In Ungnade bei Wiki

Cartoon: Rainer Hachfeld


Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat es derzeit nicht leicht. Im Zuge der Corona-Krise wurden ihr Versäumnisse und eine devote Haltung gegenüber China vorgeworfen, und nun verkündet Präsident Trump den Austritt seines Landes. Tatsächlich hat sich die WHO partiell in eine gewisse Abhängigkeit von Financiers mit dubiosen Zielen begeben, dennoch dürfte sie aufgrund der Gesundheitsarbeit für die Weltbevölkerung und des geo-sozialen Nachteilsausgleiches für ärmere Staaten die erfolgreichste UN-Sektion sein. Wikipedia Deutschland aber, so etwas wie der nationale Ableger des selbsternannten Menschheitsgedächtnisses, wertet die Organisation gnadenlos ab.


Beschrieben, aber dubios gewichtet


Die Zeit der umfangreichen Print-Enzyklopädien ist abgelaufen. Seit knapp zwei Jahrzehnten ist das Internet-Lexikon Wikipedia an ihre Stelle getreten und hat in dieser Zeit mit weit über zwei Millionen Artikeln allein hierzulande schon mehr Begriffe behandelt als der Große Brockhaus. Natürlich hat sich die interaktive Plattform Qualitätsstandards gegeben und bemüht sich, die Relevanz und den Wahrheitsgehalt der Einträge durch redaktionelle Gruppen prüfen zu lassen, doch noch stärker als für die früheren Kompendien in Buchform gilt die Einschränkung, dass Informationsquellen per se subjektiv ausgewählt, bearbeitet und bewertet werden. Und das kann – wie im Falle des Artikels über die WHO – zu Verkürzungen und Gewichtungen führen, die Verschwörungstheoretikern und Populisten wie Donald Trump in die Hände spielen.


Auch die wissenschaftlichen Mitarbeiter der schweren Wälzer pflegten einst ihre Vorlieben und ergriffen (meist diskret) Partei, wenn sie nicht von aufmerksamen Lektoren gestoppt wurden. Bei Wikipedia jedoch können anonyme Autoren ein Sujet von der ihnen genehmen Seite her beleuchten, und ein Teil der Community, über dessen Qualifikation man nichts erfährt, wird sie gewähren lassen - oder eingreifen. Man darf das basisdemokratisch nennen, man darf aber auch einen ordentlichen Anteil Dilettantismus hinter den Entscheidungen vermuten. In der Tat tun sich die Amateurlektoren oft schwer mit automatisch generierten Texten oder „Verbesserungen“ von Beiträgen durch Profis, die für Parteien oder Konzerne arbeiten – inkognito, versteht sich.


Wenn eine enorm wichtige Institution wie die WHO unter schweren Beschuss gerät, sich die Kritik zu einem beträchtlichen Teil als gerechtfertigt, in der Summe aber als überzogen bis böswillig erweist, wäre es Aufgabe eines Organs, das sich größtmöglicher Wahrheitsdarstellung verpflichtet fühlt, die Informationen zu analysieren und entsprechend ihrer Validität einzuordnen. Dabei hat Wikipedia in diesem Fall versagt.


Kritik – teils berechtigt, teils überzogen


Irgendwie erinnert die WHO an Sisyphos, jenen altgriechischen Sagenhelden, der ein Felsstück einen steilen Berg hinauf wuchten muss. Immer wenn er am Gipfel anlangt, rollt das das Trumm wieder ins Tal zurück, und die Plackerei geht von Neuem los. Im Unterschied zur antiken Mär aber muss die WHO etliche Megasteine gleichzeitig verschiedene Hügel hinaufschaffen. Der Organisation gehören 194 Mitgliedsstaaten (demnächst minus USA) an, die von den Kampagnen profitieren, aber dafür nicht viel zahlen wollen. Obwohl sich die Aufgaben enorm vermehrt haben, sind die Beiträge der Länder seit 1993 eingefroren.


Und so stemmt die WHO die globale Bekämpfung von Infektionskrankheiten wie Malaria, Seuchenvorbeugung, Impfprogramme, medizinische Hilfe für unterentwickelte Länder, international verbindliche Klassifikationen von Krankheiten und Behinderungen, die Auflistung „unentbehrlicher Arzneimittel“ und vieles mehr in einem gefährlichen Zustand chronischer Unterfinanzierung.


Da Ärzte, Pflegepersonal, Forscher, Statistiker oder Verwaltungsangestellte bezahlt werden müssen, ist es kein Wunder, wenn sich die WHO teilweise von dubiosen Mäzenen alimentieren lässt, ein Umstand, den Wikipedia mit Recht kritisiert. So erhält die Organisation fast zehn Prozent ihres Budgets von der Bill and Melinda Gates Foundation, die wiederum Maßnahmen von Unternehmen lanciert, an denen der Windows-Milliardär Anteile hält. Vor allem die Pharma-Riesen MSD, GlaxoSmithKline, Novartis und Pfizer kamen so an lukrative UN-Aufträge. Das riecht nach Hörigkeit und Korruption, doch macht die renommierte NGO Medico international in erster Linie die Mitgliedsstaaten für das Dilemma verantwortlich, weil diese seit fast drei Jahrzehnten die WHO regelrecht am langen Arm verhungern lassen.


Auch in der Pandemiebekämpfung unterliefen der WHO Fehler, von denen Konzerne profitierten, was nicht nur böse Zungen Unregelmäßigkeiten vermuten ließ. So löste die Organisation zweimal Fehlalarm aus, als sie vor einem weltweiten Seuchenzug der Vogel- und der Schweinegrippe warnte. Dieser blieb aus, aber die Schweizer Pharmahersteller Novartis und Roche scheffelten vorab Unsummen mit Impfseren.


Wenn Wikipedia aber die zögerliche Haltung der WHO beim Aufkommen von COVID-19 anprangert, ist eine relativierende Richtigstellung angebracht: Die Corona-Pandemie wäre ungleich glimpflicher verlaufen, wenn alle Mitgliedsstaaten ihre Hausaufgaben gemacht und die bereits 2004 von der WHO dringlich vorgeschlagenen und immer wieder angemahnten Maßnahmen ergriffen hätten. Wären ausreichend Schutzkleidung, Gesichtsmasken, Desinfektionsmittel und Beatmungsgeräte angeschafft und für den worst case eingelagert worden, müsste Donald Trump heute nicht nach der Devise „Haltet den Dieb!“ die internationale Gesundheitsbehörde für die Toten in den USA verantwortlich machen.


Mit schönen Grüßen von Donald: Wikipedia verhaut die WHO



Nur sieben Zeilen Erfolge


Ganz im Zeichen journalistischer Dialektik stellt Wikipedia der Kritik an der WHO deren Erfolge gegenüber - doch in fahrlässiger Unvollständigkeit und in einem eklatanten quantitativen Missverhältnis! Ganze sieben Zeilen lang weiß die Enzyklopädie Positives über die Organisation zu berichten, während allein Trumps manischen Verschwörungstheorien das Dreifache des Platzes eingeräumt wird, und der gesamte Punkt Kritik fünfzehn Mal mehr Raum einnimmt.


Es ist völlig korrekt, die unheilvollen Beziehungen der WHO-Spitze zur Pharma- und Lebensmittelindustrie offenzulegen. Wenn etwa ihr deutscher Impfdirektor Klaus Stöhr 2005 vorschnell vor einer weltweiten Grippe-Epidemie warnt (was den Herstellern von Tamiflu und Relenza  Hunderte von Millionen Dollar in die Kasse spült) und kaum zwei Jahre später mit fliegenden Fahnen zum Arzneimittel-Konzern Novartis wechselt, liegt mehr als nur ein Hauch von Korruption in der Luft. Doch dürfen als Kontrapunkt hierzu unbestreitbare Erfolge der WHO, die nicht nur unfähige oder käufliche Funktionäre beschäftigt, sondern auch Tausende engagierter Experten, nicht verschwiegen werden, will man nicht Trumps übles Geschäft besorgen.


Wikipedia billigt der Organisation auf knappstem Raum gerade mal zu, dass durch ihre Arbeit die Pocken ausgerottet wurden und diesen die Kinderlähmung bald ins Aus folgen wird. Zudem stehe die Wissenschaft mit UN-Hilfe kurz davor, einen Impfstoff gegen die weltweit verheerendste Infektionskrankheit, die Malaria, zu entwickeln.


Kein Wort wird indes darüber verloren, dass es der WHO gelungen ist, durch Klassifizierungssysteme für physische und psychische Leiden, Suchtkrankheiten und Behinderungen global verbindliche Definitionen zu schaffen, die es Ärzten, Psychologen oder Sozialpädagogen ermöglichen, sich im nationalen und internationalen Rahmen auszutauschen, ohne wie bisher Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Nur so ließen sich qualitative Standards schaffen, von denen letztendlich Patienten oder Menschen mit Handicap profitieren.


Der WHO ist auch die UN-Behindertenrechtskonvention zu verdanken, die 2008 sogar von der Bundesregierung ratifiziert wurde. Dass die damit de facto in Gesetzesrang katapultierte Inklusion hierzulande nicht so recht klappt, ist der Schwerfälligkeit der Behörden und dem Hang der Politik, lieber auf Etikettenschwindel zu setzen als auf nachhaltige (aber auch kostspieligere) Lösungen, zu verdanken, nicht den Autoren des internationalen Übereinkommens.


Die WHO hat ihre Experten nicht nur bei spektakulären Seuchenausbrüchen wie Ebola und SARS an die Front geschickt, sie hat durch permanente Impfkampagnen in der Dritten Welt weitere Katastrophen verhindert. Ihre Vorbeuge- und Hygieneprogramme, ihr Einsatz für den Zugang zu sauberem Wasser, der Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit haben unzählige Menschenleben gerettet. Mit Sicherheit hat die WHO in vielen Teilen der Erde wesentlichen Anteil daran, dass sich die Lebenserwartung auch in armen Ländern erhöht hat, was aufgrund der Erweiterung der Daseinsperspektive auch zu besserer Lebensqualität führt.


All das hätte im Sinne der Annäherung an eine (freilich nie zu erreichende) Vollständigkeit im Artikel erwähnt werden müssen. So aber zeigt sich wieder einmal: Wikipedia ist als Nachschlagewerk und Informationsbasis unentbehrlich geworden, aber die Texte sind mit Vorsicht zu genießen…

 

06/2020

 

Dazu auch:

Inklusionslügen im Archiv von Politik und Abgrund (2016)