Kein Maskenzwang mehr
Cartoon: Rainer Hachfeld


Es begann mit Übernahmegerüchten, es endete vorerst mit personellem Kahlschlag und Wiederzulassung chauvinistischer Hasstiraden. Dass Tesla-Chef Elon Musk den Mikroblogging-Dienst Twitter gekauft und nun Verschwörungstheoretikern erneut Tür und Tor geöffnet hat, ist nur der mediale Teil der Nachricht. Im gesellschaftlichen Kontext signalisiert der Coup, dass die Herren der Cyberbranche künftig auf jeglichen Anschein der Ehrbarkeit verzichten können.


Superreiche Kümmerer


Seit den Urzeiten des US-Kapitalismus feierten Unternehmer wie Carnegie, Ford oder Rockefeller sich selbst als Mäzene und Philanthropen, während sie gleichzeitig Gewerkschafter und Streikende in und vor ihren Betrieben von der Polizei oder bewaffneten Schlägern verfolgen ließen. Den Hang, sich als Wohltäter der Menschheit zu gerieren, vererbten sie offenbar den Machern des Silicon Valley und anderen Emporkömmlingen der New Economy.


Die Vordenker des Internet, der Künstlichen Intelligenz (KI) und des digitalen Konsumrauschs verkürzten und vermieden Steuern, wo immer es ging, verbunkerten Teile ihrer Reichtums lieber in undurchsichtigen Stiftungen, erklärten, die Probleme der Erde lösen zu wollen, oder beschworen eine strahlende Zukunft im virtuellen Universum ohne hässliche Störungen durch die analoge Realität.


Microsoft-Chef Bill Gates etwa hetzte seine Stiftung in den Kampf gegen die Menschheitsgeißeln Seuchen und Hunger, wobei er die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Anwendung von Pharmaka drängte, an deren Herstellung er Anteile hielt, und auch vom Einsatz patentierten Saatgutes in armen Ländern tüchtig profitierte.


Mark Zuckerberg wiederum versprach seiner riesigen Community das Paradies auf Erden, wenn sie ihm nur alle Daten freiwillig ausliefere, d. h. zulasse, dass er auch ihre letzten Geheimnisse abgreife. Denn nur dem gläsernen Menschen ohne verborgene private Merkmale kann geholfen werden. Dass die Macher des Silicon Valley solche Verheißungen als Köder für ihren Datenfischzug begreifen, aber sich selbst und die Ihren vor dieser Bauernfängerei schützen, hat Jaron Lanier, einstiger Cheftechnologe von Microsoft, dem SPIEGEL verraten: Die Zuckerbergs (Facebook), Pages und Brins (Google) oder Bezos (Amazon) hielten ihre Kinder und Angehörigen kategorisch von den eigenen Diensten und anderen Verlockungen des Netzes fern.


Immer wenn es um das Eigentum an Medien (auch analoger Art) geht, ist besondere Vorsicht angebracht, denn hier können die Bilder, Fakten und Meinungen je nach Besitzerintention gepusht oder aussortiert werden. Dass etwa Jeff Bezos die kriselnde Washington Post gekauft hat, weil er als Gutmensch die Pressevielfalt in den USA garantieren wollte, scheint angesichts der brutalen Effektivität, mit der er seinen Konzern führt, abwegig. Jedenfalls hat das frühere Flaggschiff des investigativen Journalismus bislang noch keine Enthüllungsstory über die entwürdigenden Arbeitsbedingungen bei Amazon veröffentlicht.


Ganz ohne sich um den den Glorienschein des medialen Mäzenatentums zu bemühen, greift allerdings der zurzeit erfolgreichste Egomane der New  Economy, Tesla-Eigner Elon Musk, gerade ins digitale Mediengeschäft ein.


Metamorphose eines Berserkers


Der in Pretoria geborene Multi-Unternehmer, der neben der US-Staatsbürgerschaft auch die südafrikanische und kanadische besitzt, gilt als derzeit reichster Mensch der Welt. Er war (Mit)Gründer des Online-Bezahldienstes PayPal, des Autokonzerns Tesla, der die E-Mobilität in Richtung fahrerlosen Individualverkehr entwickeln möchte, und des Raumfahrtprojekts SpaceX, das als eine Art kosmischer Paketdienst diverse Nutzlasten zu den staatlichen und privaten Außenposten im All transportiert.


Säuselte Musk anfangs noch von der Entlastung gestresster Menschen, wenn er seine dereinst allein von KI gesteuerten Tesla-Autos anpries, so ließ er bald die Maske des Weltbeglückers fallen. Es war klar geworden, dass ein autark fahrender Wagen auf alle erhältlichen Daten zurückgreifen muss – und dabei zwangsläufig auch die Informationen über seinen Besitzer, dessen Wege, Ziele, Gewohnheiten etc. sammeln würde. Zahlungskräftige Interessenten für solches Wissen gibt es zuhauf, schließlich ermöglicht es ihnen, das Verhalten eines potentiellen Konsumenten zu beeinflussen und seine Bedürfnisse zu steuern.


Ein kapitalistischer Wunschtraum wird wahr, der breit gestreute und daher ungenaue Werbung sowie kostspielige Erhebungen überflüssig machen würde. Anders als mit Ausspähsoftware ausgestattete Küchengeräte ist das Auto stets mit seinem Eigner unterwegs, und anders als Smartphones oder digitale Blutdruckmesser kann das Auto kaum abgeschaltet werden, solange man mit ihm zusammen ist.


Bald erkannten Journalisten in den USA, dass es Musk nicht nur um die Aufhäufung von Reichtümern ging, sondern um die Herrschaft über ganze Hightech-Sparten, die alleinige Richtlinienkompetenz bezüglich des ökonomischen Kurses – und, wie man spätestens seit der Twitter-Übernahme vermuten darf – der gesellschaftlichen Entwicklung. Und nun ließ der ruhelose Visionär der totalen Kommerzialisierung die Larve wohlanständiger Seriosität fallen, denn sie hinderte ihn am Toben und Schäumen, wie man es von seinem politischen Bruder im Geiste gewohnt war.


Brave New World ungeschminkt


Bereits Donald Trump hatte die Regeln und Konventionen eines Systems gebrochen, das skrupellose Macht- und Geldvermehrung zwar begünstigte, aber den biederen, oft auch frömmelnden Fassadenanstrich des Gesellschaftsgebäudes zur Tarnung beibehalten wollte. Als Kandidat und Präsident bewies Trump aber, dass gewalttätiges, hasserfülltes, rachsüchtiges Gebaren und ungeschminkte Ressentiments sehr wohl von der Hälfte des Wahlvolkes goutiert werden.


Was einen großen Teil der (schwindenden) weißen US-Bevölkerungsmehrheit in ihrer sozialdarwinistischen Überzeugung bestärkte, war die offen verkündete Überlegenheit des Ariers gegenüber dunklen Ethnien, das Primat des Reichen, Starken, Waffenträgers gegenüber dem Armen, Schwachen und Unbewaffneten. Dazu noch ein wenig evangelikaler Fanatismus und eine Prise Verschwörungstheorie – und fertig war die Erfolgsstory für die Verbreitung via Twitter.


Als Twitter nach den US-Präsidentschaftswahlen immer mehr zum Forum für Möchtegern-Putschisten verkam, die rechten Fakes und Aufrufe zu Massakern überhandnahmen, als selbst die EU die Verbreitung von Nazi-Propaganda beanstandete, zog der damalige Firmenchef Parag Agrawal die Notbremse. Mitarbeiter wurden dazu abgestellt, die dreistesten Lügen und fanatischsten Hasstiraden von der Plattform zu nehmen, und sperrten schließlich der lautesten Schmutzposaune, Donald Trump, den Account.

Das ist jetzt Geschichte. Denn Agrawal und seine VorstandskollegInnen wurden entlassen und durch einen einzigen Medienjuror ersetzt, durch Elon Musk, der Twitter soeben für 44 Milliarden Dollar gekauft hatte.




















Erstaunlich, wie viel Dreck ein zartes Vögelchen in Elon Musks kundiger Hand ins ganze Land verspritzen kann.


Die Hälfte der 7500 Mitarbeiter wurde per E-Mail gefeuert, von den anderen forderte der neue Chef, sie sollten Überstunden ohne Vergütung für ihn leisten, worauf eine neue Kündigungswelle, diesmal aus freien Stücken von Seiten der Belegschaft, losbrach. Auch in den anderen Unternehmen hatte Musk seine Angestellten stets wie Leibeigene behandelt und nach Belieben in Windeseile geschasst. Bei ihm gab es nie Erklärungen, Euphemismen oder gar Entschuldigungen. Als Twitter-Chef aber stilisierte er sich zum Retter der Meinungsfreiheit, die von der Linken (als gäbe es eine nennenswerte in den USA) unterdrückt werde. Also dürfen nun wieder alle Ultra-Nationalisten, Milizenführer und Jesus-Fundamentalisten das Internet mit ihrem Auswurf vergiften.


So bedenklich dies sein mag, es bleibt möglicherweise in einer Hinsicht ein erhellender Aspekt: Musk zeigt ohne Maske (die phonetische Ähnlichkeit, auch beim englischen mask, ist Zufall) das hässliche Antlitz des hemmungslosen Neoliberalismus, und zwar so brutal und ungeschminkt, dass selbst konservative Bürger nachdenklich werden müssten. Oder folgen ihm die anderen Oligarchen der New Economy auf den Kriegspfad und wir erleben den Anbruch einer „neuen schönen Welt“ – in den Medien und anderswo?


12/2022


Dazu auch:


Abstinenz der Elite und Antisocial Media (beides 2018) sowie Reiche sind gut! (2014) im Archiv der Rubrik Medien