist in der Kulturzeitschrift „Kursbuch“ bekannt und dann Suhrkamps Cheflektor geworden. Beide verließen den renommierten Verlag nach einem Streit um Mitbestimmung.
Ihr neuartiges Verlags-Modell hatte Erfolg: großartige neue Theaterstücke wie Dieter Fortes „Martin Luther, Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung“, Handkes „Publikumsbeschimpfung“ und Martin Speers „Jagdszenen aus Niederbayern“ wurden landauf, landab nachgespielt und bildeten eine solide finanzielle Grundlage, auch für die Werke noch Namenloser. Der autoreneigene Verlag (GmbH & Co KG) wurde zu einem Sammelbecken unterschiedlichster Verfasser mit dem einen gemeinsamen Ziel, ihre erbärmliche materielle Situation endlich aufzubessern.
Dann tagte im Jahre 1970 in Köln der von Dieter Lattmann zusammengeführte Verband deutscher Schriftsteller zum ersten Mal. Und das tat er spektakulär: Willy Brandt hielt die Begrüßungsrede, und Lattmann selbst kreierte das geniale Paradoxon von der „Einigkeit der Einzelgänger“, das dann sofort von den Anwesenden übernommen wurde, allen voran von Heinrich Böll, dem die Prägung seither fälschlich zugeschrieben wird. Dank ihrer neu entdeckten Einigkeit, so Lattmann, könnten die Schriftsteller endlich daran gehen, ihre faktische Rechtlosigkeit zu beenden und gerechtere Buchverträge einzufordern. Es ginge um ihrer aller Zukunft, vor allem um Sozialversicherungsschutz.
Und damit hatte er leider sehr recht: Die Autoren konnten sich bis dahin, wenn überhaupt, nur teuer privat versichern und mussten deshalb meist einen Zweitberuf ausüben, um zu überleben, etwa als Taxifahrer oder Nachtportiers. Die Berufsbezeichnung „freier Autor“ beruhte für die meisten auf Selbsttäuschung.
Zugleich gab es ältere Lyriker wie Wolfgang Weyrauch und Karl Krolow, die – vermutlich infolge ihrer jugendlichen Begeisterung für die Nazis – über den naiven Kollektivismus eines Schriftstellerverbands die Nase rümpften und ihre Innerlichkeit kultivierten. Politik war für sie Tabu, sie beschädigte ihre Lyrik. Und ein so bekannter Literaturkritiker wie Hugo Friedrich schrieb, Politik habe mit wirklich exorbitanter Dichtung nichts zu tun.
Indes, Dieter Lattmann hatte mit dem Kölner Kongress zum richtigen Zeitpunkt die richtige Richtung vorgegeben. Hatte uns gewissermaßen aktiviert. Im Jahre 1971 trafen mein Autorenfreund Uwe Herms und ich uns mit Heinrich Böll in der Weinstube Nagel am Hamburger Hauptbahnhof, um noch einmal über den Beitritt zur IG Druck zu beraten.
Deren legendärer Vorsitzender Leonhard („Loni“) Mahlein war eigens von Stuttgart in die Hansestadt gereist und empfing uns wenig später im imposanten DGB-Palast Besenbinderhof. Er sagte, Dieter Lattmann habe schon mit ihm gesprochen, und durch diese Gespräche ermutigt wolle er nun herausfinden, wie wir Nordlichter darüber dächten. Martin Walser habe ja für eine eigenständige IG Kunst plädiert. Die wäre dann aber erst noch aufzubauen. Die Vorteile eines IG Druck-Beitritts hingegen lägen auf der Hand, nämlich eine funktionierende bundesweite Organisationsstruktur und Rechtsschutz. Sogar eine eigene Literatur-Zeitschrift wäre möglich. Am wichtigsten: die Nähe der Schwarzen Kunst zur unsrigen.
Nicht nur unsere kleine Weinstuben-Runde fand das überzeugend, auch anderswo fanden ähnliche Treffen statt. Und so wurde 1973 der Beitritt des VS zur IG Druck offiziell vollzogen.
Schnell wurde deutlich, dass dies nicht überall Freude auslöste: bei den etablierten Verlagen nicht, die ihre Hegemonie in Sachen Literatur gefährdet sahen, und in weiten Teilen der liberalen bis rechten Presse auch nicht. Nur wenige Verlage, wie etwa Hanser oder Rowohlt, waren pragmatisch genug, die Auswahl ihrer Autoren und Übersetzer allein von deren literarischen Qualitäten abhängig zu machen, statt von ihrer Haltung zur Gewerkschaftsmitgliedschaft.
Noch bevor jedoch der VS Fahrt aufnahm und immer mehr Landesverbände zusammenfanden, gab es einen denkwürdigen Eklat, und zwar auf einer Klausur der regionalen VS-Vorstände und des Verlags der Autoren in einem Erholungs- und Schulungsheim des DGB im Taunus, im Jahre 1972, um die Probleme eines Gewerkschafts-Beitritts zu erörtern. Denn dieser in Köln erstmals gefasste Plan wurde von etlichen Presseorganen mit höhnischen Kommentaren begleitet: Von dichtenden Funktionären war da die Rede, und ein qualitativer Unterschied zum PEN wurde unterstellt. Dass namhafte Autoren beiden Verbänden angehörten, wie etwa Günter Grass und Heinrich Böll, Bernt Engelmann und Gert von Paczensky, wurde übersehen oder gar nicht bemerkt.
Auf jener Klausur im Taunus nun gab es eine abschließende Pressekonferenz, die – vielleicht gerade wegen dieser Skepsis? – überraschend gut besucht war.
Die meisten Journalisten schrieben eifrig mit, doch der Korrespondent der WELT stand auf und sagte zu Dieter Lattmann, er treffe sich ja nun heimlich mit Funktionären des DDR-Verbands wie Hermann Kant und Gerhart Henniger. Oder auch mit diesem dubiosen Kunsthändler Schalck-Golodkowski, der in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt die Kirchen ausplündere, um die Beute im Westen für teure Devisen zu verscherbeln. Hingegen mit den Dissidenten, deren nicht SED-konforme Literatur verboten würde, treffe er sich nicht.
Nun, ich selbst traf mich mit Dissidenten, wo ich nur konnte, zum Beispiel mit Peter Schneider aus Leipzig, den die Stasi in eine Anstalt für psychisch Kranke gesteckt hatte. Oder mit Heiner Müller, nämlich auf internationalen PEN-Kongressen wie in New York, wo ich ihm als Übersetzer beisprang. Auch Lattmann hatte durchaus Kontakte mit DDR-Autoren. Dass von der Springer-Presse die VS-Gründung offenbar als linke Unterwanderung des deutschen Literaturbetriebs empfunden wurde, war mir damals noch nicht so klar.
Was Schalck-Golodkowski betreffe, entgegnete Dieter Lattmann, verwechsle der Fragesteller ihn offenbar mit Bernt Engelmann. Der habe in der Tat ein Haus in Rottach-Egern und treffe sich dort mit dem Schalck zum Schachspielen. Bei ihren Gesprächen gehe es seines Wissens meist um Engelmanns Honorare in der DDR, die nicht in Devisen ausbezahlt werden könnten. Er selbst, so Lattmann, habe gewisse Vorbehalte gegen eine zu große Nähe zu DDR-Offiziellen. Sie seien meist gute Schachspieler.
Die Vertreter des Verlags der Autoren zeigten sich überrascht: Es würden ja durchaus ostdeutsche Dramatiker an westdeutschen Bühnen gespielt, mit großem Erfolg sogar, wie zum Beispiel Heiner Müllers „Hamlet-Maschine“ in Hamburg. Auch inszenierten Ost-Regisseure gern im Westen, selbst wenn sie nach der Heimkehr die Hälfte ihrer Gage beim sozialistischen Staat abliefern müssten.
Dieter Lattmann lächelte weiter freundlich in die Runde, wie es seine Art war, rückte dann seine Brille zurecht und fragte den Journalisten oder Korrespondenten, wann und wo dieses konspirative Treffen zwischen ihm und den DDR-Kollegen denn nun stattgefunden habe?
„Das kann ich Ihnen sagen: vor zwei Wochen! Am Tegernsee!“
Im Ton einer Vernehmung. Der Mann wähnte sich offenbar in einem Gerichtssaal, nicht in einem Tagungsraum des DGB.
Lattmann kramte ein wenig in seiner Aktentasche und förderte ein Flugticket zutage. Vor zwei Wochen, erläuterte er, sei er zu Gesprächen mit der amerikanischen Authors Guild in Los Angeles gewesen. Er kramte wieder und entfaltete eine Zeitung, in der von dem Treffen berichtet wurde. Lattmann war groß abgebildet, ein Buch emporhaltend. „Das bin ich“, sagte er, und das ist mein Roman „Schachpartie“. Nun könne man aber nicht an zwei Stellen gleichzeitig sein. Schon seit der Antike nicht.
Es ist nicht überliefert, ob der Mitarbeiter der WELT inzwischen auf die Toilette gegangen war oder wohin sonst er verschwand. Beim abschießenden Kaffeetrinken war er jedenfalls nicht mehr dabei.
03/2026