Irrsinn als Methode

Cartoon: Rainer Hachfeld


Immer mehr Politiker in aller Welt brechen ethische Tabus, gerieren sich als Brutalos, lügen nach Herzenslust, leugnen wissenschaftliche Erkenntnisse, gefährden willkürlich Frieden wie Umwelt - und haben Erfolg damit. Die Medien, vorrangig die neuen sozialen, aber auch die klassischen wie Print und Funk, tragen wesentlich dazu bei, dass die vier Vorreiter dieser Entwicklung, die Angelsachsen Trump und Johnson, der Brasilianer Bolsonaro und der Italiener Salvini, mit kalkuliertem Irrwitz reüssieren.


Das Ende der Diskretion


Logik, Integrität oder Verantwortung sind Begriffe, die von der weltweiten politischen Agenda verschwunden zu sein scheinen. Wortgewaltig beklagen sich alle möglichen Kommentatoren in den Medien über die unberechenbaren, in Primitivsprache begründeten Entscheidungen eines Donald Trump oder die skrupellosen Tatsachenverdrehungen und üblen Tricks eines Boris Johnson. Der US-Präsident erkennt nur noch seine Wahrheit an, was bedeutet, dass er im eigenen Interesse auch mal –objektiv gesehen – lügt, gleichzeitig aber den Gegnern und der kritischen Presse prophylaktisch Unwahrheit unterstellt. Der jetzige britische Premier hatte vor der Brexit-Volksabstimmung systematisch Fake News verbreitet und versucht jetzt, das Unterhaus auszuschalten. Mit solcher Taktik werden die beiden vermutlich ihre nächsten Wahlen gewinnen, denn große Teile ihrer Untertanen halten sie für ganze Kerle, die – wie auch immer gearteten – Klartext reden.


Andernorts tauchen Figuren auf, die offen Sympathien für Militärdiktaturen bekunden oder den schlummernden Rassismus vieler Landsleute zu bedienen wissen. Die dünne Schminkschicht der Zivilisation fällt von den kameragerechten Antlitzen eines Jair Bolsonaro oder eines Matteo Salvini schneller ab, als die überlasteten Chronisten es festhalten können. Was einst politischer Selbstmord gewesen wäre, ist heute so etwas wie eine Erfolgsgarantie.


Der Anstand und die öffentliche Moral gingen verloren, barmen die Wortführer der Qualitätsblätter und meinen doch nur die Formen, nicht die Inhalte, denunzieren die Wirkung und lassen die Ursachen außen vor. Denn früher gab es ähnlich viel Betrug, Vorteilsannahme, Korruption und Unwahrheit (immanente Bestandteile eines auf gnadenloser Konkurrenz basierenden Systems), nur durfte man sich dabei nicht erwischen lassen, sondern musste den ehrbaren Bürger mimen; heute hingegen kann man sich wie ein Gangsta-Rapper seiner Schweinereien rühmen und erhält Beifall dafür, heiligt das Ziel doch inzwischen jeden Weg ohne Verbrämungen..


Richard Nixon stolperte im Zuge der Watergate-Affäre nicht über die Kriegsverbrechen, die er in Vietnam anordnete, sondern über ein paar dreiste Lügen und seine ordinäre Sprache. Donald Trump würde sich über solche Lappalien heute souverän hinweg twittern. Dass in der Nachkriegs-BRD alte Nazis auf Schlüsselpositionen in verschiedenen Ministerien saßen, störte den Journalismus damals nicht weiter, schließlich wussten die braunen Zombies sich zu benehmen und die bürgerliche Etikette zu wahren. Kein Thema waren (und sind) für viele Wirtschaftsredakteure die Allmacht der großen Konzerne, die Gesetze nach Herzenslust umgehen oder sie gleich selbst schreiben und sich Politiker als Erfüllungsgehilfen halten, und der vorauseilende Gehorsam ganzer Regierungen gegenüber dem militärisch-industriellen Komplex. Angesichts solcher Diskretion, wo Aufschreie nottäten, darf man sich jetzt nicht wundern, dass naive, machthörige Menschen dem Milliardär Trump gerade wegen dessen unverblümter Durchsetzung eigener Interessen große Sympathien entgegenbringen.


Nur Bayern war seiner Zeit immer schon weit voraus, und hätte bereits vor Jahrzehnten seinen Platz in der jetzigen Welt des enthemmten Neoliberalismus einnehmen können: Der CSU-Vorsitzende und Landesvater Franz Josef Strauß stolperte bei seinem Schulterschluss mit der Rüstungsindustrie von einer kriminellen Affäre in die nächste, ohne dass es ihm schadete. Wie das Maut-Debakel und die ungeschickte Verharmlosung der Autokonzern-Verbrechen zeigte, ist Andreas Scheuer heute geistesmäßig ähnlich gepolt, verfügt aber höchstens über ein Viertel des FJS-Hirns.


Die beste Waffe


Hinter den Kulissen ist also trotz Trump & Co alles beim Alten geblieben, könnte man sagen und sich gelangweilt abwenden. Gut, die Bühnenbilder sind greller, die Töne schriller, ansonsten aber business as usual. Leider prägen sich aber die äußeren Erscheinungsformen den Konsumenten/Usern intensiv ein, lassen diese süchtig nach Knalleffekten und plumpen Pointen werden, verändern ihre Erwartungshaltung an politische Botschaften insgesamt und ersetzen ihr Nachdenkpotential durch Nachahmdepots. In so manchen einfachen, aber bis dato unbescholtenen Verstand sickern rassistische Slogans oder Propaganda für die Waffenlobby ungehindert durch die Filter des Geschichtsbewusstseins und der Menschlichkeit ein und treiben ihn in einer Art dialektischer Wechselwirkung zu eigener action.


Die konventionellen Medien haben ihre „Kunden“ nicht gegen solche Manipulationen immunisiert, weil sie sich an deskriptive Berichterstattung hielten und systemimmanente Meinungen verbreiteten, selten aber die Machtstrukturen und Interessenlagen kritisch hinterfragten. Social Media hingegen überfluten ihre „User“ in einem derart irren Tempo mit Behauptungen, Dementis, Hassbotschaften, Verschwörungstheorien und – dazwischen mal – harten Fakten, dass diese kaum mehr nüchtern selektieren können. Im Stakkato aus widersprüchlichen Reizen sind Tatsachen und Fälschungen von unbedarften Nutzern kaum zu differenzieren, und dies kommt wiederum den Kampagnen der Chef-Populisten entgegen.


So streut Trump im Stundentakt Beschimpfungen, Beleidigungen, Lügen (in seinem Lager: alternative Wahrheiten) und Drohungen von geopolitischem Format via Twitter. Dass sich etliches binnen Kurzem als Fake herausstellt, dass den kriegerischen Ankündigungen bislang zum Glück kein Vollzug folgte, fällt kaum mehr auf, weil schon seine nächste Schimäre im Netz steht. Es darf keine Zeit zur Besinnung bleiben. Dem Einwand, der US-Präsident belle nur, aber beiße nicht, muss entgegengehalten werden, dass die Hemmschwelle, die seine Anhänger noch von rassistischer Gewalt oder Kriegstreiberei abhält, durch die radikal-verbale Aufrüstung immer intensiver abgehobelt wird (ähnlich wie seine Zwerg-Epigonen von der hiesigen AfD die propagandistischen Breschen für Neonazi-Gewalttaten schlagen).


Mit einer faustdicken Lüge über barbarisch hohe Zahlungen Großbritanniens an die EU hat Boris Johnson das Brexit-Referendum entschieden. Als er hinterher dieser Schweinerei überführt wurde, war ihm das kein Wort (erst recht keins der Entschuldigung) wert. Seiner Popularität hat diese Art von Cleverness jedenfalls nicht geschadet.


Lügen gehört für die vier genannten Protagonisten zum täglichen Geschäft, doch es gibt ein noch effektiveres Werkzeug: Passen bestimmte Erkenntnisse nicht ins eigene Weltbild und ist zudem die Faktenlage erdrückend, so leugnet man entschlossen den gesamten Sachverhalt. Der von Menschen gemachte Klimawandel findet schlicht nicht statt, auch wenn 98 Prozent aller Experten ihn beobachten und Belege für ihre Erkenntnis vorlegen. Und für Jair Bolsonaro, wie viele Trump-Anhänger ein evangelikaler Christ, wurde das All vor 6000 Jahren erschaffen, wie es in der Bibel steht – gleichgültig, was ihm die Wissenschaft an Gegenbeweisen vorlegt. Ein kreationistisches Welt- und Menschenbild harmoniert bestens mit seiner Überzeugung, die Aufteilung der Bevölkerung in Arm und Reich, minderwertige dunkle und höhergestellte helle Rassen, sei gottgewollt.


Früher wäre solcher Unsinn noch in gepflegten (wenn auch folgenlosen) TV-Diskussionen zerlegt worden, heute ist dank Social Media die Konzentration für eine sachliche, einigermaßen seriöse Argumentation bei Akteuren wie Konsumenten weitgehend verloren gegangen.

  

Vier Reiter der geistigen Apokalypse 

    

Natürlich gibt es eine ganze Reihe von Politikern weltweit, die mit ähnlicher Taktik wie unsere vier Hauptpersonen Erfolg haben, man denke nur an Viktor Orbán, den türkischen Despoten Erdoğan oder die österreichische ÖVP/FPÖ-Riege; doch unsere Vorreiter einer geistigen Apokalypse setzen das Instrumentarium der gestreuten Desinformation und kruden Rabulistik in allen Variationen und besonders einfallsreich ein.


Skrupellosigkeit in der Politik ist keine Schande mehr, sie wird belohnt.


Allen vier sind maßlose Hybris, stupende Rücksichtslosigkeit, unbedingter Machtwille und eine plump-affirmative Rhetorik, die vor allem für die „sozialen“ Medien konzipiert scheint, zu eigen, ansonsten aber lassen sich in Haltung, Handlung und Vorgehen durchaus Unterschiede zu kennen. Für den Baulöwen und Immobilien-Investor Donald Trump ist alles – Politik , Geschichte, Bündnistreue oder außenpolitische Verbindlichkeit – ein einziger großer deal, ein Geschäft, bei dem er der Verhandlungspartner sein will, der den anderen über den Tisch zieht.


Boris Johnson ist weit gebildeter als Trump, soweit man dem Ruf der Bildungsinstitute von Eton bis Oxford, an denen er ausgebildet wurde, trauen darf. Seinen Willen zur Macht setzt der krankhafte Egomane bisweilen in Hasardspielen irgendwo zwischen Game of Thrones und Shakespeare um, wobei er die britische Kultiviertheit des geborenen Gentleman zugunsten vulgärer Rambo-Plattitüden aufgibt. Beide, Trump wie Johnson, neigen regelmäßig zu cholerischen Anfällen und wirken in ihrem Drang, alles sofort und ohne Abstriche haben zu wollen (andernfalls sie beleidigt bis hasserfüllt reagieren), ein wenig kindisch.


Anders steht es mit Jair Bolsonaro. Wo die anderen zunächst nur drohen, handelt er sofort und bedenkenlos. Der Ton wird von der Tat begleitet. Kaum im Amt, beruft er die Generäle in die Regierung, gibt den Amazonas-Regenwald zur Abholzung und die dort lebenden indigenen Völker zur Vertreibung frei und ermuntert die Polizei, Schlachtfelder aus den favelas zu machen. In seiner Konsequenz ist der Brasilianer wesentlich furchterregender als seine Erstwelt-Kollegen in London und Washington, nur fehlt ihm deren Unterhaltungswert für die permanente Doku-Soap in den neuen Medien.


Matteo Salvini, der sich durch eine misslungene Finte einstweilen selbst ins oppositionelle Abseits befördert hat, aber mögliche Neuwahlen wohl immer noch hoch gewinnen würde, verhindert mit seiner rassistischen Konstruktion „Italiener wehren sich gegen Migranten“ geschickt, dass sich die Landsleute der ursprünglichen Programmatik seiner Partei entsinnen. Einst forderte nämlich die Lega, die damals noch Lega Nord hieß, die Abspaltung Padaniens, also des wohlhabenden Nordens des Landes, von Italien. Attribute, mit denen damals ihre Politiker die Süditaliener beschrieben, etwa faul, kriminell oder schmutzig, lassen sich nun prächtig auf Flüchtlinge anwenden. Und auch Wähler aus Palermo oder Neapel stimmen heute für die Lega, was wiederum belegt, dass die mediale Reizüberflutung durch Fakes und Schmutz-Kampagnen das Gedächtnis beeinträchtigt und die historische Erinnerung löscht.


Wenn derzeit in Edel-Publikationen über die plötzliche Verrohung der politischen Sitten gejammert wird, so ist dies nur bedingt berechtigt. Die unheilvolle Verstrickung von Kapital und Politik, die zwangsläufig zu kriminellen Machinationen führen muss, gab es schon früher, und die schlummernden Aversionen gegen Andersdenkende, Andersgläubige, Andersartige waren nie verschwunden, nur wurden sie dezent verschwiegen. Die konventionellen Medien breiteten eine dünne Decke aus öffentlichem Konsens und moralisierender Beschwichtigung über den gärenden Unrat und berichteten nur, wenn sich allzu hässliche Flecken zeigten. Heute darf und soll alles ans Tageslicht, und siehe da: Das Unappetitliche findet Nutz- und Genießer. Das Übel war immer schon da, aber jetzt, da es sich ungeniert selbst feiern darf, findet es Fans und wird noch gefährlicher.

 

10/2019

 

Dazu auch:

Antisocial Media im Archiv dieser Rubrik (2018)