Kriegsblinde Presse
Cartoon: Rainer Hachfeld


Putins Überfall auf die Ukraine in Zeitungen als kriminell einzustufen, ist dem Völker- und Menschenrecht gemäß. Jedes Verbrechen und jeden Sabotage-Akt in Europa trotz ungeklärter Faktenlage Wladimir Putin zuzuschreiben, widerspricht indes journalistischer Sorgfaltspflicht. Mittlerweile scheinen aber hierzulande die Redaktionen zum Modus der Kampfpresse, die nur noch Freund oder Feind und keine Nuancen mehr kennt, übergegangen zu sein. Am Beispiel der SZ wird deutlich, wie fragwürdig Berichterstattung wird, die es an Abwägung, Distanz und Belegen fehlen lässt.


Ein Blatt riskiert seine Glaubwürdigkeit


Vor wenigen Tagen feierte die Süddeutsche Zeitung ihren 77. Geburtslag und ließ sich von so illustren Partygästen wie Markus Söder und Angela Merkel gebührend lobpreisen. Die SZ versteht sich in unterschiedlichen Öffentlichkeitsbereichen als Korrektiv des politischen Mainstreams sowie der allzu schnell (vor)gefassten Mehrheitsmeinung, und so wurde sie dank akribischer Recherchen, eigenwilliger Kommentare, eines unkonventionellen Feuilletons und eindringlicher Berichterstattung über soziale Ungerechtigkeit oder Flüchtlingselend zur auflagestärksten und im In- wie Ausland geachtetsten Qualitätszeitung der Bundesrepublik.


Aber auch die SZ entgeht nicht dem Einfluss intransparenter Foren, deren Mitglieder einer bestimmte Denk- und Sichtweise anhängen, die eigentlich schonungslos ehrlichen Journalismus ausschließt. So gilt ausgerechnet der Ressortleiter des Münchner Blattes, Stefan Kornelius, als einer der am besten vernetzten Publizisten im Land, verbandelt mit Gleichgesinnten in semi-klandestin tagenden Thinktanks, in denen Gleichgesinnte aus internationaler Politik, globaler Wirtschaft, dem NATO-Militär und den Medien erörtern, wie die ökonomische und strategische Überlegenheit des Westens am geschicktesten verteidigt und ausgebaut werden könnte. Kornelius gehört unter anderem der US-affinen Atlantik-Brücke und der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik an.


Vielleicht ist dieser Konstellation die Veröffentlichung einer Räuberpistole in der letzten Wochenendausgabe, für die das Duo Constanze von Bullion und Paul-Anton Krüger namentlich verantwortlich zeichnete, zu verdanken. In der Ostsee hatte es gekracht, und vier Röhren der russischen Erdgas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 wiesen plötzlich große Lecks auf, wurden unbrauchbar. Klar ist nur, dass es sich um Sabotage handelte; wer sie begangen hat, wissen zweifelsfrei bislang nur die Täter und ihre Hintermänner selbst. Ganz stimmt das allerdings nicht, einige Bundespolitiker und unser SZ-Paar glaubten sofort, die Bösen ermittelt zu haben: Die Russen waren es.


Empathie darf sein, blinde Aversion nicht


Mit ihrer Ukraine-Invasion hat die russische Führung nicht nur widerrechtlich Grenzen verschoben, Leid über die Zivilgesellschaft gebracht und die sensible Sicherheitsbalance in Europa extrem gefährdet – sie hat offenbar auch die Urteilsfähigkeit und Faktenbasierung des deutschen Edeljournalismus schwer beschädigt. Unter der Titelzeile „Putins Krieg“ zitieren die beiden Schreibtisch-Detektive zunächst den Berliner Regierungssprecher Steffen Hebestreit, der auf die vom Chef des Auslandsgeheimdienstes SWR in Moskau erhobene (jedoch nicht belegte) Behauptung, er verfüge über Material, das auf eine „westliche Spur“ bei den „Terroranschlägen“ hinweise, entgegnete, zu solchen „Verschwörungstheorien“ äußere man sich in Berlin nicht.


Gleich darauf setzte Hebestreit eine neue Konspirationsmär in die Welt: Russland wolle offenbar bewusst falsche Fährten legen. Man kenne das ja, würde Sprengstoff aus westlicher Produktion gefunden, könnte Putin das als Vorwand nehmen für eine Ausweitung der Kriegszone. Das Ziel: „maximale Eskalation“. Zwar gibt es auch dafür keinerlei Beweise, für die SZ-AutorInnen handelt es sich aber um die „plausibelste Arbeitshypothese“. Und als Zeuge für diese Annahme wird wieder einmal der ewige, stets anonym bleibende „ehemalige US-Geheimdienstagent, der lange Jahre Erfahrung mit Russland hat“, aufgerufen, der nur ein Wort für die russischen Anwürfe, nämlich „lächerlich“, findet und stattdessen die „klassische hybride Kriegsführung“ für die Lecks verantwortlich macht. Auch hier kein Name und erst recht kein Beweis.


Natürlich ist es gegenwärtig nicht auszuschließen, dass es die Russen selbst waren, die ihre Pipelines zerdepperten, doch müsste es sich dann um sehr dumme Russen gehandelt haben, wie ein Kommentator im Deutschlandfunk spottete. Sie hätten nicht nur Gazprom-Eigentum zerstört und teures Erdgas in ungeheurer Menge nutzlos freigesetzt, sondern auch Putin um sein wichtigstes Erpressungspotenzial gebracht. Wie will er die westeuropäischen Staaten noch zum Einlenken bei deren militärischer Unterstützung der Ukraine „überreden“, wenn er ihnen nicht mehr – je nach Wohlverhalten oder Ungehorsam – den Gashahn auf- und abdrehen kann?


Eine wahrlich rabulistische Begründung für die russische Selbstbeschädigung fällt dem listigen Schreiberpaar aber doch noch ein: Putin könnte sich so vor späterem Schadenersatz wegen seiner Stop-and-Go-Taktik schützen und höhere Gewalt, bei der jede Haftung ausgeschlossen sei, geltend machen. Als würde sich der Kreml-Chef noch um Versicherungsansprüche oder Rückforderungen nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch scheren, nachdem er bis auf eine schon alle roten Linien überschritten hat? Noch einmal  pulverisieren die ExpertInnen für russische Hinterlist die Gesetze der Logik: „Es könnte darum gehen, die Gaspreise hochzutreiben, wovon ja Moskau auch profitierte.“ Dies kann Putin locker erreichen, indem er die Zufuhr immer öfter abriegelt, dazu muss er nicht die eigenen Röhren demolieren. Ich hoffe doch zuversichtlich, dass die beiden InterpretInnen zu Hause nach dem Duschen stets das Wasser abdrehen und nicht die Brause zerstören.




















Schreibers Traum: Das SZ-Duo Constanze von Bullion/Paul- Anton Krüger hat Wladimir in flagranti erwischt.


Andere Täter, Methoden und Motive, etwa Versuche der USA oder der Ukraine, die europäischen Verbündeten vom russischen Rohstoff abzuschneiden, um ihnen die bedingungslose Entscheidung pro Kiew zu „erleichtern“, sowie Operationen im Interesse konkurrierender Gasexporteure sind zwar auch hypothetisch, aber bestimmt nicht unwahrscheinlicher als die Version der SZ, die sich zu alternativen Verdächten beharrlich ausschweigt.


Dass über den Ukraine-Krieg parteilich berichtet wird, ist nachvollziehbar, schließlich empfinden auch Journalisten Empathie für Kriegsopfer und argumentieren mit einer gewissen Berechtigung, dass, bei allem NATO-Fehlverhalten zuvor, der entscheidende Schritt ins Inferno von Putin unternommen wurde; doch sich bei der Beurteilung und Zuschreibung aller neuen Vorfälle und Schweinereien ausschließlich von den einmal erworbenen Aversionen leiten zu lassen, ist unprofessionell, gefährlich vereinfachend und schließt den leisesten Gedanken an Verhandlungsoptionen von vornherein aus.


Schreiben, was man weiß


Selbstredend haben auch Mutmaßungen ihre Daseinsberechtigung in den Medien, vorausgesetzt, sie fußen auf komplexen Überlegungen und räumen den bekannten Tatsachen genügend Raum darin ein. Wesentlich aber ist es in der gegenwärtigen Situation, die von den Politikern, Militärs und Geheimdiensten aller am Krieg beteiligten Staaten lancierten „Informationen“ mit äußerster Vorsicht zu behandeln. Eine valide Plausibilitätsprüfung ist kaum möglich, denn Russland droht investigativen Korrespondenten aus dem Ausland mit Strafverfolgung, und die Ukraine lässt die embedded Reporter auch nur sehen, was sie sehen sollen.


Obwohl das angegriffene Land den „gerechteren“ Krieg führt, schenken sich doch die Kontrahenten in Sachen Propaganda nichts. Nicht zufällig bedienen sich sowohl Russland als auch die Ukraine dafür einer besonders übel beleumundeten Internet-Plattform, des Messenger-Dienstes Telegram mit Geschäftssitz in Dubai. Von Hype, Fake und Hate-Speech, wie sie in den „sozialen“ Medien üblich sind, distanzieren sich gutbürgerliche Zeitungen wie die SZ grundsätzlich selbstbewusst. Angesichts des in der Sprache gemäßigteren, in der Sache aber den wilden Spekulationen im Netz ähnlichen Beitrags von Bullion und Krüger muss man jedoch konstatieren, dass die Distanz manchmal nicht allzu groß ist.


Bei derart überbordender Manipulation und so wenig nachprüfbarer Information sollte man in einem Bericht, der nicht als Kommentar gekennzeichnet ist, Vorsicht und Zurückhaltung walten lassen. Die beiden AutorInnen halten sich jedoch nicht an den Sokrates zugeschriebenen Sinnspruch „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, sondern greifen zu einem raffinierten Stilmittel, um „ihre“ Wahrheit mit einer gewissen Rückversicherung im Falle des Irrtums unters Volk zu bringen: Der Konjunktiv 2 wird auch als Möglichkeitsform bezeichnet und beschreibt Vermutungen und irreale Dinge. Man verwendet ihn hauptsächlich, wenn man sich etwas vorstellt oder wünscht, was zurzeit nicht möglich ist (Schülerlexikon).


Also übt sich die SZ (wie übrigens andere „seriöse“ Blätter auch) geschickt im Irrealis (Unterstellungen, was sich Putin wohl Absurdes ausgedacht haben könnte) und manchmal auch im Optativ (Konjunktiv als Wunsch, es mögen doch die bösen Russen gewesen sein), und was auf der Strecke bleibt, sind akribische Recherche, Differenzierung abseits der individuellen Sympathie und eine gewisse Faktentreue.


10/2022


Dazu auch:


Putins „Erfolge“ im Archiv der Rubrik Politik und Abgrund