Eine gewisse Freiheit 

Cartoon: Rainer Hachfeld


Sonntagsredner, Politiker, Verleger und Journalisten werden stets unisono betonen, dass die Pressefreiheit in unserer Gesellschaft ein „hohes Gut“ sei. Es handelt sich dabei um eine gutbürgerliche Pflichtübung und zugleich um ein vages Credo, das seine Bekenner nicht viel kostet. Wahre publizistische Unabhängigkeit ist nämlich nicht nur – wie hierzulande angenommen – von autoritären Regierungen bedroht, sondern vor allem auch durch Wirtschaftsoligopole, seien diese nun Verleger-Dynastien oder Konzernspitzen, die sich eine bestimmte Berichterstattung wünschen. Ein Coup des Tesla-Unternehmers Elon Musk hat die Mediendebatte gerade wieder angeheizt.


Man darf, aber man tut es besser nicht


Die Nachricht schockte auch die unbedarftesten Nutzer von Twitter, jener Meinungsplattform im Internet, auf der alle Vielplauderer, vom einfachen Wutbürger bis hin zu US-Präsidenten wie Barack Obama oder (zumindest bis vor Kurzem) Donald Trump ihr Weltbild in maximal 280 Zeichen zum Besten geben durften: Elon Musk, irrlichternder Autobauer und Weltall-Abenteurer, für den die in Elitekreisen früher befolgten Regeln medialer Zurückhaltung und politischer Diskretion nicht mehr zu gelten scheinen, übernimmt das Zentralorgan des fast zügellosen Digitaldiskurses.


Er sei mit der Darstellung der eigenen Person auf Twitter nicht zufrieden gewesen, raunen Nerds und sorgen sich zum ersten Mal in ihrem Leben um die Medienfreiheit. Die aber war immer schon vielfältig bedroht, auch wenn nun Gefahren, die an sich inhaltlich nicht neu sind, in neuem Gewand daherkommen. Musk jedoch kündigt an, dass künftig auf Twitter jeder äußern dürfen soll, was ihm gerade so an Derbem einfällt. 





















"I'm back, Elon. Und ich mach mich schon mal frei für zügellose Fake- und Hate-Botschaften auf deinem neuen Twitter!"


Das heißt nicht, dass die „traditionellen“ Behinderungen der professionellen Recherchen und der klassischen Pressearbeit vollständig von Irritationen in den New Media abgelöst worden wären. Die NGO „Reporter ohne Grenzen“ veröffentlicht jedes Jahr eine Rangliste von 180 Ländern in puncto Medienfreiheit, in der übrigens  Deutschland 2021 an 13. Stelle geführt wurde. Zwar fließen in den dazu erstellten Fragenkatalog Kriterien wie Vielfalt, Unabhängigkeit oder Selbstzensur ein, doch sind solche Merkmale schwer überprüfbar, so dass eher die harten Fakten wie Zensur oder Gefahr für Leib und Leben der Journalisten über den Platz eines Staates in der internationalen Hitparade des (un)beschränkten Informationszugangs entscheiden.


Und da finden sich natürlich Länder mit rigider Zensur oder Autokratien wie Putins Russland und Erdoğans Türkei, die per Gesetz regeln, wie ein Angriffskrieg auf die Ukraine oder auf die Kurden pressetechnisch zu umschreiben ist, auf den hinteren Rängen wieder. In ihrer Nachbarschaft platzieren sich Staaten, in denen Journalisten zwar de jure frei berichten können, dafür aber ins Visier von Gangstern und/oder Mächtigen geraten und für ihren Recherche-Eifer mit dem Leben bezahlen müssen, etwa Mexiko oder zeitweise auch die beiden EU-Mitglieder Slowakei und Malta.

Doch auch wo keine Brachialgewalt oder staatliche Verfolgung droht, üben sich viele Reporter in vorauseilendem Gehorsam, zunftwidriger Verschwiegenheit und methodischer Verharmlosung. 


Wie Parlamentsabgeordnete sollten Journalisten eigentlich nur ihrem eigenen Gewissen verpflichtet sein, doch – so wie sich Erstere willig ihrer Fraktion und ihrem Karrieretrieb unterwerfen – kommen manche Medienschaffende allzu bereitwillig den Auflagen nach, die ihnen von Herausgebern oder direkt von Zeitungsbesitzern diktiert werden, um ihren Brotjob oder ihren Status zu behalten. Zu glauben, in den Kampfblättern „Bild“ und „Welt“ könnte ein Autor mit Berufsethos alles schreiben, was ihm seine Recherchen und sein (linkes?) Bewusstsein eingeben, wäre naiv. Meinungsfreiheit in den Medien ist relativ, selbst in Abwesenheit physischer Gewalt kann sie begrenzt werden, durch die Besitzverhältnisse an den Medien.


Die Überzeugungstäter


Ideologisch streng fixierte Großverleger gab es immer schon; als Vorbild für ganze Generationen von Zeitungstycoons bis in die Gegenwart hinein mag William Randolph Hearst gelten. Der Journalist startete in San Francisco mit einem Lokalblatt und besaß wenige Jahrzehnte später die größte Zeitungskette der USA. Hearst, der zu einem der reichsten Bürger der Vereinigten Staaten aufstieg, ließ seine Leitartikler im Jahr 1888 die US-Regierung in den Krieg gegen Spanien hetzen. Eine gewisse Sympathie für Kaiser Wilhelm II. und ein Faible für faschistische Bewegungen bewogen ihn, zunächst gegen den Eintritt der USA in die beiden Weltkriege zu agitieren. Hitler und Mussolini durften sogar in seinen Zeitungen schreiben, bis Hearst nach den Novemberpogromen von 1938 in Deutschland seine Meinung änderte. In einem der großen Klassiker der Filmgeschichte, „Citizen Kane“, charakterisierte Orson Welles den Zeitungszaren als bedenkenlosen, aber schließlich scheiternden Tyrannen.


Wenige Jahrzehnte, nachdem Hearst 1951 gestorben war, mischte der Australier Keith Rupert Murdoch zunächst den Pressemarkt seiner Heimat auf, übernahm dann in den USA die streng rechtslastige „Fox Corporation“, später Trumps treueste Verbündete im Medienspektrum, engagierte sich im Satelliten-TV und gründete in Großbritannien den Bezahlsender „Sky-Channel“. Im Königreich ermöglichte ihm die Konservative Partei per Gesetzesänderung die vollständige Übernahme des Edel-Journals „The Times“ und des Schmuddelblatts „Sun“, die er beide sogleich auf Linie brachte.


Murdoch revanchierte sich für die Tory-Gefälligkeit, indem er die Wahlsiege von Margaret Thatcher und John Major publizistisch vorbereiten ließ. Dann, 1997, änderte der Magnat seine Meinung plötzlich und unterstützte Tony Blair, den Neoliberalen im Labour-Pelz. Blairs und Bushs Lügenkampagne zu den angeblichen Vernichtungswaffen im Irak wurde von seinen Medien mit Getöse lanciert. Die Biographien von Hearst und Murdoch beinhalten genügend Belege dafür, dass in chauvinistische Richtung gebügeltes Veröffentlichungspotential durchaus Regierungen stürzen und Kriege zumindest wahrscheinlicher machen kann.


Ganz so weit hat es Deutschlands messianischer Großverleger Axel Cäsar Springer nicht gebracht. Durch seine journalistische Rolle im Dritten Reich vorbelastet, profilierte er sich in Westdeutschland als glühender Pazifisten- und Kommunistenhasser sowie USA-Fan, der die DDR wie das Land Mordor im „Herrn der Ringe“, das man ja auch besser nicht beim Namen nannte, ignorierte. Seine „Welt“ schwächelte im ziemlich überschaubaren Spektrum rechter Intellektueller vor sich hin, doch mit „Bild“ richtete er viel minderheitsfeindlichen, unsozialen und nationalistischen Unfug an.


Bei Springer mussten sich angehende Redakteure zu bedingungsloser NATO-Treue und US-Gefolgschaft verpflichten – so viel zu kritischer Distanz in der Berichterstattung und ergebnisoffener Recherche. Nachfolger Mathias Döpfner, der gerade erst wieder zum Kampf gegen Grüne, Sozialdemokraten und andere Nihilisten aufgerufen und die derzeitigen Verhältnisse in der Bundesrepublik mit denen in der „sogenannten DDR“ verglichen hat, will den Kampf gegen das Böse und Rote nun auch im Gelobten Land selbst führen; jedenfalls hat er die Info-Plattform „Politico“ in den USA erworben.


Kauf dir ein Medium!


Eins eint die rechten Meinungsbildner Hearst, Murdoch und Springer: Sie waren zeit ihres Lebens damit befasst, Zeitungen zu gründen, zu führen und sie ihren politischen Intentionen dienstbar zu machen. Mit Medien-, Meinungs- oder Pressefreiheit hat das nicht viel zu tun, aber die drei Genannten waren wenigstens Überzeugungstäter vom Fach.
Jetzt aber steigen Hightech-Emporkömmlinge ins Geschäft ein, für die große Teile der Medien nur Relikte aus dem frühen Analog-Anthropozän sind. Um ein Wunsch-Image von sich selbst global zu verbreiten oder die eigene Weltsicht zum Maßstab für politisches und ökonomisches Handeln zu machen, werden keine Zeitungen, keine öffentlich-rechtlichen Medien und vor allem keine kritischen Journalisten benötigt. Musk, der pseudo-religiöse Heilsbringer von eigenen Gnaden, will Twitter von einigen lästigen Anstandsregeln befreien, seine Version des Turbo-Kapitalismus als frohe Botschaft verbreiten und dabei auch noch Geld verdienen. Diese Optionen sind ihm rund 45 Milliarden Dollar wert.


Nicht ganz auf klassische Publikationen will ein anderer Hightech-Oligarch verzichten. Der eher zurückhaltende Amazon-Chef Jeff Bezos hat bereits 2013 die „Washington Post“ gekauft, die einst als Flaggschiff des investigativen Journalismus in den USA galt. Ihre Reporter deckten gemeinsam mit Kollegen der „New York Times“ 1973 den Watergate-Skandal auf und stoppten so den notorischen Lügner-Präsidenten Richard Nixon. Es ist kaum anzunehmen, dass die Rechercheure der „Washington Post“ heute mit ähnlichem Eifer ihre Spürnasen in die asozialen Arbeitsverhältnisse bei Amazon stecken dürften oder dass sie den irrwitzigen Machtzuwachs und den Absolutheitsanspruch der New-Economy-Parvenüs je ernsthaft in ihrer Zeitung hinterfragen könnten.


Immerhin gilt die zuvor finanziell schwächelnde „Washington Post“ inzwischen als saniert. Dass sich unter dem neuen Regime jedoch etwas am Anspruch und am Selbstverständnis des Blattes geändert haben muss, deutete sein ehemaliger Innovationschef Jarrod Dicker fünf Jahre nach der Übernahme durch Bezos an: „Ich möchte keinen in der Redaktion beleidigen. Unser Journalismus ist großartig. Aber wir sind inzwischen eine Technologiefirma.“


05/2022


Dazu auch:


Pressefreiheit??? im Archiv der Rubrik Medien (2014)