Habe die Ehre!

Cartoon: Rainer Hachfeld

 

Weil sich mindestens zwei (mittlerweile Ex-)Kollegen ein Zubrot beim Handel mit Corona-Masken verdient hatten, mussten alle Bundestagsabgeordneten der Christen-Union eine Ehren-erklärung unterzeichnen, der zufolge sie keine finanziellen Vorteile bei der Bekämpfung der Pandemie erzielt hatten. Es sollte eine Geste für die empörte Wählergalerie sein, aber recht verbindlich und zielführend war’s nicht. Ehre lässt nämlich mannigfaltige Interpretationen, die Verletzung derselben ebenso viele Rechtfertigungen zu.

 

Begrenztes Feld der Ehre

 

Der verzweifelte Versuch, der restlichen Unionsfraktion mit einem

pauschalen Befreiungsschlag Integrität zu bescheinigen, ließ deren Vorsitzenden Ralph Brinkhaus (CDU) und den CSU-Landesgruppen-chef Alexander Dobrindt auf den etwas antiquiert wirkenden Begriff Ehre rekurrieren, den man mit dem Mittelalter, mit hehrem, martialisch zu verteidigendem immateriellem Gut, mit Ehrenhändel, Ehrenschuld, Ehrlosigkeit etc. in Verbindung bringt. Tatsächlich galt das mittelhochdeutsche ēre als entscheidender ritterlicher Wert, als Ansehen. Dass ausgerechnet Dobrindt, der als Bundesverkehrs-minister das multimillionenschwere Maut-Desaster erst in Gang gebracht hatte und dem bundesweit das Prestige eines Autokonzern-Lobbyisten im Amt zugesprochen wurde, seine Kollegen mit dem Ausschluss aus der Fraktion im Falle falscher Angaben bedrohte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie; doch Brinkhaus und er hatten das Feld der Ehre vorsichtshalber so knapp vermessen, dass gar kein Übeltäter mehr vorhanden sein konnte.


















 

Brutalstmögliche Ehrenretter der Union: Brinky & Dobry


Die Abgeordneten mussten nämlich nur mit reinem Gewissen in einer Sache Ehre einlegen, die Erklärung galt nur für den Zeitraum der Pandemie und für miese Geschäfte in Zusammenhang mit deren Bekämpfung. Da konnte einer nach Herzenslust Gagen aus Aserbaidschan bzw. Nordmazedonien kassieren oder mit Waffenhändlern und anderen Konzernen in seinem Wahlkreis gekungelt haben – Schwamm drüber, war eine andere Baustelle. Vielleicht schluckte so mancher Unionsparlamentarier den Neid auf das Gespür für lukrative Nebenverdienste, das die Ex-Kollegen Nüßlein und Löbel bewiesen hatten, erleichtert herunter, hatte er die eigenen Schäfchen doch auf einem Gebiet, das außerhalb einer zu erklärenden Ehre lag, ins Trockene gebracht.


Sollten aber die beiden Moraldetektive an der Fraktionsspitze auf die Schnapsidee kommen, künftig auch kleine Unregelmäßigkeiten auf anderen Gebieten einbeziehen zu wollen, sei jedem MdB geraten, sich mit den vielfältigen Auffassungen von Ehre auseinanderzusetzen und die eigene Unschuld mit der für ihn günstigsten Interpretation zu begründen.

 

Gedanken eines Pragmatikers


Ein Unionsabgeordneter, der zwar die Maskenbeschaffung mit ihren Honorar-Chancen verschlafen hat, aber eine weitere hochnotpeinliche Befragung durch die Fraktionsführung wegen anderer, früherer Schnäppchen fürchten muss, könnte, so er belesen genug ist, mit Aristoteles oder Thomas Hobbes seine Ehre retten. In der Nikomachischen Ethik hatte der griechische Philosoph das ominöse Objekt als „das Ziel des in Geschäften aufgehenden Lebens“ definiert.


Na also, wird unser wackerer Parlamentarier argumentieren, das rechtfertigt doch, dass ich stets nach dem Leitsatz Viel Geld, viel Ehr‘ gehandelt habe. Nun wird man dem MdB entgegenhalten, Aristoteles habe als Motiv das Streben nach Vortrefflichkeit genannt, was die persönliche Raffgier so ziemlich ausschließt, doch da eilt dem bedrängten Hinterbänkler Thomas Hobbes zur Hilfe.


Der englische Mathematiker und Staatstheoretiker fegte im 17. Jahrhundert den antiken und den auf Heldenmut abzielenden mittelalterlichen Schwulst beiseite und machte die Ehre an sich fit für die Politik und das Business, die Neuzeit halt: „Alle Handlungen und Äußerungen, welche aus Erfahrung, Wissen, richtiger Beurteilung oder Verstande herkommen, sind ehrenvoll; denn sie gehören zu den Zeichen der Macht.“ Ernsthafte Geschäfte zu tätigen und nach Reichtum zu streben, ist gemäß Hobbes „ehrenvoll“. Die Ehre ist dabei unabhängig davon, ob sie gerecht oder ungerecht ist, ob sie Gutes oder Böses bewirkt. Unser Pragmatiker findet sich nun voll gerechtfertigt: Weil ich als Volksvertreter ein wenig mitbestimmen darf, wohin Gelder fließen und Aufträge gehen, kann ich nach bestem Wissen und Gewissen sowie mit klarem Verstand die Hand ein wenig aufhalten. Schließlich steigere ich so meine ökonomische Macht, und was hinten dabei herauskommt, ist sowieso egal.


Von Philosophen lernen


Sollte ein Feingeist der Unionsfraktion sich gerade ein wenig bereichert haben, aber ehrenrührige Anwürfe eloquent abschmettern wollen, kann er sich auf die Vorlesungen über die Ästhetik des Philosophen Friedrich Hegel berufen: „Der Mann von Ehre denkt daher bei allen Dingen zuerst an sich selbst; und nicht, ob etwas an und für sich recht sei oder nicht, ist die Frage, sondern, ob es ihm gemäß sei, ob es seiner Ehre gezieme, sich damit zu befassen, oder davonzubleiben. Und so kann er wohl auch die schlechtesten Dinge tun und ein Mann von Ehre sein.“


Mit Freuden kann der tiefsinnige Abgeordnete nun alle von dem großen Weltgeist-Hegel postulierten Anforderungen abhaken: Ich habe bei dem Deal nur an mich selbst gedacht, er passt ja auch bestens zu mir. Und wegen dieser kleinen Vorteilnahme darf mir niemand meine Ehre absprechen!

  

Alles halb so schlimm


Der gewöhnliche, beim Geschäft mit Gerüchle ertappte CDU-Abgeordnete indes setzt sich nicht so gern mit ethischen oder gar intellektuellen Fragestellungen auseinander, er wählt lieber die beherzte Attacke und deutet mit dem nackten Finger auf die anderen Parteien: „Das machen doch alle!“ Das ist schon richtig, auch wenn, mit Ausnahme der FDP vielleicht, kein Wahlverein dem großen Geld so inniglich verbunden ist wie die Union.


Aus letzterem Grunde sind bestimmte Unterstellungen von Robert Habeck und anderen Übelwollenden übrigens grundsätzlich falsch: Die schwarze Front hat kein „strukturelles Problem“ mit Honoraren, Korruption und Lobbyismus. Warum sollte diese Partei Probleme mit ihrer ureigensten Struktur haben?


Der gestandene bayerische Volksvertreter von der CSU aber nimmt das alles gelassen. Eine Ehrenerklärung ist schließlich keine eidesstattliche Einlassung, also auch nicht strafbewehrt, wird er einwerfen. „Und wenn sie’s wäre – unser Friedrich Zimmermann ist in der Spielbankenaffäre des Meineids überführt worden. Und was ist ihm passiert? Er hat danach als Bundesinnenminister für Ordnung in Deutschland sorgen müssen. Ehrlich!“

 

03/2021

 

Dazu auch:

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