Gedächtnis in KI-Zeiten


„Wie ist es möglich?“ fragen sich Zeitgenossen, die sonst nie um eine Antwort verlegen sind, angesichts der jüngsten AfD-Erfolge ratlos. Panik breitet sich aus unter Humanisten, Journalisten, vor allem aber unter Politikern, die den Verlust von Amt und Einfluss befürchten. Unbeholfene und halbherzige Gegenwehr, aber auch opportunistische Annäherung (vielleicht nicht an die Partei per se, aber doch an deren Rhetorik und Auffassung von „gesundem Volksempfinden“) lenken die inhaltliche Auseinandersetzung mit den rechtsextremen Klischees aufs falsche Gleis. Es mangelt schlicht an historischem und gesellschaftspolitischem Erinnerungsvermögen.


Der gnädige Gedächtnisverlust?


Unter Gedächtnis verstehen wir die kognitive Fähigkeit, Informationen zu speichern, zu verarbeiten und wieder abrufen zu können. Es ist die Voraussetzung für unsere Lernprozesse, unsere Einschätzungen und die Bildung persönlicher Identität. Welche Prozesse dafür in unseren Gehirnen ablaufen, untersuchen die Disziplinen Neurobiologe und Kognitivwissenschaft, uns sollen hier mehr die Einflüsse sowie Veränderungen (bis hin zum Aussetzen) unseres Erinnerungsvermögens in der digitalen Ära interessieren.


Um zu verdeutlichen, dass manche Info-Speicherungen in größerer Gemeinschaft ablaufen und andere über unterschiedlich lange Zeiträume virulent bleiben, wird oft von „kollektiver Erinnerung“ bzw. „Kurz- und/oder Langzeitgedächtnis“ gesprochen. So galt es lange Zeit für ausgemacht, dass die Deutschen die Schuld an Holocaust, Euthanasie und Weltkrieg sowie ihre Verstrickung in den Herrenrassenwahn der Nazis unmöglich vergessen könnten und daher für ähnliche xenophobe, rechtsextreme und sozialdarwinistische Aussetzer nie mehr in Frage kämen.


Bei dieser Annahme wurde übersehen, dass  zwar eine „Volkserinnerung“ an die Zerstörung deutscher Städte, die eigenen Gefallenen und Kriegsinvaliden sowie Hunger und Kälte in der unmittelbaren Nachkriegszeit wach blieb, nicht aber die Besinnung auf die Verantwortung hierfür und für die Leiden, die anderen Völker und Ethnien zugefügt wurden. Doch die Erinnerung verblasste rasch, und das Bewusstsein vieler Bundesbürger hatte sich nicht weit genug entwickelt, um gegen nationalistische Hybris und Fremdenfeindlichkeit langfristig immun zu bleiben – zumal es nach Kriegsende oft von halbherzig entnazifizierten Lehrern, Journalisten und Politikern beeinflusst worden war.


Heute wiederum lässt sich in der Öffentlichkeit eine Art von sozialer Amnesie beobachten, die von ähnlich fataler Konsequenz sein könnte, aber mit moderneren medialen Methoden herbeigeführt wird. Unsere urdeutschen Mitbürger speisen „beim Italiener“ oder „beim Chinesen“, trinken „beim Serben“, lassen sich „vom Türken“ frisieren, vom syrischen Arzt operieren und anschließend von der Krankenschwester aus Gabun umsorgen. In Betrieben streiken sie Seite an Seite mit Kollegen, die aus anderen Ländern stammen, für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lohn. Natürlich erleben sie mitunter auch Begegnungen, die weniger erfreulich sind: Südländische Halbstarke führen sich auch nicht angenehmer auf als niederbayerische Altersgenossen, und eine Bitte oder Frage in gebrochenem Deutsch klingt in manchen Ohren fast bedrohlich.


Dass aber ein paar unschöne Momente in der Erinnerung, im präsenten Denken und in den ausländerfeindlichen Äußerungen den im Großen und Ganzen symbiotischen Alltag verdrängt, ist – neben einem historisch-nationalistischen Gen, das sich in Stammtischrunden  oder Burschenschaften durchgesetzt zu haben scheint – Social Media und damit einer neuen Form von Reizüberflutung mittels Fake oder zur Unkenntlichkeit verstümmelter Information zu verdanken, einem großflächigen Angriff auf die kognitiven Fähigkeiten und das soziale Gedächtnis der User.


Frühe Meister moderner Manipulation


Schon in den analogen Zeiten gab es jede Menge Möglichkeiten medialer Manipulation, doch wirken deren Instrumente heute altbacken und die Absichten leicht durchschaubar. In plump rechtsgewirkten TV-Formaten wie Löwenthals „ZDF-Magazin“ etwa wurde unter weitgehender Ausblendung reichsdeutscher Vergangenheit insinuiert, dass der Feind stets links steht. Die Jugendzeitschrift „Bravo“ bemühte sich auch dann noch, eine heile Pop-Welt ohne ketzerische Abweichungen im Glanzformat abzubilden, als die Rock-Musik während des Vietnam-Krieges kurzzeitige Ausbrüche in den politischen Protest unternahm. Und BILD, die Print-Ahnin von Social Media, vermittelte Lesern mit schäbigem Einkommen, dass für ihre Malaise betrügerische Sozialhilfe-Empfänger verantwortlich seien, nicht profitorientierte Unternehmer und deren willfährige Assistenten in der Politik.


So durchschaubar Hype und Schmutzkampagnen damals auch inszeniert waren, sie hatten nachhaltigen Erfolg, der bis heute andauert und auf den die mediale Indoktrinierung der Tech-Epoche aufbauen konnte. Und in sprachlich gemäßigter Form nutzen selbst Bundesregierungen bis in die Gegenwart hinein die Manipulationsmethoden der „Alten Meister“. So wird von höchster Warte aus jede politische oder publizistische Stimme, die Völker- und Menschenrechte (und auch das Existenzrecht Israels) verteidigt und aus gutem Grund fordert, dass Israels Premier Netanjahu und seine wichtigsten Minister wegen diverser mutmaßlicher Kriegsverbrechen vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag geladen werden, des „Antisemitismus“ verdächtigt – selbst wenn sie in jüdischen Kreisen ertönt.


Im Zuge des populistischen Feldzugs gegen jegliche Differenzierung im öffentlichen Diskurs wird auch die dialektische Herangehensweise, die eine Situation oder ein Problem aus unterschiedlicher Perspektive untersucht und dann erst abwägt, unisono diskreditiert. Sie eignet sich einfach nicht für das beliebte Gut-/Böse- bzw. Schwarz-/Weißschema. Und so geraten ihre Jünger, die der NATO-Expansionspolitik in Osteuropa und der ukrainischen Oligarchen-Kleptokratie kritisch gegenüberstanden, aber gleichzeitig Putins imperialistischen Eroberungsfeldzug und seine totalitäre Umformung der russischen Gesellschaft ablehnten, unter Beschuss von allen Seiten.


Tech-Angriff auf das Erinnerungsvermögen


Das Internet mit seinen grenzenlosen Möglichkeiten, Zugang zu Information, Bildung und Selbstverwirklichung zu verschaffen, aber auch zur gezielten Desinformation, geistigen Verführung, zur Verbreitung übelster Unwahrheiten sowie zum Appell an niedrigste Instinkte, hat in Windeseile alle anderen medialen Informationsquellen überflügelt. Vorrangig in den Händen superreicher Egomanen wie Musk, Thiel oder Zuckerberg befindet sich ein gigantisches Instrumentarium für die Streuung „alternativer Fakten“, für die Kontrolle der „Kunden“ und – darauf aufbauend – die Bedienung unreflektierter Wünsche und (un)heimlicher Süchte der User-Massen. Und über ihre Social-Media-Kanäle deformiert diese Tech-Elite allmählich die Gehirne, löscht die Erinnerungen an kritisches Denken sowie eigenständige Recherche und führt auf Wege, die in ihrer maßlosen pseudo-mythischen Gigantomanie nach der künstlerischen Begleitung einer Leni Riefenstahl schreien.


Unser Gedächtnis speichert unzählige Erfahrungen, Erlebnisse, Daten oder Lernfortschritte und hält einiges davon zum häufigen Abruf bereit, vieles aber in stiller Reserve. Zu unserem Unglück bleiben unangenehme Ereignisse, Blamagen, Verletzungen durch andere, Rache- und Hassgefühle aufgrund erlebter Kränkungen oft präsenter in Erinnerung als positive Gefühle oder Begegnungen. Das kommt der Social-Media-Praxis zugute, vorsichtige Abwägungen, historische oder soziologische Vergleiche und logische Nachforschung zugunsten mehrheitsfähiger Ressentiments, griffiger Schuldzuweisungen sowie spannender Fake-News oder irrwitziger Verschwörungsmärchen zu verdrängen.


Meist enthalten die reißerisch aufgemachten und gefällig erzählten Lügengeschichten ein Fünkchen Wahrheit: Ja, auch ohne jede Verschwörungstheorie offenbaren etliche Politiker ein unterirdisches Gebaren, wenn es um gesellschaftliche Verantwortung oder ihren Amtseid geht – aber trinken sie deshalb tatsächlich das Blut von kleinen Kindern  (wie es den Demokraten von Trumps Anhängern unterstellt wurde)? Und ja, ein afghanischer Moslem geht in einem Zug mit dem Messer auf unbeteiligte Personen los – aber dieses Bild eines islamistischen Gewalttäters wiegt von nun an Hunderte von Berichten über Afghanen, die Ertrinkenden das Leben gerettet haben, Menschen in unseren Krankenhäusern behandeln oder als geschickte Gesellen mehrere klassische Handwerksberufe vor dem Aussterben retten, auf. Die Sicht auf einen positiven Normalzustand ist (möglicherweise) für immer verstellt.


Mehrheitsfähige „Wahrheit“ durch KI


Aber es kann noch schlimmer kommen. Da Menschen fehlerbelastet, wankelmütig sind und ihre Arbeitskraft Geld kostet, setzen die Tech-Oligarchen zunehmend auf Künstliche Intelligenz, wenn sie ihre Kampagnen gegen Vernunft, kritische Wissenschaft und böse Intellektuelle starten. Doch KI kann Contents nicht aus dem Nichts kreieren, sie benötigt humane Inspiration, Interessen und Intentionen dazu. Also lässt etwa Elon Musk seinen Chatbot GroK an Texten von Wikipedia trainieren – jener Net-Enzyklopädie, die er als neutrale Non-Profit-Plattform hasst und gerade durch sein Instrument GroK ersetzen will.


Zusätzlich füttert er seine KI-Instrumente mit den Inhalten großer Sprachmodelle (LLMs), was mit sich bringt, dass der Chatbot auf Fragen nicht den richtigen, sondern den am häufigsten gebrauchten und damit statistisch wahrscheinlichsten Begriff ausspuckt. Wenn man konstatiert, wo die Masse der Internet-Äußerungen verortet ist, nämlich auf Social Media und dort in glamouröser Belanglosigkeit oder weit auf Rechtsaußen, mag man sich eine künftige Faktensuche im Netz nur mit Grausen vorstellen – zumal Musk oder Zuckerberg auch noch vorab entscheiden können, mit welchen selektiven (Des)Informationen sie das künstliche Bewusstsein ihrer Geistesroboter alimentieren möchten.


Als unabhängige User Musks Chatbot GroK fragten, wie man denn dem „weißen Genozid“ und dem „Anti-White Hate“ in Südafrika begegnen könne, erklärte dieser mit bemerkenswerter Klarheit: „Adolf Hitler“. Die angeblich omnipotente KI hatte die vorausgesetzten Behauptungen nicht als Fake-Bonmots aus Uncle Trumps Märchenstunde identifiziert und die Frage dann noch derart geschichtsvergessen bzw. menschenfeindlich beantwortet, dass so manchem AfD-Funktionär hierzulande ganz warm um das patriotische Herz geworden sein dürfte.


Die analytischen und prospektiven Kapazitäten der KI speisen sich also aus Mehrheitsmeinung, Populärwissen und der subjektiven Sichtweise derer, die sie konzipieren. Mag sie auf dem Dienstleistungssektor, in der Buchhaltung oder, vorsichtig angewendet, in der Medizin wegen des fachgebundenen Trainings ein hilfreiches Werkzeug sein – in der politischen Auseinandersetzung kann sie als das allgegenwärtige Manipulationsinstrument eingesetzt werden.


Jenes digitale Trommelfeuer, das es vielen Menschen immer schwerer macht, sich der Zusammenhänge, des tatsächlichen Geschehens, ja an der Vergangenheit insgesamt zu entsinnen, wird durch KI weiter beschleunigt und perfektioniert. Das spielt in die Karten der zum Totalitarismus strebenden Politiker, die sich Gefolgsleute oder – wie Trump – hysterische Revolutionsgardisten wünschen, nicht kritisch denkende und sich erinnernde Bürger.


Mit der Aufweichung des kollektiven wie individuellen Gedächtnisses ist hierzulande vor allem die AfD gut gefahren. Wenn ihr Alterspräsident Gauland die Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte bezeichnen darf, ohne dass sich nationale Empörung regt, dann zeugt das vom Verblassen selbst der schmerzhaftesten Erinnerungen.


Und so kann sich die AfD einen Skandal nach dem andern leisten, korrupte Holzköpfe in Parlamente entsenden, es wird ihr vergeben, weil es schnell aus den Schlagzeilen und den Hirnen schwindet. Wenn die Partei der Misanthropen in ihren Wahlprogrammen oder auf Veranstaltungen Schwachsinn am laufenden Band produziert, von der Abschaffung der allgemeinen Schulpflicht sowie des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks über eine Aktienlotterie mit Geldern der Rentenversicherung bis hin zur Deportation von hart arbeitenden Mitbürgern, deren Großeltern einst immigriert waren, dann bleibt dies alles folgenlos für sie, denn es wird sofort vergessen, wenn es überhaupt wahrgenommen wurde.


Geistesfernen Gruppierungen wie der AfD wird die KI immens nützen, ist sie doch der vorläufige Höhepunkt einer digitalen Entwicklung, die einst für den Abbau der Bürokratie gedacht war, aber inzwischen im medialen Bereich zunehmend für die Vernichtung von Intellekt genutzt wird.


06/2026


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