Kaiser und Streich
Cartoons: Rainer Hachfeld


Die Volkstrauer kannte keine Grenzen mehr: Aus den Radios und TV-Geräten erschollen vielstimmige Elogen, die Printmedien quollen über von sentimentalen Nachrufen, bewegten Berichten über persönliche Begegnungen, und selbst hohe Politiker rangen sich die eine oder andere Krokodilsträne ab. Kein Zweifel, ein ganz Großer war gestorben, denn das Land zeigte sich im Schmerz vereint wie schon lange nicht mehr. Es schien sich mindestens um eine Persönlichkeit vom Format Nelson Mandelas oder Albert Einsteins gehandelt zu haben! Doch nein, der Vielgepriesene, der das Zeitliche gesegnet hatte, war nur ein sehr guter Fußballspieler gewesen. Aus derselben Branche stammt ein anderer Mann, der zur gleichen Zeit einige bemerkenswerte Sätze äußerte, aber etwas weniger Aufmerksamkeit erfuhr.


Großer Kicker!!! Großer Mensch???


Zweifellos war Franz Beckenbauer, der vor einigen Tagen im Alter von 78 Jahren verstarb, ein herausragender und eleganter Techniker auf dem grünen Rasen gewesen. Er konnte eine Partie „lesen“, also antizipieren, schlug geniale Pässe, war dazu torgefährlich und interpretierte die Rolle als „freier Mann“ in der Abwehr neu. Auch wenn er nicht die oft spielentscheidende Wucht eines Pelé, Maradonna oder Messi besaß, galt er als einer der besten Akteure seiner Zeit. Als Mannschaftskapitän wurde er 1974 Weltmeister, als Trainer führte er 1990 das deutsche Team zum Titel.


Ein großer Fußballspieler war Beckenbauer fürwahr; wie aber sah es mit dem Menschen Franz aus? Nun, man liebte den charmanten Plauderer, goutierte seinen leichtfüßigen Humor, die sonore Stimme und einen dezenten Anflug von warmem Münchner Dialekt; wirklich Erhellendes oder Profundes ist allerdings aus seinen Äußerungen in rund sechzig Jahren kaum jemandem erinnerlich.


Aber da war auch der clevere Beckenbauer, der seinen Wohnsitz nach Österreich verlegte, weil er nach seinem Dafürhalten in der geliebten bayerischen Heimat zu viel Steuern zahlen musste, der ein auf 160 Millionen Euro geschätztes Vermögen ansammelte – offenbar nicht nur auf lautere Weise. Und da waren auch einige Skandale im Dunstkreis des mafiösen Weltfußballverbands FIFA sowie Äußerungen, die zwischen leichtfertig und zynisch changierten.






















Der Lack am Denkmal ist ab, aber wenn Silber drunter zum Vorschein kommt...


Schon in den 1970er Jahren musste Beckenbauer Steuern in Höhe von 1,8 Milllionen DM nachzahlen, die er mithilfe einer illegalen Steuerspar-Konstruktion am deutschen Finanzamt vorbei hatte schmuggeln wollen. Zu einer Buße und Nachzahlungen in gleicher Höhe wurde er 1986 verurteilt, als er versuchte, 1,2 Millionen DM dem Schweizer Fiskus vorzuenthalten. Als wiederum die eidgenössische Bundesanwaltschaft 2015 ein Verfahren, u. a. wegen des Verdachts auf Betrug und Geldwäsche einleitete, wurde so lange verschleppt und taktiert, bis der Beschuldigte 2019 leider per Attest seiner Ärzte für verhandlungsunfähig erklärt werden musste.


Endgültig zur „Lichtgestalt“ war Beckenbauer verklärt worden, als es ihm gelang, die WM 2006, das „Sommermärchen“, nach Deutschland zu holen. Dass er dabei Schmiergelder in Höhe von mindestens zehn Millionen Schweizer Franken auf Unternehmenskonten des mächtigen katarischen FIFA-Funktionärs Mohamed bin Hammam verschob, der für die nötigen Stimmen gegen den Mitbewerber Südafrika sorgte, tat seiner Popularität ebenso wenig Abbruch wie die Enthüllung, dass der Münchner, nach eigener Legende ehrenamtlich für den DFB tätig, tatsächlich 5,5 Millionen Euro von Wettanbietern kassiert hatte. Die katarische Connection erwies sich als stabil: Jahre später wurde Beckenbauer beschuldigt, bei der Vergabe der WM 2022 zugunsten des Wüstenemirats getrickst zu haben.


Berichte von Menschenrechtsorganisationen über die sklavenähnliche Situation der Arbeitsimmigranten in der arabischen Diktatur konterte der

als Menschenfreund verkannte Franz B. mit launiger Ignoranz: „Ich habe noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen, also die laufen alle frei rum, weder in Ketten gefesselt und auch mit irgendwelcher Büßerkappe am Kopf, also das habe ich noch nicht gesehen.“ Tausende Arbeiter aus armen Ländern des globalen Südens starben beim Bau der WM-Stadien und Gastunterkünfte.

 





















"Arbeitssklaven in Katar? Ich sehe keinen einzigen!"


Außenseiter im Fußballgeschäft


Und jetzt war der Unsterbliche doch gestorben und nahm wie durch Magie die dunklen Flecken auf seiner strahlend weißen Weste mit ins Grab. Der FC Bayern richtete in der Allianz-Arena eine Trauerfeier aus, die eines Kaisers (so der ehrfürchtige Spitzname) würdig war. Und alle kamen, neben der Sportprominenz, darunter die vorbestraften Vereinskollegen Rummenigge (Uhrenschmuggel) und Hoeneß (Steuerbetrug), natürlich vor allem die Spitzen der Politik, die zu allem ziemlich wenig zu sagen hatten, von diesem Vorrecht dafür aber ausgiebig Gebrauch machten: Bundeskanzler Olaf Scholz, Präsident Frank Walter Steinmeier und vor allem der Landesvater Markus Söder, der Beckenbauer als einen „der allergrößten Bayern und Deutschen“ pries. Armes Bayern, armes Deutschland!


Wetten, dass Christian Streich dereinst nach seinem Ableben keine solche Lobhudelei erfahren wird, obwohl er doch sehr viel mehr Bedenkenswertes und Analytisches in der Öffentlichkeit gesagt hat als der Kaiser (wie die nach höchstem Pomp süchtigen Verehrer Beckenbauer titulierten).
Seit zwölf Jahren ist Christian Streich Cheftrainer des SC Freiburg, eine Zeitspanne, die im Profi-Fußball wie eine Ewigkeit anmutet. Als Mittelfeldspieler hatte der Südbadener zuvor für die Stuttgarter Kickers, für Freiburg und den FC Homburg in der ersten und zweiten Bundesliga eher überschaubares Talent gezeigt, als Coach eines der ärmeren Bundesligavereine aber bewies er so viel taktisches Geschick und Einfühlungsvermögen, dass er mit seiner eher bescheidenen Truppe meist die Klasse hielt und sie sogar in die lukrativen internationalen Cup-Wettbewerbe führte.


Zwar genießt Freiburg, darin Union Berlin, dem FC St. Pauli oder dem FC Heidenheim ähnlich, bundesweite Sympathien ob seines Underdog-Status, doch sollte man nicht vergessen, dass auch dort der Verein in erster Linie ein Wirtschaftsunternehmen ist, das Millionen umsetzt und mit sportlichem Erfolg Mehrwert generieren soll. Aber offensichtlich gibt man in diesen kleineren Klubs humanitäre Einstellung und Kritikfähigkeit nicht in der Garderobe ab, wie es bei den Showgiganten Bayern und Dortmund oder dem Retortenteam RB Leipzig üblich zu sein scheint.


Schon seit Jahren warnt Streich vor der Gefahr von rechts, ruft dazu auf, die AfD zu stoppen und nimmt an Demos teil. Schon 2015 kritisierte er die irrationalen Befürchtungen angesichts der „Flüchtlingswelle“: „Jetzt geht es darum, dass man sich den Menschen öffnet, dass man sie empfängt, dass man Ängste abbaut.“ Ein Jahr später verurteilte er den Versuch der Rechtsradikalen, den Mord an einer Studentin für ihre Zwecke zu instrumentalisieren: „Mir wurde mitgeteilt, dass ein Mensch aus der AfD den Vater von der Maria, der dieses Furchtbare erleben musste, als pathologisch bezeichnet hat, weil er vor dieser Tat Flüchtlinge unterstützt hat. Dass in diesem Land jemand einer als demokratisch eingeordneten Partei zugehören darf, und jemand noch verhöhnen darf, der so etwas erleben musste, da sehen Sie, was los ist.“


Im vergangenen Jahr charakterisierte er in seinem knorrigen Badener Zungenschlag den Zustand des Fußballs und des Landes kurz und treffend. Ein zerstörerischer „Neokapitalismus“ erzeuge in Sport und Gesellschaft immensen Druck. Großkonzerne seien in der Lage, Staaten zu erpressen.“ Seine Aufforderung, an den Massendemos gegen die AfD vor wenigen Tagen teilzunehmen, klang ganz anders als die routinierten Appelle diverser Politiker: „Es kann mir keiner kommen und sich als Protestwähler bezeichnen. Es soll mir keiner rumjammern, wenn er hinterher von einer rechtsnationalen Partei autokratisch regiert wird.“


Wert in den Zeiten der Gleichgültigkeit


Solche Statements hätte man von der ätherisch lavierenden, klare Aussagen stets geschickt umschiffenden Kultfigur Beckenbauer sicherlich nie gehört. Tatsächlich erregte Streich mit seinen für einen Vertreter des Showbusiness (denn hierzu gehört der Profi-Fußball) unkonventionellen Einlassungen einiges mediales Aufsehen, das aber wohl nicht allzu lange vorhalten wird.



       Ausnahme im Kommerz-Zirkus Profifußball: Christian Streich


Die Unterhaltungsindustrie im Kapitalismus arbeitet vornehmlich mit Stars, die aufgrund körperlicher Vorzüge, motorischer Geschicklichkeit oder musischer Talente ein Publikum ablenken und anturnen können. Stellungnahmen zur realen Welt oder gar eigene Meinungen werden von ihnen nicht erwartet, sie sollen lieber Bikini-Fotos, Glamour-Klatsch aus der In-Szene oder die Einnahme vergoldeter Steaks an Arabiens Küsten posten. Redet dann aber wirklich mal Eine/r Sinnvolles oder fordert Mitdenken von den Fans/Ultras/Hooligans, dann hofft die Führungsetage bang, er werde doch nicht Teile der Klientel, zu der natürlich auch AfD-Anhänger zählen, verprellen – das Geld der letzteren riecht schließlich auch nicht.


Christian Streich aber hat es inzwischen geschafft, sich als enfant terrible im glatten Kommerzbetrieb zu etablieren, sein Klartext genießt derzeit weithin Respekt. Zu längerem Nachruhm wird das aber nicht reichen, hat er doch nie so gut Fußball gespielt wie Franz Beckenbauer.


01/2024


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