Fußball über Gräbern

Cartoon: Rainer Hachfeld


Mindestens 6500 Tote. Das sind mehr als doppelt so viele Opfer wie bei den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den USA, das könnte die Bilanz eines Bürgerkriegs in einem kleinen Failed State sein. Es ist das Ergebnis des Zusammenwirkens einer kleinen, aber reichen Wüstendiktatur, des Emirats Katar, und einer global agierenden mafiösen Organisation, des Weltfußballverbandes FIFA. Es mussten aber möglicherweise noch viel mehr Menschen für ein größenwahnsinniges Projekt, die WM 2022, ihr Leben lassen, wie Recherchen des britischen Guardian nahelegen.


Was ist wirklich der Skandal?


Die beiden bekanntesten Moralphilosophen des Landes, Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß, waren angesichts der Impertinenz einer bundesdeutschen Behörde not amused und sorgten sich um die Contenance der sensiblen Star-Kicker des FC Bayern München. Die Deutsche Flugsicherung hatte sich erdreistet, völlig korrekt wegen der Nachtflugbeschränkungen am legendären BER-Airport die Startfreigabe für den Trip der Mannschaft zum Weltpokal-Turnier in Katar zu verweigern. Eine ganze Nacht mussten die Spieler in der Edel-Klasse eines Jets verbringen, ehe sie nach Arabien abdüsen durften. "Die Verantwortlichen wissen gar nicht, was sie unserer Mannschaft damit angetan haben", barmte Rummenigge gegenüber BILD, während Metzgersohn Hoeneß deftig austeilte, von einer „Unverschämtheit der Verantwortlichen“ sprach und den Vorfall gegenüber dem BR als „Skandal“ bezeichnete.


Um einen Skandal handelt es sich tatsächlich, aber nicht wegen des Nachtflugverbotes für titelhungrige Bayern-Kicker, sondern wegen der Ignoranz, die große Wirtschaftsunternehmen, die sich „Vereine“ nennen, gegenüber dem massenhaften Tod und der gnadenlosen Ausbeutung von südasiatischen Bauarbeitern im reichen Katar an den Tag legen. Weder die großen europäischen Clubs noch die FIFA, die nächstes Jahr ihre WM quasi über Gräbern ausrichten lässt, sehen ein Problem darin, in Stadien spielen zu lassen, die auf den Knochen von Arbeitsimmigranten errichtet wurden, noch nehmen sie Notiz von den Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die das Gastgeberland für die termingerechte Fertigstellung irrwitzig überdimensionierter Sportstätten bis heute begeht.


Es ist dem Guardian, der derzeit wohl wichtigsten investigativen Zeitung in Europa, zu verdanken, dass ein Thema, das über Jahre hinweg sporadisch in den Medien aufschien, um gleich wieder grelleren Schlagzeilen zu weichen, noch einmal in seiner ganzen Brisanz aufgerollt wird – auch wenn sich voraussichtlich wieder nichts ändern wird. Schon kurz, nachdem 2010 Katar unter höchst fragwürdigen Umständen (davon weiter unten) die Ausrichtung der WM 2022 zugesprochen wurde, gelangten Berichte an die Öffentlichkeit, aus Staaten der Dritten Welt angeheuerte Bauarbeiter würden wie Sklaven behandelt, um sieben riesige Fußballstadien aus der Erde zu stampfen, Hunderte seien bereits gestorben. Die Sportpresse aber erregte sich heftig über die Zumutung, die internationalen Stars in der Gluthitze des Wüstensommers antreten zu lassen (was zur Verlegung in kühlere Monate führte), das Schicksal der Bauleute bei extremen Temperaturen interessierte da weniger.


Der Guardian hatte in den Ländern Indien, Bangladesh, Nepal, Sri Lanka und Pakistan offizielle Sterbelisten der in den Jahren 2011 bis 2020 nach Katar entsendeten Arbeitskräfte ausgewertet. Abertausende waren in diesen Ländern für die Errichtung der Sportstätten angeworben worden, mindestens 6500 kehrten nicht mehr in ihre Heimat zurück. Vermutlich werden noch weit mehr Menschen die „Gastarbeit“ mit dem Leben bezahlt haben, heuerte das katarische Organisationskomitee doch viele weitere Bauarbeiter aus anderen Staaten, etwa von den Philippinen, an.


Eine ungewöhnlich große Anzahl von Arbeitern aus Südasien beging Selbstmord, bei anderen wurden Brüche und innere Verletzungen nach Stürzen aus großer Höhe, Herz- und Kreislaufversagen oder letale Erschöpfung als Todesursachen festgestellt. In den engen Massenunterkünften erlagen etliche Stromschlägen bei Überschwemmungen durch offene Kabel. In den Barracken grassierten Krankheiten, zuletzt auch forderte auch Covid-19 beinahe erwartungsgemäß Hunderte von Opfern. Die meisten aber sollen, wie die Behörden Katars ohne Autopsie und detaillierten Totenschein behaupteten, eines „natural death“ gestorben sein, wie immer man den natürlichen Tod definieren mag.


Amnesty International bezweifelt das ebenso wie die UN-Arbeitsorganisation ILO, die vor allem die mörderische Hitze, verbunden mit permanenter Überlastung, für die vielen Toten verantwortlich macht. Eine deutsche Lichtgestalt allerdings stellte dem Organisationskomitee in Katar den Persilschein aus: Er habe auf den Baustellen „keinen einzigen Sklaven“ gesehen, sagte Franz Beckenbauer.


















Kaiser Franz B. inspizierte die Sportstätten im Emirat recht oberflächlich


EiGangsterstück von Anfang an


Der „Kaiser“, wie der auf dem Fußballfeld brillante Libero heute noch genannt wird, hatte auch angeblich nichts von der Bestechungsorgie innerhalb der FIFA vor der WM-Vergabe mitbekommen. Seit vorigem Jahr weiß man, dass wenigstens drei Funktionäre „gekauft“ wurden, um Katar die nötigen Stimmen bei der Wahl des Austragungsortes zu verschaffen – und Beckenbauer, der sich heute an nichts mehr erinnern kann, hat wohl eine aktive Rolle dabei gespielt.


Wie die anderen Golf-Fürstentümer leidet Katar unter beinahe krankhafter Hybris und Verschwendungssucht, so dass es nur eine Frage der Zeit war, bis seine stets mit den Saudis und den Vereinigten Arabischen Emiraten konkurrierende Herrschaftsclique versuchen würde, sich einen der größten medialen Events weltweit zu sichern, eben die Fußballweltmeisterschaft. So findet das gigantomanische Turnier also 2022 in einem der klimatisch und sporthistorisch ungeeignetsten Länder auf dem Globus statt – obwohl der Wüstenstaat zumindest im Aktivenbereich aufgeholt hat, indem er ganze Fußball- und Handballmannschaften sowie begabte Leichtathleten aus aller Welt einbürgerte, gegen viel Cash natürlich. Diesen Neu-Katarern geht es natürlich wesentlich besser als den rechtlosen Bauarbeitern.

     

Der Fall Katar ist eigentlich mehr noch eine Causa FIFA, denn die mächtigste Sportorganisation der Erde ist offen korrupt und mafiös. Dennoch liegen ihr die Staaten zu Füßen, und auch die Bundesrepublik, vertreten durch den DFB, vergaß einst die sonst pausenlos hergebeteten Regeln von Anstand sowie Fairness und kaufte sich die Heim-WM 2006, unter maßgeblicher Mitwirkung des notorischen Franz Beckenbauer. Die FIFA hebt sich von der sizilianischen Cosa Nostra nur noch dadurch ab, dass sie nicht direkt mordet und, oft mithilfe der Schweizer Justiz an ihrem Stammsitz in Zürich, ihr Gangstertum ganz offen zelebriert, als wär’s ein Stück von Dürrenmatt.

   

Der unantastbare Profi-Fußball


Umso erstaunlicher ist angesichts des üblen Rufs, mit welcher Selbstverständlichkeit der Profi-Fußball (nicht nur in Deutschland) für sich in Anspruch nimmt, „systemrelevant“ zu sein, und daraus das Recht ableitet, wichtige Corona-Einschränkungen für seinen Spielbetrieb außer Kraft zu setzen. Und die Politik nickt das Ganze wohlwollend ab, weil das drangsalierte Volk Zerstreuung, und sei es nur während der Sportschau vor dem Fernseher, braucht, vor allem aber, weil Bundesliga und Champions League in erster Linie Wirtschaft sowie kapitalistische Akkumulation sind und nicht Spiel oder Wettkampf. Dass es, wenn es um das große Geld geht, manchmal ein wenig kriminell abläuft, gehört halt zu den Petitessen dieses Systems.


Unnachahmlich auch die Chuzpe, mit der die DFB-Funktionäre die Ausrichtung der Profi-Begegnungen um Punkte und besonders TV-Gelder als vorbildlich preisen, obwohl wegen Corona ständig Akteure gesperrt und sogar ganze Spiele abgesagt werden müssen. Millionen von Amateuren, Jugendlichen und Kindern ist der relativ gefahrlose Sport unter freiem Himmel untersagt, kleine Vereine stehen vor der Insolvenz, während hochbezahlte Stars kicken dürfen und nicht selten danach durch (abstandslose) Gruppenorgien auffallen, die sie dankenswerterweise auch noch selbst mit dem Smartphone für die Öffentlichkeit dokumentieren. Geld kauft vielleicht Tore, aber keinen Geist.


So bedenkenlos, wie die mächtigen Funktionäre des Profi-Fußballs ihr Recht auf gesellschaftliche Bevorzugung und maßlose Bereicherung verteidigen, so vernachlässigbar stufen sie die Kollateralschäden bei der baulichen Umsetzung irrwitziger Großprojekte des Emirs von Katar ein: ein paar tausend Inder oder Nepalesen? Na und, die lukrative Show muss weitergehen, das bringt unsere Form des Wirtschaftskreislaufes so mit sich. In dieser Beziehung könnte man auch angesichts der klassischen Geringschätzung der globalen Armenhäuser durch ökonomisch potente Staaten den Vordenkern von FIFA, DFB oder FC Bayern recht geben: Der Profi-Fußball ist systemrelevant – im Gegensatz zu ein paar toten Habenichtsen.

 

03/2021

 

Dazu auch:

FIFA-Sepp, Licht-Franz im Archiv der Rubrik Helden unserer Zeit (2014)